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ALCATRAZZ

Mannheim, 7er Club

Der heutige Abend ist ein gutes Beispiel für die Macht und Möglichkeiten des Internets. Aufgrund einer kurzfristigen Showabsage in Italien, wurde der einzige Deutschlandauftritt der Europatour von ALCATRAZZ in gerade mal zwei Wochen geplant und promotet. Klar, dass die Halle nicht voll ist, eine Reihe von Veteranen hat aber den Weg in ein übles Mannheimer Industrieviertel gefunden.

Eigentlich unter der Würde eines Mannes wie Graham Bonnet, der mit Alcatrazz, Rainbow, MSG und Impellitteri eine Reihe von wichtigen Bands maßgeblich geprägt hat, Klassikeralben einsang, mit schwierigen Mitmusikern auskommen musste und vor Jahrzehnten die großen Hallen der Welt füllte.

Egal, Graham Bonnet gibt sich das, und das verdient Respekt. Diesmal unter dem Banner von ALCATRAZZ, wobei erwartungsgemäß niemand aus den alten Zeiten dabei ist. Eigentlich gar nicht schlimm, denn mit Howie Simon (Gitarre), Tim Luce (Bass) und Jeff Bowders (Drums) hat der Brite eine tolle und harmonierende Truppe beisammen. Den anspruchsvollsten Job des Abends hat dabei Howie Simon, der als Gitarrist Nummern von Yngwie Malmsteen, Ritchie Blackmore, Steve Vai und Michael Schenker nachspielen muss und diese Herausforderung souverän erledigt und zudem über eine gute Stimme verfügt. Absolut überzeugend auch der Mann hinter dem Schlagzeug, der ein saustarkes Solo hinlegt. Im Mittelpunkt steht aber natürlich der Frontmann und den zu kritisieren, ist eine ambivalente Sache. Einerseits ist offensichtlich, dass er seit Jahren (2008 gab er zuletzt ein Gastspiel in Deutschland) ganz schwach bei Stimme ist (wozu heute auch eine Bronchitis ihren Teil beiträgt) und der die Texte teilweise von seinem improvisierten Spickzettel ablesen muss. Andererseits ist es beachtlich, dass er sich das Tourleben auf niedrigem Niveau gibt. Zudem ist er körperlich (optisch zumindest) in einem bemerkenswerten tollen Zustand (null Bierbauch) und wohl kein anderer Veteran seines Alters (64 Jahre!) traut sich mit Chucks und einem Muskelshirt aufzutreten. So gehen die Meinungen über den Auftritt auch weit auseinander. Tatsache ist aber, dass man ohne den blondierten Briten – neben den Klassikern von ALCATRAZZ – die zum Ende des Sets gespielten Jahrhundertohrwürmer wie 'Desert Song' (MSG), 'All Night Long', 'Since You`ve Been Gone' und 'Lost In Hollywood' wohl nicht mehr zu hören bekommt. Und eine Spielzeit von nahezu 90 Minuten spricht für das Engagement der Truppe und ihres Sängers, der an dem Auftritt einen Heidenspaß hat und stimmlich noch am ehesten bei den drei letzten Rainbow-Nummern den Ton trifft. So bleibt die Frage, ob das vielleicht das letzte Gastspiel des sympathischen Schreihalses von der Insel war. Hoffentlich nicht, das nächste Mal dann bitte auch mit einer Impellitteri-Nummer!

Noch ein paar Worte zum Vorprogramm: Das haben die Heidelberger REVOLUCIFER übernommen und damit auf ganzer Linie überzeugt. Stilistisch irgendwo zwischen Biker Rock, Heavy Rock und Southern Rock mit Einflüssen von The Cult und Sisters Of Mercy bietet die Truppe einen souveränen Auftritt und kann zudem mit einem fetten Sound (besser als beim Headliner) punkten.

 

SETLIST

Assault Attack
Too Young Die, Too Drunk To Live
God Bless Video
Night Games
Love`s No Friend
Big Foot
Jet To Jet
Sky Fire
Kree Narkoorie
Hiroshima Mon Amour
Will You Be Home Tonight
Desert Song
All Night Long
Since You`ve Been Gone
Lost in Hollywood

 

Pic: Alex Gorischek