Online-MegazineInterview

SPOCK´S BEARD

Interview mit Dave Meros

Touristenführer in Deutschland wäre ein Job für Dave Meros, wenn er nicht zufällig Bassist bei den Progrockern SPOCK'S BEARD wäre. Hauptsächlich als Miet-Bassist für den Blues-Rocker Eric Burdon hat Dave Meros nach eigener Statistik schon 110 deutsche Städte gesehen. Und erlaufen: 30 Minuten Joggen durch jeden Ort gönnt er sich während des Tour-Stresses, und er wäre damit auch der ideale Bodyguard für Deutschlands Dauerläufer Joschka Fischer. Doch Volker Weber musste im Interview erfahren, dass noch so viele Jobmöglichkeiten Dave Meros nicht von seinem Kurs abbringen könnten.

»Mein Ziel ist es, den aggressivsten und widerwärtigsten Bass-Sound zu spielen, der menschenmöglich ist. Bald wirst du ihn nicht mehr hören wollen, weil er so aggressiv ist. Es wird weh tun!« (lacht)

Äh, ja. Dann aber mal her mit der Erklärung, die im Idealfall die Einweisung in die geschlossene Anstalt abwenden könnte.

»Weißt du, Bass für Eric Burdon und für SPOCK'S BEARD zu spielen, sind zwei völlig unterschiedliche Welten. Ich gehe jetzt seit elf Jahren mit Burdon auf Tour, SPOCK'S BEARD kamen erst später. Ich habe Neal und Al Morse das erste Mal in Los Angeles getroffen, als ich mit einem Drummer rumjammte. Aus dem Kontakt entstanden kleine Projekte, Demo-Aufnahmen, aber keine Bands. Dann verlief sich das Ganze, ehe Al mich irgendwann aus heiterem Himmel anrief und fragte, ob ich mir die Gitarrenriffs anhören wolle, die er zu Neals Musik geschrieben hatte. Dann kam schnell die Frage, ob ich nicht Lust auf ein paar Gigs hätte. Und jetzt zum Punkt: Ich musste meine Spielweise total umstellen und den neuen Sound und die Technik trainieren. Bei SPOCK'S BEARD kommt der Bass viel musikalischer rüber, nicht nur beschränkt auf die Rhythmus-Unterlage. Ich musste auf einmal viel melodieorientierter spielen und den Beat aggressiver anschlagen.«

Wer bestimmt das?

»Nun, es ist Neals Art, für den Bass zu schreiben. Es war eine Herausforderung für mich, weil ich mehr den Rock-Rhythmus gewohnt war. Im Studio entsteht aus den Vorstellungen von Neal und meiner Spielweise dann aber immer eine Art Kompromiss.«

Gerade bei den mehrstimmigen Songs ist es immer wieder verblüffend, zu was jedes einzelne Bandmitglied in der Lage ist. Du darfst zusätzlich auch manchmal noch ein paar Töne ins Keyboard hacken.

»Es ist schizophren. Ich muss fünf Musiker in einem sein. Uns kommt zugute, dass wir alle eine breite musikalische Basis haben. Musikalisch ist es überhaupt sehr befriedigend, in dieser Band zu spielen. Schau dir alleine Nick (D'Virgilio, Schlagzeuger - d. Verf.) an, er ist eine Ein-Mann-Band. Er hat uns alle überrascht. Wir dachten am Anfang, er spiele nur Drums. Dann packte er seine Gitarre aus, fing an zu singen, und ein bisschen Bass kann er auch noch.«

Auch wegen dieser Vielseitigkeit halten euch nicht wenige für unterbewertet.

»Lass es mich so sagen: Neal bringt im Moment das Beste hervor, was er je geschrieben hat; für SPOCK'S BEARD und für Transatlantic (Supergroup-Projekt mit u.a. Dream Theaters Mike Portnoy, neue Scheibe wird am 8. Oktober veröffentlicht - d. Verf.). Ich kann das beurteilen, weil ich seine Musik seit 15, 16 Jahren verfolge. Ich glaube, er ist nahe an seinem kreativen Höhepunkt. Umso mehr ist es Zeit für den Durchbruch. Wir brauchen ihn wirklich. Was wir uns fragen, ist, wie lange wir mit diesem moderaten Erfolg noch so weitermachen können. Wir sind alle schon etwas älter, müssen nebenher andere Jobs machen. Es wird schwieriger, das alles zu koordinieren. Und doch ist es immer wieder befriedigend, ins Studio zu gehen, um ein neues Album aufzunehmen. Wir müssten nur zwei Stufen höher kommen. In den Staaten können wir noch nicht einmal vernünftig auf Tour gehen, weil da alle nur zu Britney Spears rennen. Wenn hier in Europa 1.000 bis 1.200 Leute im Schnitt zu unseren Konzerten kommen würden, könnten wir auf Tour ein bisschen Geld verdienen. Im Moment schaffen wir es gerade, die Kosten auszugleichen. Jeden Abend hoffen wir für unseren Merchandise-Mann, dass er verkauft, verkauft, verkauft.« (lacht)

Gerade hat sich Neal Morse über seine eigene kleine US-Plattenfirma Radiant Records (www.radiantrecords.com) wieder einen Finanzierungstrick einfallen lassen (müssen). Um die zu erwartenden Verluste der Ende Juli beginnenden US-Tour aufzufangen, bringt er am 21. Juli ein Doppel-Live-Album mit Soundboard-Aufnahmen der 2000er "V"-Tour und von der gerade beendeten Juni-Tour heraus.

»Vielleicht haben wir ja mit der Single-Version von ´All On A Sunday´ eine bessere Chance, im Radio zu landen. Die Single trifft wohl eher den amerikanischen Geschmack. Hier bei euch bräuchte es sowieso mehr gute Musik in Radio und Fernsehen. Ihr werdet doch nur mit seichtem Pop, Techno und Dance vollgedröhnt.«

Die Macht der Radio-DJs kennt Dave in diesem Zusammenhang aus eigener Erfahrung.

»Mit dem letzten Jahr High School habe ich angefangen, drei Jahre lang für einen kleinen Sender nördlich von L.A. eine eigene Radiosendung zu machen. 75 Meilen war die Reichweite. Das war aufregend, weil ich alles spielen durfte, was ich wollte. Verrückt! Erst Chick Corea, dann Black Sabbath, Aretha Franklin, Blue Öyster Cult, Uriah Heep und dazu den ganzen Big-Band-Sound - alles in einer Sendung. Die Mischung war total abgedreht, aber mir war's egal. Ich hab' auch die ganzen englischen Bands gespielt, die in den Staaten keine Sau kannte.«

Hört sich nicht gerade nach dem Radio-Paradies für Progrock an...

»Ja, mein Hintergrund in dieser Hinsicht bestand hauptsächlich aus dem populären Zeugs wie Yes, ein bisschen Genesis, aber ein Fan dieser Gruppen war ich nie. „Lamb Lies Down On Broadway“ gehörte natürlich zu meinen Favoriten oder King Crimson, ein wenig Gentle Giant. Aber das Meiste war mir einfach zu abgedreht. SPOCK'S BEARD besitzen für mich die perfekte Menge Progrock, nicht zu abgedreht, starker Keyboard-Sound und genügend rockige Sequenzen. Dean, unser Gitarrist bei Eric Burdon, nennt es "Freedom Rock" wie bei Lynyrd Skynyrd.«

Du bist einer der wenigen bei SPOCK'S BEARD, die keinen Solo-Weg einschlagen. Woran liegt das?

»Alle wundern sich, dass Al und ich noch kein eigenes Ding gemacht haben. Früher wäre das okay für mich gewesen. Vor fünf bis sechs Jahren habe ich aber aufgehört, Musik zu schreiben. Woran ich mich versucht habe, ging mehr in die Pop-Richtung wie Madonna, Cindy Lauper oder leicht jazzig, wie es in L.A. gerade angesagt war. Ehrlich gesagt, reicht es mir, Bassist zu sein. Es gibt mir genug kreative Zufriedenheit. Für mehr Dinge ist auch einfach kein Platz. Wenn ich zu Hause in Sacramento bin, plane ich 16 Stunden am Tag neue Auftritte und anderes für Eric Burdon. Ich bin froh, dass Neal die Kontrolle über SPOCK'S BEARD hat. Ich könnte die ganze Organisation nicht noch für eine zweite Band machen. Ich bin Bassist und Tour-Manager für Burdon in Amerika, das frisst meine ganze Zeit auf. Burdon garantiert mir jetzt schon seit über einem Jahrzehnt ein regelmäßiges Einkommen. Das ist schon ungewöhnlich im Musik-Business.«

Und Burdon war auch der Grund, warum du mit SPOCK'S BEARD die Supporttournee für Dream Theater im vergangenen Jahr nicht machen konntest?

»Richtig. Zur selben Zeit war für Burdon eine große Australien-Tour angesetzt, es wäre sehr schlecht gewesen, einen Ersatz für mich als Bassisten und Tour-Manager zu finden. Nicht mit SPOCK'S BEARD zu touren, war aber eine harte Entscheidung. Es ist zuallererst meine Band. Jemanden an meine Stelle zu setzen, war, als wenn meine Freundin mit einem anderen ausgeht. Und du suchst den Typen auch noch aus! Mit George Pappanostas hatten wir einen wirklich guten Freund für den Job gefunden. Jetzt, wo er leider gestorben ist, hätte ich keine Ahnung, von wem anders diese anspruchsvollen Bass-Parts übernommen werden könnten.«

Die anderen SPOCK'S BEARD-Kollegen zieht es nach Hause, weil da Kinder auf sie warten. Du bevorzugst eher Skelette?

»Es werden weniger (lacht). Meine Frau ist genauso wie ich sehr viel unterwegs. Kinder würden bei uns einfach verhungern.« (lacht)

Auch eine Art, seine Skelett-Sammlung zu erweitern...

»Bis vor ein paar Jahren habe ich alles Mögliche gesammelt, Totenschädel, Skelette, alles. Die sehen einfach cool aus. Außerdem mag ich die mexikanische Kunst sehr, die stark vom Totenkult geprägt ist. Bis zu 500 Stück hatte ich in meiner besten Zeit. Meine Frau stand da aber nicht so drauf, so dass ich nach der Hochzeit vieles verkauft habe. Von 500 auf drei runter vielleicht. Ich und mein Skelett haben den Kahlschlag aber überlebt (lacht). Das wirklich coole Zeugs lagert immer noch in Kartons. Auch wenn ich mein Haus nicht mehr mit dem Gerippe vollstehen haben will, kaufe ich mir ab und zu doch noch was dazu. Das muss aber wirklich abgefahren sein, kleine Ringe mit Totenschädeln oder so. Ich glaube, diese Leidenschaft kommt daher, dass ich früher mal Archäologe werden wollte. Ich habe mich immer für Ausgrabungen und alte Grabstätten samt Inhalt interessiert.«

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