Online-MegazineInterview

LANTLÔS

Alles langweilig?

Wirkliche musikalische Innovation zu finden, ist heutzutage nur noch bedingt möglich. LANTLÔS versuchen im Jahr 2011 mit „Agape“ die Grenzen des modernen Black Metals auszuloten. Dabei bewegt sich Mastermind Herbst größtenteils schon außerhalb des Genres und spricht im Online-Interview über ungewöhnliche Textinhalte und seine Vorliebe für die Deftones und Post-Hardcore.

Herbst, wie kamst du darauf, das neue Album „Agape“ zu taufen – ein Begriff für selbstlose, reine Liebe? Ein starker Kontrast zu dem, womit man LANTLÔS' Musik und Ästhetik zuvor assoziiert hat.

»Ja, das stimmt wohl. Also ich habe zuerst die Musik geschrieben, wie ich das immer mache. Und die war für mich ziemlich abgefahren. Ich wusste erst gar nicht, was ich damit anfangen soll und musste die Sachen oft hören, bevor sie mir gefallen haben. Und dann sind mir dazu irgendwann auch ebenso abgefahrene Themen in den Kopf gekommen, die immer was mit Körperlichkeit und Liebe zu tun hatten. Im ersten Song 'Intrauterin' geht es zum Beispiel um einen Typen, der im Mutterleib ist und seine Mutter so verehrt, dass er ihr sein eigenes Leben zurück gibt und sich in Zellen degeneriert, um so nah wie möglich bei ihr sein zu können. 
Insgesamt sind es ziemlich absolute und kosmische Dinge, die ich darstellen wollte, die so gigantisch sind, dass man sie nicht fassen kann. Und dafür brauchte ich einen Titel, der das im Kern irgendwie darstellen kann.«

Auch musikalisch bewegst du dich auf für LANTLÔS-Verhältnisse neuem, aber auch allgemein erfrischend und originell klingendem Terrain. Tiefgestimmte, warme Gitarren, langsame, rauschhafte Songs, jenseits von bekannten Songstrukturen. Was hat dich nach „.neon“ dazu bewegt, den Sound in eine andere Richtung zu entwickeln?

»Also ich habe immer schon Musik über rauschhafte Zustände gemacht. Beim ersten Album wusste ich das noch nicht so richtig einzuordnen und habe dann den „Fehler“ gemacht, daraus so ein urbanes Ding zu machen, was im Prinzip aber nicht wirklich viel damit zu tun hatte, was ich sagen wollte. Rausch, den man sich selbst geben kann, das zieht sich durch alle Musik, die ich höre und mache, oder Bilder, die ich male. Und mir ist aufgefallen, dass ich das mit der Art und Weise wie bei „.neon“ mit dem Black Metal und Screamo nicht mehr so ausdrücken kann, wie ich es möchte. Erst war ich auch ein Gegner davon, meine Gitarren runterzustimmen, was ich dann aber irgendwann gemacht habe. Und damit spielt man automatisch ganz andere Musik, weil der Sound viel wichtiger ist. Zum ersten mal habe ich die Songs auch teilweise dicht geschrieben, was sich vielleicht auch wiederspiegelt.«

Wie sind die Reaktionen der Fans bisher? LANTLÔS bewegen sich durchaus in einer Musikrichtung, wo die Hörer neue Elemente erwarten und willkommen heißen.

»Mein Ziel ist es auf jeden Fall, dass jedes Album deutlich anders klingen soll, als das davor, weil ich keinen Sinn darin sehe, zweimal eine Platte im selben Stil aufzunehmen. Was die Reaktionen der Fans angeht, weiß ich nicht, ob ich das sagen kann, ohne großartig Leute zu diffamieren. Ich glaube, dass viele sagen, sie wären open-minded, aber es im Endeffekt überhaupt nicht sind. Sie glauben, wenn sie neben Black Metal noch ein bisschen Post Rock, Drum'n Bass oder Dubstep hören, wären sie schon ziemlich offen. Und manchmal lese ich Kommentare, die direkt selbstdisqualifizierend sind. Ich will jetzt nicht böse werden, aber 50% finden es wohl scheiße, und 50% finden es cool. Aber da haben wir uns auch drauf eingestellt.«

Du arbeitest jetzt schon seit zwei Alben mit Neige von Alcest als Sänger zusammen, während du selbst die Texte schreibst. Wie viel Eigenarbeit können er und euer Drummer Felix bei LANTLÔS einbringen?

»Null (lacht). Ausführung. Unserem Drummer habe ich schon gesagt, wie er es spielen soll, was für ihn cool war. Und bei Neige ist es ähnlich. Ich schicke ihm die Demos und lasse ihm gesanglich dann Freiraum. Aber wie du sicher gemerkt hast, ist auf der neue CD gar nicht soviel Gesang drauf. Vom Songwriting her hat er auch gar nicht soviel Interesse daran, da sind unsere Fronten auch geklärt.«

Die Cover-Artworks von „.neon“ und „Agape“ haben vom Motiv her eine gewisse Ähnlichkeit. Allerdings wirkte das „.neon“-Motiv eher zerrissen, während das „Agape“-Bild introvertiert, verschlossen anmutet. Würdest du dem zustimmen?

»Puh, das ist schwer zu vergleichen, weil ich das „.neon“-Bild auch nicht selber gemacht habe. Aber ich finde auch, dass die ähnlich sind, aber das „Agape“-Bild schon introvertierter ist, weil es auch zur Thematik passt. Die Leute, um die es in den Liedern geht, sind immer einzelne Personen, die allein auf irgendeinem Planeten sind. Ich weiß nicht, ob man das gut erkennen kann, aber der Typ auf dem Bild weint und steht angespannt da. Es ist mehr der eigene Kosmos der im Vordergrund steht. Bei „.neon“ war's schon so, dass auch viele äußere Faktoren in den Themen drin waren.«

Gab es in letzter Zeit Künstler, die dich nachhaltig beeinflusst haben, was sich auch auf „Agape“ niederschlägt? Etwa im Bereich Doom, Post-Hardcore oder Jazz?

»Ja, Post-Hardcore auf jeden Fall. Was man auf jeden Fall hören kann, sind neuere Deftones-Sachen und Kayo-Dot. Obwohl die nur ein gutes Album gemacht haben (er meint „Choirs Of The Eye“; Anm. d.Verf.), das dafür aber seit fünf oder sechs Jahren mein absolutes Lieblingsalbum ist. Ansonsten höre ich wirklich fast alles. Electro, Hip Hop, Metal in sämtlichen Spielarten. Jazz ist mir nicht so wichtig. Und gerade weil ich so viel unterschiedliche Sachen höre, ergeben sich auch viele Einflüsse, die ich jetzt gar nicht so auf den Punkt bringen kann.«

Was hältst du im Allgemeinen von dem als Post-Black Metal titulierten Genre, in dem es ja seit ein paar Jahren immer mehr Bands und Fans gibt?

»Eigentlich halte ich das für ein ziemlich langweiliges, jetzt schon stagniertes Genre, weil die Leute alle dasselbe machen. Ich will kein Arsch oder arrogant sein, aber es gibt mir einfach nix. Es sind immer 12-Minuten-Tracks, die fünf Minuten Intro haben und dann kommt ein bisschen Post Rock mit Blastbeats und Geschrei drunter. Das hat mir eine Zeitlang auch gut gefallen, aber das waren dann eher Sachen wie Amesoeurs oder Ved Buens Ende, die für mich zeitlos sind. Als ich die „.neon“ geschrieben habe, habe ich die meisten anderen Sachen aus der Richtung auch schon nicht mehr gehört, weil sich die Bands genau wie im Post Rock alle sehr ähnlich anhören und das sehr einengend ist.«

Das Cover 'Where Have You Gone My Friend' stammt aus einer völlig anderen Musikrichtung. Wie kamst du auf die Idee, einen Song von Asylum Party (Wave-Band aus den Achtzigern, Anm. d. Verf.) auszusuchen?

»Zuerst hatte ich gar nicht geplant, das auf dem Album zu veröffentlichen, da ich ursprünglich ein Deftones-Cover machen wollte. Daran hatte aber Neige kein Interesse, weil er Chino Morenos Gesang nicht mochte und ich wollte es nicht singen. Und dann habe ich mich zu hause hingesetzt und den Asylum-Party Song genommen und auch selbst eingesungen, weil ich ihn unglaublich gut finde.«

Es gibt Pläne, LANTLÔS auch live auf die Bühne zu bringen. Wie weit sind die Ideen fortgeschritten und schwebt dir eine besondere Inszenierung vor?

»Also wir sind soweit, dass ich ein Line-up mit sehr guten Leuten habe. Das sind Felix, der auch auch schon die Drums auf dem Album eingespielt hat, sowie zwei Leute aus meiner alten Post Rock-Band Líam. Wie wir das performancetechnisch machen, weiß ich nicht, wir haben da nichts besonderes vor. Zwei oder drei Gigs für nächstes Jahr haben wir zugesagt, wobei wir zunächst erstmal ein kleines Konzert im privaten Rahmen spielen wollen, um zu gucken wie es so läuft. Beim Gesang wechseln unser Gitarrist und ich uns dann ab, weil Neige bei den Konzerten nicht dabei sein wird.«

 

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