Online-MegazineInterview

WHITE DEVIL

Verraten und verkauft

Es gibt wenige Platten, die dein Leben verändern. Und noch weniger Bands, die es schaffen, gleich zwei musikalische Meilensteine vorzulegen. Die Rede ist von den Cro-Mags (R.I.P.). Mit dem bis heute einzigartigen NYHC-Inferno "Age Of Quarrel" und dem HC-Metal-Crossover-Meisterwerk "Best Wishes" haben sie sich ein für allemal in die Musikgeschichte zementiert. Jetzt stehen drei Original-Mitglieder wieder an der Mischmaschine und nennen sich WHITE DEVIL.

 

 

Die treibenden Kräfte hinter den beiden Cro-Mags-Essentials waren Gitarrist Parris Mayhew und Basser Harley Flanagan, der auf "Best Wishes" auch für die Leadvocals sorgte.

Von Harley hat man seit seinem Ausstieg bei den Cro-Mags vor drei Jahren außer Gerüchten über angebliche Obdachlosigkeit und Heroinabhängigkeit nichts mehr gehört, Parris tauchte zwischenzeitlich als Touraushilfsklampfer bei DOG EAT DOG auf und drehte Videos u.a. für BIOHAZARD, ANTHRAX, SEPULTURA und KINGS X.

Vor einigen Wochen meldeten sich die beiden verstärkt durch Dave Di Censo (ebenfalls Ex-Cro-Mags) an den Drums unter dem Namen WHITE DEVIL mit einem Killer-Demo zurück. Die fünf Tracks von "Reincarnation" knüpfen stilistisch und qualitativ mühelos an Cro-Mags-Meilensteine wie "Best Wishes" oder "Alpha-Omega" an. Die Verhandlungen mit diversen Major-Firmen laufen auf Hochtouren, und ich kann ohne größere hellseherische Fähigkeiten behaupten, daß hier ein verdammt großes Ding im Anrollen ist.

 

New York City. Harley und Parris sitzen im Büro ihres Managers Drew Stone und sind mit mir über ein Speaker-Phone verbunden. Harley ist wie gewohnt supergesprächig, während Parris mit Müh´ und Not den einen oder anderen Satz zu Protokoll geben darf. Selbst Drew meldet sich öfter zu Wort als der Gitarrist, hat aber ebenfalls Schwierigkeiten, Mr. Flanagan zu bremsen, zumal der noch Verstärkung in Form seiner knapp einjährigen Tochter mitgebracht hat, die die ganze Zeit Wortbeiträge wie "Rabähh" oder "Gagagaga" von sich gibt.

Harley stellt schnell klar, daß das Thema Cro-Mags für ihn vom Tisch ist. Dennoch ist ihm bewußt, daß der Streit mit Sänger John Joseph, Harleys Ausstieg nach den Aufnahmen zu "Alpha-Omega" und die Veröffentlichung von Überresten jener Sessions unter dem Namen "Near Death Experience", die Harley über seine Anwältin zu verhindern suchte, für einigen Gesprächsstoff in der Szene sorgten. Und er weiß auch, daß er nie die Gelegenheit hatte, seine Sicht der damaligen Geschehnisse, die letztendlich zum Exitus der Cro-Mags führten, darzustellen.

Harley fühlt sich von allen verraten und verkauft, hat zwar nichts von seinem immensen Selbstbewußtsein eingebüßt, läßt jedoch erkennen, daß ihn der Zusammenbruch "seiner" Cro-Mags (das nachfolgende Line-up nennt er nur noch die "No-Mags") schwer getroffen hat. Das zeigt seine schier endlose Antwort auf meine Frage, warum die drei WHITE DEVILs nicht konsequenterweise unter Cro-Mags firmieren. Mit den beiden Hauptsongwritern, ergänzt um ein drittes Ex-Mitglied der Band, hätten sie das moralische Recht auf ihrer Seite, und legale Probleme dürfte es auch nicht geben.

"Der Name Cro-Mags ist von gewissen Leuten kaputtgemacht worden", lamentiert Harley durch den Hörer, holt noch einmal tief Luft und legt los: "Er ist so sehr ins Lächerliche gezogen worden, daß sich jeder von den Leuten, die irgendwo da draußen mit ihren Cro-Mags-Tattoos rumlaufen, schämen muß. Das hat mich sehr, sehr verletzt. Ich habe deswegen geweint, auch wenn das für einen Kerl wie mich etwas peinlich klingen mag. Ich spreche mein Bedauern für diese Situation aus, kann mich aber nicht entschuldigen, da ich nicht der Verantwortliche bin. Ich bedauere jedoch von ganzem Herzen, daß ich John Bloodclot (alias John Joseph) die Gelegenheit gab, zur Band zurückzukehren (John war zwischenzeitlich ausgestiegen, so daß Harley "Best Wishes" einsang). Parris hätte eigentlich derjenige sein sollen (der war nach "Best Wishes" ausgestiegen und nie mehr zurückgekehrt). John brachte nur negative Energie. Der Name Cro-Mags ist tot, und Leute wie John sind dafür verantwortlich. Mit ihm war jede Sekunde ein Alptraum. Parris und ich haben uns in erster Linie wieder zusammengetan, um klarzumachen, daß es einige Leute gibt, die nie besonders viel zu den Cro-Mags beitrugen, aber mit dem Namen eine Menge Geld zu machen versuchten. Wir sind halt die, die in erster Linie für die Musik und die Lyrics verantwortlich zeichneten. Parris und ich waren sehr stolz auf die Cro-Mags und sind es nach wie vor. Ich habe immer noch das allererste Review unseres ersten Demos zu Hause. Die anderen wollten nur auf etwas aufspringen, womit sie Kohle machen konnten. Viele haben uns damals verraten, als wir nicht mehr bei den Cro-Mags waren. Aber die HC-Szene ist eh tot. HC ist nur noch ein modischer Musikstil. Das interessiert mich nicht mehr. Ich habe eine Familie (deren jüngstes Mitglied sich gerade wieder lautstark zu Wort meldet) und wichtigere Dinge zu tun, als in der Coolness-Top-Ten der HC-Szene aufzutauchen. Meine Tochter fängt übrigens immer an zu schreien, wenn sie den Namen John Joseph hört, haha!"

Ein Neuanfang erfordert aber auch mehr Arbeit für die Band als die direkte Fortsetzung der legendären ersten Scheiben unter dem gleichen Namen. Harley hält jedoch eh nicht viel von der Ikonisierung der Frühwerke seiner Ex-Combo.

"Das erste Cro-Mags-Album ("Age Of Quarrel") war okay, aber ich denke nicht, daß John besonders gut klang. Es kam halt zur richtigen Zeit raus, das war alles. Auf "Alpha-Omega" hat John eh kaum gesungen, und die Leichenfledderei danach war völlig lächerlich", schwenkt er wieder zurück zu dem ihm so verhaßten Thema, das ihn dennoch nicht loszulassen scheint.

"Die No-Mags gingen hinter meinem Rücken auf Tour, und als ich A.J. von LEEWAY, der dort die Rhythmusgitarre spielte, sagte, daß er ein Arschloch sei, meinte er nur, er habe ja schließlich nicht Bass gespielt, mir also nix weggenommen. Jeder hatte eine gottverdammte Entschuldigung. John versuchte sogar, Parris zurückzuholen, und erzählte herum, er habe mir die Band geklaut."

Als Harley mal kurz Luft holt, interveniert Manager Drew sofort, daß wir doch bitte wieder zum Thema WHITE DEVIL zurückkehren sollen, wozu Harley jedoch überhaupt keine Lust zu haben scheint, zumal noch eine Frage geklärt werden muß. In den letzten Monaten kamen wiederholt Gerüchte auf, daß Harley John Joseph bei den amerikanischen Militärbehörden angeschwärzt habe, was den wiederum in den Knast gebracht hätte. John hatte nämlich, wie er mir vor ein paar Jahren erzählte, während seiner Zeit bei den Marines zum Krishna-Glauben gefunden, war daraufhin ausgebüchst und als Fahnenflüchtiger weltweit auf den Suchlisten der US-Behörden gelandet. Daher reiste er auch auf sämtlichen Europatourneen mit dem Reisepaß seines Bruders herum. Bei diesem Thema pieke ich erneut in ein Wespennest, das Herrn Flanagan zu einer ausführlichen Antwort nötigt.

"John hat sich freiwillig gestellt. Sie haben ihn daraufhin fotografiert, du weißt schon, diese Bilder, wo man ein Schild mit einer Nummer vor der Brust hält. Mit diesem Foto ist er dann überall rumgerannt. Er hat schon seit fünf Jahren überlegt, ob er sich nicht stellen sollte. Ich hatte damit nichts zu tun, und John hat auch nie im Knast gesessen. Eine Woche nachdem er angeblich eingefahren ist, haben ihn viele Freunde von mir auf einer Bad Brains-Show gesehen. Zwei Tage bevor er sich stellte, gab es ein Benefiz-Konzert für die erwarteten Anwaltskosten. Dort wurde von seinem Bruder ein Brief vorgelesen, der angeblich aus dem Navy-Knast kam und der Andeutungen enthielt, daß ihn jemand verraten habe. Das ist alles Bullshit. Alles, was ich gemacht habe, ist zu verhindern, daß er weiterhin unter dem Namen Cro-Mags auftritt."

Und Parris, der tatsächlich auch noch anwesend ist, ergänzt, daß Harley sich den "Namen Cro-Mags rechtlich hat schützen lassen. Als John und die anderen versuchten, weiter als Cro-Mags aufzutreten, verschickten wir an alle potentiellen Veranstalter in den Staaten Kopien der Unterlagen, die das bewiesen."

"Daraufhin bedrohte John mich und Parris", übernimmt Harley wieder. "Bei unseren Familien, selbst bei meiner Oma kamen Drohanrufe an. Die Frau ist in den Achtzigern, und er ruft sie an und stößt Drohungen aus. Das hat mich völlig angepißt. Mindestens genauso schlimm war, was er sich danach erlaubte. Parris wurde vor einiger Zeit niedergestochen und starb fast daran. Anschließend kam John an und meinte, daß es ihm noch viel schlimmer gehen würde und daß auch ich bald dran wäre. John ist durch und durch falsch und hat den HC immer ins Lächerliche gezogen. Er war bei irgendeiner Wochenendtruppe der Navy und erzählte überall herum, er sei bei einer Spezialeinheit gewesen. Ihm fehlt einfach Talent. Auf "Alpha-Omega" hat er gerade mal zwei Prozent der Songs gesungen. Parris erstattete übrigens wegen dieser Telefonanrufe Anzeige. Es gab also polizeiliche Ermittlungen wegen Belästigung, aber nicht etwa wegen Fahnenflucht. Was soll´s? Mit 20 bin ich jedem hinterhergerannt, der Scheiße über mich erzählt hat. Jetzt gehe ich auf die 30 zu, habe eine Tochter und in meiner Freizeit Besseres zu tun. Mich interessiert es nicht, mit Kids abzuhängen, die auf der Straße rumlungern, meine alten Songs auf dem Ghettoblaster laufen lassen und sich dabei die Birne zusaufen."

Und um einen endgültigen Schlußstrich unter das Thema Cro-Mags zu ziehen, hat Harley seine ganze Wut in WHITE DEVIL-Songs wie 'Fireburn' rausgelassen. Ansonsten dominieren in den Texten seine gewohnten Weltbilder, die zwar nicht mehr so Krishna-lastig wie früher sind, aber immer noch einen spirituellen Gehalt aufweisen.

"Es ging mir immer um Hoffnung, innere Stärke und die Suche nach etwas Größerem im Leben, das dir diese Kraft geben kann. Ich glaube an eine solche Macht. Es war auch früher kein direktes Krishna-Bewußtsein. Wir waren nie Shelter. Viele der neuen Songs sind textlich sehr pissed off..."

...und weisen auch musikalisch eine Power und Frische auf, die der gesamten NY-Szene einen gehörigen Tritt in den Arsch versetzen wird. Was Harley natürlich genauso sieht.

"Was zur Zeit aus New York kommt, sind Imitationen von Sounds, die es schon mal gab. Die kreative Energie ist völlig den Bach runtergegangen. Bands wie Merauder oder alte Veteranos wie wir bringen endlich wieder frischen Wind..."

...stehen aber auch zu ihren Roots. Denn mit ´My Life´ haben WHITE DEVIL einen echten Punkrock-Hit im Gepäck.

"Das ist ein typischer Harley-Song", fühlt sich Herr Flanagan auf den Schlips getreten. "Im Gegensatz zu diesen ganzen anderen Bands, die meinen, Punk zu spielen, war ich früher tatsächlich ein Punkrocker. Ich war verdammte zehn Jahre alt, als ich 1977 in einer Punkband spielte. Ich habe Sid Vicious live gesehen, als diese Typen noch in ihre Windeln geschissen haben. Ich kannte die Clash, als sie noch gut waren. Außer den Bad Brains gibt es aber niemanden, den ich für gleichwertig halte, was die History angeht. Ich spielte, lange bevor ich bei den Cro-Mags oder Murphy's Law war, in Punk-Kapellen. Ich kann dieses Gelaber über “old school³ und Sprüche wie ³Ich kümmere mich um die Szene" nicht mehr hören. Das sind alles Kleinkapitalisten. Schließlich ziehen sie die Kohle aus der Szene."

Ihr merkt, es gibt kein Thema, das Harley nicht einigermaßen in Rage bringt. Auch die Frage nach dem Bandnamen und meine Bemerkung, daß der Begriff WHITE DEVIL sowohl rassistisch als auch als Umschreibung für Heroin (Harley war angeblich jahrelang abhängig; dieses Thema wollte ich ihm nach 70 Minuten Interview aber nicht auch noch antun) ausgelegt werden könne, nimmt er krumm und zetert, daß es "ganz gewiß kein rassistischer Ausdruck ist. Darauf kommen höchstens Leute, die selbst Rassisten sind. Früher hat man mich öfter White Devil genannt. Ich hüpfe hier aber nicht mit Hörnern in der Gegend herum. Man muß nicht alles wörtlich nehmen. “Foo Fighters³ macht schließlich auch keinen Sinn. Außerdem hat der Teufelsbegriff in diversen Kulturen verschiedene Bedeutungen. Auch Pan ist ein Teufel, wird jedoch verehrt. Und wer ist der Teufel denn schon? Ein gefallener Engel."

Soweit Harleys Sichtweise einiger Dinge. Er meinte nach dem Interview, daß er nie wieder über das Thema Cro-Mags bzw. John Joseph sprechen wolle, es aber gut war, einiges ein für allemal klarzustellen. Außerdem hätte John ja genug Gelegenheit gehabt, seine Sichtweise ausführlich in der Presse auszubreiten.

Wenn im nächsten Frühjahr das WHITE DEVIL-Debüt in die Läden kommt, wird es noch genügend Themen für ein weiteres Interview geben, bei dem man dann das Waschen schmutziger Wäsche außen vor lassen kann.

WHITE DEVIL werden im Januar mit Merauder auf Tour kommen, dabei ihr neues Material und diverse alte Cro-Mags-Hits zum besten geben und, wenn alles gutgeht, auch eine CD-Version ihres Five-Track-Demos im Gepäck haben.

"Wir werden immer heavy bleiben", verspricht Harley zum Abschied, "nehmen uns aber viel Raum für neue Ideen. Einige Leute werden überrascht sein."