Online-MegazineInterview

HANNES GROSSMANN

Interview mit der Demo-/Eigenproduktionsband 03/17

HANNES GROSSMANN

Hannes Grossmann ist eine feste Größe in der internationalen Death-Metal-Szene. Ob Kollaborationen mit Erik Rutan und Alex Webster, seine Zeit bei Obscura und Necrophagist oder als Produzent: Professionalität und geradliniges Arbeiten sind Teil seines Erfolgs. Mit uns redet der 34-jährige Schlagzeuger über sein neues Soloalbum „The Crypts Of Sleep“, irritierende Erlebnisse in den USA und seine außermusikalischen Hobbys.

Hallo Hannes, wie geht es dir und was machst du momentan?

»Es geht mir sehr gut, danke der Nachfrage! Ich arbeite momentan im Studio an einem finalen Mix für eine US-amerikanische Band mit dem Namen Vitality. Sehr abwechslungsreich und der junge Gitarrist spielt wie Marty Friedman. Gleichzeitig produziere ich ein Album der kanadischen Band Gomorrah. Dabei handelt es sich um recht ausgefallenen „Endzeit-Death-Metal“. Mit meiner eigenen Band Alkaloid sind wir auch mitten im Songwriting-Prozess fürs nächste Album. Die Platte wird vermutlich noch dieses Jahr auf Season Of Mist erscheinen. Ab nächster Woche bin ich dann auf Europa-Tour mit Nader Sadek. Ich habe also eine Menge zu tun. Was nicht heißen soll, dass nicht noch mehr geht, haha. Ich plane immer so, dass ich Restkapazitäten offen habe, falls interessante Anfragen kommen.«

Die Aufnahmen von „The Crypts Of Sleep“ dauerten von September 2015 bis Juni 2016. Lässt du dir gerne Zeit beim Aufnehmen, oder ist das ein normaler Zeitraum für dich?

»Naja, du siehst ja, dass ich immer verschiedene Eisen gleichzeitig im Feuer habe. Das ist auch unbedingt notwendig, damit meine Zeit optimal ausgelastet ist. Es kommt oft vor, dass ich Aufnahmen für eine Band mache, wobei dann allerdings zwischen Aufnahme und Mix durchaus zwei Monate Leerlauf herrscht. Das liegt daran, dass viele Musiker das nicht auf Vollzeitbasis machen und sich mit dem Arbeitgeber absprechen müssen, wann Zeit fürs Studio vorhanden ist. Bei einer fünfköpfigen Band zum Beispiel kann es dauern, bis jeder seinen Part eingespielt hat. In der Zwischenzeit arbeite ich dann halt an anderen Dingen. So ist es auch mit meinem Solowerk „The Crypts Of Sleep“. Ich nehme zuerst mal meine Drums auf, dann muss ich abwarten, wann die einzelnen Musiker Zeit für ihre jeweilige Aufnahme haben. Ich habe also nicht ununterbrochen an dem Album gearbeitet, sondern nur insgesamt eine lange Zeitspanne in Anspruch genommen. Das geht bei einem eigenen Tonstudio natürlich etwas leichter.«

Wie schon erwähnt, hast du das Schlagzeug in deinen „Mordor-Studios“ aufgenommen, Gitarren und Vocals allerdings in Eindhoven. Wie darf man sich das vorstellen und wie sieht der normale Recording-Prozess bei dir aus?

»Nee, Vocals haben wir auch bei mir im Studio gemacht. Ich hab einen tollen Avalon-Mikrofon-Vorverstärker, da klingt Gesang einfach super! Flo (aka Morean) und ich haben auch zusammen an den Vocals gearbeitet und die optimalen Takes rausgeholt. Die Gitarren hat Danny Tunker bei sich in Eindhoven eingespielt. Er hat dabei allerdings nur seine trockene DI-Spur aufgenommen. Ich habe bei mir im Studio das aufgenommene trockene Signal dann nochmal durch einen Gitarrenverstärker gejagt und so den eigentlichen Sound aufgenommen. Das ist für mein Solomaterial die übliche Arbeitsweise. Nachdem ich alle Songs notiere, ist es für Danny eine leichte Aufgabe, sich einfach die Noten anzuschauen und vom Blatt einzuspielen. Es gibt, ohne zu übertreiben, weltweit kaum einen besseren, kompletteren Metal-Gitarristen als Danny Tunker. Er kann so ziemlich alles spielen, was jemals geschrieben wurde, daher vertraue ich ihm in dieser Hinsicht vollkommen.«

Trotz der Intensität der vielen Blast-Beats und eines hohen Tempos, wirkt die Platte zu keinem Zeitpunkt hektisch. Man spürt, dass ruhige Parts und Melodien weise gewählt sind, um die ausgewogene Stimmung genau zu kontrollieren. Deckt sich der Eindruck mit deinem?

»Danke für die Blumen, haha. Ich kann wirklich nicht beurteilen, wie die Musik auf andere wirkt. Es ist aber definitiv richtig, dass alle Parts sehr genau geplant sind, vor allem in Puncto Arrangement. Es ist mir besonders wichtig, wann welcher Part kommt, an welcher Stelle wie und mit welcher Intensität Themen und Riffs variiert werden. Meine Herangehensweise ist da genau wie bei einem klassischen Komponisten: Zuerst kommt das Hauptthema auf dem alles aufbaut. Die anderen Parts ergeben sich dann daraus und werden, je nach Wichtigkeit, zueinander geordnet. Jede einzelne Note wird auf Papier gebracht und eine Partitur des jeweiligen Songs erstellt. Der Sound ist zwar Metal, die Machart jedoch Klassik.«

Wie sieht es bei deinen Texten aus? Die sind oft metaphorisch und sehr durchdacht. Ist es dir wichtig, dass der Hörer sich mit den Lyrics länger beschäftigt?

»Es freut mich, dass du meine Texte für durchdacht hältst. Ich erwarte nicht, dass sich ein Hörer eingehend mit meinen Lyrics befasst. Ich selbst mache das recht selten, weil Texte im Metal sehr oft mit Klischees beladen sind. Das passt auch oft recht gut, und wenn die Musik knallt, ist mir der Text meist herzlich egal. Für mich gilt da folgende Regel: Geile Musik wird durch einen schlechten Text nicht zwingend schlecht. Jedoch wird schlechte Musik durch einen tollen Text eben nicht wirklich besser.

Bei meiner eigenen Musik sehe ich das aber etwas strenger, weil ich in den musikalischen Teil sehr, sehr viel Arbeit investiere. Es wäre doch schade, wenn ich mir beim Texten nicht genauso viel Mühe geben würde. Falls also jemand Wert auf Inhalt legt, möchte ich denjenigen natürlich nicht enttäuschen. Mit den Texten bietet sich eine große Chance, den Songs zusätzliche Tiefe zu verleihen.«



Wie kam es, dass du mit Per Nilsson, Linus Klausenitzer, Danny Tunker und Morean wieder auf die gleichen Gastmusiker, wie beim Vorgänger gesetzt hast?

»Never change a winning team! Christian Münzner hast du übrigens vergessen, mit dem mache ich seit 2003 Musik. Wenn ich mit Musikern dieses Kalibers arbeiten kann, warum in aller Welt sollte ich da was dran ändern? Wenn du Lionel Messi im Team hast, setzt du den ja auch nicht auf die Bank.«

Du bist auch als Session-Drummer bei Hate Eternal aktiv. Ein Gastsolo von Erik Rutan auf dem eigenen Album wäre mit Sicherheit für viele Bands ein Ritterschlag. Wie kam es zu der Zusammenarbeit und wie ist es, mit einem derartigen Szene-Giganten zu arbeiten?

»Die Zusammenarbeit mit Erik ist super, absolut professionell und geradlinig. Er hat nicht umsonst als Produzent viel erreicht. Er arbeitet immer auf einem Top-Level, nimmt extrem ernst was er tut, und hat eine super Einstellung. Es macht Spaß mit ihm zu arbeiten.

Ich selbst sehe es nicht so sehr als Ritterschlag, für mich geht es eher darum, mit Musikern auf Augenhöhe zu spielen. Erik ist ein toller Gitarrist, Hate Eternal eine große Herausforderung. Daher wollte ich das unbedingt machen. Aber nur weil jemand bekannt ist, reizt mich eine Zusammenarbeit nicht automatisch. Ich bin z.B. auch Drummer bei Blotted Science und spiele da mit Alex Webster und Ron Jarzombek zusammen. Das sind natürlich Ausnahmemusiker.

Es ist vielleicht etwas ungewöhnlich, dass ich aus Deutschland komme und die anderen aus den USA. Man darf allerdings nicht vergessen, dass – und diese Aussage stammt von Alex Webster, nicht von mir – ich mit Necrophagist und Obscura bei den beiden „erfolgreichsten deutschen Death-Metal-Bands aller Zeiten“ gespielt habe. Das mag in Deutschland nicht so wahrgenommen werden, aber „Epitaph“ von Necrophagist ist ohne Zweifel das mit großem Abstand einflussreichste deutsche Death-Metal-Album überhaupt. Als wir das erste Mal in den USA auf Tour waren, kam Trevor von Black Dahlia Murder zur Show und meinte zu mir, dass sie einen Großteil ihres Albums „Nocturnal“ umgeschrieben haben, nachdem sie unser Album gehört hatten. Jeff Loomis erzählte mir, dass „Epitaph“ in seiner persönlichen „All-time-Top-5“ ist. In Deutschland spielt die Platte vor allem in der Death-Metal-Szene selbst aber nicht so eine große Rolle. Da sind es eher Old-School-Alben, die als wichtig empfunden werden, auch wenn der Rest der Welt diese Platten wiederum ignoriert. Die Wahrnehmung bestimmter Gegebenheiten unterscheidet sich eben in anderen Ländern fundamental von unserer Wahrnehmung hier in Deutschland. Das sollte man vielleicht diesen Dummköpfen von der AfD mal sagen, haha. 

Jedenfalls haben die meisten Hate-Eternal-Fans in den USA sich mir gegenüber fast schon ehrfürchtig verhalten, so als stünde da der Papst höchstpersönlich hinter der Schießbude. Sehr schmeichelhaft, aber aus meiner deutschen Sicht eben auch etwas irritierend.«

Nun zum visuellen Teil des Albums: Das Artwork von „The Crypts Of Sleep“ ähnelt dem Cover deines Erstlings aus dem Jahr 2014. Welches Konzept steckt dahinter?

»Das Artwork stammt vom Schweizer Künstler Milan Hofstetter. Ich habe ihm nur ein paar Rahmenbedingungen gegeben. Zum Beispiel, dass ich eine klare Linie möchte und ein einzelnes Motiv, das in einer geometrischen Form steht. Das Artwork ist ein bisschen an Lovecraft angelehnt, so mit multidimensionalen Wesen, wobei das Sechs- bzw. Achteck für die Verbindung von Magie und Mathematik steht. Was der Künstler sich allerdings im Einzelnen dabei gedacht hat, musst du ihn selbst fragen.«

Gibt es Überlegungen, „The Radical Convent“ und „The Crypts Of Sleep“ irgendwann mal auf die Bühne zu bringen?

»Überlegungen gibt es, aber keine konkreten Pläne. Ich würde aber irgendwann das Ganze schon mal live spielen wollen. Das ist aber dann eher eine Frage der Finanzierung. Für mich hat live zunächst Alkaloid Vorrang.«

Ich bin gespannt, was da noch kommt. Du betreibst ein Studio, spielst auf Messen und hast eine ganz Riege an Projekten und Bands. Bleibt da noch Freizeit für andere Dinge außer der Musik?

»Durchaus. Das kommt ein wenig aufs Zeitmanagement an. Ich versuche so gut es geht, die Wochenenden frei zu halten, sollten keine Shows anstehen. Auch verreise ich gern und bin ein großer Naturfreund. Dieses Jahr geht es nach Nepal an die Annapurna, das wird spektakulär.«

Bei so viel Arbeit, eine verdiente Abwechslung. Wie sehen deine nächsten Monate musikalisch aus?

»Viel Zeit wird das Alkaloid-Album in Anspruch nehmen, das wir komplett bei mir im Studio produzieren. Zudem muss ich die Gomorrah-Platte fertig produzieren und die ein oder andere Arbeit wird sich noch einschleichen. Und ob du es glaubst oder nicht, ich habe bereits neun Songs für die nächste Soloscheibe fertig. Sobald ich von der Nader-Sadek-Tour wieder zu Hause bin und sich eine ruhige Woche ergibt, nehme ich das Schlagzeug dafür auf. Mein Ziel: jedes Jahr ein Soloalbum! Mal sehen ob das klappt.«

Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg bei allen Vorhaben! Abschließende Worte an die Leser?

»Vielen Dank für eure Unterstützung! Ohne Metal-Fans, die etwas wagen, könnte ich nicht tun, was ich tue. Schaut doch mal online bei mir im Shop auf www.hannesgrossmann.com oder bei Facebook vorbei. Ihr habt wahrscheinlich bereits gemerkt, dass ich gern und viel an Musik arbeite. Falls jemand ein Album aufnehmen oder abmischen lassen möchte, schreibt mich gerne an. Ich interessiere mich generell für alles und meine Preise sind fair!«