Online-MegazineInterview

AMON RA

Interview mit der Demo-/Eigenproduktionsband 06/16

AMON RA

Die AMON RA-Eigenproduktion „We Never Said Good-bye.“ wurde in Rock Hard Vol. 349 zum „Tipp des Monats“ gewählt. Die Progressive-Rocker vereinen auf dem Album viele verschiedene Stilrichtungen und wollen nach einer längeren Pause mit neuer Power durchstarten. Gitarrist Thomas Wenzel war trotz Teneriffa-Urlaub bereit für ein Interview.

Thomas, ihr wurdet von der Rock-Hard-Redaktion als „Tipp des Monats“ für die Juni-Ausgabe ausgewählt. Wie kam das bei euch an?

»Super! Die Songs sind ja teilweise schon über 18 Jahre alt, obwohl wir sie aus diversen Gründen erst jetzt veröffentlichen konnten. Die Tracks haben also eine ungewöhnlich lange Entwicklung durchgemacht und damit war es natürlich besonders spannend zu erfahren, wie sie nun endlich im Hier und Jetzt ankommen. Dass ihr uns ausgewählt habt, hat uns entsprechend sehr gefreut!«



Was war euer Ansporn, nach so langer Zeit weiterzumachen?


»Wir haben uns nie aus den Augen verloren. Die Band war komplett auf Eis gelegt, weil damals einige Dinge unfassbar schief gelaufen sind und uns eine Menge Geld für nichts aus der Tasche gezogen wurde. Vertragliche Vereinbarungen mit einem großen Studio bei München wurden schlicht nicht eingehalten. Die Zusammenarbeit mit denen hätte uns zu einem Plattenlabel-Deal führen sollen. Am Ende hatten wir nicht einmal vernünftige Demo-Aufnahmen und einen Haufen Schulden. Das ist alles schon weit über 15 Jahre her.
Irgendwann begann unser Drummer Lothar Herrmann damit sein eigenes Studio aufzubauen und hat sich bei uns gemeldet. Wir beschlossen daraufhin, das Album doch noch fertigzustellen, weil wir alle von den Songs überzeugt waren und sind. Durch das Studio und Lothars Einsatz hatten wir eine gute Basis für die Aufnahmen. Alles ohne Stress und finanziellen Druck, vollkommen entspannt. Zum Zeitpunkt seines Anrufes sagte ich allerdings tatsächlich zuerst: „Du, lass mal, es ist so viel Zeit vergangen und damals so viel Mist passiert. Eigentlich brauch' ich das nicht mehr.“ Aber dann bin ich doch hingefahren und wir haben ein paar Sachen aufgenommen. Als wir die Demos rumgeschickt haben, fanden alle den Home-Studio-Sound schon in dieser Phase um Klassen besser als den des damaligen High-End-Monsterstudios, was uns total motiviert hat, die Platte fertigzustellen.«



Momentan besteht das Line-up nur aus drei Mitgliedern – neben dir als Gitarrist sind Schlagzeuger Lothar und Sänger Scott Balaban zu hören. Wer hat den Bass eingespielt?


»Ich habe bei drei Stücken selbst Bass gespielt und bei ein paar anderen Stücken hat Lothar den Part übernommen. Wir hatten außerdem Sebastian Gieck als Gastbassisten, der für 'Until The Morning Comes' einen tollen Job gemacht hat. Das Album präsentiert einen etwas abenteuerlichen Mix aus Bass-Tracks, zum Teil wurde das Bass-Signal auch über Keyboards als Midi-File eingefügt und damit Samples angesteuert. Unser damaliger Bassist Gerry lebt mittlerweile in den Staaten in Seattle und die Entfernung erschwert solche Studioprojekte doch immens. Man kann zwar viel über das Internet machen, aber Kommunikation und Feintuning sind doch recht anstrengend und zudem ließ seine berufliche Entwicklung keine Zeit mehr für die Band, daher ist er nur sehr wenig auf dem Album vertreten.
 Die Keyboards für die Platte wurden zum Glück noch vor seinem ebenfalls beruflich bedingten Ausstieg von Dierk Neldner komplett ausgearbeitet und eingespielt. Da bei einigen Stücken die Tasten auch kompositorisch sehr tragend sind, wäre es ansonsten schwierig geworden. Somit konnten wir aber unser Zeug dann entspannt um die weitestgehend fertigen Keys herum bauen.«

 


Ihr hattet zwischendurch auch mal einen anderen Sänger. Aber auf dem Album ist gar nicht Heiko Kellner zu hören, oder?



»Ich weiß gar nicht, wie ihr bei eurem Rezi-Text auf Heiko gekommen seid. Scott Balaban ist der einzige (Haupt-) Sänger, der auf dem Album zu hören ist. Die Scheibe präsentiert zwar Gastsänger-Beiträge und zusätzliche Chorsänger, aber da ist Heiko auch nicht dabei. Am 1. April 2016 war unser CD-Release-Partykonzert in Bamberg - da stand Heiko live als Gastsänger und ehemaliges Bandmitglied mit auf der Bühne. Vielleicht kam sein Name dem Rock Hard aufgrund dieser Info unter. Heiko ist ein klasse Typ und Sänger, aber auf dem Album ist er nicht zu hören - das muss ich ganz deutlich richtigstellen. Wir planten sofort nach Lothars Anruf für das Album mit der damaligen Originalbesetzung und somit zweifelsfrei mit Scott als Sänger und Komponist.«



Ihr werdet oft mit Prog-Größen wie beispielsweise Dream Theater verglichen. Passen diese Vergleiche?



»Das ist eine große Ehre für uns, wenn man AMON RA mit solchen Namen vergleicht, Dream Theater sind einfach unfassbar gut. Aber vor allem Scott und ich sind neben dem Prog-Genre auch von etlichen anderen Einflüssen geprägt. Wir haben viel Spaß an einer breit gefächerten Herangehensweise an das Songwriting und wollten uns mit einigen Ideen abseits der oft bemühten sehr technisierten musikalischen Muskelspielerei im Prog-Rock abheben. Ich denke, das ist uns mit dem Album ganz gut gelungen. Wir mögen natürlich die Härte und den Pathos der einschlägigen Prog-Größen. Auch instrumentale Kabinettstückchen und vertrackte Rhythmik lassen wir im Rahmen unserer Möglichkeiten freilich gerne einfließen. Aber auch die lässige Ironie einer solchen Easy-Listening-Akustiknummer wie 'Should Have Known Better' gehört zu uns oder eine zeppelineske Hardrock-Ballade wie 'Slipping Away'.«



Ihr seid alle bekennende Musical-Fans. Hat das Musical-Genre auch einen Einfluss auf eure Musik?



»Zum Teil, ja. Ich habe vor Jahren jeweils für zahlreiche Aufführungen in zwei verschiedenen Casts von "Jesus Christ Superstar" Gitarre gespielt. Für Scott war "JCS" bezeichnenderweise sogar der Hauptgrund, Sänger zu werden. Da gibt es also eine große gemeinsame Begeisterung - natürlich auch von daher für Ian Gillan und Deep Purple, nebenbei bemerkt. Scott steht auch sehr auf "Hair" und andere Klassiker und ich denke schon, dass das irgendwo mit in unsere Musik einfließt, wenn auch nur eher unterschwellig bei bestimmten Songs.«



Scott betreibt nebenbei noch ein Country-Projekt namens Iron Hand. Plant ihr zukünftig eine Zusammenarbeit, oder ist das eher sein eigenes Projekt?



»Das ist ausschließlich sein Projekt, ja, und eine direkte Zusammenarbeit mit seiner Band schließe ich eher aus. Wir haben uns aber neulich darüber unterhalten, dass bestimmt noch keine Progressive-Rockband ein Country-lastiges Stück gemacht hat. Immerhin gibt's auf "We Never Said Good-bye." ja Tango-Prog zu hören, was auch schon ziemlich exotisch ist. Ich glaube mir selbst allerdings noch nicht so richtig, dass die Option Country-Prog ernst gemeint war. Aber wer weiß - wir sind offen für ziemlich alles, solange es nicht auf Krampf herbeikonstruiert ist und am Ende daneben klingt.«

Nach der langen Pause vor dem aktuellen Album - wie sieht es mit neuen Songs oder Auftritten aus?

»Ein drittes AMON RA-Album wird es auf jeden Fall geben und zwar nicht erst in verdammten 18 Jahren! Wir schreiben derzeit bereits an neuen Stücken und schicken uns gegenseitig Demos, die jeder bei sich zu Hause aufnimmt. Zu gegebener Zeit werden wir uns wieder in Lothars Studio treffen und die Scheibe gemeinsam fertig komponieren und aufnehmen. Die Sache läuft... Wie es mit Live-Auftritten aussieht, kann ich momentan noch nicht sagen. Wir sind da noch etwas am Ausloten, aber die Musikerkollegen, die uns bei der Release-Party geholfen haben, sind auch bereit, bei weiteren Shows mit uns auf der Bühne zu stehen.«

Aber im Original-Line-up werden AMON RA nicht mehr zusammenfinden?

»Dierk und Gerry haben sich komplett verabschiedet. Berufstechnisch gibt's da einfach keine Chance mehr, und Gerry lebt jetzt wie erwähnt in Amerika und bleibt da wohl auch. Für eine Band wie uns ist es einfach nicht machbar, jemanden extra für Auftritte einzufliegen, das muss man leider ausschließen. Wir machen als "der harte Kern" zu dritt weiter - wie Rush oder ZZ-Top, und arbeiten sehr gerne, sowohl im Studio als auch live, zusätzlich mit unseren Gastmusikern.«



Ok, hast du noch abschließende Worte für unsere Leserschaft?




»Vielen Dank nochmal für eure Wahl! Ich bin sehr gespannt, was diese und vielleicht ergänzend unser Interview an Feedbacks auslöst. Bei uns geht es auf jeden Fall nun nach dieser unfassbar langen Pause weiter. Wenn das Interesse am Album so erfreulich bleibt und die Leute uns live sehen wollen, werden wir auch wieder auf die Bühne gehen. Das können wir euch versprechen.«

 

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