Online-MegazineInterview

SKYCLAD

Zisch und klack und weg!

Nicht nur die Fans der britischen Folk-Metaller, sondern auch die Band selbst reagierte geschockt, als im letzten Jahr Sänger Martin Walkyier überraschend seinen Ausstieg verkündete. Darüber und was sich seither sonst noch im SKYCLAD-Lager getan hat, unterhielten wir uns mit Gitarrist und Gründungsmitglied Steve Ramsey.

Steve, warum veröffentlicht ihr mit "No Daylights Nor Heeltaps" jetzt ein Album mit neuen, akustischen Versionen altbekannter Songs? Warum nicht gleich ein brandneues Album mit neuen Songs?

»Das kommt natürlich auch. Wir werden im Juli ins Studio gehen und einen nigelnagelneuen Longplayer aufnehmen. "No Daylights Nor Heeltaps" geht dagegen auf unsere Touren durch Irish Pubs in Europa und da vor allem in Deutschland zurück. Für diese Shows haben wir viele unserer Songs umgeschrieben, um sie im Akustik-Gewand präsentieren zu können. Die Fans mochten diese Versionen und sprachen uns immer wieder darauf an, dass sie diese Tracks auch gerne auf Platte hätten. Nachdem dann Martin die Band verlassen hatte, dachten wir, dass es eine gute Idee wäre, unseren Fans mit einer solchen Platte Kevin Ridley als neuen Sänger vorzustellen.«

Es ist also nicht so, dass ihr die alten, metallischeren Versionen der Songs nicht mehr mögt und sie deshalb neu aufgenommen habt...

»Nein, nein, auf keinen Fall«, beeilt sich der sympathische Brite zu versichern. »Es sind in erster Linie wirklich die Songs, die für die Akustik-Shows umgeschrieben wurden. Dazu kommen Nummern wie ´The Widdershins Jig´, die wir ebenfalls umgeschrieben haben, um zu zeigen, wie SKYCLAD mit einem anderen Sänger klingen. Das nächste Album wird dagegen wieder deutlich heftiger ausfallen und mehr Metal-Elemente beinhalten.«

Was hat es mit dem Titel der Platte auf sich?

»Das ist ein alter nordenglischer Trinkspruch. "No daylights" bedeutet, dass man kein Licht durch ein Glas sehen kann, weil es bis obenhin voll mit Bier ist. Mit "heeltaps" bezeichnet man den kleinen Rest von Schaum, der an der Innenseite hinab rinnt, wenn man das Glas nach dem Trinken wieder absetzt. "No daylights nor heeltaps" ist also eigentlich die Aufforderung , ein volles Glas in einem Zug restlos leer zu trinken. Man kann natürlich auch einfach nur "Cheerz!" sagen«, fügt er lachend hinzu.

War Kevin nach Martins Ausstieg eigentlich eure erste Wahl als neuer Sänger, oder habt ihr darüber nachgedacht, jemand völlig anderen in die Band zu holen?

»Wir versuchten zunächst wirklich, einen ganz neuen Sänger zu finden, aber das klappte irgendwie nicht richtig. Dass Kevin den Gesang übernahm, war zunächst auch nur eine Art Notlösung. Martin verließ uns zwei Wochen, bevor SKYCLAD für mehrere Auftritte fest gebucht waren. Wir mussten diese Shows dann leider absagen. Einmal pro Jahr spielen wir jedoch in unserer Heimatstadt Newcastle ein Benefizkonzert, bei dem die kompletten Einnahmen für wohltätige Zwecke gespendet werden - Dinge wie die Krebsforschung oder notleidende Kinder. Für diese Show waren bereits gut 250 Eintrittskarten verkauft, als Martin plötzlich ausstieg. Da der wohltätige Aspekt darunter nicht leiden sollte, fragten wir Kevin, ob er nicht bei dieser einen Show singen könnte. Was soll ich sagen: Er war dermaßen gut, dass wir ihn baten, in Zukunft unser fester Sänger zu sein.«

Nun ist Kevin ja kein Neuling in der Band. Er produzierte bislang sämtliche SKYCLAD-Platten und agiert seit dem ´99er Album "Vintage Whine" auch als zweiter Gitarrist. Trotzdem: Wie war es für dich, nach all den Jahren plötzlich mit einem anderen Sänger auf der Bühne zu stehen?

»Na ja, dass Kevin auf der Bühne steht, daran war ich ja gewöhnt. Aber dass Martin plötzlich nicht mehr da stand, war schon etwas seltsam. Doch die Bühne war an besagtem Abend so dermaßen klein, dass es uns eigentlich gar nichts ausmachte«, fügt Steve laut lachend hinzu.

Martin war bei den Fans extrem beliebt und mit seiner extrovertierten Art ein ganz spezieller Frontmann. Denkst du, dass Kevin die Lücke, die Martin zweifellos hinterlassen hat, ausfüllen kann?

»Kevin ist ein völlig anderer Typ als Martin und agiert auch auf der Bühne anders, da er ja noch zusätzlich Gitarre spielt. Bei den Shows, die wir bislang mit ihm als Sänger gespielt haben, kam er aber immer gut bei den Fans an und wurde sofort akzeptiert. Ich sehe da also kein echtes Problem.«

Außer vielleicht, dass er nicht so gut Deutsch spricht wie Martin, was bei den hiesigen Fans ja immer sehr gut ankam.

»Stimmt, haha! Daran muss Kevin wirklich noch arbeiten.«

Ein wichtiges Trademark von SKYCLAD waren bislang Martins zumeist sozialkritische Texte, die sprachlich sehr geschmeidig rüberkamen und viele witzig-intelligente Wortspiele beinhalteten. Wie wird dies in Zukunft aussehen?

»Kevin wird die Texte schreiben. Er hat dies ja auch schon bei seiner früheren Band Forgodsake getan. Wir waren allesamt große Fans dieser Band, und speziell Martin mochte Kevins Lyrics sehr gerne. Die neuen Texte werden sicher etwas anders ausfallen, aber Themen wie die Zerstörung der Natur durch den Menschen oder das Anprangern sozialer Missstände werden auch weiterhin eine große Rolle spielen.«

Euer Ex-Sänger hat sich ja bereits öffentlich über seinen Ausstieg und seine Gründe dafür geäußert. Wie ist deine Sicht der Dinge?

»Ich war zunächst einmal ziemlich geschockt, da Martin es noch nicht einmal für nötig hielt, uns persönlich über seine Entscheidung zu informieren, sondern lediglich eine E-Mail an unseren Basser Graeme (English - d.Verf.) geschickt hat, in der er seinen Ausstieg bekanntgab. Es war ein echter Schock, da wir wenige Monate zuvor noch tolle Shows zusammen gespielt hatten und wie gesagt zwei Wochen später einige wirklich große Gigs anstanden. Wir dachten, er sei unser Freund, aber er hat uns einfach hängen lassen. Als Rechtfertigung für seinen Ausstieg gab er finanzielle Gründe an. Die Band hing gerade zwischen zwei Publishing-Deals in der Schwebe, und Martin hatte deswegen weniger Geld. Für mich ist das jedoch kein akzeptabler Grund, die Gruppe zu verlassen. Wir anderen haben neben der Band schließlich auch alle irgendwelche Jobs, um Geld zu verdienen. Wenn man wirklich mit dem Herzen an einer Band hängt, schmeißt man nicht alles so leicht hin. Wir spielten dann noch eine letzte Show mit Martin auf dem britischen Bloodstock-Festival. Nach der Show fing er dann plötzlich an, uns zu kritisieren und persönlich anzugreifen. Er machte einige sehr gehässige und boshafte Bemerkungen. Nach all den gemeinsamen Jahren war das menschlich natürlich eine riesige Enttäuschung.«

Dagegen mutet euer offensichtliches Drummer-Problem vermutlich eher gering an. Dennoch: Irgendwie kommt man beim Zählen eurer bisherigen Felldrescher kaum noch hinterher. Irgendeine Chance, dass euer Neuzugang Arron Walton für längere Zeit an Bord bleibt?

»Ich hoffe doch. Bislang fühlt er sich jedenfalls recht wohl bei uns. Arron ist noch relativ jung, bringt frisches Blut in die Band und war immer schon ein riesiger SKYCLAD-Fan. Sein Vorgänger Jay Graham befand sich dagegen urplötzlich in einer sehr unglücklichen Situation. Er spielte schon vor dem Split mit Martin in dessen Band Return To The Sabbat. Er entschied sich dann nach Martins Ausstieg dafür, ebenfalls SKYCLAD zu verlassen und bei Return To The Sabbat zu bleiben. Einerseits, um uns die Situation zu erleichtern, andererseits auch, weil seine Freundin genau wie Martin in Nottingham lebt. Dort hat er jetzt ein Drum´n´Bass-Projekt am Laufen und probt außerdem gerade zusammen mit Tony Iommi (Black Sabbath-Gitarrist - d.Verf.) für dessen neue Soloscheibe. Er ist nach wie vor ein sehr guter Freund und war zum Beispiel auch kürzlich bei der Release-Party zu "No Daylights Nor Heeltaps" anwesend.«

Abschließend stellt sich natürlich noch die Frage nach den nächsten Aktivitäten im SKYCLAD-Lager.

»Wir gehen jetzt wie gesagt ins Studio und nehmen die nächste Platte auf. Zwischendurch werden wir die Aufnahmen jedoch unterbrechen, auf ein paar Sommerfestivals auftreten und unsere allerersten Gigs in den USA spielen. Spätestens Ende des Jahres dürften wir dann wohl auch wieder in Deutschland touren.«

AbfahrplanDie nächsten Konzerte

OPETH + BEHEMOTH + BLUES PILLS + FATES WARNING + D-A-D + EXODUS + CANDLEMASS + ROSS THE BOSS + DIRKSCHNEIDER + ASPHYX + u.v.m.02.06.2017
bis
04.06.2017
Gelsenkirchen, AmphitheaterROCK HARD FESTIVALTickets

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