Online-MegazineInterview

SIGH

Sax und Gewalt

Der Smalltalk in Rock Hard # 275 ist nur ein Auszug des Gesprächs mit Mirai Kawashima, in dem er sich über SIGH im Allgemeinen, „Scenes From Hell“ im Besonderen und seine Liebe zu primitiven Black Metal, brutalem Thrash ,schrägem Jazz und hochkomplexer Klassik ausgelassen hat.

Euer vorletztes Album „Gallows Gallery“ wurde mit neu eingefärbten Artwork, soundtechnischer Überarbeitung und mit Bonustracks wiederveröffentlicht.

»In der Kunst gibt es immer Freiräume, etwas zu verbessern – selbst auf „Scenes From Hell“. Aber ich würde keines unserer Alben ungeschehen machen wollen. Jedes ist der Beweis dafür, dass wir musikalisch progressiver wurden. Das Problem bei jenem Album bestand im Mastering. Das Label hatte einen Amateur zur Hand, der das Ganze als Hobby ansah – und entsprechend grauenhaft klang es auch. Die erste Variante war sogar noch schlimmer, mit jeder Menge Fremdgeräuschen und Verzerrungen. Die Company hat leider nicht zugelassen, dass eine dritte Bearbeitung die Erstveröffentlichung weiter verzögerte.«

Würdest Du gerne an den ganzen SIGH-Katalog nochmals Hand anlegen?

»Nicht unbedingt, wir könnten zum Beispiel nie wieder das rohe und primitive Feeling von „Scorn Defeat“ einfangen. Man könnte die Songs neu arrangieren und technisch besser einspielen, aber das würde auch viel zerstören. Das gilt auch für „Hail Horror Hail“. Andererseits würden „Infidel Art“ und „Ghastly Funeral Theatre“ davon profitieren. Gerade das Letztgenannte würde im neuen Line-up mit dem echten Saxophon von Dr. Mikannibal besser klingen.«

Das Saxophon war nie das populärste Instrument im Metal und maximal für einige Effekte gut, wie bei Pan.Thy.Monium. John Zorns Krachattacken wurden vielfach abgelehnt. Jetzt erlebt das Instrument eine kleine Renaissance, z.B. auf dem neuen Ihsahn-Album.

»Ich habe „Ater“ noch nicht gehört, es steht aber zusammen mit Orphaned Land auf meiner Checkliste. John Zorn ist ein großer Einfluss für uns. Wurden Naked City wirklich so negativ gesehen? "Torture Garden" ist eines der großartigsten Alben überhaupt! John lebte eine Weile in Tokio. Seine Auftritte waren genial. Permanent schrie er während eines Songs auf japanisch „Nein, das ist falsch! Wir müssen noch mal von vorne anfangen!“. Niemand im Publikum konnte bei der Widerholung einen Unterschied feststellen... Das Saxophon kann ein enorm brutales Instrument sein. Um das zu wissen, sollte man mit dem Free-Jazzer Albert Ayler vertraut sein. Unsere Fans sollten auch Kaoru Abe antesten. Sein Saxophonspiel war extrem gewalttätig und energiegeladen.«

´Preude To The Oracle` wiegt den Hörer in Sicherheit, von einer Ouvertüre in „Scenes From Hell“ geleitet zu werden. Stattdessen entwickelt sich aus dem Stehgreif ein rasanter Growl-Dialog. Ist Kam Lee in diesem Song zu hören?

»Nein, in den Strophen duellieren Dr. Mikannibal und ich uns. Kam spricht die „When death is tame...“ Zeilen von ´L’Art De Mourir´. Beide Songs kamen als Opener in Frage.«

Die Bläser transportieren in mehreren Songs ein mediterranes oder auch südamerikanisches Flair. Die Gitarrenmotive von ´The Soul Grave´ dagegen klingen in ihrer Melancholie russisch.

»Das ganze Album ist stark von russischen Komponisten wie Khrennikov und Kalinnikov inspiriert. Russische Melodien sind oft sehr anrührend und atmosphärisch und die dortigen Komponisten nutzen gerne richtig röhrende Bläsersektionen. Daher betonen auch russische Dirigenten in anderen Werken die Bläser stark. Hör Dir Khrennikov oder Tschaikowsky an, dirigiert von Svetlanov – alles klingt so mächtig. Im letzten Stück, 'Scenes From Hell', wird dieser Einfluss am deutlichsten. Viele russische Folk-Songs sind hier sehr populär, so dass sie sogar von uns Japanern mitgesungen werden können.«

Erinnerst Du Dich bei ´The Red Funeral` an die ersten Pianostunden bei Deiner Mutter?

»Als ich damals anfing, dieses Instrument zu erlernen, verstand ich nicht, was an klassischer Musik so besonders sein soll. Einige Ausnahmen weckten mein Interesse, darunter „Mikrokosmos“ von Bartók, den ich als Zehnjähriger spielte, oder die ´Winterwind-Etüde“ von Chopin. Erst nachdem ich SIGH gegründet hatte, tauchte ich tiefer in die Materie ein. Da entdeckte ich zunächst Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts für mich: Ligeti, Penderecki, John Cage, Boulez, Schnittke und einige mehr. Von da an habe ich mich zurückgearbeitet – Webern, Schoenberg, Debussy, Ravel, Wagner, Liszt, Schumann, Schubert, Beethoven, Mozart, Bach.«

´Vanity` drückt die Emotionen eines Soldaten aus, der den Tod nicht nur gesehen, sondern ihn gebracht, gerochen, geschmeckt hat.

»Der Titel impliziert vor allem, dass wir alle früher oder später sterben müssen. Es gibt diese typischen Vanitas-Gemälde, die meist einen Schädel und eine Sanduhr beinhalten, als Symbole dafür das unsere irdische Zeit begrenzt ist und selbst die heute Jungen irgendwann senil werden und sterben.«

Dein Kumpel Rob Urbinati hat für das fantastische neue Sacrifice-Album einen ähnlichen Text geschrieben – hat er Dir schon ein Exemplar geschickt?

»„The Ones I Condemn“ ist ein großartiges Comeback! Die neue Hirax muss ich auch noch antesten. Ehrlich gesagt bin ich kein großer Freund des Bay-Area-Sounds, aber die neue Heathen soll auch stark sein. Das Combeack von At War war übrigens eine positive Überraschung, jenes von Whiplash eine echte Enttäuschung.«

Das schmerzhafte Glockengeläut inmitten von ´Musica In Tempora Belli´ erinnert an das Experiment aus dem Waffenlabor für psychologische Kriegsführung von „Gallows Gallery“.

»Richtig, der Part ist aus der Session! Ich liebe das Ende des Songs, wenn die große Bombe explodiert ist: Überall sind Rauch und Feuer, die Ohren sind von der Detonation beinahe taub. Menschen rennen brennend um ihr Leben und sterben – und dann kommt das Gebet. Das Stück ist strikt nach den Harmoniegesetzen der Konterpunkttechnik geschrieben, mein erstes Werk für ein Streicherquartett.«

Die Gitarrenharmonien des Stücks erinnern an die „Keeper Of The Seven Keys“-Ära von Helloween.

»Ich sehe sie nicht als Inspiration, mag aber die alten Alben, seit ich Helloween in den 1980ern mehrfach live gesehen habe. Beim Autofahren singe ich gerne ´I’m Alive´ mit.«

Alan von Primodial hat einmal mit rasend komischer Mimik und Gestik erzählt, wie ihr vor beinahe 20 Jahren in Irland einen Gig nur mit Venom-Coverversionen bestritten habt. Dieser Fetisch hat SIGH wieder eingeholt, wie die 2008er „A Tribute To Venom“ EP zeigt. Wäre es nicht an der Zeit, kompositorisch hochwertigeren Vorbildern die Ehre zu erweisen?

»Wir sind alle Fanatiker, wenn es um Venom geht und haben schon bei unserem ersten Gig 1990 ´Schizo´ gecovert. Celtic Frost hatten ganz offensichtlich einen ebenbürtigen Einfluss auf uns, aber irgendwie haben wir bislang nie einen Song von ihnen aufgegriffen. Es gibt beim Covern zwei Möglichkeiten: Entweder bleibt man so nah wie möglich am Original – oder man übt sich in Dekonstruktion und Deformierung. Wir entschieden uns für die erste Variante, weil man Venom-Songs einfach nicht durch radikale Neuarrangements verbessern kann. Da wir diese Songs zu 100% kennen haben wir sogar ihre alten Fehler übernommen. Nur ´Mayhem With Mercy´ wurde bearbeitet, aber dieses Stück ist ohnehin aus der Art geschlagen. Die EP besteht aus Studioaufnahmen, ist aber in Sachen Ernsthaftigkeit mit Metallicas „Garage Days...“-Session vergleichbar.«

Letzte Frage: Werden sich SIGH auf europäischen Bühnen weiterhin rar machen? Bislang konnte man euch nur in Japan oder den USA live erleben.

»Endlich haben wir eine europäische Agentur, daher werden wir im April in Finnland spielen und im August auf dem tschechischen Brutal-Assaut-Festival. Ein dritter Gig wird demnächst auch bekannt gegeben.«

 

www.sighjapan.com

www.myspace.com/sighjapan

 

 

Diskografie (Auszug)

 

Scorn Defeat (1993)

Infidel Art (1995)

Ghastly Funeral Theatre (EP, 1997)

Hail Horror Hail (1997)

Scenario IV: Dread Dreams (1999)

Imaginary Sonicscape (2001)

Gallows Gallery (2005)

Hangman’s Hymn – Musikalische Exequien (2007)

A Tribute To Venom (EP, 2008)

Scenes From Hell (2010)