Online-MegazineInterview

PROCESSION

Fuck The Hippies!

PROCESSION

Musiker, die mit voller Passion und Hingabe bereit sind, einen Teil ihrer Seele in klanglicher Kunst zu offenbaren, findet man in PROCESSION. Die chilenisch/schwedischen Doomer haben im letzten Jahr bereits ihr zweites Album „To Reap Heavens Apart“ veröffentlicht und sind heute nach Deutschland gereist, um im Vorprogramm der Nocturnal-Release-Show einige Songs daraus zu präsentieren. Vorab nimmt sich Sänger und Gitarrist Felipe Kutzbach die Zeit, und erzählt von seiner Vision des Dooms,  manipulierten Seelen und dem Aufruf zum Kampf.

Felipe, wie geht’s dir? Hattest du eine gute Reise nach Rüsselsheim? Freust du dich schon auf die Show nachher?

»Ich freue mich sehr auf den heutigen Abend! Die Reise war etwas stressig, weil ich aus einigen Gründen die letzte Nacht gar nicht geschlafen habe, und...«

Aus einigen Gründen?

»(Lacht) Naja, ich habe einen Freund wiedergetroffen, den ich wirklich lange nicht mehr gesehen habe. Dann saßen wir halt zusammen, haben das eine oder andere Bierchen getrunken und so kam das. Aber ich bin wirklich sehr gespannt auf die Show nachher. Es ist ohnehin ein besonderer Abend, weil es irgendwie ein Treffen von Freunden ist. Ich meine, Degial leben wie ich auch in Uppsala und wir sind befreundet. Außerdem ist es großartig, Nocturnal zu supporten, weil es auch gute Freunde von uns sind. Wir sind sehr froh, dass wir eingeladen wurden.«

Euer Live-Gitarrist wohnt in Griechenland, euer zweiter Gitarrist Jonas Pedersen kommt aus Dänemark, Drummer Uno Bruniusson (In Solitude) und du habt euer Hauptquartier in Schweden aufgeschlagen, und ursprünglich kommst du aus Chile. Wie kam es zu dieser Bandkonstellation?

»Begonnen hat alles 2006 in Chile. Gemeinsam mit dem Original-Basser Daniel Pérez habe ich in der selben Bar gearbeitet und bemerkt, dass er zwar keine so große Vorliebe für Doom hat wie ich, aber für Heavy Metal. Da meinte ich zu ihm: 'Dude! Lass uns mal ein paar Songs schreiben und ich werde dir zeigen wie großartig Doom Metal ist. Du wirst Heavy Metal spielen, nur langsamer und mit einigen Mitteln, die den Heavy Metal noch mächtiger und kräftiger machen!' Dann haben wir 2008 das Demo „Burn“ und 2009 die EP „The Cult Of Disease“ veröffentlicht. Diese hat uns im selben Jahr ermöglicht, eine erste kleine Tour zu spielen. Mit ein paar Line-up-Wechseln, wie dem Zugang des neuen und aktuellen Bassisten Claudio Botarro Neira, machten wir uns dann an die Aufnahmen unseres Debüts „Destroyers Of Faith“, das wir 2010 veröffentlicht haben. Dann ging es für uns auf Europa-Tour und die war für sehr viele Bereiche entscheidend. Jonas und Uno waren zu dieser Zeit zunächst nur ein Live-Ersatz, aber da die Zusammenarbeit echt gut lief und ich mich nach der Tour dazu entschloss, nicht wieder nach Chile zurück zu gehen, wurden die beiden feste Mitglieder von PROCESSION.«

Also war dein Umzug von Chile nach Schweden gar nicht geplant?

»Nee. Ich war einfach so überwältigt von der Unterstützung, die die Band in Europa bekam, dass ich mich entschied, dort zu bleiben und die Kontakte zu nutzen. Dieses großartige Feedback und die vielen Möglichkeiten gäbe es in Chile, oder generell in Südamerika, einfach nicht. Also ergab es einfach Sinn. Wer weiß, vielleicht ziehe ich nächstes Jahr wieder woanders hin, ich denke über so etwas nicht viel nach. Wenn das Ding mit PROCESSION läuft, dann bin ich zufrieden.«

Darum ist es für dich vermutlich auch gar kein Problem so viel zu reisen, oder? Ich meine, heute spielt ihr in Deutschland, heute Nacht geht es direkt weiter nach Italien. Wie fühlt es sich an, durch die ganze Welt zu reisen, Konzerte zu spielen, und zu sehen, wie sehr die Menschen eure Musik genießen?

»Natürlich fühlt es sich toll an (lächelt). Das ist etwas, womit ich nie gerechnet hätte, als ich die Band gegründet habe. Es ist so ein großartiges Gefühl in die Gesichter der Leute zu schauen und zu bemerken, dass sie fasziniert oder berührt sind. Ich hätte nie gedacht, dass wirklich Menschen zu mir kommen und sagen, dass ihnen meine Musik so gefällt.
Das ist vielleicht auch etwas typisch südamerikanisches: Wir sind nicht so hochstrebend. Das heißt, wenn wir mal einen total beschissenen Deal eingehen, dann ist das eben so. Und wenn etwas richtig gut läuft, freuen wir uns umso mehr.
Daneben bin ich auch echt froh, dass sich alles immer noch so frisch und neu anfühlt und ich immer noch von Dingen überrascht werden kann. Ich denke auch, dass dieses Gefühl, diese Verbindung nur durch Musik und vor allem durch Doom kreiert werden kann. Es fühlt sich wirklich gut an. Sehr gut.«

Waren das Rumreisen und Live-Spielen auch einige der Gründe, warum du PROCESSION gegründet hast, oder steckt da eine andere Intention hinter?

»Die Gründung von PROCESSION kann man eigentlich Candlemass verdanken. Ich glaube 1996 habe ich das erste Mal ein Candlemass-Album gehört und war völlig fasziniert. Dann ergab sich für mich und ein paar Freunde die Chance, ein Konzert der Band zu besuchen und es war der absolute Wahnsinn! Es war einfach ein so großartiges Erlebnis und das härteste, was ich je gesehen und gehört hab. Ab diesem Zeitpunkt wusste ich: 'JA! Das ist genau das, was ich auch kreieren möchte.' Also, natürlich wollte ich keine Band, die einfach nur ein Abklatsch von Candlemass ist, gründen. Aber ich wollte die gleichen Gefühle in den Menschen auslösen, während sie meine Musik hören. Etwas Vergleichbares gab es zu dieser Zeit in Chile noch nicht.«

Du betrittst die Bühne unter dem Motto, dem Doom seinen Metal zurückzubringen, und hast auch schon das ein oder andere „Fuck The Hippies“ ins Publikum gerufen. Bezieht sich das rein auf die Musik, oder ist es Teil deiner Weltvorstellung, in die die Hippiekultur nicht hineinpasst?

»Es ist Teil meiner Vorstellung davon, wie Doom zu klingen hat. Es richtet sich gegen die Leute, die Medien und die Industrie, die aus Doom etwas Falsches gemacht haben und die Wahrnehmung der Leute von der Musik so verändert haben.«

Wie meinst du das?

»Naja, als ich damals nach Europa gekommen bin, habe ich erst richtig zu spüren gekommen, dass rund um den Metal ein riesiger Markt und eine riesige Industrie existiert – das ist etwas, was wir unten in Südamerika nicht haben. Ich habe dann bemerkt, dass es bestimmte Kreisläufe innerhalb der verschiedenen Subgenres gibt, wo jedes dieser Genre einmal eine Hochphase durchläuft und selbst die obskursten Bands mit ihrer Musik Geld verdienen können. Aber das einzige Genre, das für eine lange Zeit davon ausgenommen war, ist Doom. Und genau das war eines der Dinge, die mich an Doom so gereizt haben. In den Neunzigern war es so, dass ich das Gefühl hatte, nur ICH würde das hören, und wenn ich auch nur einen Gleichgesinnten fand, musste er sofort mein bester Freund werden (lacht). Es war einfach so schwierig, an die Alben heranzukommen, und vor allem hast du den Bands angemerkt, dass sie das nicht für den Erfolg, sondern nur um der Musik und des Gefühls Willen getan haben. Und das war mir so sympathisch. Genauso wie das Kraftvolle in der Musik.«

Und heute?

»Heutzutage sehe ich einfach, dass der Großteil an Doom-Bands und ihre Hörer nicht mehr mit meiner Auffassung übereinstimmen. Die sind auch nicht mehr heavy. Die denken, sie machen Doom, weil sie Bands wie Black Sabbath, Led Zeppelin oder Deep Purple imitieren. Und diese Vorstellung verbreitet sich immer mehr und mehr und plötzlich definiert die Masse so den Doom. Mit der sich verändern Vorstellung hat sich dann auch die Wahrnehmung dieser Musik verändert. Es verliert teilweise an Intensität und Auseinandersetzung mit Doom. Das ist es, was mich so stört. Ich kann es einfach nicht leiden, wenn Leute daherkommen und sagen: 'Ich weiß nicht, ob ich die und die Candlemass-Platte mag, aber die neue Band aus Amerika Witchyname XY ist so cool.' Das ist so falsch, das kann ich gar nicht fassen, Candlemass ist einfach die härteste Doom-Band auf der ganzen Welt!
Zugegebenermaßen spotte ich mit dem „Fuck The Hippies“ auch einfach gerne (lacht). Ich renne natürlich nicht herum und beschimpfe jeden als Poser oder so, ich meine, so lange sich die Hippies duschen und rasieren, habe ich grundsätzlich kein Problem mit ihnen (lacht wieder laut). Aber ich mag es, den Leuten klar und deutlich meinen Standpunkt vor die Nase zu halten und finde das auch wichtig.«

Und wenn wir die Hippiekultur jetzt mal auf die klischeehaften drei Werte Liebe, Frieden und Harmonie reduzieren – wie stehst du dazu? Denkst du, es gleicht in der heutigen Welt einer Utopie an diese Werte zu glauben?

»In Zeiten wie diesen, sehe ich nur das Gegenteil dieser Werte. Ich meine, natürlich glaube ich an die Liebe, aber ich würde das Gefühl nicht als Liebe, sondern als Leidenschaft betiteln. Das kann die Leidenschaft sein, die du für jemanden empfindest, aber auch für etwas fühlst. Doch so wie diese drei Werte heute im Wörterbuch stehen, sind sie veraltet. Ich sehe nur Menschen, die über Leichen gehen, um ihr Ziel zu erreichen und die Welt als einzigen Wettkampf sehen – und das bezieht sich sowohl auf das Leben, als auch auf die Musik. Also ist es definitiv eine Utopie, wenn jemand von Frieden und Harmonie spricht.«


Kehren wir mal zurück zu eurer Musik. Für mich persönlich hat PROCESSION einerseits eine kämpferische Seite, steht aber auf der anderen auch für Zerstörung, Verzweiflung, Verlorenheit, und ist alles in allem aber ein Lichtschimmer in dieser verrotteten Welt. Was bedeutet PROCESSION für dich?

»Das Gefühl ist schwer zu beschreiben. Es erreicht den tiefsten Abgrund und steigt von dort auf wie ein Phoenix, gar noch mächtiger.
Ich meine, wir predigen schon etwas sehr Pessimistisches und teilweise recht Obskures, aber ich möchte, dass die Menschen Kraft daraus schöpfen. Aus den dunklen Dingen dieser Welt sollen sie etwas ziehen. Mich zum Beispiel hat PROCESSION auch einige Opfer gekostet: Ich bin nicht mehr in der Nähe meiner Familie und meiner Freunde in Chile, aber ich beschwere mich nicht, weil ich aus diesem Verlust und dieser Sehnsucht ein Gefühl gewonnen habe, das mich immer weiter machen und mich lebendig fühlen lässt. Und das macht PROCESSION für mich zur wichtigsten Sache in meinem Leben.
Auch wenn es sich nicht auszahlt, weil ich finanziell nicht davon Leben kann, gibt es mir eine andere Art von Kraft. Und das möchte ich auch auf die Hörer übertragen. Sie sollen Kraft tanken, ihre Brust erheben und denken: 'Fuck all this!'«

Findet sich das auch lyrisch auf euren Alben wieder? Ich meine, „To Reap Heavens Apart“ ist ja bereits euer zweites Album – verfolgst du da thematisch ein Konzept?

»Ich habe einige Jahre Kommunikation studiert und das hat auch beim Komponieren und Hören von Musik seine Spuren hinterlassen – ich brauche immer eine klare Struktur. Deswegen steckt da schon ein Konzept und ein generelles Thema hinter, zumal beide Langspieler auch in Zusammenhang stehen.
Mit dem Debüt „Destroyers Of Faith“ wollte ich ein Statement abliefern und zeigen, wogegen PROCESSION steht: Gegen eine Manipulation der Köpfe der Menschen. Der Name „Destroyers Of Faith“ steht für die Zerstörung von falschen Regeln und Vorstellungen, die dir die Gesellschaft, die Kirche, der Staat und sonstige Institutionen, die meinen den perfekten Plan für dich zu haben, auferlegen. Das Album spiegelt den Prozess der Realisierung der Verhältnisse wieder, in etwa nach dem Motto: 'Okay, die kontrollieren uns, das ist falsch!'
„To Reap Heavens Apart“ handelt dagegen von dem Prozess der nach der Realisierung eintritt: Aktiv werden, sich wehren und dagegen kämpfen. Dieser Kampf richtet sich aber nicht unbedingt gegen die anderen Leute, die Außenwelt, sondern findet im Inneren statt. Man muss sich von den fremd auferlegten Vorstellungen freikämpfen und frei sein.«

Schon beim Hören hatte ich immer das Gefühl, dass du mit der Musik dem Rezipienten einen Teil deiner Seele offenbarst, und je mehr du erzählst, umso mehr fühle ich mich in dem Gedanken bestätigt. Würdest du selbst auch zustimmen?

»Absolut. Ich hoffe jeder, der Musik macht, tut das.«

Sind das auch deine eigenen Erfahrungen, die in die Musik einfließen?

»Ja, definitiv. Aber ich denke, wenn man die Erfahrung ganz konkret in Worte fasst, wirkt sie etwas langweilig. Darum muss man die Erfahrung irgendwie malen und in einer fantastischen Weise niederschreiben. Für mich ist es aber auch wichtig, dass die Menschen meine Message auf jeden Fall verstehen. Ich bin nicht einer der Musiker, die nur in Codes sprechen und dann sagen: 'Tja, wenn du mich nicht verstehst, dann bist du nicht cool genug für meine Musik.' Sowas mag ich gar nicht.«

Gibt es denn noch andere aktuelle Doom-Bands, die du magst? Oder welche, die dich total anpissen?

»(Lacht laut) Generell pisst mich vieles an, vor allem die falsche Vorstellung der Leute von Doom. Aber es gibt eine neue Doom-Band, die ich echt mag: Black Oath aus Italien. Ich mochte sie musikalisch schon sehr, und habe sie dann kennengelernt und mochte sie noch mehr, weil wir die gleichen Vorstellungen teilen und auch ähnliche Erfahrungen im Leben gemacht haben. Daneben gefällt mir auch das One-Man-Project Oath of Woe aus Dänemark. Natürlich stehe ich aber auch total auf die neuen Platten von älteren Bands. Ich hoffe ja, die setzen in diesen Zeiten, wo die Vision von Doom Metal immer mehr verfälscht, ein Zeichen und sagen: 'Nope! Das ist nicht der richtige Weg!' (lacht wieder).«

In naher Zukunft geht es für euch auf große Tour mit Esoteric und Isole. Freut ihr euch schon?

»Klar, wir sind sehr aufgeregt und freuen uns total, weil es quasi DIE Tour für das aktuelle Album ist. Im letzten Jahr haben wir nur einige Festivals mitgenommen, weil, um ehrlich zu sein, ich in 99 Prozent der Fälle Konzerte und so was organisiere, und dafür war ich im letzten Jahr einfach zu müde. Ich hab das 2011 für „Destroyers Of Faith“ gemacht: Da war ich Manager, Musiker, Merch-Verkäufer und all das gleichzeitig, und damit hab ich mich im Endeffekt einfach selbst getötet und konnte mich keiner der Aufgaben in Gänze hingeben. Das ist bei der diesjährigen Tour zum Glück anders.«

Habt ihr noch etwas für dieses Jahr geplant?

»Also mit einem neuen Album warten wir, bis dieses Jahr vergangen ist. Wahrscheinlich wird es in der zweiten Hälfte von 2014 noch eine weitere Tour geben, aber mal sehen, wie das zeitlich alles hinhaut. Wir haben ja alle auch noch andere Projekte: Ich bin zum Beispiel noch bei Capilla Ardiente aktiv und unser Drummer Uno ist auch sehr sehr beschäftigt mit seiner Tätigkeit bei In Solitude. Wir lassen das mal auf uns zu kommen.«


Vielen Dank für deine Zeit. Deine letzten Worte an die Leser?

»Das Erste was mir da in den Kopf kommt, ist in diesem Zusammenhang total paradox, denn eigentlich würde ich sagen: 'Vertraut den Medien nicht!' (lacht).
Ich hoffe einfach, den einen oder anderen auf der Tour zu sehen, und den Leuten mit meiner Musik die Kraft zu geben, ihren Arsch hochzubekommen und nicht alles bedingungslos zu schlucken, was man ihnen zuwirft.«


 

https://www.facebook.com/pages/Procession/141525302533057?fref=ts
http://processiondoom.bigcartel.com/

AbfahrplanDie nächsten Konzerte

CIRITH UNGOL + WARNING + LUCIFER´S FRIEND + COUNT RAVEN + THE DOOMSDAY KINGDOM + WITCHWOOD + THE TEMPLE + PROCESSION + BELOW + THE VISION BLEAK17.11.2017
bis
18.11.2017
Würzburg, PosthalleHAMMER OF DOOMTickets