Classic Albums

Classic Albums 30.05.2012

PANTERA - Vulgar Display Of Power (1992)

Schon mit dem rundum erneuerten Soundgewand ihres Majorlabel-Debüts „Cowboys From Hell“ sorgten PANTERA für ein mittelschweres Beben in der Metalszene. Doch es war das riffgewaltige, brachiale Nachfolgewerk „Vulgar Display Of Power“, das den Status der Band als einen der einflussreichsten Acts der Neunziger zementierte und heute noch als das definitive PANTERA-Album angesehen wird. Anlässlich der „20th Anniversary Edition“ des in den USA mit Doppel-Platin ausgezeichneten Drehers holten wir einen gut aufgelegten Phil Anselmo (v.) an die Strippe.

Phil, was sind deine ersten Assoziationen, wenn du an „Vulgar Display Of Power“ denkst?

»Als Erstes denke ich: „Jesus Christus, ich werde alt!“ Und zweitens: „Was für ein Album!“ Es hat unser Leben massiv verändert. Wir alle hatten Träume in der Band, aber ich denke nicht, dass sich einer von uns ausmalen konnte, was dieses Album den Leuten auch 20 Jahre nach der Veröffentlichung noch bedeutet.«

Ihr wart für den Vorgänger „Cowboys From Hell“ fast zwei Jahre auf Tour und hattet nur zwei Monate Zeit, „Vulgar...“ zu komponieren und aufzunehmen. War das nicht eine schwierige Aufgabe?

»Das könnte man meinen. Aber die Musik floss einfach so aus uns heraus. Das war ein sehr natürlicher, organischer Prozess. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt, worauf wir in diesen Spezialgang geschaltet haben, der es uns ermöglichte, uns zu fokussieren. Es ist schwer zu beschreiben. Aber ich denke, unsere größte Stärke war es, eine Liveband zu sein. Die „Cowboys From Hell“-Tour war wie eine Erleuchtung für uns. Statt dieser routinierten und respektierten lokalen Band aus Texas waren wir auf einmal wieder ein kleiner Fisch in einem großen Ozean und mussten lernen, uns gegen ein Publikum durchzusetzen, das uns nicht kannte. Wir hatten einige wirklich harte Gigs. Dieser Prozess war eine große Lernerfahrung für uns. Wir sind aus der Sache mit viel mehr Selbstbewusstsein rausgegangen.«

Kannst du dich noch daran erinnern, welche drei Songs ihr für „Vulgar...“ als Erstes komponiert habt?

»Lass mich nachdenken. Ist dies eine Art Quiz, bei dem du die Antwort schon kennst?«

Nein, ich habe keine Ahnung, deswegen frage ich dich.

»Okay. Ohne mir weiter den Kopf zerbrechen zu wollen, erinnere ich mich als Erstes daran, dass Darrell (g.) und ich zu Beginn an ´Mouth For War´ gearbeitet haben. Ich hatte zwei Riffs, die ich ihm zeigte und die er sehr mochte. Darrell baute die Riffs in den Track ein, und das Ding war von vornherein ein Trademark-Song. Ich glaube, danach haben wir an ´Walk´ und bald darauf an ´A New Level´ gearbeitet.«

Auf der „20th Anniversary Edition“ findet sich noch der zuvor unveröffentlichte Song ´Piss´. Kannst du dich daran erinnern, warum ihr das Lied damals nicht aufs Album genommen habt?

»Ich hatte das Gefühl, dass der Track nicht so recht zum Rest des Albums passen wollte. Ich glaube, der Song wirkte auf mich nicht so intensiv wie das andere Material. Ich war der Meinung, dass ´Piss´ als Filler eingestuft werden könnte. Und ich denke, das wollte keiner von uns. Wir wollten ein Album, das von vorne bis hinten fließt und dabei stilistisch nicht zu sehr von der Spur abkommt.«

Der offensichtlichste Unterschied zu „Cowboys From Hell“ ist dein veränderter Gesangsstil, der mehr in Richtung Hardcore tendiert. Wurde das im Studio entwickelt, oder kam das aus der Livesituation heraus?

»Das kam schon aus der Livesituation. Außerdem stand ich damals einfach total darauf. Wenn ich es weiter darauf angelegt hätte, den Rob-Halford-Stil nachzuahmen, hätte ich wohl Probleme mit meiner Stimme bekommen. Außerdem stand ich mit zunehmendem Alter immer mehr auf extremen Metal und Hardcore. „Cowboys From Hell“ entstand Ende der Achtziger, das war noch eine ganz andere Zeit. Anfang der Neunziger wurden die Bands immer härter. Von daher war es eine bewusste Entscheidung, die Vocals härter zu gestalten.«

Welche Musik hat dich damals beeinflusst?

»Meine Thrash-Platten begannen mich ein bisschen zu langweilen. Dafür entdeckte ich Acts wie die Melvins, Prong, die Rollins Band oder Helmet. Alles Combos, die nicht zwingend als Heavy Metal tituliert werden konnten, sich aber dennoch durch diese wahnwitzige Energie auszeichneten. Sie haben diese Energie aber ausgestrahlt, ohne ständig aufs Gaspedal zu treten. PANTERA konnte man nie hundertprozentig einem Genre zuordnen, und das gefiel uns. Waren wir eine Thrash-Band? Sicher, wir hatten Thrash-Elemente in unserem Sound. Aber haben wir das Slayer-Script befolgt? Nein. Unsere extreme Art hat sich nicht in erster Linie durch die Geschwindigkeit definiert. Wir waren viel rhythmischer. Diese intensive rhythmische Qualität führte teilweise zu der irreführenden Annahme, dass wir eine Thrash-Band sind. Ich weiß, diese Antwort wird etwas kompliziert, aber mein Standpunkt ist: „Vulgar Display Of Power“ war das erste Album, das vom Sound und der Produktion her das einfing, was wir live auf der Bühne darboten. Wir haben uns auf der Bühne immer sehr wohl gefühlt. Gleichzeitig muss man sehen, dass die Heavy-Metal-Produktionen zu der Zeit drastischen Veränderungen unterzogen wurden. Unseren Livesound auf Platte zu bannen, war eine schwierige Herausforderung. Aber so gut wie auf „Vulgar...“ haben wir es zuvor nicht hinbekommen.«

Gibt es einen Song auf dem Album, der dir immer noch Gänsehaut beschert?

»Am ehesten ´A New Level´, weil die Riffs so zerstörerisch und die Lyrics ziemlich interessant sind. Ich bin kein großer Fan davon, mir meine alten Lyrics durchzulesen. Oft denke ich: „Aua, da war ich noch ziemlich jung und naiv.“ Die Lyrics von ´A New Level´ lesen sich aber immer noch wie ein gutes Credo, nach dem man sein Leben ausrichten kann.«

Letzten September hast du ´A New Level´ und ´Fucking Hostile´ mit Mitgliedern von Anthrax, Slayer-Gitarrist Kerry King, Megadeth-Bassist David Ellefson und Ex-Dream-Theater-Drummer Mike Portnoy live performt. Wenn ich mich recht erinnere, dürfte das deine erste Performance dieses Songs seit dem PANTERA-Split gewesen sein. Wie hat sich das nach all den Jahren angefühlt?

»Gut. Das hat echt Spaß gemacht. All diese Musiker sind coole Leute, und ich fühlte mich geschmeichelt und geehrt, dass sie mich eingeladen haben. Es hat sich wirklich prima angefühlt, auch wenn wohl nicht jede Note gesessen hat.«

´Walk´ ist wahrscheinlich der bekannteste PANTERA-Track weltweit. Umso erstaunlicher, dass ihr den Song damals erst als vierte und letzte Single ausgekoppelt habt.

»Ja, wahrscheinlich ist das der bekannteste Song. Aber mir war gar nicht mehr bewusst, dass dies die letzte Single war. Da war wohl Ironie im Spiel.«

„Vulgar...“ war das letzte Album, das in den Pantego-Sound-Studios, in denen schon alle vorherigen PANTERA-Alben entstanden sind, aufgenommen wurde. Gab es dort eine bestimmte Magie, die ihr danach nicht wieder einfangen konntet?

»Ich würde nicht sagen, dass wir sie nie wieder eingefangen haben. Aber das Studio hatte etwas sehr Bequemes. Das Studio gehörte ja Vinnies (dr.) und Darrells Vater, dementsprechend kannten sich die beiden mit dem relativ alten Equipment sehr gut aus. Das war ja noch lange vor der Zeit, in der Pro Tools und der ganze Computerkram zum Studio-Equipment gehörten. „Cowboys From Hell“ und „Vulgar Display Of Power“ haben wir noch analog auf Tape aufgenommen. Außerdem lag mein Apartment direkt um die Ecke. Ich bekam jeden Tag einen Anruf und lief rüber zum Studio, ging durch das hölzerne Tor, und schon war ich da. Das machte die Dinge sehr einfach. Es gab dort auch eine gewisse Magie, daran besteht kein Zweifel. Besonders Vinnie ist quasi in diesem Studio aufgewachsen und kannte sich mit technischen Details aus, die meinen Horizont weit überschritten. Ich hasste die Arbeit im Studio damals, mittlerweile liebe ich sie. Früher hat es mich eingeschüchtert, weil alles perfekt klingen und man die gleiche Passage immer und immer wieder aufnehmen musste. Aber besonders bei „Vulgar...“ waren wir sehr konzentriert und haben alle an einem Strang gezogen. Ich denke, das wäre auch an einem anderen Ort zum Vorschein gekommen.«

„Vulgar...“ gilt als eines der einflussreichsten Alben der Neunziger. Stört es dich, dass euch auch die vielerorts verhasste Nu-Metal-Bewegung Ende der Neunziger als einen ihrer Haupteinflüsse genannt hat?

»Nein, das kümmert mich nicht. Einige Leute meinen, dass sie unseren Erfolg an dem nächsten großen Ding, das nach uns im Heavy Metal kam, festmachen können. Schön und gut, aber es gibt auch viele Bands, die keinen Nu Metal spielten, aber dennoch von PANTERA beeinflusst waren. Guck dir nur an, was Rob Halford von Judas Priest mit seinem Fight-Projekt gemacht hat. Das war schon sehr von der PANTERA-Formel inspiriert. Uns hat das total umgehauen. Denn als wir aufgewachsen sind, haben wir Judas Priest gehört, und auf einmal zählte uns Halford zu seinen Einflüssen. Außerdem bin ich kein Rockstar, ich richte mein Leben nicht danach aus. Wenn man die Charaktere, die man auf der Bühne darstellt, abzieht, sind wir, und das gilt für alle Musiker, am Ende des Tages ganz normale Leute. Und wenn diese Leute von PANTERA beeinflusst wurden, dann hat sich damit der Kreis geschlossen.«

www.facebook.com/pantera

Das Line-up auf „Vulgar Display Of Power“

  • Philip Anselmo (v.)
  • Diamond Darrell (g.)
  • Rex Brown (b.)
  • Vinnie Paul (dr.)

Fakten, Fakten, Fakten

  • Spielzeit: 52:53
  • Produzenten: Terry Date & Vinnie Paul
  • Studio: Pantego Sound Studio, Pantego

Die Songs

  • Mouth For War
  • A New Level
  • Walk  
  • Fucking Hostile
  • This Love  
  • Rise  
  • No Good (Attack The Radical)
  • Live In A Hole
  • Regular People (Conceit)
  • By Demons Be Driven
  • Hollow
  • Piss (Bonustrack)

DISKOGRAFIE

Metal Magic (1983)
Projects In The Jungle (1984)
I Am The Night (1985)
Power Metal (1988)
Cowboys From Hell (1990)
Vulgar Display Of Power (1992)
Far Beyond Driven (1994)
The Great Southern Trendkill (1996)
Official Live - 101 Proof (Live, 1997)
Reinventing The Steel (2000)
Reinventing Hell - The Best Of Pantera (Best-of, 2003)

Bands:
PANTERA
Autor:
Ronny Bittner

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