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TURBOWOLF, JPNSGRLS

Köln, MTC

TURBOWOLF

TURBOWOLF luden zum Tanz in den Mai und Köln folgte dem Ruf des Rudels: Im MTC mit familiärer Atmosphäre und ebenerdiger Bühne gab es eine Rock' n' Roll-Walpurgisnacht allererster Klasse.

Auch wenn man beim Namen eventuell etwas anderes erwartet: Die Vorband JPNSGRLS sind tatsächlich vier wildgewordene Holzfällerhemden aus Kanada.
Schon beim Hinsehen bekommt der Durchschnitts-Konzertbesucher einen Bänderriss oder mindestens einen Hexenschuss, aber Frontmann und Ausdruckstänzer Charlie erlaubt kein Phlegma und bringt das Publikum tatsächlich zum Tanzen (!). Die Single 'Smalls' vom 2014er Album „Circulation“ kommt besonders gut an. Selbst bezeichnen sie ihre Musik als Garage Pop, doch erst wenn man JPNSGRLS live gesehen hat, kann man erahnen, was das bedeutet. Da werden verschiedenste Einflüsse gemischt – ein bisschen Grunge, ein bisschen Blues, eine Prise Post-Punk, das volle Programm Alt-Rock – und auf eine ganz eigene, moderne Art und Weise umgesetzt. Der sympathische Vancouver-Vierer prescht auch musikalisch derart los, dass die Band an diesem Abend mit Sicherheit einige Fans dazugewonnen hat. Überschwängliche Liebesbekundungen nach der Show am Merch-Stand scheinen dies zu belegen.

TURBOWOLF besingen ihn zwar in der Single 'Rabbit's Foot', nötig haben die Briten einen Voodoo-Zauber allerdings nicht. Wer das MTC in Köln kennt, weiß, dass nicht viel dazugehört, den Club voll aussehen zu lassen; heute jedoch platzt das Venue gefühlt aus allen Nähten. Die Stimmung haben Feiertagsbierchen und die wilden Kanadier schon zur Genüge vorbereitet, und als endlich TURBOWOLF die Bühne betreten, bricht die Hölle los. Dass das Publikum nicht gleich die Bühne stürmt, ist auch alles. Musikalisch liegt der Fokus natürlich auf dem zweiten Studioalbum der Engländer „Two Hands“, das im April erschienen ist. Bassistin Lianna Lee Davies im aparten Glitzerdress, Sänger Chris im schmuddeligen Zappa-Look (Wahrscheinlich ist „Zappa“ neben „Bier“ das meistgesagte Wort des Abends …) – auf den ersten Blick mag das alles nicht so recht zusammenpassen. Und gerade das macht den Appeal der Band aus, denn sobald die Musik – ein verrückter, tanzbarer Mix aus Metal, Punk, Rock – erklingt, fällt alles zusammen und das Publikum rastet komplett aus. Da gibt es kuschelige Ein-Quadratmeter-Circle-Pits, verschüttetes Bier und ausgiebiges Crowdsurfing (einmal im Leben an der Decke entlang laufen – im MTC ist alles möglich). Gerne kündigt Frontlocke Chris die Songs als Entspannungsnummern an und verspricht Zen-Sounds, bis Drummer Blake Davies – überraschenderweise – dann doch den nächsten Reißer lostritt. Ein pflichtbewusster junger Mann meldet sich brav zum Mitmachspiel „Anzählen auf Deutsch“, das Publikum feiert einfach alles und stimmt gerne ein. Tatsächlich habe ich seit langem keine so ausgelassene Konzertstimmung mehr erlebt. Chris lässt sich sofort anstecken und wird schließlich von der tobenden Menge zur Bar getragen und singt einfach von dort aus weiter, zurück geht’s auf dem gleichen Weg. Vor den letzten beiden Songs meldet er sich, zwischendurch auch mal unterm Glitzerjäckchen, noch einmal zu Wort – da gibt es keine gefakten Zugaben, sondern nur die Aufforderung zum erneuten Tanz. Das Publikum frisst dem Quartett aus Bristol ohnehin aus der Hand und so werden nach einer anstrengenden Stunde die letzten Reserven noch mal mobilisiert. Ob die Spielzeit von einer guten Stunde nun der nachfolgenden Party geschuldet oder bandtypisch war: Alle scheinen sich einig, dass die TURBOWOLF-Show „das beste Konzert seit Langem“ war und pilgern verschwitzt und glücklich die engen Treppen hinauf – die „Zigarette danach“ wartet.


SETLIST TURBOWOLF

Invisible Hand
Ancient Snake
Rabbit's Foot
Solid Gold
American Mirrors
The Big Cut
Nine Lives
Seven Severed Heads
Good Hand
A Rose for the Crows
Rich Gift
Read + Write
Let's Die

 

Pics: Nina Hammelstein