Online-MegazineInterview

ISAAC VACUUM

Interview mit der Demo-/Eigenproduktionsband 08/17

ISAAC VACUUM

Die Alternative-Progger ISAAC VACUUM stammen aus Krefeld und legen uns mit „Lords“ ein außergewöhnliches Debütalbum vor. Ihre Musik ist komplex und fordernd, dabei aber niemals überfordernd. Ein Grund, warum sich das nordrhein-westfälische Quartett unseren Titel „Tipp des Monats“ sichern konnte. Im Interview gibt uns Sänger, Gitarrist und Songwriter Dan Müller Auskunft über die Hintergründe der ambitionierten Prog-Scheibe, die vier As des Post Rock und „diesen gewaltigen, bedrohlich wirkenden Klotz“ auf dem Albumcover.

Dan, euer Debütalbum „Lords“ ist musikalisch beeindruckend und komplex und lässt sich nur schwer stilistisch einordnen. Liegt in dem Begriff „post. prog. rock“, der auf eurer Website zu lesen ist, die Quintessenz eurer musikalischen Ausrichtung?

»Zunächst einmal danke für die Lorbeeren! Was wir gemeinsam als ISAAC VACUUM auf die Beine stellen, kann als die Schnittmenge unserer jeweiligen musikalischen Backgrounds angesehen werden. Wir alle mögen die unkonventionelle Herangehensweise, das Um-die-Ecke-Denken des Progressiven, wollen uns dabei aber nicht im Gefrickel verlieren. Ein intensiver Spannungsaufbau in der Musik ist uns sehr wichtig, dafür arbeiten wir gerne mit den post-rock-typischen vier A's: Abschweifen, Ausufern, Ausbrechen, Abriss (lacht). Letztendlich verstehen wir uns aber als Rockband mit allem Drum und Dran.«

Wenn ihr euren Stil anhand drei anderer Bands beschreiben müsstet, aus welchen zieht ihr die Haupteinflüsse für eure Musik?

»Drei Bands? Ich komme mit 30 ja schon kaum aus (lacht). Dann werfe ich mal ganz vorsichtig Mastodon, Opeth und Russian Circles in den Raum. Aber auch King Crimson und die halbe Szene von Seattle haben bei uns Spuren hinterlassen. Ach, ich könnte jetzt wirklich etliche aufzählen…«

Wer sind die titelgebenden „Lords“?

»Der Song 'Lords' handelt von sämtlichen Obrigkeiten in jedermanns Leben, also deinen Vorgesetzten, deinem Präsidenten, deinem Gott. Es geht um blinden Gehorsam, persönliche Wahrheiten und Fanatismus. Etwas „Höherem“ begegnet man aber auch in anderen Songs auf dem Album immer wieder, darum war es für uns ebenso ein idealer Titel.«

Auf dem Cover ist ein Gebilde zu sehen, das mich an eine abgewandelte Version des eisernen Throns aus „Game Of Thrones“ erinnert, andererseits aber auch ein Gebäude darstellen könnte. In welcher Beziehung steht es zum Albumtitel?

»Der eiserne Thron hätte zu „Lords“ tatsächlich wie die Faust aufs Auge gepasst. Ich bezweifle allerdings, dass uns Herr Martin das Möbelstück in einem bezahlbaren Rahmen überlassen hätte. Wir hatten das große Glück, mit Gerhard Hahn einen Künstler zu finden, der ähnlich an die bildende Kunst herangeht, wie wir an die Musik. Seine auf dem Cover zu sehende Arbeit trägt den Namen „Hybris“, ein mannshohes, tonnenschweres Werk, das aus vielen kleinen Tonstückchen zusammengesetzt wurde. In Einzelheiten wirkt es zunächst porös und feinstrukturiert, am Ende steht dann aber dieser gewaltige, bedrohlich wirkende Klotz vor dir. Die Parallelen zu uns und unserer Musik sind offensichtlich. Thematisch legt das Gebilde aber noch einen drauf: „Hybris“ ist angelehnt an den biblischen Turm zu Babel, dessen Anmaßung ja bekanntlich zur Sprachverwirrung geführt hat. Wenn man so will, wurde mit ihm also der Grundstein für Kulturenvielfalt gelegt, analog zum vielfältigen roten Faden unseres Debütalbums.«



Besagter roter Faden zeigt sich auf „Lords“ oft philosophisch und nachdenklich in der Musik und den Texten. Das unterstreichen vor allem einige tiefgründige gesprochene Passagen ('Void', 'Off'). Stützt ihr euch generell auf ein wissenschaftliches Fundament?

»Schon bevor wir jemals den ersten Text geschrieben haben, wollten wir Natur- und Geistes-Wissenschaften auf irgendeine Weise lyrisch in unser Gesamtkonzept integrieren. Sie bieten einfach massenhaft Potenzial für Metaphern und Interpretationsspielraum. Nebenbei ergibt sich daraus sprachlich allemal Spannenderes als oberflächliche „I love / miss / hate you“-Thematiken.«

Spielen Religion und Politik dabei auch eine Rolle?

»Am Rande durchaus. Religion kommt in unseren Stücken oft in Form des Glaubens und der Überzeugung zum Ausdruck, einige Allegorien auf „Lords“ sind sogar daraus entlehnt. Politik ist in einigen sozialkritischen Texten vorhanden, wobei der moralische Zeigefinger dabei aber stets ungezückt bleibt.«

Euer Bandname ISAAC VACUUM steuert dagegen wieder mehr in Richtung einer thematisch-wissenschaftlichen Grundausrichtung. Bevor ich anfange zu spekulieren: Was bedeutet er?

»Der Name selbst ist pure Lautmalerei. Wir fanden allerdings die Idee interessant eine Kunstfigur zu erschaffen, die den Kontrast zwischen menschlichen Emotionen und wissenschaftlicher, kühler Rationalität unterstreicht. Reibungspunkte und Gegensätze haben oft etwas Faszinierendes.«

Die Grundstimmung auf „Lords“ ist düster. Verarbeitet ihr auf eurem Debüt besagte menschliche Emotionen mit persönlichen Erfahrungen?

»Wenn ich einen Songtext schreibe, dann ist er sogar ausschließlich persönlich, auch wenn vieles bildhaft geschrieben ist und die Erzähl-Perspektive innerhalb eines Songs gerne einmal wechseln kann. Damit er eine authentische Wirkung entfaltet, muss der Text ein Teil von mir sein. Fremdmaterial zu singen, fühlt sich manchmal an, wie eine Bedienungsanleitung abzulesen. Die beiden positivsten Songs auf dem Album dürften 'Cameo' und 'Error' sein, aber selbst diese beiden fallen nicht gerade in die Kategorie „lebensbejahender Sommerhit“.«

Ist „Lords“ ein Konzeptalbum?

»Ein klares Nein. Es gibt zwar einen roten Faden und einige wiederkehrende Elemente, aber uns ist wichtig, genügend Freiraum für Themenvielfalt und Interpretationen zu lassen, anstatt die Songs krampfhaft in ein vermeintliches Story-Korsett zu zwängen.«

Im Song 'Karōshi' (dt.: Tod durch Überarbeitung) zitiert ihr aus dem Stanley-Kubrick-Horrorklassiker „The Shining“ das Sprichwort „All work and no play makes Jack a dull boy“.

»Die Idee dahinter ist, ein und dieselbe Zeile so oft zu wiederholen, dass sie eine mantra-artige Wirkung bekommt und beinahe psychotisch wirkt. Das in einen musikalischen Kontext zu bringen, ohne es langweilig oder störend wirken zu lassen, war sehr reizvoll. Durch den repetitiven Aspekt im Song kann man leicht den Eindruck von Abstumpfung oder Betriebsblindheit erhalten. Der Titel 'Karōshi' wird somit zu einer vorweggenommenen Pointe.«

War ein Bruch mit musikalischen Konventionen in eurem Stil und den Themen von Anfang an geplant? Ihr verzichtet beispielsweise größtenteils auf klassische Songstrukturen.

»Der Wunsch, anspruchsvolle Rockmusik mit erhöhtem „Rotz-Faktor“ zu machen, war eigentlich schon immer da. Das ist auch nach wie vor unser Grundleitsatz. Der ein oder andere bezeichnet uns aber auch gerne mal als „gear-affine Sound-Nerds“, was daher kommen mag, dass wir unsere Arbeit häufig überarbeiten und oft und viel diskutieren, bis wir endlich damit zufrieden sind. Nicht nur, was die Musik angeht. Wir haben den Anspruch, dass ISAAC VACUUM als ganzheitliches Gesamtkunstwerk wahrgenommen wird.«

Welchen Entstehungsprozess durchläuft ein Album beim ganzheitlichen Gesamtkunstwerk ISAAC VACUUM? Ist die komplette Band daran beteiligt?

»Wir mussten relativ früh feststellen, dass wir mit einer klassischen kompositorischen Arbeitsweise nicht so gut zurechtkommen wie andere. Das Songwriting läuft bei uns am besten, wenn wir komplett sind und uns gegenseitig genug Raum geben. Es läuft am besten, wenn wir den Sound auf uns wirken lassen und gemeinsam feiern können, wenn wir plötzlich Fahrt aufnehmen und zu einer einheitlichen Walze werden. Auf diese Weise funktionieren wir viel organischer als wenn wir am Rechner klinisch die Kickdrums hin und her schieben würden. Haben wir dann genug Songmaterial zusammengesammelt, beginnt die eigentliche Fleißarbeit. Das ist mit vier Leuten ein enormer Zeit- und Kraftaufwand, besonders wenn man als Do-It-Yourself-Band unterwegs ist und vom Recording, über das Artwork bis hin zum Marketing alles selbst regelt und organisiert.«

Eure Musik ist nicht unbedingt leicht zugänglich, schon gar nicht beim ersten Hördurchlauf. Wie empfehlt ihr den Hörern, an „Lords“ heranzugehen?

»Licht aus, Kerze an, dazu ein guter Rotwein… so würde ich es machen (lacht). Aber im Ernst: Man muss sich bewusst sein, dass „Lords“ extrem von seiner Dynamik lebt. Zu den großen Stärken des Albums zählt, dass es sich perfekt als Ganzes erleben lässt. Da kann es nicht schaden, sich etwas Zeit dafür zu nehmen und sich einfach von der Musik treiben zu lassen.«

Hat man es als Prog-Band in Deutschland leicht?

»Welcher Musiker hat es in Deutschland schon leicht? Entweder man spielt etwas Gefälliges und läuft Gefahr, in der Masse unterzugehen, oder man begibt sich wie wir in ein Nischen-Gebiet. Mit einigen wenigen Nischen-Events für einige wenige Nischenmusik-Hörer. Das macht das Ganze auch irgendwie ein wenig elitär und man kann seinen Musikerstolz behalten. Einfacher wird es dadurch aber trotzdem nicht. Wir würden beispielsweise gerne viel viel mehr Konzerte spielen, stoßen dabei aber leider oft an die Grenzen unserer Kapazitäten und Möglichkeiten. Momentan sind wir deshalb auf der Suche nach einem geeigneten Booker, der uns hilft, ebendiese Nischen zu finden und auszufüllen.«

 

www.isaacvacuum.com

www.facebook.com/IsaacVacuum

 

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