Titelstory-Blog

Titelstory-Blog 12.02.2019, 13:14

Überwachung & Freundschaft

"DDR-Metal - braucht kein Mensch" - das dachte ich lange Zeit auch. Es gibt keine "ostdeutschen Metallica", vielleicht nicht einmal so etwas wie ein gut geschliffenes Mittelklasse-Album, aber dennoch hat mich das Thema urplötzlich in den Bann gezogen.

Passiert ist es 2018 bei der "Hardwired"-Tagung der Universität Siegen. Dort hat Wolf-Georg Zaddach einen bemerkenswerten Vortrag zu seinem Buch "Heavy Metal in der DDR" gehalten und die Lacher auf seiner Seite gehabt. Gelacht wurde über die Verballhornung des Wortes "Heavy Metal" in den Unterlagen der Staatssicherheit. Unfreiwilliger Humor ist der beste. Doch dann wurde es ernst. Es ging um die Überwachung einer Jugendkultur, die systematische Unterdrückung von Musikern und Fans sowie die kreativen Schlupflöcher, mit denen sich die Betroffenen wehrten, um einer Leidenschaft nachzugehen, die im "Westen" völlig normal war. Plötzlich kamen Erinnerungen an meine eigenen Erfahrungen mit der DDR-Welt hoch. An die handschriftlichen Briefe von Fans aus der "Ostzone" ans Rock Hard, die natürlich allesamt "mitgelesen" wurden, und zwei Besuche in Ost-Berlin, die sich fast wie Agententhriller des Kalten Krieges anfühlten. Schummriges Licht, nasses Kopfsteinpflaster und zwielichtige Gestalten (Prostituierte, Banditen, Angeber, bestimmt auch Spione!) in jenen Etablissements, in denen "Westler" verzweifelt versuchten, in wenigen Stunden das Zwangsumtauschgeld zu versaufen. An der Grenze hielt man hingegen stets den Atem an. Und so wurden unter den strengen Augen des Grenzbeamten die (Schwarzweiß-)Poster früher Rock-Hard-Ausgaben herausgetrennt, die ich als Gastgeschenk dabei hatte. Ich dachte noch "Ach ja, im Sozialismus ist ja kein Personenkult erlaubt", aber jetzt ging mir auf, dass die Herren die Dinger wohl meistbietend weiterverscherbelt haben. Nicht unüblich in diesem Land. Man wusste als "Westler" einfach so gut wie gar nichts über die DDR, schon gar nicht über den Alltag der Menschen oder "ungeschriebene Gesetze".

Deshalb finde ich die vorliegende Titelstory auch so spannend. Ich habe bei den Recherchen zum Thema jedenfalls wahnsinnig viel dazugelernt. So plaudern die beiden In-Extremo-Recken Michael Rhein und Kay Lutter über ihre allerersten Bands und die enormen Schwierigkeiten, im Arbeiter- und Bauernstaat als junger Künstlertyp den Kopf über Wasser zu halten. Beide steuerten Fotos aus ihren Privatarchiven bei. Den Hauptteil der Titelgeschichte nehmen jedoch die ausführlichen Recherchen und Interviews unseres wandelnden Metal-Lexikons Matthias Mader ein, der mit einigen Protagonisten der DDR-Szene gesprochen hat und selbstredend die wichtigsten Bands und die wenigen, kultigen DDR-Vinyls vorstellt.

An dieser Stelle noch einmal ein Dankeschön an Wolf-Georg Zaddach für die Inspiration und die Weiterreichung der Bilder aus den Stasi-Archiven, die - zusammen mit den Schilderungen der Interviewten - teilweise ein erschreckendes Gesamtbild zeichnen. Es ist aber auch eine Story über beispielhaften Mut, Solidarität und Freundschaft unter Musikern und Fans!

Wir haben für euch eine Playlist mit den besten "Heavy Metal in der DDR"-Clips zusammengestellt. Eine Bilderstrecke zum Thema findet ihr hier.

Autor:
Holger Stratmann

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos

Diese Seite verwendet Cookies. Erfahrt in unserer Datenschutzerklärung mehr darüber, wie wir Cookies einsetzen und wie Ihr Eure Einstellungen ändern und Cookies deaktivieren könnt. Darüber hinaus verwenden wir Cookies Dritter für die Einbindung audiovisueller Inhalte durch Youtube, Spotify und Soundcloud. Dem könnt ihr hier zustimmen oder dies ablehnen. Datenschutzerklärung ansehen.