Online-MegazineInterview

ROSS THE BOSS

Heilssturm im Reichenbunker

Unmittelbar vor der Veröffentlichung von „Kings Of Metal“ wurde ROSS THE BOSS vor mehr als zwei Jahrzehnten von Manowar gefeuert. Danach ging es mit der Band in kreativer Hinsicht erst langsam, dann immer steiler bergab. Sein 2008er Solodebüt „New Metal Leader“ war ein Achtungserfolg, mit „Hailstorm“ hat der vermeintliche Boss mit seiner superb eingespielten deutschen Band nun ein neues Qualitätsniveau erreicht.

Neben dem ungeliebten ´Constantine`s Sword´ wurde teilweise auch der Gesang des Debüts kritisiert. Patrick Fuchs hat seither qualitativ den größten Sprung gemacht, seine Leistung auf „Hailstorm“ ist beeindruckend.

»Als Ich Patrick das erste Mal traf, war er ein schüchterner, introvertierter Typ. Vergleiche die Geburtstagsshow für Bomber und Olli mit jenen der Sinner-Tour zuvor – er wird von Gig zu Gig besser. Seine Reichweite ist unglaublich und er hat so viel Kraft in der Stimme. Eine wundervolle Reifung. Er hat den Gesang mit seinem Vocal-Team Ronny und Vera (www.vocallessons.de) aufgenommen. Patrick schreibt seine eigenen Texte. Wir sind eine Demokratie, jeder hat das gleiche Stimmrecht und die gleiche Verantwortung. Egal, wie die Band heißt: Ich bin nicht der Chef, der König. Keiner steht auf einem Podest. Es geht einzig darum, das bestmögliche Album abzuliefern. Egos werden an der Eingangstür abgegeben.«

Ein Blick auf die Songwritingg-Credits von „Hailstorm“ betätigt das.

»Wir haben unsere Ideen in einen Topf geworfen. Ich habe den Song für ihre Fußballmannschaft 1 FC Kaiserslautern geschrieben, ´Vindicator´. Was immer nötig war, um das nächste Level zu erreichen, haben wir gemacht. Zusammen. Patrick hat z.B. die Akkordwechsel für ´Among The Ruins´ entwickelt, ich hatte das passende Riff dazu. Wenn die Jungs mir sagen, dass ich ein Gitarrensolo noch mal neu einspielen soll: kein Problem, wird gemacht. Ich vertraue ihnen, sie vertrauen mir. Wir haben die Songs in unserem deutschen Studio gemeinsam entwickelt. Es heißt Reichenbunker, weil unser Basser Carsten in Reichenbach lebt. Wir haben dort Pro-Tools und unser eigenes Equipment.«

Nach den umjubelten deutschen Gigs hast Du Dich revanchiert und Deine Band für einige Dates in die USA geholt, auch in Deine Heimatstadt.

»Hinterher haben mir so viele Freunde gesagt: Du hast die richtige Entscheidung getroffen. Sie hatten alle Maulsperren und konnten nicht glauben, wie gut diese Band ist. Bei dieser Band kommt alles aus dem Herzen, so macht Musik Spaß. Auf einer kleinen Clubbühne kann man nicht bescheißen, wie die Blueser sagen.«

Viele Instrumentalsongs dienen nur der Selbstbeweihräucherung. ´Great God’s Glorious´ trifft direkt ins Herz. Teile der Melodie erinnern an einen Auszug aus Beethovens neunter Symphonie, die ´Ode an die Freude´.

» (summt) Stimmt, und das ist unsere Vorstellung von einem Instrumental. Es ist eine feierliche Melodie, der aber auch eine Wildheit innewohnt. Es gibt Harmonie und Aggression, tiefe, echte Gefühle. Was mir am Titel ´Great God`s Glorious` gefällt, ist seine Universalität. Wenn Du ein Heide bist, passt es ebenso wie für jemanden, der an den einen, allmächtigen glaubt, egal, wie er genannt wird. Wären nicht vor drei Wochen die Druckvorlagen für das Booklet von “Hailstorm“ abgesegnet worden, hätten wir Steve Lee von Gotthard diesen Song gewidmet. Sein Tod ist ein tragischer Verlust nicht nur für die Musikwelt.«

´I.L.H.´, das Intro vom Debütalbum stand für „infinite lost horizons“. Was bedeutet nun mehr ´I.A.G.´ - „I am god“?

»Nicht ganz, „immortal adoring gods“ ist unsere Idee.“ Für mich ist „Hailstorm“ ein ganz besonderes Album, auch wenn es vielleicht den Death-Metal-Fans da draußen nicht gefällt.«

Die werden die Growls in der zweiten Bridge des Titelsongs lieben.

»Da habe ich gar nicht drüber nachgedacht. Das ist echt brutaler Stoff. Und seine hohen Schreie sind Weltklasse. Ich habe mir einige dieser Bands angeguckt, und Dimmu Borgir haben mich sehr beeindruckt. Aber die laufen unter Black Metal, oder? Für mich ist das das selbe. Mit Gorgoroth habe ich mich angefreundet. Wir trafen dieses Jahr auf einem finnischen Festival namens Jalometalli zusammen. Ihre Show war brillant, aber sie kamen erst spät auf die Bühne. Irgendwer hat ihre Klamotten und Schminkutensilien verlegt und sie wollten nicht in Jeans auftreten.«

In ´Empire`s Anthem´, einem Song, der komplett vom gesamten deutschen Teil der Band komponierst wurde, spielst Du wie bei ´Matador´ wieder mit spanischem Flair.

»Genau, dafür habe ich wieder meine Achtsaitige verdroschen.«

Auf dem neuen Halford-Album befindet sich auch ein Song namens ´Matador´, dem Roy Z südländisches Feuer eingehaucht hat.

»Bislang habe ich es noch nicht gehört, aber Rob ist fantastisch. Er hat seine Stimme über die Jahrzehnte wirklich bemerkenswert gut in Schuss gehalten. Mit der ROSS THE BOSS-Band haben wir das Bloodstock-Festival in England auf den Kopf gestellt und während eines Interviews dort wurde ich gefragt, mit wem ich unbedingt einmal jammen wolle. Ich antwortete: Mit BB King und Rob Halford. Beides ist nicht völlig unrealistisch, aber vielleicht muss ich für BB erst noch etwas berühmter werden. Ich war ihm schon mehrfach nahe, aber er ist einfach mein Idol... Oh Gott. Da habe ich mich verhalten wie ein kleines Kind.«

´Crom´ und ´Behold The Kingdom´ fallen qualitativ etwas ab, sind aber nicht solche Fremdkörper wie ´Constantine`s Sword´ auf dem Vorgänger.

»Ich bin großer Fan von beiden Songs, weil sie so episch sind. Aber nicht jeder kann alles 100% mögen. Mir gefallen Patricks Gesangsarrangement sehr – und ´Crom´ ist so verdammt heavy. Manche glauben, ich hätte in dem Song eine Slide-Guitar benutzt, aber dem ist nicht so.«

´Dead Man`s Curve´ und ´Burn Alive´ verfügen über Chöre, die wie die Oozin’ ahs von Bad Religion über die Ramones auf den gute alten (Surf-) Rock’n' Roll zurückgehen.

»Das gehört zum Yin und Yang unseres Stils. Jedes gute Album braucht Abwechslung und einige Puffer. Man könnte ´Burn Alive´ für einen fröhlichen, kommerziellen Hardrocksong halten, aber die Lyrics sind sehr sardonisch.«

Obwohl die Texte keine Übereinstimmungen haben, klingen die ersten beiden Zeilen von ´Shining Path` in Melodie und Sprachrhythmus total nach der Judas Priest-Version von ´Diamonds And Rust´.

» (singt) Es hat den Anschein, aber die Akkorde sind anders. Der Joan-Baez-Song fängt mit e, d, g, a an und unserer e, d, c... Aber ich erkenne, was du meinst, es klingt etwas nach. Der ‚Chinin Patch´ ist unser Weg. Ich mag meinen Orgeleinsatz in dem Song.«

Für ´Ammonit Theo Ruins´ haust Du sogar in die Piano tasten.

»Und ich spiele auch das Cello! Aber das war sehr harte Arbeit, weil ich mich sehr lange nicht mehr mit dem Instrument befasst habe. Als Kind in der Bronze habe ich ja schon Geige gespielt. Statt eine Platte hin und her zu drehen, zersäge ich lieber eine Violine.«

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