Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 01.01.1970, 01:00

LACUNA COIL , JINJER , ARCH ENEMY , SATYRICON , MOONSPELL , DRESCHER , DEVILDRIVER , TUXEDOO , MANTAR , AND THEN SHE CAME - Unter und auf dem Berge

Sommer, Sonne, Metal-Festivals? In diesem Jahr eher nicht so, soff doch ein Großteil der deutschen Outdoor-Veranstaltungen im Regen ab oder wurde gar abgesagt. Wir reisten der Sonne hinterher, nach Graz zum von Napalm Records veranstalteten METAL ON THE HILL-Festival.

Freitag

Graz, die mit 280.000 Einwohnern zweitgrößte Metropole Österreichs und Hauptstadt der Steiermark, empfängt den Besucher mit strahlendem Sonnenschein. Und noch jemand strahlt übers ganze Gesicht: Wolfgang Liu Kuhn, seit Jahren für euer Lieblingsmagazin als China-Korrespondent tätig, hat den Smog in Peking hinter sich gelassen und ist vor wenigen Wochen in die alte Heimat zurückgezogen. Das ist insofern prima, als dass Meister Kuhn nicht nur ein profunder Kenner der österreichischen Metalszene ist, sondern nebenbei auch der beste Stadtführer, den man sich wünschen kann. Beim Schlendern durch die malerisch verwinkelten Gassen der Altstadt mit ihren gefühlt einhundert Plätzen, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, erzählt der Heimkehrer von seinem bewegten Leben in Peking und berichtet, dass seine Frau Lucy anfangs so ihre Schwierigkeiten mit der „Stille“ in Graz hatte. Logisch, wenn man die hektische Betriebsamkeit des chinesischen Molochs gewohnt ist. Heute ist Lucy aber gut drauf, denn zumindest im Dom im Berg ist es mit der Ruhe nicht weit her. Etwa 600 Zuschauer passen in den Club, der mitten in der Stadt liegt und in den Felsen des Schlossbergs getrieben wurde. Metallischer geht es nimmer, und als Ruhrgebietler fühlt man sich zwangsläufig an eine Grubenfahrt erinnert, wenn man den Eingang passiert und einige hundert Meter durch den Berg läuft, ehe man an der Theke des Clubs andocken kann. Charmant, charmant. Und irgendwie hält sich bei diesem Ambiente sogar das Entsetzen über die gewagten Outfits von TUXEDOO in Grenzen. Wenn man schon mitten im Berg steht, locken einen auch sechs Burschen in Tracht, die eigenen Aussagen zufolge „Austrian Alpencore“ spielen, nicht wirklich aus der Reserve. Der Typ hinter mir grummelt zwar was von „Slipknot für Schluchtenscheißer“ in sein Bierglas, ehe mit DRESCHER schon die nächsten einheimischen Filigrantechniker auf der Bühne stehen und Folk Thrash – samt Mundart-Texten und Akkordeonklängen – auf das Publikum einprasseln lassen. Sehr speziell, vor allem als der Falco-Hit ´Rock Me Amadeus´ intoniert wird und die ersten Reihen vor der Bühne begeistert in den Refrain einsteigen.
JINJER sind da schon ein anderes, deutlich derberes Kaliber. Irgendwo an der Schnittstelle von Djent und Metalcore prügeln die Ukrainer ihre Nummern in den Mob, und vor allem Sängerin Tatiana kann mit ihrer energiegeladenen Performance überzeugen.
Headliner sind heute Abend aber niemand anderes als DEVILDRIVER, die sich ihres Status durchaus bewusst sind und von dem mittlerweile knackevollen Club lautstark begrüßt werden. Auch wenn die Kalifornier mit einem batteriebetriebenen Tesla vom Hotel zum Club geshuttelt worden sind, versprühen sie jetzt die Power eines Atomkraftwerks und liefern Graz die ersehnte Kostprobe ihres kalifornischen Groove Metal. Dabei immer im Mittelpunkt stehend: natürlich Fronter Dez Fafara, der bei bestem Licht und einem knallharten, aber eben nicht gnadenlos übersteuerten Sound zur Höchstform aufläuft. ´Not All Who Wander Are Lost´, das Riffmassaker ´Clouds Over California´ und das gelungene Awolnation-Cover ´Sail´ stechen besonders hervor. Österreichs Bangerinnen und Banger hängen jedenfalls vom ersten bis zum letzten Ton gebannt an den Lippen von Mr. Fafara, der wie ein Irrer in sein schick beleuchtetes Mikro brüllt und seine Sidekicks zu Höchstleistungen anstachelt. Ein toller Auftritt, den wir im weiteren Verlauf der Nacht in der Metalkneipe Tick Tack genauestens analysieren.

Samstag


War der gestrige Veranstaltungsort spektakulär, so wird er an diesem Tag locker getoppt, denn heute wird das Festival seinem Namen gerecht und findet in luftiger Höhe in den Kasematten auf dem Grazer Schlossberg statt. Eine wunderschöne Location, in der sonst gerne mal Opern aufgeführt werden, von der man einen Blick über die ganze Stadt und das Hinterland hat und die im Bedarfsfall durch ein mobiles Dach verschlossen werden kann. Das ist heute nicht nötig, denn der Lorenz brennt vom Himmel, was den Rezensenten schnell Abstand von seinem ursprünglichen Plan nehmen lässt, den Schlossberg über die Treppen zu ersteigen. Österreichische Naturburschen und -mädels joggen die Strecke wahrscheinlich schon vor dem Frühstück, aber als Flachlandtiroler lässt man sich besser von der antiquiert wirkenden Standseilbahn in luftige Höhen transportieren. Die etwas fragenden Blicke, mit denen mich einige Leute bei der Ankunft bedenken, gelten aber nicht dem Transportmittel, sondern sind vom deutschen Krachduo Mantar verursacht worden, das bei meiner Ankunft gerade seinen Set beendet. Aufgrund diverser Logistikprobleme, die der exponierten Festivallage geschuldet sind (um das Equipment auf den Berg zu schaffen, sind beispielsweise lediglich 7,5-Tonner gestattet; größere Lkws würden es nicht durch die historische Toranlage schaffen), ist der Zeitplan gehörig durcheinander geraten, weshalb ich die Schleutermann-Faves AND THEN SHE CAME komplett verpasse und von MANTAR nur noch den letzten Song mitbekomme. Die Soundterroristen stoßen mit ihrem angeschwärzten Doom-Punk in Graz eher auf Unverständnis und sind nach dem Gig nicht wirklich euphorisch. Fronter Hanno hadert ein wenig mit dem Publikum, findet seine gute Laune irgendwann aber doch wieder und hakt den Auftritt unter der Kategorie „interessante Erfahrung“ ab.
Auf MOONSPELL, die momentan ihren x-ten Frühling erleben, können sich danach jedoch alle Festivalbesucher einigen und bereiten den Portugiesen einen rauschenden Empfang. Wie beim Rock Hard Festival punkten Fernando Ribeiro und seine dunkel gewandeten Bandkollegen mit einer extrem bescheidenen und dankbaren Performance, coolen Bühnenaufbauten und einem ganzen Arsenal voller Hits, die begeistert mitgesungen werden. Melodischer Dark Metal ist Trumpf und funktioniert auch bei strahlendem Sonnenschein bestens.
LACUNA COIL können da nicht wirklich mithalten und verwirren mit einem durchchoreografierten Konzert. Es gab Zeiten, in denen Cristina Scabbia das Cover des Rock Hard verschönerte, aber in der aktuellen Form sind die Italiener, die ihren Sound zunehmend amerikanisiert und jeglicher Ecken und Kanten beraubt haben, von solchen Weihen meilenweit entfernt. Noch dazu sieht Basser Marco mit seinem Corpsepaint einfach nur dämlich aus und verströmt nicht ansatzweise die düstere Erhabenheit von SATYRICON. Die spielen heute, passend zum 20-jährigen Veröffentlichungsjubiläum, ihr Meisterwerk „Nemesis Divina“ an einem Stück und wurden von der Schwarzheimer-Szene Österreichs im Vorfeld des Festivals am sehnlichsten gefordert. Der hohen Erwartungshaltung werden Frost, Satyr & Co. aber nur bedingt gerecht, denn die Show wirkt seltsam blutleer, fast klinisch. Das gefährliche Element im Black Metal verkörpern Satyricon an diesem Abend nicht, und es passt ins Bild, dass sich die Band hinter der Bühne über ihren „zu kalten“ Backstage-Raum beschwert. Frierende Black-Metaller aus dem frostklirrenden Norwegen? Finde den Fehler...
ARCH ENEMY mit ihrer inzwischen gar nicht mehr so neuen Frontdame Alissa White-Gluz haben für derlei Mätzchen nicht viel übrig und machen im Anschluss kurzen Prozess: Der Schlossberg bebt, Michael Amott und Jeff Loomis riffen und solieren das Publikum gewohnt souverän um den Verstand, und Miss White-Gluz verströmt kübelweise selbstbewusste Autorität, während sie Brutales wie ´War Eternal´, ´You Will Know My Name´ oder ´Blood On Your Hands´ herausbellt. Der perfekte Abschluss eines tollen Festivals. Metal On The Hill? Im nächsten Jahr gerne wieder.

Pic: Liu Jun

Bands:
TUXEDOO
MOONSPELL
DEVILDRIVER
DRESCHER
MANTAR
SATYRICON
AND THEN SHE CAME
ARCH ENEMY
LACUNA COIL
JINJER
Autor:
Thomas Kupfer

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