Online-MegazineInterview

SINSAENUM

Auf dem Pfad der Extreme

Sinsaenum

Fast hätte man annehmen können, die Death-Metal-Supergroup SINSAENUM und ihr 2016er Debütalbum „Echoes Of The Tortured“ seien für Initiator Frédéric Leclercq lediglich ein einmaliges Hobby-Vehikel gewesen, um seiner Leidenschaft für die extremeren Klänge freien Lauf zu lassen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Nach der vielversprechenden „Ashes“-EP vergangenes Jahr wuchtet die Allstar-Truppe bereits ihr zweites tödliches Langeisen in die Plattenregale und belegt mit „Repulsion For Humanity“ die Vision einer vollwertigen Band. Anlass genug, mit Dragonforce-Bassist und Mastermind Leclercq über den Widerstand gegen den Mainstream, Horrorliteratur und die Leidenschaft, die ihn mit Drummer Joey Jordison (Ex-Slipknot, Vimic) zusammenbrachte, zu sprechen.

Hi Fréd, Gratulation zum zweiten Album! Du hast immer betont, dass SINSAENUM kein Projekt, sondern eine richtige Band sind. Fühlt ihr euch jetzt noch viel mehr wie eine Band?

»Oh danke! Ich vermute, in den Augen unserer Hörer ist das der Fall, aber für uns hat sich überhaupt nichts verändert. Wir wollten immer eine Band sein und wir wurden eine Band, deshalb macht das für uns keinen Unterschied. Aber die Leute sehen jetzt, dass es uns nicht nur um ein Album ging. Deshalb würde ich diese Frage mit „Ja“ beantworten, allerdings von Seiten der Fans.«

Ich habe mich das nur gefragt, weil Joey Jordison in einem Statement gesagt hat, dass sich „Repulsion For Humanity“ für ihn wie das erste Album mit der Band anfühlt.

»Das stimmt. Okay, ich vermute, er wollte damit zum Ausdruck bringen, dass wir das Album im Vergleich zum Debüt dieses Mal alle gemeinsam aufgenommen haben. Die Aufnahmen verliefen organischer und band-mäßiger. Joey flog nach Frankreich und er, Stéphane (Buriez, voc. - sb) und ich mieteten zusammen ein Haus, in dem Joey seine Drums aufnahm. Jeden Tag wachten wir auf, gingen ins Studio und kamen nachts zurück, um uns die Tracks anzuhören und über SINSAENUM zu sprechen und den nächsten Tag zu planen. Das ändert für mich aber nichts an der Vision, die ich von Anfang an hatte. Wir sind eine Band!«

Joey und du habt euch 2008 auf einer gemeinsamen Tour kennengelernt. Wie habt ihr eure gemeinsame Leidenschaft für den Death Metal festgestellt?

»Ganz genau weiß ich das nicht mehr, ich erinnere mich nur noch daran, dass wir eines Nachts lange über Musik gesprochen haben. Dabei erwähnte einer von uns Morbid Angel und wir stellten begeistert fest, dass wir beide Death Metal lieben. Er hatte ein Buch mit dem Titel "Choosing Death" (Die unglaubliche Geschichte von Death Metal & Grindcore, 2004 – sb), dass er mir am nächsten Tag mit den Worten 'Lies das, aber verlier es nicht' gab. In den folgenden Wochen las ich dieses Buch und wir kamen wieder zusammen, um über unsere Lieblingsbands zu sprechen, Morbid Angel brachten uns zusammen. Jedes Mal, wenn wir uns daraufhin trafen, begrüßten wir uns mit den Worten 'Hey, MA, was geht ab?' MA, also der Abkürzung für Morbid Angel. Während der Festivalsaison riefen wir uns oft über den ganzen Platz 'Morbid Angel!' entgegen. Das war unser kleines Ding und heute stehen wir hier und spielen zusammen (lacht).«

Kannst du dich noch erinnern, wie du das erste Mal mit Death Metal in Kontakt gekommen bist?

»Meinen Weg hin zum Metal fand ich durch Manowar und ihr Album „Kings Of Metal“. Der erste Song 'Wheels Of Fire' ist ziemlich intensiv und brutal, das war meine Initialzündung. Daraufhin ging ich den normalen Weg über Iron Maiden, Queensrÿche, Judas Priest, Mötley Crüe, Metallica, Megadeth, Anthrax, Slayer und Sepultura. Als ich jung war, versuchte ich meine Mutter davon zu überzeugen, dass Metal keine schlechte Sache ist. Ich habe ihr immer Sachen vorgespielt, die nicht zu hart waren, Alice Cooper zum Beispiel, oder Great White. Dann sah ich ein Live-Video von Loudblast und das war sogar für mich absolut erschreckend. Ich dachte mir nur 'Fuck, das ist Lärm!' und das ich diese Art von Musik niemals hören würde, weil sie keinen Sinn ergibt. Ein paar Wochen später war ich dann komplett davon besessen. Die ersten beiden Death-Metal-Alben, die ich besaß, waren „Altars Of Madness“ von Morbid Angel und „Testimony Of The Ancients“ von Pestilence. Ich hatte meine Mutter so weit überzeugt, dass sie in die Stadt fuhr und sie mir in einem Plattenladen kaufte. Es ist also ihre Schuld. Loudblast hatten jedoch auch einen großen Einfluss auf mich, deshalb ist es lustig, dass Stéphane jetzt in der Band und einer meiner besten Freunde ist.«

Ist der Death-Metal-Fréd gewissermaßen eine zweite Persönlichkeit von dir, oder gehst du sowohl an Dragonforce als auch an SINSAENUM mit der gleichen Einstellung heran?

»Das sind nur zwei Teile meiner Persönlichkeit, es gibt noch viel mehr! Meine Freunde, die mich seit vielen Jahren kennen, kümmern sich nicht darum, ob ich für Dragonforce oder SINSAENUM spiele. Die Art, wie ich mich auf der Bühne verhalte oder Leuten präsentiere, die mich kaum oder überhaupt nicht kennen, kann dazu führen, dass sie sagen: 'Oh, das ist der Kerl von Dragonforce, der Bass spielt, immer grinst und dumme Grimassen zieht.' Sie denken, das bin ich. Wenn mich Leute mit SINSAENUM sehen, die mich nicht von Dragonforce kennen, dann denken sie vielleicht, dass ich böse aussehe, nur über brutales Zeug rede und niemanden gern habe. Und es stimmt, es gibt diese beiden Persönlichkeiten. Andererseits ist da aber auch der Jazz-Fusion-Fréd, der Playstation-3-Fréd und der Playstation-4-Fréd, der kochende Küchen-Fréd und so weiter. Auf musikalischer Ebene gefallen mir viele Dinge. Es fällt den Leuten oft leicht, dich in eine Schublade zu stecken und das ist der Kampf, den ich mit mir selbst geführt habe, als wir SINSAENUM starteten. Ich wollte nicht, dass die Leute mich als den Bassisten von Dragonforce ansehen. Aber, um die Frage zu beantworten: Ja, ich habe mehrere Persönlichkeiten. Mich nur wegen einer Sache in eine Schublade zu stecken, reduziert das Gesamtbild.«

Was hältst du von dem Gedanken, dass ihr mit SINSAENUM möglicherweise einige genrefremde Dragonforce- und Slipknot-Fans zum Extrem-Metal führen könntet?
»Zuallererst ist es mir wichtig, mich mit meiner Musik selbst zufriedenzustellen und mich ausdrücken zu können. Manchmal frage ich mich aber tatsächlich, was der Zweck des Ganzen ist, das ich immerhin schon seit einigen Jahren mache. Warum stecke ich so viel Anstrengung in Musik? Brauche ich die Aufmerksamkeit der Menschen? Ich glaube nicht, dass ich den Leuten vorschreiben möchte, was sie hören sollen. Aber natürlich, wenn es das ist, was passiert, dann ist das großartig! Vielleicht versuche ich auch nur, den Leuten das zurückzugeben, was ich gefühlt habe, als ich jung war und die Musik für mich entdeckte. Ich weiß es nicht, das ist eine interessante Frage, die ich selbst zu verstehen versuche. Um den Bogen zurückzuschlagen: Wenn wir junge Dragonforce- oder Slipknot-Fans infizieren und sie dazu bringen können, Bands wie Deicide, Pestilence, Morbid Angel, Carcass oder Death für sich zu entdecken, dann ist das eine großartige Sache! Es ist aber nicht unser Ziel.«



Gleichzeitig hast du im Vorfeld mit Nachdruck betont, dass nichts an „Repulsion For Humanity“ auch nur ansatzweise in Richtung Mainstream zielt, was im Death Metal natürlich insgesamt nicht verwunderlich ist. Siehst du darin heutzutage ein Problem für die Kreativität und Vielfalt der Szene, dass viele Bands ihre Songs für das Radio zurechtschneidern?

»Nicht wirklich. Es ist schlichtweg notwendig, dass du eine gewisse Aufmerksamkeit bekommst, damit die Leute deine Alben kaufen und du dein Ding weiter durchziehen kannst. Ich bin ein riesiger Fan von Allan Holdsworth (2017 verstorbener britischer Jazz-Gitarrist – sb), was er getan hat, war unglaublich! Trotzdem ist er nicht sonderlich wohlhabend gestorben und kaum jemand kannte ihn. Er erschuf großartige Musik, die nicht für den Mainstream bestimmt war, und konnte trotzdem überleben. Ein solches Leben würde ich liebend gerne führen. Es gibt heute viele Bands, die sehr auf das Radio ausgerichtet sind und es gefällt mir nicht, wenn das zu offensichtlich klar wird. Manche Bands machen das auf eine clevere Art und Weise, wenn es funktioniert, schön für sie. Wir sagen uns nicht: 'Dieser Song muss dreieinhalb Minuten lang sein und der erste Refrain muss exakt nach vierzig Sekunden kommen.' Wenn ein Song achteinhalb Minuten lang wird, dann kommt er eben nicht ins Radio, denn ich schreibe so, wie ich es will. Außerdem, irgendetwas muss ja im Pressetext stehen und niemand würde schreiben: 'Dieses Album ist beschissener geworden, weil wir keine Ideen hatten' (lacht).«

Auf jeden Fall habt ihr euch diesmal dafür entschieden, die vielen Intros und Interludes des ersten Albums wegzulassen. Hast du die Erfahrung gemacht, dass den Hörern dafür die Zeit fehlt oder sie den Fluss von „Echoes Of The Tortured“ gestört haben? Auch wenn es „Repulsion For Humanity“ immer noch auf stolze 62 Minuten bringt.

»Ich weiß, dass es ein langes Album ist. Dass es tatsächlich 62 Minuten lang ist, haben wir allerdings erst nach den Aufnahmen festgestellt. Sollten wir unsere Alben in Zukunft kürzer halten? Aber die Songs ergeben Sinn, so, wie sie sind. Warum sollten wir also etwas ändern? Was die Intros und Interludes betrifft: Ich wollte, dass das erste Album wie „Testimony Of The Ancients“ von Pestilence oder „Wildhoney“ von Tiamat wird, die dadurch eine Geschichte erzählen.«

Also ein übergreifendes Konzept?

»Genau, obwohl es tatsächlich keines gab. Die Geschichte der „Echoes Of The Tortured“ gibt es nicht. Für mich beschreibt das Album vom ersten bis zum letzten Song eine Reise, die dich an einen anderen Ort versetzt. Das hatte ich dabei im Sinn und das ist die Art von Erfahrung, die ich dem Hörer bieten möchte. Da wusste ich aber bereits, dass ich das nicht auf jedem Album so machen würde. Wir haben es einmal getan und es gab keinen Grund, es noch einmal zu tun. Viele Leute mochten „Echoes Of The Tortured“ nicht, obwohl sie sich eigentlich nicht wirklich darüber beschweren konnten. Es hieß immer nur: 'Eigentlich ist das Album ja ganz toll, aaaber, die Interludes...' Deshalb starten wir dieses Mal auch mit einem richtigen Paukenschlag, 'Drrraaannnggg' (imitiert den ersten Akkord des Openers 'Repulsion For Humanity' – sb)! Das ist es doch, was ihr wolltet! Fuck you (lacht)!«

Mit 'Nuit Noir' habt ihr nach 'Anfang des Alptraums' bereits den zweiten Song-Titel in einer anderen Sprache. Außerdem ist das Stück nach einem gleichnamigen Horror-Roman benannt. Bist du ein Fan von Horrorliteratur?

»Oh ja, das bin ich! Schon „Echoes Of The Tortured“ war die Übersetzung des Horror-Romans „L'écho des suppliciés“ (Joël Houssin, 1985 – sb) und entspringt einer Horror-Buch-Serie aus den Achtzigern namens „Gore“. Tatsächlich habe ich mir den Schriftzug und das Cover des „Echoes Of The Tortured“-Buchs auf den linken Arm tätowiert. Ich bin ein riesiger Fan! Damals erschienen etwa zwei Bücher pro Monat, bis irgendwann in den frühen Neunzigern Schluss damit war. Später wurde dann eine ähnliche Reihe namens „Trash“ ins Leben gerufen und eines dieser Bücher trägt den Titel „Nuit Noir“. Das Ding ist wirklich verdammt intensiv geschrieben und extrem gestört. Der Song ist also eine Art Light-Version des Buchs und auf Französisch klingt es einfach besser als „Black Night“. Joey und Sean (Zatorsky, voc. - sb) haben allerdings auch einen Teil der Lyrics geschrieben, obwohl sie das Buch nicht gelesen haben. Vielleicht entdecken die selben Leute, die durch uns zum Death Metal finden, auch das Buch durch diesen Song. Da wären wir wieder bei der Frage nach dem Zweck, vielleicht versuche ich die Leute dahin zu führen, dass sie verstörende Dinge für sich entdecken. Vielleicht wurde ich ja dafür geboren, ich weiß es nicht.«


SINSAENUM live:

03.10.18 Hamburg – Knust
04.10.18 Hannover – Musikzentrum
05.10.18 Berlin – Libido
09.10.18 München – Backstage
11.10.18 A-Wien – Szene
12.10.18 CH-Zug – Kulturzentrum Galvanik
17.10.18 Stuttgart – Clubb CANN

 

www.sinsaenum.com

www.facebook.com/Sinsaenum

AbfahrplanDie nächsten Konzerte

CRITICAL MESS + SINSAENUM03.10.2018HamburgKnust Tickets
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