Online-MegazineInterview

ALCEST

Der Reiz des Einfachen

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Was manchen Menschen tiefstes Wohlgefühl beschert, kann andere langweilen oder völlig kalt lassen. ALCEST haben unzählige Underground-Bands mit ihrem schwelgerischen Sound inspiriert und positionieren sich im jungen Jahr 2014 fern aller Metal-Wurzeln. Diskussionen werden nicht ausbleiben, aber das Duo spricht selbstbewusst und positiv über das aktuelle Werk „Shelter“, die Kraft des Meeres und den persönlichen Rückzugsort des Individuums. Wir trafen Mastermind Stéphane „Neige“ Paut und Schlagzeuger Jean „Winterhalter“ Deflandre am Tour-Day-Off in Köln.

ALCEST - ShelterNeige, ein englischer Albumtitel, ein Foto als Coverbild. Was hat sich in deiner Vision von ALCEST in den letzten zwei Jahren seit „Les Voyages De L'ame“ geändert?

Neige: »Ja, die Musik hat sich ziemlich verändert. Und auch in Sachen Artwork wollte ich was anderes ausprobieren. Ein gemaltes Bild hätte nicht zu der Musik von „Shelter“ gepasst. So ist es jetzt etwas moderner und symbolhafter geworden. Ich denke, für die letzten beiden Alben waren die Bilder etwas Schönes, sehr barock und voller Details, aber „Shelter“ ist in meinen Augen sehr einfach gehalten. Deswegen wollten wir auch ein sehr schlichtes Foto.
Den englischen Titel haben wir nur gewählt, weil es sich auf französisch scheiße anhört. 'Refuge' wäre das. Es hat nichts damit zu tun, mehr Mainstream sein zu wollen.«

Beim ersten Hören war ich ein bisschen enttäuscht, weil alles so viel gleichförmiger und weniger dynamisch klingt. Auch die Drums sind sehr ruhig und im Hintergrund gehalten. Wie würdest du auf einen solchen Blinkwinkel antworten?

Neige: »Für mich ist 'einfach' nicht gleich 'einfach'. Wenn die Leute gern etwas Komplexeres hören möchten, gibt es da draußen doch so viele Bands, die das sehr gut machen, Opeth zum Beispiel. Nein, ich wollte etwas machen, dass zum Konzept von „Shelter“, dem Erfassen dieser perfekten, sehr simplen Momente im Leben, passt. Ich hatte diese besonderen Momente, als ich am Meer am Strand saß und für Stunden nur den Wellen zugeschaut habe. In der Musik wollte ich auch diese schlichten, kostbaren Stimmungen verarbeiten. Nur ein, zwei Ideen pro Song, simples Schlagzeug und verwobene Gitarrenklänge, das war die Absicht.
Sicher bin ich in der Lage, sehr komplexe Sachen zu schreiben, aber einfach bedeutet eben nicht gleich langweilig und ich denke nicht, dass „Shelter“ in irgendeiner Form langweilig ist. Es ist viel Dynamik vorhanden, sogar mehr als zuvor. Nur eben in anderer Art und Weise.«

Winterhalter: »Es war einfach die Ausrichtung des Albums.«

In unserem letzten Gespräch hattest du schon durchklingen lassen, dass dich die Metal-Szene im Allgemeinen ziemlich nervt. Man könnte vermuten, dass es noch schlimmer geworden ist?

Neige: »Ja, ist es leider wirklich. Dabei bin ich nicht die Musik leid und höre immer noch gern Metal. Es geht mehr um die Szene, in der die Leute so engstirnig sind, das ist unglaublich. Viele, die unsere Musik gern hören, haben „Shelter“ nicht verstanden und fragen sich, ob das alles ist, was ich anzubieten habe. Aber ich biete damit alles an, was ich kann und habe all meine Mühe und Leidenschaft in dieses Album gesteckt, was auch die Absicht von Kunst ist. Nicht verstanden zu werden, ist ein Problem, das viele Musiker und Künstler schon vorher hatten. Aber ich möchte nicht zu negativ klingen, es gibt auch viele Leute, die „Shelter“ lieben und die Reaktionen bei den Konzerten sind auch sehr positiv.«

Hast du eure beiden Supportbands für die Tour selbst ausgesucht? The Fauns klingen sehr Shoegaze-typisch, mit Hexvessel bin ich nicht so vertraut.

Neige: »Ja, wenn es möglich ist, mache ich das immer so. Hexvessel stehen mehr für die mystische, psychedelische Seite von uns. Ich mag ihren Bezug zur Natur sehr gern.«

2012 hatten wir über den Videoclip zur Single 'Autre Temps' gesprochen. Nun gibt es 'Opale'. Für mich wirkt es nicht nur wie ein Spiel mit Farben, sondern als Hommage an positive Naivität und einen unbeschwerten Blick auf das Leben. Kannst du noch mehr dazu erzählen?

Neige: »Ja, das trifft es schon. Am Anfang scheint es so, als ob sich die beiden Charaktere nicht kennen und sich nicht gegenseitig ansehen. Es ist eher traurig. Ab einem gewissen Punkt wirkt es aber so, als ob sie etwas wiedergefunden haben. Glück, Unschuld und Liebe in einer sehr starken Weise. Das Spiel mit den Farben ist von dem traditionellen indischen Fest „Holi“ inspiriert, wo sich die Menschen gegenseitig mit Farbsegmenten bewerfen.«

„Shelter“ ist stark mit dem Meer verbunden. Musik und Meer sind in ihrer Verbindung, wie ich finde, ein faszinierendes Thema, das schon jahrhundertelang besteht. Wie sieht deine Perspektive dazu aus?

Neige: »Ich denke dass wir alle diese Faszination und Angst im Bezug auf den Ozean haben. Es ist wie der Weltraum, groß, dunkel und wir wissen, dass es der tiefste Teil unseres Planeten ist. Wir selbst sind auch im Wasser, im Bauch unserer Mutter entstanden. Auf gewisse Weise vermissen wir es immer. Und wenn man am Rand des Meeres oder eines Sees sitzt, klärt das die eigenen Gedanken. Auf dem „Écailles De Lune“-Album hat mich die dunkle Seite des Meeres mehr inspiriert, mit diesem sehr romantischem Szenario, dem Mond und den silbernen Reflexionen. Bei „Shelter“ ist es mehr die sommerliche Seite geworden.«

Winterhalter, wie bist du zurzeit selbst bei ALCEST in die Entstehung der Songs eingebunden?

Winterhalter: »Hm, also was den Songwriting-Prozess angeht, macht Neige das Meiste schon alleine. Wenn die grundlegenden Ideen dann stehen, treffen wir uns bei mir zu Hause, proben gemeinsam und ändern die Struktur einiger Parts, mit denen wir nicht zufrieden sind. Als erstes nehmen wir ein Demo auf, das wir uns danach selbst anhören und darüber nachdenken können.«

Was für Equipment kommt bei euch zum Einsatz, wenn ihr zuhause eure Demos aufnehmt? Über so was denkt ja eigentlich jeder Musiker nach.

Winterhalter: »Nur die nötigsten technischen Hilfsmitteln am Computer. Es sind auch immer nur ein paar Spuren und wenige Mikrofone. Beim Schlagzeug benutze ich drei Mikros, das reicht auch völlig aus, wenn man gleichmäßig spielt.
Ich kümmere mich ansonsten viel um die technischen Sachen und Aufnahmen. Auf der Bühne benutzen wir auch einen Computer, um die richtigen Einstellungen für jeden zu finden und ein paar Layer, Pianosounds oder die Vocals von Billie (Lindahl, Gastsängerin auf „Shelter“ - ms) einzuspielen. Keiner von uns kann in ihrer Tonhöhe singen, haha.«

ALCEST - Stephane Winterhalter

Wie bist du von Beginn an mit dem konzeptionellen Hintergrund zurechtgekommen, der ja ausschließlich Neiges persönliche Erinnerungen und Gedankenwelt betrifft?

Winterhalter: »Stimmt, es hat mich schon eine Menge Zeit und Diskussionen mit ihm gekostet, um genau zu verstehen, worum es geht. Und es war natürlich nicht einfach, einem Soloprojekt beizutreten, auch weil er selbst ein guter Schlagzeuger ist und wir uns einigen mussten, wie gewisse Parts jetzt gespielt werden. Heute ist das alles entspannter, aber am Anfang war es schon schwierig.«

Auf „Shelter“ sind die Drums sehr unauffällig in den Hintergrund gemischt und die Layer und Keys sehr laut, was auch mein erstes Problem mit dem Album war, weil es dem Sound an Druck fehlt. Hattest du damit keine Schwierigkeiten?

Winterhalter: »Naja, der Mix wurde ohne mich in Island gemacht. Auf der Bühne klingt es auch sehr viel kräftiger. Ich denke, einige der Schlagzeugspuren sind ein bisschen zu leise und an anderen Stellen klingt es schön, so wie es ist. Sie sind im Prinzip sehr einfach, aber wir haben bei den Aufnahmen auch nichts hinterher editiert. Ich spiele gern einen Song am Stück ein und wir haben vieles auch zeitgleich eingespielt. Daraus ergibt sich ein natürlicherer und organischerer Sound, als wenn man alles nacheinander aufnimmt.«

Okay. Kommen wir nochmal auf ein paar andere Aspekte von „Shelter“ zu sprechen. Vor was brauchen wir denn diese 'Zuflucht' und inwiefern kannst du sie anbieten?

Neige: »Also ich glaube, dass diese Songs in erster Linie mein Rückzugsort waren. Als wir 2012 über fünf Wochen in den USA unterwegs waren, hatte ich die ersten Demos auf dem Handy dabei. Es war keine gute Phase in meinem Leben und ich habe diese neuen Songs währenddessen immer wieder gehört, da ich das vorige Album satt war und ich eine Perspektive für die Zukunft brauchte. Besonders zu dieser Zeit empfand ich unsere moderne Welt als sehr kompliziert. Du kannst das überall um dich herum fühlen. Jeder von uns braucht seinen Rückzugsort, das kann alles mögliche sein. Für mich war es das Meer, es kann auch ein Film sein, den du jedes Jahr guckst, seitdem du 15 Jahre alt bist. Ich sprach mit unserem Soundmann über „Shelter“ und er meinte, wenn es ihm schlecht geht, redet er nicht darüber, sondern besucht einen speziellen Ort, den nur er kennt, setzt sich dort hin und betrachtet die Landschaft. Das ist ein Rückzugsort.«

Auf „Shelter“ ist Neil Halsted von Slowdive als Gastsänger zu hören und Birgir Jon Birgirson als Produzent beteiligt gewesen. Vom Sound her passende Referenzen, aber wie ist es zu der Zusammenarbeit gekommen?

Neige: »Slowdive ist einfach meine Lieblingsband, deswegen wollte ich ihn gern als Sänger auf dem Album dabeihaben. Und das Studio haben wir uns ausgesucht, um aus der gewohnten Studioarbeit raus zu kommen und etwas zu experimentieren. Den Unterschied haben wir auch gespürt, es war  alles sehr viel offener. In den Metal-Studios ist es meist so, dass ein Typ die Mikrofone aufbaut und gar nicht vorher hören will, wie man sich die Details vorstellt. Alles läuft nach dem immer gleichen Prozedere ab. Außerdem ist man auch nicht oft in Island. Dort zu sein, hat mich auf jeden Fall auch beeinflusst, aber ich kann nicht präzise auf den Punkt sagen, woran man das hören kann.«

Wie Winterhalter vorhin schon sagte, habt ihr auch Gastvocals von einer Sängerin dabei. Billie Lindahl, die ansonsten unter dem Namen Promise And The Monster Musik macht. Ich habe zuvor nie von ihr gehört.

Neige: »Vor zwei Jahren – auf der besagten US-Tour – hat unser Fahrer ihre Musik im Auto gespielt und ich dachte direkt: „Wow, das ist echt gut und die Stimme ist auch sehr interessant!“ Wenig später habe ich dann im Internet mehr von diesem Projekt gesucht, wobei ich herausgefunden habe, dass es eine Undergroundband ist, die außerhalb von Schweden kaum jemand kannte. Billie hat sich meiner Ansicht nach einfach die falschen Leute zur Zusammenarbeit ausgesucht und war bei dem regionalen Label Imperial Records, das quasi nur Folksänger unter Vertrag hat. Ihr Image war aber sehr Goth-mäßig und die Musik sehr düster. Ein passenderes Label hätte ihr sicher gut getan. Ich habe sie dann gefragt, ob sie ein paar Parts bei uns singen möchte und damit war die Sache beschlossen.«

Wie fühlt ihr euch jetzt dabei, auch die alten Songs live zu spielen?

Neige: »Das kommt ganz auf den Song an. Manche fühlen sich wirklich gut an, andere weniger. Ich denke, insgesamt ist es nicht schlecht. Besonders wenn es die Sachen von „Souvenirs“ sind. Es ist die reinste Essenz von ALCEST. Und wenn man einen Song so oft im Leben gehört hat, ist er ein Teil deines Lebens geworden und bei jedem Mal kommen auch die Erinnerungen hoch. Deswegen werden wir bei den Konzerten immer die alten Lieder spielen, weil wir wissen, welche Bedeutung es für die Menschen hat. Natürlich sieht man seine eigene Arbeit anders als die Leute, die mich nach dem Konzert fragen: „Ey, wieso habt ihr 'Ècailles De Lune Part 2' nicht gespielt?“, und ich mir denke, „ich wollte es einfach nicht“. Es nur ein Song wie jeder andere. Man ist da eben selbstkritischer.«

Winterhalter: »Am Schlagzeug macht das nicht so den Unterschied. Es macht viel Spaß, egal ob es neue oder alte Songs sind.«

 

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