Online-MegazineInterview

HELLWELL

Cha Ching!

HELLWELL

Im ersten Teil des Interviews in Rock Hard 304 wurde bereits die frühe Verbindung zwischen dem Manilla-Road-Kopf Mark „The Shark“ Shelton und seinem alten Highschool-Buddy Ernest Cunningham Hellwell (aka Ernie) beleuchtet. Das HELLWELL-Debüt „Beyond The Boundaries Of Sin“ basiert in den drei Songs der zweiten Hälfte auf Ernies Geschichte „Acheronomicon“.

Manilla Roads „Mystification“ war ein Tribut an Edgar Allan Poe, „Acheronomicon“ klingt vom Titel her nach Lovecrafts „Necronomicon“. Du hast den Schreibstil von Ernie selbst als eine Mischung dieser beiden beschrieben.

»Der Name „Acheronomicon“ basiert auch auf der griechischen Sprache. Dieses Album dürfte das erste sein, was von Ernie publiziert wird – es ist also kein Wunder, dass man ihn kaum über Google nahe kommt. Er hat anscheinend auch nie in einer Band gespielt. Sein Geld her er die letzten Jahre in einem lokalen Headshop verdient. Weil ich hin und wieder dort Kunde bin, haben wir uns überhaupt nach all den Jahren wieder getroffen. Immer wenn er dort arbeitete, lief wirklich abgedrehte Musik. Er ist ein riesiger Fan von Jon Lord (R.I.P.; das Interview fand vor dem Tod dieser Ikone statt – Anm. d. Verf.), erwähnte aber auch Patrick Moraz (u.a. kurzzeitig Keyboarder von Yes – d. Verf.) und diesen Gregg von Angel. Ernie wüsste jetzt dessen Familiennamen (Giuffria; später bekannt durch eben jene Band und House Of Lords – die Stimme aus dem Off). Er hat mich auch mit Hawkwind und Tangerine Dream vertraut gemacht.«

Du hast als Knirps selbst unter den Fittichen Deiner Mutter mit dem Klavierspiel begonnen. Würdest Du viele Parts auf dem HELLWELL-Album anders spielen oder arrangieren, als Ernie?

»Wir haben recht oft Meinungsverschiedenheiten. Ernie lässt seinen Scheiß immer kreuz und quer im Studio herumliegen und schuldete Jonny seit einer halben Ewigkeit 20 Dollar. Aber wir haben schon auf „Playground Of The Damned“ sehr gut zusammengearbeitet und dabei wenig gestritten, obwohl es manchmal unterschiedliche musikalische Ansichten gab. Ich selbst bin immer noch recht fit an den Tasten, was auf das Training in meiner Kindheit zurückgeht. „Voyager“ dürfte das unterstreichen. Aber Ernie ist eindeutig besser und vor allem auch ein großartiger Basser.«

Das enorm epische 'The End Of Days' unterscheidet sich durch seine Länge und die Ambient-Parts in Intro wie Outro vom Rest des Albums. Die zugeschlagene Tür am Schluss erinnert an die 12“-Maxi-Version von Gary Moores 'Over The Hills And Far Away'.

»Sorry, mit dessen Schaffen bin ich nicht so vertraut – vielleicht eher Ernie. Der Effekt entspricht jedenfalls seinem schrägen Humor. Die arabischen Melodielinien kamen uns beiden in den Sinn, da sie mit den Orten und kulturellen Hintergründen des Texts korrespondieren. Die drei bislang geschriebenen neuen Songs verfolgen eine ähnliche Konzeption, sind allerdings doomiger. Einer der Tracks ist auch richtig vertrackt progressiv, aber heavy. Mit den neuen Talente, die uns bereichern, wird das zweite Album etwas anders klingen.«

Über die neuen Talente wurde bereits gesprochen (siehe die Heftversion des Interviews). Wer aber ist Jonny „Thumper“ Benson? Noch ein alter Kumpel aus Teenagerzeiten?

»Ich fand ihn in der Gosse vor einer Bar... Nein, das war nur Spaß. Er ist erst 22 Jahre alt, also nicht Teil meiner Vergangenheit. Als ich vor anderthalb Jahren einen Drummer für HELLWELL suchte, wurde er mir von einem Kumpel empfohlen. Wir trafen uns in den Midgard Sound Labs und jammten erst mal nur auf Akustikgitarren. Er ist ein toller Gitarrist. Unser Improvisations-Session hat enormen Spaß bereitet und irgendwann fragte ich ihn, was seine Qualitäten als Drummer wären. Er meinte, dass er am Schlagzeug besser als an der Gitarre sei. Also ließen wir ihn das Set im Studio umstellen – er ist Linkshänder. Beim erneuten Zusammenspielen stellte sich heraus, dass er Füße wie Donner hat. Ich konnte nicht glauben, wie konsistent sein Spiel an der Doublebass war. Er ist ein menschliche Uhrwerk. Also fragte ich ihn, ob er uns beitreten wolle. Er stammt eigentlich eher aus der amerikanisch ausgerichteten Nu-Metal-Szene, wuchs aber mit der Musik seines Hippie-Vaters auf. Ich mag seinen Dad sehr.«

Das erste Riff im härteren Part von 'Keepers Of The Devil’s Inn' ähnelt von der Stimmung her dem von Megadeths 'Mary Jane'. In älteren Thankslisten von Dir tauchen Slayer und Voivod auf, aber die Wege von Manilla Road und Mustaine haben sich entweder nicht gekreuzt, oder Du magst seine Musik nicht zu sehr. Sind Megadeth nach Deinem Geschmack zu sauber und technisch?

»Tatsächlich schätze ich die Band und Dave als herausragenden Gitarristen. Seine Stimme ist manchmal etwas gewöhnungsbedürftig, aber das behauptet man von meiner auch, wie man mir zuträgt. Megadeth und Metallica haben mich allerdings als Gitarristen kaum mehr beeinflusst. Das taten Jimi Hendrix, Michael Schenker, David Gilmore, KK Downing und Glen Tipton, Ritchie Blackmore, Tony Iommi und viele mehr. Natürlich muss ich noch Alex Lifeson erwähnen, da gerade viele meiner frühen Stücke ein gehöriges Rush-Feeling hatten. Ich mag beinahe aus allen Musikrichtungen etwas und Megadeth sind mir absolut nicht zu glattgebügelt. Die Gitarrenarbeit all der Songs, die ich kenne, ist superb und mein Sohn liebt die Band.«

War 'Deadly Nightshade' der einzige Song von „Beyond The Boundaries Of Sin“, der ursprünglich für Manilla Road geschrieben wurde?

»Ja, Cory hatte aber auch beim x-ten Versuch keinen vernünftigen Drumpart dazu auf die Reihe bekommen. Als ich ihn Jonny im Studio vorspielte, hatte dieser direkt eine zündende Idee dafür. Zwei oder drei Stunden später hatten wir den Song in der Albumversion fertig. Cha Ching!«

Dein Name wird manchmal Mark W. Shelton geschrieben. Kennst Du die französische Bush-Satire „Being W“?

»Die war mir kein Begriff, aber der Link zu dem Trailer war schon sehr lustig. Ich mag Politik nicht besonders, sie gleicht zu sehr organisierter Religion. Es geht beiden um die Kontrolle der Massen. Ich bezeichne mich nicht als Anarchist, aber ich liebe meine Freiheit und würde sie um jeden Preis verteidigen. «

Was hat diesbezüglich Deine Zeit bei den Marines zwischen Highschool und Bandgründung zu bedeuten?

»Ich wurde nach einer bösen Beinverletzung aus medizinischen Gründen vorzeitig entlassen. Meine Familie hat eine lange Geschichte beim Militär. Mein Vater flog als Pilot bei der Airforce viele Missionen über Vietnam und Kambodscha. Ich habe Onkel, die in Korea und im Zweiten Weltkrieg auf beiden Seiten in Deutschland gekämpft haben. Einer meiner Onkel lebt immer noch in Berlin. Mein Großvater war im Ersten Weltkrieg Sanitäter. Ältere Vorfahren kämpften im Bürgerkrieg und ein Shelton hat etwas mit der Unterzeichnung der Magna Carta zu tun. Mein Sohn ist jetzt 17 und noch nicht in dem Alter dafür. Ich überlasse es ihm, ob er der Tradition folgt, aber ehrlich gesagt, sieht es eher nach einer Karriere als Gitarrist oder Skatebord-Punk bei ihm aus. Er könnte auch einen Job im Headshop bekommen. Sollte es die unwahrscheinliche Anfrage einer Tour bei den US-Soldaten im Ausland an Manilla Road geben, würde ich mich geehrt fühlen.«

Wie sieht es mit dem weiblichen Nachwuchs aus: Sind Manilla Road und HELLWELL für sie mit das Uncoolste der Welt?

»Meine Tochter ist jetzt 14 und sie kümmert sich in der Tat nicht um beide Bands. Sie mag meine Akustiksongs, also auch ein paar von Manilla Road, aber sie ist kein Metalhead. Aly steht mehr auf Pop und Hip Hop. Mein Sohn ist dagegen aus anderem Holz geschnitzt. Er hat zwar auch einen Hip-Hop- und Rap-Background, aber je älter er wurde und je öfter er Manilla Road spielen hörte, um so härter wurde sein Musikgeschmack. Mittlerweile steht er total auf beide Bands, lernt Gitarre und Keyboard. In dem Fall fiel der Apfel nicht weit vom Stamm.

 

www.manillaroad.net

 

Das ergänzende Interview aus Ausgabe 304 findet ihr hier.