Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 01.01.1970, 01:00

MEGADETH , AMON AMARTH , AVANTASIA , KING DIAMOND , BEHEMOTH , SLAYER , KREATOR , SAXON , MOTÖRHEAD , APOCALYPTICA , CHILDREN OF BODOM , ACCEPT , ARCH ENEMY , DEVIN TOWNSEND , CARCASS , STEEL PANTHER , HAMMERFALL , SKID ROW - WACKEN 2014: Ein Vierteljahrhundert Lärm

Wenn auf deutschen Autobahnen massenweise Heckscheiben mit dem kryptischen Kürzel „W:O:A“ auftauchen (bevorzugt mit Klebestreifen improvisiert), dann ist das WACKEN OPEN AIR nicht mehr weit. Dieses Jahr feierte das weltweit größte Metal-Festival bei bestem Hochsommerwetter sein 25-jähriges Jubiläum.

Hübner und Jensen sind die wichtigsten Arbeitgeber für junge Leute im Ort, die Bewohner haben sich längst auf den Rummel eingestellt und bauen in ihren Vorgärten improvisierte Kneipen auf, die zum Teil liebevoll gestaltet sind. Den „Spirit of Wacken“ gibt es in Form der lässigen norddeutschen Gastfreundschaft jedenfalls immer noch. Besoffene Skandinavier schocken hier niemanden, und Hilfsbereitschaft wird in der Regel groß geschrieben. Und das Wichtigste: Wir haben selten ein mit so viel Liebe zum Detail gestaltetes Festivalgelände gesehen. Das schließt viele Dinge ein, die Wacken-Kritiker dort nicht vermuten: dass sich gemeinnützige Organisationen dort präsentieren können, dass die Qualität des Essens kontrolliert und prämiert wird und sich die Veranstalter und Sicherheitsbeauftragten nach all den Jahren noch in einem Trainingscamp des Bundes von Experten haben weiterbilden lassen, um der Masse an Besuchern gerecht zu werden. Selbst am Friedhof an der Hauptstraße wird man dazu aufgefordert, nicht zu laut zu feiern, die Macher denken einfach an alles. Selbst in diesen Dimensionen keine Selbstverständlichkeit. Wir gratulieren zu 25 Jahren W:O:A!

DONNERSTAG

Dabei fangen die Feierlichkeiten überhaupt nicht gut an. In der Nacht zum Donnerstag wird ein 19-jähriger Einheimischer von einem Taxifahrer überfahren und erliegt seinen tödlichen Verletzungen. Inwieweit der Unfall im Zusammenhang mit dem Festival steht, ist noch nicht bekannt, die Polizei ermittelt. (hs)

Es ist so eine Sache mit den Jubiläen. Zumindest bei runden Geburtstagen im Kreise der Familie kennt wohl jeder einen fiesen Onkel, der trotz – oder gerade wegen – der feierlichen Stimmung völlig zugerußt für Rabatz sorgt. Hier in Wacken hört dieser Onkel auf den Namen BÜLENT CEYLAN, ist, soweit ich das beurteilen kann, zwar nicht zugerußt, versucht aber trotzdem mit allem, was er hat, Rabatz zu machen. Auch wenn sein aktuelles Programm unter dem prägnanten Titel „Haardrock!“ läuft, löst der Mannheimer nur bedingt Jubelstürme bei mir aus. Die Leute neben mir sehen das aber komplett anders und bejubeln den Comedian, wenn er auf der Bühne Propeller-Banging zeigt, Metal-Riffs einspielt und Feuersäulen zünden lässt. Den Kollegen Jaedike erinnert das alles nicht zu Unrecht ein wenig an die Love Parade, die vor ihrem Umzug ins Ruhrgebiet alljährlich in Berlin stattgefunden hat, weil „die Leute damals auch so dankbar waren; da musste nur einer auf die Bühne klettern und wurde bejubelt“. Eine Regel, die anscheinend auch auf Deutschlands metallischstem Acker gilt.
Die Rolle des ersten musikalischen Anheizers mit internationalem Standing bleibt HAMMERFALL vorbehalten, und die Schweden haben sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Sie spielen bis auf ´Ravenlord´ ihr Debüt „Glory To The Brave“ in einem Rutsch und heben sich aktuellere Smasher für den Zugabenblock auf. Unterstützt werden die Jungs bei ihrem Nostalgietrip von den ehemaligen Bandmitgliedern Stefan Elmgren, Patrik Räfling und dem vielbejubelten Jesper Strömblad, mit fortschreitender Dauer des Konzertes fällt jedoch auf, dass Fronter Joacim Cans nicht seinen besten Tag erwischt hat und mit seinem Gesang vor allem in den hohen Bereichen ganz gehörig neben der Spur liegt.
Kommen wir zu STEEL PANTHER, den Meistern des Sleaze und der mal mehr, mal weniger flachen Koitus-Witzchen. Die will ich eigentlich nicht gut finden und stattdessen lieber Gags über Jens Peters, ihren Überfan in der Redaktion, reißen, aber mit Leckereien wie ´Asian Hooker´ oder ´Community Property´ ziehen mich die Jungs schnell auf ihre Seite. Michael Starr & Co. füllen die riesige Bühne im Stile absoluter Vollprofis und schaffen es ganz nebenbei, das 25-jährige Wacken-Jubiläum mit einem extrem gut angenommenen Tits-Out-Contest zu begehen. Das macht nicht nur Gitarrist Satchel glücklich („Ich liebe Deutschland wegen der Titten, aber auch wegen Mercedes und Schnitzel“), auch das Publikum fühlt sich bestens unterhalten. Witze über Jens Peters spare ich mir also. Erzähle ich halt beim nächsten Mal, dass der Typ selbst bei mäßigen Außentemperaturen gerne nur mit einem Tiger-Tanga bekleidet ins Büro kommt und in 90 Prozent der Fälle dabei provozierend ´Party All Day (Fuck All Night)´ grölt...
Im knackevollen Partyzelt ziehen derweil LETZ ZEP die Menge in ihren Bann. Schließt man die Augen, meint man ob des täuschend echten Led-Zeppelin-Signature-Sounds tatsächlich, dass die Herren Page, Plant, Jones und Bonham auf der Bühne stehen; öffnet man sie, sprechen nur winzige Indizien gegen diese Theorie, denn die Engländer müssen sich alle verfügbaren Zeppelin-Bootleg-Videos angesehen haben, um jede noch so kleine Handbewegung und jeden Hüftschwung der Legende exakt zu studieren. Alltime-Klassiker wie ´Since I´ve Been Loving You´, ´Stairway To Heaven´, ´Kashmir´ oder ´Whole Lotta Love´ zünden gewaltig und sorgen dafür, dass Letz Zep schnell zur bisher besten Band des Tages geadelt werden. Nicht schlecht für eine Covertruppe.
SAXON spielen anlässlich des 25-jährigen Jubiläums gefühlt zum 30. Mal in Wacken, können dabei aber auf eine gigantische Produktion zurückgreifen. Überall Laufstege, Projektionen, Feuer, Rauch und ausreichend Licht für eine Kleinstadt. Das sieht töfte aus, animiert Zyniker aber prompt zu der Feststellung, dass Biff und seine Jungs an diesem Abend vermutlich ihre nächste Wacken-DVD mitschneiden. Keine schlechte Idee, denn der furiose Einstieg mit ´Motorcycle Man´ gelingt, und Schoten wie ´Heavy Metal Thunder´ oder ´Wheels Of Steel´ gehen schließlich immer, aber als man sich gerade auf ein pralles Best-of-Programm der Band freut, ziehen Saxon sprichwörtlich den Stecker und spielen die letzten sieben Nummern des Konzerts mit Unterstützung eines Mini-Orchesters. Vier Mädels an der Violine, ein Typ an der Kesselpauke und ein weiterer an den Keyboards sorgen mit ihren süßlich-klebrigen Arrangements ziemlich unromantisch dafür, dass Hymnen wie ´Denim And Leather´, ´The Eagle Has Landed´ oder ´Dallas 1 PM´ alles, aber keine Atmosphäre entfalten. Ein Satz mit X: Das war wohl nix...
ACCEPT hingegen machen alles vollkommen richtig, verzichten auf jegliche Experimente und bieten eine beeindruckende Heavy-Metal-Show ohne Schnickschnack, aber mit lautem, glasklarem Sound, mindestens 5.000 Marshall-Stacks auf der Bühne und einer opulenten Lichtshow, die Erinnerungen an Queen wach werden lässt. Das hat Klasse, das hat Stil und wird entsprechend begeistert gefeiert, zumal die Band im direkten Vergleich mit Saxon um einiges fitter und engagierter rüberkommt. Mark Tornillo hat zum Einstieg kurz mit Soundproblemen zu kämpfen, liefert danach aber eine makellose Vorstellung ab, Wolf Hoffmann, Herman Frank und Peter Baltes wirken, als wären sie einem Jungbrunnen entstiegen, und als die Band die großen Klassiker ihrer Karriere Revue passieren lässt, gibt es endgültig kein Halten mehr. Songs wie ´Breaker´, ´Princess Of The Dawn´, ´Fast As A Shark´, ´Restless And Wild´ oder ´Balls To The Wall´ sind nichts anderes als deutsches (Heavy-Metal-)Kulturgut und haben auch Jahrzehnte nach der Erstaufführung nichts von ihrem Reiz eingebüßt. (tk)

FREITAG

Wacken-Bashing hat sich in den letzten Jahren zu einer Trendsportart entwickelt. Doofes Event-Publikum, peinliches Rahmenprogramm, rein profitorientierte Festivalorganisation – die Liste der Vorwürfe ist lang. Vor Ort bestätigt sich das allermeiste davon allerdings nicht. Klar, die Wege sind nicht die kürzesten, aber was erwartet man bei einem Festival mit über 80.000 Besuchern? Die Securities sind freundlich, die meisten der Warn- und Infohinweise auf den Videoleinwänden sinnvoll, und die Verlegung der Sicherheitskontrollen sorgt für eine entspanntere Lage auf dem Hauptgelände. Zu den nichtmetallischen Programmpunkten kann man inhaltlich natürlich stehen, wie man will, billiger Kirmesfirlefanz nervt allerdings fast nirgendwo. Das Wackinger-Dorf, ein netter kleiner Mittelaltermarkt, spricht einen nicht geringen Prozentsatz der Besucher an – die Überschneidungen zwischen Metal-, LARP- und Reenactment-Szene sind ja bekanntermaßen seit jeher groß –, die Steampunk-Darbietungen passen ebenfalls gut zum Sound, der von den großen Bühnen herüberweht, und die Gigs der Mittelalter- und Folk-Bands, die auf den kleinen Stages herumtröten, eignen sich prima für kurze Verschnauf- und Essenspausen. Und die Event-Besucher? Gibt es natürlich, sie sind aber eine verschwindend geringe Minderheit, die insbesondere im Infield kaum auffällt. Vor den drei großen Stages schwitzen schon am Freitagmittag zehntausende Kutten und schwarze Shirts, die Atmosphäre unterscheidet sich kaum von den heute legendären Dynamo Open Airs der Mittneunziger. Ein junges, musikvernarrtes und überwiegend textsicheres Publikum nimmt das exotische Spektakel der mit einem orientalischen Orchester anrückenden Taiwanesen CHTHONIC wohlwollend zur Kenntnis, bevor bei SKID ROW erstmals Hits mitgegrölt werden. Mit Evergreens wie ´Monkey Business´, ´18 And Life´ oder ´Youth Gone Wild´ kann man wenig falsch machen, allerdings wird gerade bei den ollen Kamellen Ex-Sänger Sebastian Bach schmerzlich vermisst. Der exzentrische Pfau ist zwar heutzutage stimmlich nicht mehr hundertprozentig auf der Höhe, in Sachen Bühnencharisma kann ihm sein Nachfolger Johnny Solinger jedoch nicht ansatzweise das Wasser reichen. Nur bei aktuelleren Tracks wie ´We Are The Damned´ wirkt Solinger halbwegs souverän, ansonsten singt er in einem übergroßen Schatten, aus dem er selbst im strahlenden Wacken-Sonnenschein nie heraustreten kann.
Während danach ENDSTILLE auf der Black Stage mit ´ner feisten Hasskante, aber letztlich vergeblich versuchen, die Welt untergehen zu lassen, sorgen KNORKATOR zwei Bühnen weiter rechts für einen der Stimmungshöhepunkte des Tages. ´Ding inne Schnauze´, ´Du bist schuld´, ´Schüchtern´, ´Zoo´ – eine imposante Menschenmenge feiert „Deutschlands meiste Band der Welt“ ab wie einen verfrühten Headliner. Die wie immer rein instinktgesteuert zwischen Tourette-Metal, toller Tanzmusik und grenzdebilem Toiletten-Humor hin und her zuckenden Berliner beherrschen die große Kunst, Blödsinn zu verbreiten, ohne dabei selbst blödsinnig rüberzukommen, und wirken selbst dann nicht affig, wenn sie ihre blanken Ärsche zeigen oder auf der Bühne Federball spielen. Frontzappler Stumpen nutzt den großen Zuschauerzuspruch, um die Fans zu Massen-Crowdsurfing (mindestens 50 Leiber schweben gleichzeitig über der Menge) und Rückwärts-Surfing (man reicht die Leute einfach nach hinten durch) zu animieren, und bei den Hymnen ´Alter Mann´, ´Konrad´ und ´Wir werden alle sterben´ singt das Volk lauter als die Band. Grandios!
Danach wird´s etwas langweilig. FIVE FINGER DEATH PUNCH sind in den USA ´ne Riesennummer, und es reicht in Wacken immerhin zu einigen Walls Of Death und halbwegs ansehnlichen Pits, mit ihrem arg klinischen Dicke-Hose-Ami-Sound und ihrer viel zu standardisierten Show lenken Ivan Moody & Co. aber leider ziemlich erfolgreich von der Tatsache ab, dass sie mittlerweile haufenweise gute, anspruchsvolle Songs im Programm haben. Das gleiche Kunststück gelingt anschließend auch HELLYEAH, deren Gitarren durchgehend wie startende Düsenjets klingen und deren Sänger Chad Gray eine strunzöde Fuckin´-fuck-motherfucker-Ansage an die nächste reiht. Halb Wacken gähnt – da helfen auch der Vinnie-Paul-Bonus und Perlen wie ´Rage/Burn´, ´DMF´ oder ´Hellyeah´ nichts.
Wie man die Massen richtig mitreißt, zeigen ab kurz vor 17 Uhr HEAVEN SHALL BURN. Schon beim Opener ´Counterweight´ tobt der Mob, und als danach ´Land Of The Upright Ones´ mit superbem Sound aus der P.A. donnert (generell haben heute erstaunlich viele Bands ein astreines Klangbild), gibt es endgültig kein Halten mehr. 40.000 Menschen lassen sich von den Thüringern selig grinsend die Frisuren ruinieren, bejubeln den Gastauftritt von Dan Swanö beim Edge-Of-Sanity-Cover ´Black Tears´, bestaunen die wirkungsvollen Pyro/Nebelsalven-Effekte und starten zu ´Trespassing The Shores Of Your World´ einen autobahnbreiten Circle Pit bis hinter den Mixturm. Die Band freut sich über die fabelhaften Resonanzen, präsentiert sich bodenständig wie eh und je und krönt sich endgültig zu Understatement-Königen, als sie zum Abschluss das Blind-Guardian-Cover ´Valhalla´ inklusive Guardian-Originalabspann auspackt.
Bescheidenheit spielt bei CHILDREN OF BODOM eine eher untergeordnete Rolle. Insbesondere der irgendwie nie ganz nüchtern wirkende Alexi Laiho gibt mal wieder den notcoolen Verbalrockstar, der sich mit alberner Teenager-Toughness durch seine Ansagen pöbelt. Den Fans ist das allerdings schnuppe, sie lassen sich von Ohrwürmern der Marke ´Hate Crew Deathroll´, ´Lake Bodom´, ´In Your Face´ oder dem Stratovarius-Cover ´Black Diamond´ bestens unterhalten.
Zum Abschluss des Vorabendprogramms dann noch ein echtes Highlight: APOCALYPTICA treten mit Orchester auf und beweisen, dass klassische Sounds auch abseits des üblichen Begleitbombasts ein gigantisches Headbanger-Auditorium bei Laune halten können. Die Metallica-Cover ´Fight Fire With Fire´ und ´Nothing Else Matters´ werden natürlich am frenetischsten bejubelt, aber auch die Eigengewächse der Finnen ernten deutlich mehr als Höflichkeitsapplaus. (mr)
Im Gegensatz zu Holger und Michael wird mir die Apocalyptica-Feingeistigkeit nach ´ner Weile eher lästig und entspricht zu offensichtlich dem Motto „Guck mal, Mutti, hier gibt´s auch „ernste“ Musik“. Schlendern wir also rüber zu HÄMATOM, die zu Unrecht, wenn auch nicht ganz unschuldig, unter diesem unsäglichen „Neue Deutsche Härte“-Banner leiden. Durch ihre Outfits und Pseudonyme landen die Herren Nord, Süd, Ost und – hui! – West bei vielen Leuten vorschnell auf der Abschussliste. Im Lauf der Jahre haben sie sich aber hartnäckig zu einem Act mit Hitpotenzial hochgearbeitet. Das Zelt ist rappeldicke voll. Bis in die letzten Reihen gehen die Arme nach oben und werden Songs wie ´Alte Liebe rostet nicht´ und ´Sturm´ mitgesungen. Die Band kommentiert es mit einem ehrlich begeisterten „Unglaublicher Wahnsinn!“.
Sorry, CARCASS! Sorry, HELL! Bei aller Liebe (speziell zu Hell), aber man sollte sich heute nicht eine Sekunde MOTÖRHEAD entgehen lassen. Und zwar nicht wegen der zweifelhaften Ambition, Lemmy vielleicht wieder schlappmachen zu sehen, sondern weil es verdammt noch mal fuckin´ Motörhead sind. Das Infield ist bis zum Bersten gefüllt. Der 68-Jährige wird frenetisch begrüßt, wünscht dem W:O:A alles Gute zum Fünfundzwanzigsten, rotzt das obligatorische „We are Motörhead, and we play Rock´n´Roll!“ in die Meute und wuchtet mit seinen Kompagnons Phil Campbell und Mikkey Dee eine ultraschwere Version von ´Damage Case´ durch die P.A. ´Stay Clean´ wird vom Böss eher genuschelt, dafür wirkt er weniger wackelig auf den Beinen als bei diversen Shows der letzten Jahre, und sein Basssolo in dem ollen „Overkill“-Classic sitzt wie ´ne Eins. „Overkill“ ist heute eh im Fokus, auch wenn man das nachfolgende, regelrecht melancholisch wirkende ´Metropolis´ durch ´No Class´ oder ´Tear Ya Down´ ersetzen könnte. Aber vielleicht rappelt´s Ende September auf der vom Rock Hard präsentierten „Motörboat“-Kreuzfahrt im Programm, wie die Band vor dem Gig im Backstage andeutete. Vor dem locker-flockig rausgebretterten ´Over The Top´ (anno dunnemals eigentlich „nur“ ´ne Single-B-Seite und heute von Lemmy sich selbst gewidmet) bringt Sir Kilmister dem Publikum bei, wie „echte Männer“ zu brüllen. Dann beweist Campbell bei seinem Solospot, dass eine weiß-neongrüne Gitarre tatsächlich gut aussehen kann. Dummerweise gibt das Ding im letzten Teil von ´The Chase Is Better Than The Catch´ seinen Geist auf. Lemmys geliebtes „Another Perfect Day“-Album ist mit ´Rock It´ gut im Rennen. Bereits jetzt zeigt die Setlist, dass Motörhead es etwas relaxter angehen lassen. Andere Gruppen machen so was, wenn sie in intimerem Rahmen auftreten, Motörhead ziehen es halt vor 80.000 Leuten durch. Aber offensichtlich fühlt sich Lemmy bei weniger Vollgas inzwischen einfach wohler. ´Lost Woman Blues´ nimmt trotzdem Luft aus dem Gig, und das Schlagzeugsolo in ´Doctor Rock´ ist zu lang. Das tolle ´Just ´Cos You Got The Power´ (auch so ein ursprünglich als B-Seite verschwendeter Hit) ist die nächste bluesige Walze, bevor mit ´Going To Brazil´ und ´Killed By Death´ (mit der unkaputtbaren, aber nicht sonderlich textsicheren Doro als Gast) schon das Finale naht. ´Ace Of Spades´ und die Zugabe ´Overkill´ heben das Speedlevel doch noch in die Regionen, für die Motörhead vor Dekaden berühmt wurden, und zeigen, was man heute etwas vermisst hat. Aber wie gesagt: Egal, ob das gemächlichere Programm Lemmys Fitness oder einfach der Lust und Laune der Band geschuldet ist: Man kann das ruhig so machen, wenn uns Motörhead dadurch ein paar weitere Jahre erhalten bleiben.
Sorry, NIGHTMARE! „The Aftermath“ war mal wieder ´ne coole Scheibe, und live hat man ja selten die Gelegenheit, aber auf der True Metal Stage stehen zeitgleich fuckin´ SLAYER. Für einige Lästermäuler („Scheiß Line-up!“, „Araya bringt´s nicht mehr!“, blablabla) sind Shows des Vierers inzwischen unter Katastrophentourismus abzuhaken. Aber hey! Tom Araya sieht tatsächlich aus, wie man sich seinen Helden Jesus C. ungefähr vorstellt, und bei Kerry „Burger“ King weiß man nie, ob er schlechte Laune hat oder einfach nur seine aufgesetzte „Böser Watz“-Rolle bis zum Exzess durchzieht. Doch der Auftritt ist eine grandiose Werbung für edelsten Thrash Metal. Das eröffnende ´Hell Awaits´ hat das dämonisch-dramatischste Intro der Genre-History und knallt ohne Ende. Auch sonst ist von Altersmilde keine Spur zu erkennen. Araya ist gut bei Stimme und in seiner knapp dosierten Publikumskommunikation mal wieder irgendwo zwischen unnahbar und höflich. Die Drum-Maschine Bostaph (der Druck der Doublebass-Attacken zieht einem echt die Nasenflügel zusammen) und der unübersehbar spielfreudige Holt (mit werbewirksamem Exodus-Schweißband am Arm) sind perfekte Zuarbeiter. Die Setlist (´The Antichrist´ drückt wie Hölle, ´Raining Blood´ in einer blutroten, feuerspeienden Inszenierung, begleitet von einer Wall Of Death, ´Angel Of Death´ mit einem 1a-Eröffnungsschrei von Tom, ´Dead Skin Mask´ voller subtiler Bösartigkeit, ´Black Magic´ mit unglaublichen, nahezu originalgetreuen Leads) schwelgt meist an der Grenze zur Vorhersehbarkeit, ist aber genau deshalb für so einen gigantischen Auftritt gut gewählt. „Auf Wiedersehen, bis später“, verspricht Araya zum Abschied. Aber immer doch!
Danach heißt´s „Scheiß auf SALTATIO MORTIS!“ (also nix mit „Sorry!“) und pünktlich zur Hexenstunde vor die – logo – Black Stage gestellt, um sich KING DIAMOND anzugucken. Im Vorfeld meinten ein paar Gralshüter, dass ´ne Wacken-Show des King heilige Perlen vor die Ballermannsäue bedeuten würde. So ein Quark ist nicht mal diskussionswürdig. Allerdings – und das darf man durchaus kurz in die Runde werfen – gab´s auch auf dem letztjährigen Rock Hard Festival zwischen all den Worshippern diverse eher belustigte Gesichter, und wenn Herr Diamond mit seiner Heliumstimme „Scream!“ ins Publikum quiekt, kann man einfach nur grinsen oder halt zurückpiepsen. Die Setlist passt, und die Show ist okay, auch wenn beim genaueren Hinsehen eigentlich so gut wie nix Spannendes passiert. Um im Grusel-Rock-Kosmos zu bleiben: Rob Zombie sieht cooler aus, Alice Cooper hat die besseren Stageprops, Death SS rocken mehr, und Ghost sind niedlicher. Das Publikum stimmt mit den Füßen ab. Das Infield leert sich zusehends, und bei mir fordern Zompfs penetrante Schnarchattacken der letzten Nacht Tribut, so dass ich jetzt einfach mal pennen gehe. (jj)

SAMSTAG

Den Wecker auf den Mainstages machen am Samstag ARCH ENEMY, SODOM und PRONG. Letztere leiden (wie Carcass am Vorabend) unter der riesigen Distanz zum Publikum auf der Party Stage. Da kommt keine richtige Stimmung auf, obwohl sich der wiedererstarkte Dreizack natürlich prächtig schlägt. Wesentlich überzeugender (mit voller Bild- und Tonunterstützung) fällt die Bilanz für Wacken-Urgestein Tom Angelripper aus, der anschließend das „Wettsaufen“ gegen einen Fan verliert (angeblich soll der Mann Tricks mit zerquetschten Bierdosen draufgehabt haben). Sowohl Sodom als auch Arch Enemy locken bereits zur Mittagszeit viele Fans vor die Bühnen.
Während die gut klingenden BEHEMOTH den Faden mit einer blitzsauberen Black-Metal-Show aufnehmen, spielt DEVIN TOWNSEND mit seiner pfiffigen, aber sperrigen Musik das riesige Feld halb leer. Dafür gelingen ihm mit „Dies ist ein Heavy-Metal-Liebeslied, denn Nerds haben auch Gefühle, verdammt noch mal!“ oder „Ich bin Devin Townsend, wir sind aus Vancouver/Kanada, und ich habe einen unglaublich kleinen Schwanz“ herrlich selbstironische Ansagen. Bei EMPEROR kommen Black-Metal-Fans erneut richtig auf ihre Kosten, denn die norwegischen Progressiv-Monster schrauben das kompositorische Niveau noch ein paar Prozentpunkte nach oben. Man spielt zum 20-jährigen Jubiläum das Debüt „In The Nightside Eclipse“ in voller Länge und wird zur Feier des Tages vom Kulturkanal ARTE übertragen. Damit war 1994 nun wirklich nicht zu rechnen! Unterstützt von Pyro-Effekten, gelingt Emperor mit dem Bathory-Cover ´A Fine Day To Die´ ein äußerst geschmackvoller Abschluss ihres Gigs. (hs)
Nachdem es mir nicht gelungen ist, die Kollegen Kupfer und Stratmann entgegen vorheriger Ankündigungen bei den hartgesottenen Pfahlsitzern aufzufinden (die Herren können aber auch keine fünf Minuten stillhalten), wird es höchste Zeit für ein paar stoische Wikinger. Von nordischer Zurückhaltung ist bei AMON AMARTH allerdings nicht viel zu merken: Als die Schweden mit ´Father Of The Wolf´ die True Metal Stage entern und sich einem bis zum Horizont reichenden Menschenmeer gegenübersehen, verwandelt sich die Truppe um Frontruderer Johan Hegg für den Rest der Show in ein breit grinsendes Honigkuchenpferd-Quintett und läuft zu spielerischer Höchstform auf. Zudem legen die Schweden mit reichlich Pyroeffekten, zwei Rauch spuckenden, bekletterbaren Drachentürmen und einem auf die aktuelle „Deceiver Of The Gods“-Scheibe fokussierten Set eine Hammershow hin. ´The Pursuit Of Vikings´ sorgt vor der Bühne für einen wilden Haarwirbeltornado, und Hegg, neuerdings auch als Kinostar unterwegs, ist von dem Schauspiel so ergriffen, dass er mit seinem schicken Amon-Amarth-Smartphone einen Selfie von sich und dem tobenden Publikum schießt. Thor wäre stolz!
Weniger gut gelaunt zeigen sich MEGADETH bei ihrem ersten Wacken-Auftritt, was aber auch kein Wunder ist, weil bereits mit dem Intro das Mischpult abraucht und im wahrsten Sinne des Wortes Stille herrscht, als beim ersten Song ´Hangar 18´ erst mal der Ton wegbleibt. Die restlichen 75 Minuten klingen dann stellenweise so schaurig, dass sich einem trotz robusten Schuhwerks die Zehennägel aufrollen. Genau so guckt Megadave Mustaine auch während der gesamten Show aus der Wäsche und knurrt dazu ziemlich angesäuert ins Mikro. Wobei man ihm und der Band hoch anrechnen muss, dass sie den anfänglichen Schock schnell wegstecken. Mit ´Skin O´ My Teeth´ nehmen die Amis langsam Fahrt auf, vier Songs später merkt man ihnen bei ´She-Wolf´ den Ärger kaum noch an, und die Gitarrensalven, die Dave und Chris Broderick ins Publikum feuern, machen einiges wieder gut. Trotzdem wirkt das Konzert etwas saft- und kraftlos, genau wie der ziemlich lieblos runtergedudelte Gassenhauer ´Symphony Of Destruction´ gegen Ende des Sets.
Die letzten Umbaupausen des Abends werden dazu genutzt, die ersten bereits bestätigten Bands für das kommende Jahr zu verkünden – und wie gewohnt sind einige Kracher dabei, die selbst die festivalmüdesten Anwesenden in Sekundenabständen aufraunen lassen. Mit In Flames, Sepultura, einer Europa-exklusiven Savatage-Reunion und dem Trans-Siberian Orchestra als Zugabe werden einige gute Argumente geliefert – und das W:O:A 2015 ist knapp zwölf Stunden nach Vorverkaufsbeginn bereits ausverkauft.
Grund zum Raunen und ganz großes Kino - pardon, große Oper – liefern im Anschluss auch AVANTASIA. Vor dem gerammelt vollen Festivalgelände und den Fernsehzuschauern des live in etliche Länder übertragenen Konzerts läuft Wortakrobat Tobias Sammet zur Bestform auf und zaubert wie gewohnt eine richtig fette Allstar-Besetzung aus seinem weißen Hütchen. Michael Kiske, Ronnie Atkins, Eric Martin, der heute seine Wacken-Entjungferung erlebt, und der zauberhaft charismatische Bob Catley liefern sich mit Sammet ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Titel des besten Fronters. Obwohl Nummern wie ´Spectres´, ´Shelter From The Rain´ oder das von Tobi mit Amanda Somerville dahingeschmachtete ´Farewell´ in vielen Augen hart an der Grenze zum Kitsch kratzen dürften und man in Wacken nicht ausschließlich die eigene „Pussy-Metal“-Zielgruppe (O-Ton Sammet) bedient, geht das Konzept des Projekts auch vor fast 100.000 Hartwurst-Fans bestens auf. Gänsehaut auf staubverkrustete Arme zaubert insbesondere das von Catley vorgetragene ´The Story Ain´t Over´. Eigentlich eine runde Sache – wenn Herr Sammet nur nicht immer eimerweise Quasselwasser trinken und, statt Opern zu quatschen, lieber ein paar zusätzliche Songs trällern würde. Während seine Versuche, die vor der Bühne nebenan auf die Kreator-Show wartenden Thrasher zu bespaßen, noch ganz lustig sind, nimmt die gefühlt zehn Minuten lange Vorstellung der Bandmitglieder samt Anekdötchen aus 14 Jahren Avantasia der ansonsten energiegeladenen Show den Wind aus den Segeln. Kein Wunder, dass das Publikum beim abschließenden Medley aus ´Sign Of The Cross´ und ´The Seven Angels´ fast hörbar aufatmet und gemeinsam mit sämtlichen Musikern noch einmal alles gibt.
KREATOR lassen im Anschluss statt vieler Worte lieber Taten folgen und lockern die inzwischen arg verspannten Nackenmuskeln der Festivalbesucher mit ´Phantom Antichrist´ wieder auf, bevor die Mosh-Parade mit ´From Flood Into Fire´ nahtlos weitergeht. Ob es an der norddeutschen Landluft oder der schier unüberschaubaren Menge vor der Black Stage liegt, sei mal dahingestellt – jedenfalls haben die Ruhrpott-Thrasher einen richtig guten Tag erwischt. Einen Preis für seine Ansagen wird Schreihals Mille Petrozza wohl nie gewinnen, dafür verlangen er und sein Knüppelgeschwader dem Publikum mit Abrissbirnen wie ´Phobia´, ´Enemy Of God´ und dem fulminanten Schlusspunkt ´Flag Of Hate/Tormentor´ gegen Ende des Open Airs noch einmal alles ab und bescheren den ausgepowerten Fans als Nebeneffekt den gesegneten Schlaf der Gerechten.
Für die ganz Harten gibt es nach den Danksagungen der Veranstalter noch ein paar musikalische Gute-Nacht-Geschichten von SCHANDMAUL. Die versuchen glücklicherweise im Gegensatz zu einigen anderen Mittelalter-Kollegen gar nicht erst, die harten Jungs und Mädels zu geben. „Ihr merkt schon, wir machen alles, nur keinen Metal“, stellt Märchenonkel Thomas Lindner treffend fest. Stört die um zwei Uhr nachts noch putzmunteren Nachtvögel vor der Bühne aber nicht die Bohne. Von der positiven Energie der sechsköpfigen Spielmannstruppe angesteckt, bilden gestandene Kuttenmetaller Menschenwürste, schunkeln und hüpfen ausgelassen zu Nummern wie ´Teufelsweib´ oder ´Walpurgisnacht´ und schmettern gemeinsam mit den Münchnern die Antifaschismus-Nummer ´Bunt und nicht braun´. Ein ungewohnter, aber gut gewählter Festival-Ausklang. (am)

In Wacken ließen sich bei angenehmen Klängen durchbraten: Holger Stratmann (hs), Michael Rensen (mr), Thomas Kupfer (tk), Alexandra Michels (am) und Saskia Gaulke (Fotos).

Bands:
APOCALYPTICA
SAXON
SLAYER
HAMMERFALL
DEVIN TOWNSEND
KING DIAMOND
MOTÖRHEAD
BEHEMOTH
AMON AMARTH
STEEL PANTHER
CARCASS
MEGADETH
SKID ROW
ACCEPT
CHILDREN OF BODOM
KREATOR
ARCH ENEMY
AVANTASIA
Autor:
Alexandra Michels
Michael Rensen
Holger Stratmann
Jan Jaedike
Thomas Kupfer

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