Online-MegazineInterview

CHIMAIRA

Ein ganz anderes Spiel

Nach dem etwas zwiespältig aufgenommenen "The Infection" haben CHIMAIRA mit "The Age Of Hell" einen neuen Kracher abgeliefert, der die Fans der Band wieder vereint begeistern sollte. Wir sprachen mit Frontmann Mark Hunter über das in letzter Zeit sehr aktive Besetzungskarussel in der Band, 
Hintergründe von Album- und Songtiteln und wie CHIMAIRA sich am kürzlichen Charlie Sheen-Hype in den USA beteiligt haben.

Mark, kannst du näheres dazu sagen, warum 2010 zuerst Bassist Jim LaMarca und dann Chris Spicuzza (Samples) und Drummer Andols Herrick Anfang 2011 die Band verlassen haben?

»Das ist so 'ne Sache. Man nähert sich einer bestimmten Phase im Leben, in  der man seine Prioritäten überdenkt. Und für die Jungs war es an der Zeit, sich anderen Dingen zu widmen. Es hat einfach was mit dem eigenen Leben zu tun und weniger damit, nicht mehr in einer Band sein zu wollen. Für manche Leute ist es sehr schwer geworden, mit der Musikindustrie klarzukommen und immer wenn man Magazine liest oder ins Internet schaut, sieht man wie Bands sich auflösen oder Mitglieder wechseln. Ich denke, wir befinden uns generell in einer schwierigen Zeit für Bands und wir bekommen die Auswirkungen davon zu spüren.«

Hatten die Line-Up-Wechsel einen Effekt auf die musikalische Ausrichtung von "The Age Of Hell" oder war das Songwriting zu diesem Zeitpunkt schon abgeschlossen?

»Es hatte nicht wirklich Einfluss darauf. Wir hatten mit dem Schreiben schon begonnen, bevor das alles passiert ist, aber der Hauptteil der Musik kam erst danach. Unser Fokus lag aber nicht darauf, was passiert war, sondern einfach darauf, ein gutes Album abzuliefern. In der Vergangenheit waren Rob und ich die Hauptsongwriter in der Band und wir wussten, dass wir in der Lage sind ein Album zu machen, das dem Namen CHIMAIRA gerecht wird und sich exakt nach CHIMAIRA anhört. Ich bin der Meinung, dass es viele Stellen auf dem Album gibt, denen man den Spirit der anderen anhört.«

Bist du mit den neuen Bandmitgliedern für jetzt und die nahe Zukunft  zufrieden?

»Auf jeden Fall, denn unsere Zusammenarbeit basiert auf Freundschaft. Es gibt so viele Musiker da draußen und nach zehn Jahren Touren habe ich unzählige Telefonnummern von Musikern, aber es ist mir wichtiger, mit Leuten unterwegs zu sein, die gute Freunde von mir sind.«

Der Vorgänger "The Infection" war ein ziemliches Midtempo- und Groove-basiertes Album. "The Age Of Hell" enthält hingegen viel mehr Stimmungs- und Tempowechsel. War „The Infection“ ein einmaliges Experiment für euch?

»Während der Zeit von "The Infection" wollte ich in erster Linie Musik schreiben, die sehr offen und heavy ist. Es war ein bisschen so, dass wir uns dachten: „Hey, alle versuchen zur Zeit so schnell wie möglich zu spielen und wir haben keine Lust auf solche Wettrennen.“ Also haben wir unseren Stil etwas geöffnet und versuchten heavier und fieser zu klingen. Und das haben wir getan. Manche Leute lieben es, während andere nicht besonders drauf stehen. Mir machen die Songs live am meisten Spaß, weil sie da am besten wirken und man merkt, wie heavy sie wirklich sind, hahaha.«

Die Songs entwickeln sich auch mit der Zeit, wenn man sie öfter hört...

»Ja, exakt. Viele Leuten hören sich ein Album nur einmal an, aber für mich ist das nichts. Als ich aufwuchs, habe ich mir ein Album immer und immer wieder angehört, auch wenn ich es nicht mochte. Sondern einfach, weil ich dafür Geld ausgegeben hatte. Heute muss man nicht mal mehr Geld dafür ausgeben, es ist ein ganz anderes Spiel.«

Gibt es ein inhaltliches Konzept für "The Age Of Hell", das den Albumtitel und seine Bedeutung näher erklärt?

»Ja, es hat sogar mehrere Bedeutungen. Erstens ist es eine Art globale Reflexion davon, was in der Welt vor sich geht und das für viele Menschen dunkle Zeiten bedeutet. Zweitens ist es auch eine Reflexion dafür geworden, was es bedeutet in einer Band, also in dieser Band zu sein. Und es gibt auch eine Art Ying zu Yang, indem man das Zeitalter der Hölle in wissenschaftlicher Hinsicht verstehen kann, wenn ein Planet entsteht, überall Feuer ist, bevor er sich abkühlt. Diese Periode wird auch als "The Age Of Hell" bezeichnet. Da kommt der Nerd in mir durch, haha.«

Kommen wir mal zu ein paar einzelnen Songs des Albums. Das Album endet mit einem ziemlich coolen Instrumental-Track namens 'Samsara'. Besteht irgendeine Verbindung zwischen der Musik und dem Titel? (Samsara steht für den Kreislauf des Seins und Vergehens im Hinduismus oder Buddhismus, Anm. d. Verf.)

»Hmm, im Grunde habe ich den Song so genannt, weil es auf jeden Fall der letzte Song sein sollte. Ich habe ihm den Titel aus ähnlichem Anlass gegeben, wie bei dem, was ich schon über das Album-Cover gesagt habe. Eine Art Wiedergeburt und dass man sterben muss, um als etwas neues wiedergeboren zu werden. Der Song war schon geschrieben und ich musste lange über einen passenden Titel nachdenken. Es war auch von vornherein als Instrumental gedacht. Wir hatten zuvor schon mit instrumentalen Tracks experimentiert, 'Samsara' ist einfach die Fortsetzung davon.«

'Beyond The Grave' ist einer der abwechslungsreichsten Songs auf "The Age Of Hell", auch was deinen Gesang angeht. Hattest du dabei bestimmte Einflüsse oder Inspirationen im Kopf?

»Der Metal mit dem ich aufgewachsen bin, war sehr melodisch. Zu früheren Zeiten der Band war ich mehr in meiner Hardcore-Phase. Erst war ich ein Metalhead und kam danach zum Hardcore. Mit meinem Gesangsstil wollte ich das seit den frühen Neunzigern miteinander kombinieren. Erst habe ich hauptsächlich mit Screams gearbeitet und mich dann allmählich an den Gesang herangewagt, einfach weil ich ein Fan von melodischem Metal bin. Auf dem neuen Album, besonders bei diesem Song, war ich überzeugt, dass ich melodisch singen kann, ohne es mit Effekten zu manipulieren. Ich wollte mehr meiner Einflüsse durchscheinen lassen und zeigen, dass wir nicht mehr nur die aggressive, angepisste Metalband sind. Die cleanen Vocals gab es auch schon auf "The Infection" und wir setzen sie einfach ein, wenn die Musik danach verlangt. Und auf diesem Album verlangte die Musik häufiger danach.«

Ihr habt ein Cover des Troggs-Songs 'Wild Thing' aufgenommen. Warum habt ihr ausgerechnet dieses Lied ausgesucht? Im Vorfeld war zu lesen, dass es eine Verbindung zum in den USA derzeit sehr angesagten Charlie-Sheen-Phänomen zu tun hat.

»Wenn man im Studio ist, hat man viel Zeit in der es nichts zu tun gibt. Die Musiker sitzen rum und tippen auf ihren Smartphones und Laptops. Und ich habe auf Twitter und Facebook festgestellt, dass alle Leute über Charlie Sheen reden und man dem im Internet nicht entgehen kann. Ich habe dann zu den anderen gesagt: "Hey, wir sollten 'Wild Thing' aufnehmen". Es gibt da diesen Film "Major League“. Es geht um die Cleveland Indians (Baseball-Team, Anm. d.V.) und wir sind eine Cleveland-Band und die Titelmelodie ist "Wild Thing". Wir haben den Song dann in einer Nacht aufgenommen und ihn am nächsten Tag für die Fans gratis online gestellt, um aus Spaß aus dem Charlie-Sheen-Phänomen Kapital zu schlagen, da es in diesem Moment angesagt war. Außerdem war es eine gute Möglichkeit, am Ende des Videos einen Hinweis auf unser neues Album zu geben (lacht).«

Wo du das Thema Video ansprichst: Ihr habt ein Video zum Song "Year Of The Snake" gedreht, in dem man euch in beeindruckenden Zeitlupe-Effekten performen sieht. Wolltet ihr damit etwas bestimmtes hervorheben?

»Wir wollten ein Video mit den künstlerischen Stilmitteln machen, die 
sonst nur für Discovery Channel und solche Sendungen benutzt werden. Der
Song wirkt zudem schneller, weil die Bilder sich so langsam bewegen und es
war eine gute Gelegenheit die neuen Gesichter im Line-up zu zeigen.«