Online-MegazineInterview

CRADLE OF FILTH

Bis zum nächsten Porno und noch viel weiter

CRADLE OF FILTH

Auf der ersten Deutschlandtour seit 2008 griffen wir uns CRADLE OF FILTH-Gitarrist Paul Allender, der sich als gut gelaunter, humorvoller, vor allem aber selbstbewusster Gesprächspartner präsentierte und uns beantwortete, warum es im Internet keine CRADLE OF FILTH-Fans gibt, weshalb Drei-Stunden-Setlists nicht gehen und wie sich die Musikwirtschaft in den letzten Jahren verändert hat.

Hi Paul, wie läuft die Tour?

»Sie läuft ein bisschen anders als die Touren, die wir vorher gemacht haben, denn wir sind alle sehr fokussiert und haben viel Spaß an den Gigs. Nicht nur CRADLE OF FILTH, sondern alle Bands. Es läuft also sehr gut, besser als ich erwartet hätte, um ehrlich zu sein.«

Ich habe mich ehrlich gesagt gewundert, warum ihr auf dieser Tour im Lido spielt. Letztes Mal, als ihr in Berlin gespielt habt, wart ihr im Huxleys, das ja mehr als drei Mal so groß ist. Wie kommt das?

»Wir leben in schweren Zeiten. Da müssen alle Bands durch, selbst wenn sie Glück haben. Nur die ganz großen Bands haben keine Probleme, ansonsten betrifft das alle. Das liegt an der Entwicklung in der Industrie. Niemand hat mehr Geld zum Ausgeben, die Einkommen sind gesunken. Da geht es nicht nur um die Musikindustrie, sondern um die gesamte Wirtschaft, das betrifft jeden. Viele Leute haben ihre Jobs verloren, weil es sich die Arbeitgeber nicht mehr leisten können, sie zu bezahlen. Das ist halt die Art, wie die Welt funktioniert, aber immerhin funktioniert sie weiter. Und ich mag, nebenbei gesagt, Venues dieser Größenordnung eh lieber. Wenn ich die Wahl habe, nehme ich die kleinen Locations, denn dort ist es heiß und schweißtreibend und auch intimer.«

Die Show heute wird ziemlich voll, also schweißtreibend wird es bestimmt.

»Geil! So mag ich das gerne!« (lacht)

Eure letzte Deutschlandtour war 2008, ihr habt euch also eine Weile nicht blicken lassen, wenn man mal von ein paar Festivalshows absieht. Denkt ihr, dass eure Fans umso hungriger auf euch sind?

»Ja, das wollen wir doch hoffen. Wir haben dieses Jahr in Wacken gespielt, aber da weiß man ja immer nicht, ob auch wirklich die Leute vor der Bühne stehen, die einen sehen wollen. Das Festival geht immerhin vier Tage lang, da kommen die Leute nicht unbedingt wegen einzelner Bands, und gerade wenn du am letzten Tag spielst, stecken den Fans schon vier Tage in den Knochen. Da sind einem die kleinen Konzerte schon irgendwie lieber.«

CRADLE OF FILTHEure Setlist ist ja ziemlich gleichmäßig von allen Alben besetzt, anstatt das neue Werk ins Rampenlicht zu stellen. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

»Wir haben ursprünglich drei oder vier neue Songs einbringen wollen, aber das hat nicht funktioniert. Wir haben zum Beispiel 'Frost On Her Pillow' gespielt. Wir haben ein bisschen rumjongliert, haben den Song erst in die Zugabe gepackt, dann in den Hauptset, mal an den Anfang, mal ans Ende, und er hat einfach nirgendwo gepasst. Wir hätten ihn gerne gespielt, aber wir haben einfach nicht den richtigen Platz für ihn gefunden. Wir waren darüber ein bisschen enttäuscht, aber haben uns dann entschlossen, nur 'The Abhorrent' und 'For Your Vulgar Delectation' rein zu nehmen. Das sind halt unsere Kick-Off-Tracks. Dazu kommt noch, dass wir nicht mehr Songs rein nehmen können, weil dann der Set jedes Mal länger und länger werden würde, und wir haben in den Venues natürlich auch Curfews. Wir müssen uns also sehr genau aussuchen, welche Songs wir spielen, und deshalb ist das Set, wie es ist.«

Viele Fans würden euch bestimmt auch drei Stunden lang zuschauen...

(lacht) »Oh, ich würde das durchziehen, ABER wir machen es trotzdem nicht. Nein, aber mal ernsthaft, ein zwei-Stunden-plus-x-Set wäre schon was Geiles, da hätten wir alle schon Bock drauf, aber das würde Danis Stimme nicht Abend für Abend mitmachen.«

Tja, man kann halt nicht alles haben.

»Wenn ihr einen längeren Set sehen wollt, müsst ihr halt zu zwei Konzerten kommen.«

Anderes Thema: Wir hatten in Rock Hard 305 einen Bericht über Metal im Kaukasus, und vor allem in Georgien berufen sich viele Bands auf euch. Bedeutet es dir viel, wenn Bands von euch beeinflusst sind, die einem komplett anderen Kulturkreis angehören?

»Ja natürlich, das ist großartig! Ich höre davon gerade zum ersten Mal, um ehrlich zu sein. Ich meine, als ich angefangen habe, Gitarre zu lernen (ich lerne immer noch), habe ich zu anderen Bands aufgeschaut, die unseren Sound geprägt haben, z.B. Judas Priest und Iron Maiden. Diese Bands haben uns sehr beeinflusst, und es ist großartig, dass wir nun Bands auf dieselbe Weise beeinflussen. Speziell eben in einem Land wie Georgien. Das ist unglaublich.«

Habt ihr dort schon einmal gespielt?

»Nein, da haben wir noch nicht gespielt. Wir waren schon an vielen Orten, und es gibt an vielen Orten Bands, die von uns beeinflusst wurden, zum Beispiel auch sehr viele in den Staaten. Das ist total verrückt. Ich lebe inzwischen in Amerika, und das Land hat einfach eine komplett eigene Musikszene. Ich nenne das Fleischkopf-Musik. Die ist sehr stampfend, maschinell, präzise. Es ist Schlagmusik. Viele dieser Bands schreiben uns und sagen: Wir sind total von euch beeinflusst. Das ist schon cool, aber es ist halt ein komplett anderer Musikstil.«

CRADLE OF FILTH - Paul AllenderIst das für dich auch eine Verantwortung, in jeder Situation dein Bestes zu geben? Sie tun das immerhin auch, und vor allem die Georgier haben es dabei sicherlich schwerer...

»Naja, nicht wirklich, denn wir versuchen sowieso immer schon, unser Bestes zu geben, und das gilt im Speziellen für unsere Alben. Wir sind da schon sehr hinterher, das alles top und zu hundert Prozent perfekt ist. Ich bin der absolut festen Überzeugung, dass, egal ob es um Studioaufnahmen, Konzerte, Videos oder sonst was geht, man immer seine ganze Energie reinstecken sollte, sein Herz und seine Seele. Wenn du das nicht tust, werden die Fans das sofort bemerken. Das ist auch der Grund, warum sich der Stil unserer Alben immer wieder verändert, denn auch unsere Einflüsse verändern sich ständig. Natürlich bleiben wir dabei immer eine Metalband. Aber wir sind kein Black Metal, wir sind kein Death Metal, wir sind kein Freaky Pink Metal, wir sind nicht irgendwas. Wir sind eine Metalband! Und weil das so ist, können wir uns an verschiedenen Orten niederlassen. Ja, manche Leute mögen einige Alben nicht, andere lieben genau diese Alben. Als wir das „Thornography“-Album gemacht haben, mochten das einige Leute nicht, aber wir haben unsere verdammt treue Fanbase, die es mochte. Als wir dann „Godspeed...“ rausgehauen haben, gefiel den Leuten auf einmal „Thornography“ besser. Das ist total bescheuert! Du musst dir selbst treu bleiben. Du kannst nicht Musik schreiben, um andere Leute zufrieden zu stellen. Du kannst nicht irgendwas machen, um ohne Widerstand durchzukommen, das ist einfach nur Fake. Alles, was du in deiner Band tust, muss von dir selbst kommen.«

Ist diese Einstellung die Verbindung zwischen CRADLE OF FILTH und einer Band wie God Seed? Die letzte Tour fand ja immerhin mit Gorgoroth (damals noch in der King/Gaahl-Besetzung, also die Vorgängerband von God Seed – fp) statt, insofern liegt es nahe, dort eine Verbindung zu vermuten.

»King ist schon ein Kumpel von uns, aber letztendlich wollten sie halt den Supportslot haben. Da gibt es keine speziellen Gründe, warum sie ihn bekommen haben, außer dass wir sie halt kennen und wissen, dass es mit ihnen funktioniert. Das hat uns letztendlich überzeugt.«

Immerhin gibt es doch einige Gemeinsamkeiten: beide Bands sind in der Black Metal-Szene verwurzelt, spielen aber keinen reinen Black Metal mehr, haben eine gewisse Fuck-Off-Attitüde bezüglich Erwartungshaltungen entwickelt und sind musikalisch inzwischen recht offen.

»Ja, das ist schon richtig. Wenn die Leute sich nicht auf uns einlassen können und nur kurz in die Alben reinhören, anstatt sich darauf zu konzentrieren, und dann meinen, das Album wäre scheiße, weil es nicht nach „Dusk...And Her Embrace“ klingt, geht mir das sonst wo vorbei. Diese Leute sind komplette Zeitverschwendung. Wenn du dich als echter Fan bezeichnest, solltest du dir zumindest die Zeit nehmen, dir ein neues Album in Ruhe anzuhören und ihm eine echte Chance zu geben. Das bedeutet auch, dass man es sich zumindest zwei Wochen lang immer wieder anhört, dass man versucht, darin einzutauchen. Wenn man dann sagt: "okay, ich mag es halt nicht", ist das nur gerecht. Das respektiere ich sehr. Aber viele Leute hören halt nur mal kurz rein, geben sich einen halben Song und maulen rum: Das ist scheiße, da fehlt das und das und das. Um diese Leute kümmere ich mich einen Scheiß. Man muss allem doch zumindest eine echte Chance geben.«

Meinst du, dass es die echten Fans sind, die auch auf eure Konzerte kommen? Die, die alle Alben irgendwie überstanden haben?

»Ja, ich denke schon. (klopft energisch auf den Tisch) Denn ich sehe ja selbst, dass zu unseren Shows fast nur Hardcore-Fans kommen. Wir haben uns halt recht häufig verändert, gleiches gilt für die Industrie und die Wirtschaft, die Situation hat sich komplett verändert. Die Leute, die uns durch all das gefolgt sind, sind unsere Hardcore-Fans. Diese Leute genießen meinen tiefsten Respekt. Auf der anderen Seite gibt es halt die Leute, die nur im Internet rumhängen und sich nicht aufraffen können, ihr Leben zu leben.«

Es ist ja sowieso ein interessantes Phänomen, dass CRADLE OF FILTH keine Fans haben, wenn man die Einträge in irgendwelchen Foren zum Maßstab nimmt. Sie scheinen aber zu existieren, immerhin kommen sie zu euren Konzerten.

»Es ist ein ungeschriebenes Gesetz bei vielen Bands, dass die Leute nicht erzählen, dass sie die Band mögen. Nur Leute, die uns nicht mögen, stänkern online rum, weil sie denken, dass das cool ist. Das sind dreckige Wichser, deren Existenz nur bis zum nächsten Porno reicht. Ich lese so etwas schon gar nicht mehr, denn es ist einfach nur Zeitverschwendung, aber als ich sie noch gelesen habe, hab ich einfach nur da gesessen und gedacht: Leute, ihr habt absolut keine Ahnung! Der Song hat nicht dies, der da hat nicht das, der nicht, nee, nee, nee. Was für ein Unfug. Du hast nicht das Recht, dazusitzen und dich über die Songs zu beschweren, wenn du keine Ahnung hast, was eigentlich abgeht. Das sind irgendwelche Kinder ohne Leben, die sich nachts auf die Friedhöfe schleichen und irgendwelchen bescheuerten Goth-Kram machen. Das ist ziemlich bizarr.«

Welche Band hat dich 2012 so richtig gekickt?

»Kreator! Das neue Album ist großartig! Wir haben mit ihnen in Prag zusammen gespielt, sie waren der Headliner und haben alles in Grund und Boden gestampft. Die sind ein bisschen wie Motörhead, es ist immer dasselbe, aber es ist jedes mal verdammt gut. Ja, das ist offen gesagt das Einzige dieses Jahr. Ich hab mir das Album auf iTunes gekauft, nachdem vor allem die amerikanischen Fans  es mir ans Herz gelegt haben, und es hat mich echt weggehauen. Also höre ich es jetzt zu Hause und auf dem iPod und im Auto (lacht).«

Wo du gerade iTunes ansprichst, kaufst du eigentlich noch CDs oder LPs?

»Äh, ehrlich gesagt ist es da meiner Meinung nach Zeit weiterzugehen. Ich kaufe immer noch CDs, aber nur von richtig geilen Sachen. Wenn ich aber etwas sofort haben will, kaufe ich es mir. Das sind dann aber trotzdem die kompletten Alben. Es ist einfach zweckmäßig. Aber wenn ich etwas unbedingt auf Vinyl oder CD haben will, kaufe ich es meist bei Amazon und lasse es mir liefern. Ich hab einfach keine Zeit mehr, mich in irgendwelchen Plattenläden rumzutreiben. Die sind halt auch recht weit weg von dem Ort, an dem ich lebe. Ich brauch für die Anfahrt 45 Minuten. Also lass ich mir den Kram von Amazon liefern.«

Immerhin kaufen Metalfans ja noch viel mehr CDs als Fans anderer Richtungen. Denkst du CDs und LPs werden in der Metalszene länger überleben als anderswo?

»Ja, definitiv, denn wenn du wirklich auf Metal stehst, ist das kein Fake. Es ist in deinem Blut. Das ist ein Lebensstil. Die Leute, die dafür leben, tun das auch ihr ganzes Leben lang. Da gibt es kein: "Ja, das war mal so, aber heute mache ich etwas anderes." Das war bei mir nicht anders. Natürlich verändern sich Dinge, auch der eigene Geschmack verändert sich, aber ich bin immer noch ein Metalhead. Der Grund dafür, dass ich trotzdem auch andere Stile höre, ist einfach der, dass ich Musiker bin. Und wenn du dich weiterentwickeln willst, musst du auch andere Stile erforschen. Ansonsten klingst du halt wie jeder andere. Deswegen experimentiere ich mit anderen Musikstilen. Aber meine Wurzeln und mein Blut sind immer noch Metal. Das gilt natürlich auch für CRADLE OF FILTH. Ansonsten würde ich das nicht machen. Das letzte CRADLE OF FILTH-Album ist ein reines Metal-Album, und das funktioniert gut so. Vor allem hat es gut funktioniert, dass wir wieder unsere Punkeinflüsse reingebracht haben. Und wenn euch das gefällt: geil. Wenn nicht: geil (lacht). Aber wir schreiben die Musik für niemand anderen.«

 

Pic: James Sharrock

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