Classic Albums

Classic Albums 25.06.2014

SOUNDGARDEN - Superunknown (1994)

Vor 20 Jahren belegte „Superunknown" mit Spitzennoten Platz zwei unseres Soundchecks und etablierte SOUNDGARDEN endgültig als Grunge-Institution. Bis zum heutigen Tag ist „Superunknown" mit der Hitsingle ´Black Hole Sun´ das erfolgreichste Album des Quartetts. Grund genug, mit Bassist Ben Shepherd gedanklich in das Seattle der neunziger Jahre zu reisen und die Entstehungsgeschichte des Genre-Klassikers zu erforschen.

Ben, ihr wart im Spätsommer 1993 im Studio, um „Superunknown” einzuspielen. Im Frühjahr 1994 ist die Platte erschienen. Was für eine Zeit war das damals?

»Eine sehr aufregende. Unser Schlagzeuger Matt und ich hatten gerade erst das Debüt unseres Projekts Hater abgeliefert, als es direkt mit „Superunknown" weiterging. Wir waren alle bereit loszulegen.«

Du warst bei den Aufnahmen 25 Jahre alt. Wie warst du damals drauf?

»Ich war gerade erst von einer Mietwohnung in ein Haus gezogen und versuchte mein Leben auf die Reihe zu bekommen. Das war sehr aufregend. Ich war ein junger, wilder Typ, aber „wild" im positiven Sinne.«

Habt ihr damals viel gefeiert?

»Ich war kein Party-Tier, aber ich hatte ein gut funktionierendes Sozialleben. Freunde von mir hatten nur zwei oder drei Blocks vom Studio entfernt, wo wir „Superunknown" aufnahmen, eine Art coolen Nostalgie-Laden eröffnet und schmissen an meinem Geburtstag eine Überraschungsparty für mich. Das war sehr witzig.
Meine damalige Freundin, ihre beste Freundin, deren Mann und ich hingen damals viel miteinander rum. Wir gingen gerne essen und unternahmen viel. Es waren gute Jahre. Ich glaube, dass wir damals erwachsener und reifer waren als viele Gleichaltrige. Wir gehörten nicht zu den besoffenen, bekifften, ständig Partys feiernden Deppen, sondern blieben auch gerne mal zu Hause und lasen Bücher. Wir waren ziemlich normal und benahmen uns überhaupt nicht wie Rockstars.«

Aber gab es nicht auch eine Zeit, in der Heroin und andere harte Drogen eine große Rolle in Seattle spielten?

»So ein Problem kann jede Stadt treffen. Das war aber nicht Teil unseres Lebens. Ich habe damals sogar Kokain-Dealer verjagt, wenn ich sie irgendwo gesehen habe.«

Wie muss man sich die damalige Musikszene in Seattle vorstellen?

»Es war sehr viel los. Eine typische Nacht sah so aus: Nach der Arbeit ging man gemeinsam in einem Restaurant essen, dann genehmigte man sich in einem Pub ein paar Drinks, und schließlich besuchte man noch ein Konzert bzw. tingelte von Club zu Club. Damals gab es viele Läden in der Stadt, in denen man jede Nacht eine Liveband sehen konnte. Es wurde alles geboten, vom lokalen Newcomer bis zum etablierten nationalen Act. Musik war sehr wichtig, und die Liveszene war ein fester Bestandteil unseres Lebens. Seattle war jung und lebendig. Das änderte sich erst Ende der neunziger Jahre. Die Musik schien den Menschen plötzlich nicht mehr so wichtig zu sein. Stattdessen spielten Heimcomputer plötzlich eine große Rolle. Die Kultur der Stadt wandelte sich komplett. Heute gibt es bei weitem nicht mehr so viele Clubs.«

Kurz nachdem „Superunknown" veröffentlicht worden war, brachte sich Kurt Cobain um. Hatte das eine direkte Auswirkung auf die Szene?

»Wir waren zu dem Zeitpunkt auf Tournee mit Tad, die gut mit den Nirvana-Jungs befreundet waren. So konnten wir gemeinsam ein wenig das Geschehene verarbeiten. Aber ansonsten umgaben uns auf Tournee nur Fremde, die uns und die Nirvana-Mitglieder nicht kannten. Kurts Tod hatte Einfluss auf die Fans, die Stadt und sein direktes Umfeld, aber meiner Meinung nach nicht auf die Musikszene selbst. Zu dem Zeitpunkt war Seattle bereits übervölkert von Bands und Musikern, die extra in die Stadt gezogen waren, um Karriere zu machen. Diese Leute haben nie gerafft, dass man am erfolgreichsten ist, wenn man sich selbst treu bleibt und versucht, es in seiner eigenen Heimat zu schaffen. Es bringt nichts, irgendwo hinzuziehen und dort als Trittbrettfahrer auf einen fahrenden Zug aufzuspringen.
Früher zog man nach Los Angeles oder New York, um Karriere zu machen. Doch wir verweigerten uns dieser Tradition und blieben einfach in unserer Heimat, in unserer Szene und bei unseren Fans, um unser eigenes Ding durchzuziehen. Wir wollten nicht in der Fremde unser Glück suchen, sondern es alleine schaffen. Die damals in Seattle herrschende, lebendige Musikkultur ermöglichte dann auch, dass all das passieren konnte.«

„Superunknown" war die zweite SOUNDGARDEN-Platte, bei der du mit im Boot warst. Was war anders als bei den Aufnahmen zum Vorgänger „Badmotorfinger"?

»Die Außenwelt blickte mit anderen Augen auf uns und erwartete mehr. Wir hingegen spürten keinen Druck, sondern machten einfach unser Ding in der Hoffnung, dass es den Leuten gefällt. Für uns hatte es schon immer Priorität, die Musik zu schreiben, die wir mögen, denn schließlich müssen wir sie später auch live spielen.
Bei „Badmotorfinger" hatten wir mit Terry Date gearbeitet, aber wir wussten, dass er diesmal keine Zeit für uns haben würde, weil er sich schon einem anderen Projekt verpflichtet hatte. Das machte einen großen Unterschied für uns. Wir rückten von der Beifahrerposition stärker in die Rolle des Fahrers und schauten uns eine Menge potenzielle Producer an. Doch keiner schien so richtig zu uns zu passen, bis auf Michael Beinhorn, der Jason Corsaro als Assistenten hatte, den ich unbedingt an Bord haben wollte, weil er am Masters-Of-Reality-Album „Sunrise Of The Sufferbus" mitgearbeitet hatte. Ich liebte den Sound dieser Platte, weil er so organisch klang. Ich wollte, dass wir auf „Superunknown" auch natürlich und nach uns selbst klingen. Abgesehen vom Producer gab es aber keine großen Veränderungen von „Badmotorfinger" zu „Superunknown". Wir waren lediglich als Band reifer und ich in meiner Rolle als Bassist natürlich etablierter als bei der letzten Platte.«

Beim Songwriting wart ihr aber offener gegenüber allen möglichen musikalischen Einflüssen. Passierte das automatisch, oder habt ihr euch damals vorgenommen, euch stilistisch breiter aufzustellen?

»Es passierte einfach. Heutzutage sind wir ja sogar noch vielfältiger beim Songwriting. Tatsächlich erwarteten viele Leute damals von uns ein weiteres „Badmotorfinger"-Album, weil man uns nicht mehr zutraute.«

Für „Superunknown" wart ihr erstmals im Bad Animals Studio in Seattle, an dem damals die Wilson-Schwestern von der Band Heart beteiligt waren. Wie seid ihr ausgerechnet auf dieses Studio gekommen, und kanntet ihr Ann und Nancy Wilson?

»Im Gegensatz zu den Aufnahmen für „Badmotorfinger" wollten wir diesmal in Seattle bleiben. Wir hatten keinen Bock, für die Aufnahmen komplett umzuziehen und unser Umfeld zu verändern, weil wir alle sehr heimatverbunden und familienorientiert sind. Ich habe erst während der Aufnahmen herausgefunden, dass die Wilson-Schwestern in das Studio involviert sind. Ehrlich gesagt wusste ich vorher noch nicht einmal von der Existenz dieses Studios. Aber es war wegen seines großartigen Schlagzeug-Sounds perfekt für uns. Wir nutzen es wegen dieser Qualität noch heute, um Drum-Parts einzuspielen.«

Was war der erste Song, den ihr dort eingespielt habt?

»Daran erinnere ich mich nicht mehr. Ich weiß nur noch, wie wir ´Spoonman´ aufgenommen haben und mich Chris auf einmal fragte, ob ich die Backing-Vocals einsingen könne. Ich sagte nur ungläubig: „Oh Mann, du machst Witze!" Ich war tierisch nervös.«

Dabei hattest du vorher schon bei anderen Projekten am Mikro gestanden.

»Ja, aber das waren nie so große und professionelle Nummern wie jetzt bei Soundgarden und diesem Song.«

Bei ´Half´ hast du sogar erstmals die Leadvocals übernommen.

»Sie drückten mir einfach ein paar Mikros in die Hand und schickten mich in ein kleineres Studio, wo ich meine Gesangs-Parts einsingen sollte, während sie selbst an einem anderen Song weiterbastelten. Ich habe das Lied auf einer klassischen Gitarre komponiert. Die Akkordwechsel erinnern mich ein wenig an Hillbilly-Bluegrass mit einem psychedelischen Dreh. Ich versuchte bei den Aufnahmen ein wenig wie ein kleines Kind zu singen. Unser Produzent Michael Beinhorn sagte damals, ich solle den Song direkt alleine im Studio einspielen, aber ich war damals nicht selbstbewusst genug und entgegnete, dass dann doch der Rest der Band fehlen würde. So kamen schließlich noch unser Gitarrist Kim und unser Schlagzeuger Matt dazu. Matts Ehefrau spielte übrigens auch mit. So wurde ´Half´ doch zu einem richtigen Bandsong, anstatt eine Solonummer zu bleiben.«

Beim Beatles-inspirierten ´Head Down´ warst du auch stark involviert.

»Wir alle in der Band sind große Beatles-Fans.
Den Song habe ich im Keller meines Hauses mit der Akustikgitarre auf Vier-Track aufgenommen. Ich hatte dieses seltsame Tuning, mit dem ich rumspielte, und schwupps war das ganze Lied fertig. Das war übrigens das erste Tape, das ich Chris vorspielte, bevor wir mit den Aufnahmen für „Superunknown" begannen.«

Wovon handelt das Stück?

»Es geht darum, dass man sich selbst motiviert, optimistischer zu denken und sich vom Leben nicht runterziehen zu lassen.«

Bei ´Spoonman´ wirkt der Straßenkünstler Artis The Spoonman mit, den man in Seattle gut kennt. Wie kam die Kooperation mit ihm zustande?

»Er ist ein guter Freund meiner Familie und kam über mich zur Band. Der Spoonman ist ein bekannter Charakter in Seattle, aber man kennt ihn auch rund um den Globus. Er hat schon mit Frank Zappa gearbeitet und zieht als Straßenkünstler mit seinen Löffeln durch die Welt. In den neunziger Jahren hat er den Song ´Spoonman´ sogar in Europa mit uns auf den Bühnen performt.«

Der größte Hit auf „Superunknown" war allerdings ´Black Hole Sun´ mit einem bemerkenswerten Videoclip.

»Das Video mit seiner Morphing-Technik, bei der sich Figuren veränderten und verdrehten, war damals wirklich bahnbrechend. Ich erinnere mich noch, wie wir auf engstem Raum im Studio auf seltsamen Kisten unterschiedlicher Höhe stehen mussten, um per Blue-Box-Verfahren ein Videobild zu generieren, das dem Zuschauer suggeriert, dass wir auf einem Hügel stehen. Wir kamen uns vor wie bei einer Playback-Show im Stil von „Top Of The Pops", weil wir nicht wirklich spielten und sangen, sondern einfach nur unsere Lippen bewegten. Inhaltlich gefiel uns die Idee des Regisseurs, eine Welt zu kreieren, die so überdreht fröhlich und perfekt ist, dass es schon wieder gruselig wirkt. Dieser inhaltliche Gegensatz passte auch sehr gut zu dem Widerspruch, den der Titel ´Black Hole Sun´ bereits in sich trug. Das Video ist natürlich durch die Decke gegangen, aber viel aufregender fand ich damals Chris´ Weiterentwicklung als Songwriter. Als er mir das Demo zu ´Black Hole Sun´ zum ersten Mal vorspielte, wusste ich sofort, dass das ein echt großes Lied ist.«

DAS LINE-UP AUF „SUPERUNKNOWN"
Chris Cornell (v./g.)
Kim Thayil (g.)
Ben Shepherd (b.)
Matt Cameron (dr.)
 
FAKTEN, FAKTEN, FAKTEN
Spielzeit: 70:13
Produzent: Soundgarden & Michael Beinhorn
Studio: Bad Animals Studio, Seattle
Cover: Kelk

DIE SONGS
Let Me Drown
My Wave
Fell On Black Days
Mailman
Superunknown
Head Down
Black Hole Sun
Spoonman
Limo Wreck
The Day I Tried To Live
Kickstand
Fresh Tendrils
4th Of July
Half
Like Suicide
 
DISKOGRAFIE (nur Studioalben)
Ultramega OK (1988)
Louder Than Love (1989)
Badmotorfinger (1991)
Superunknown (1994)
Down On The Upside (1996)
King Animal (2012)


www.soundgardenworld.com
www.facebook.com/Soundgarden

Bands:
SOUNDGARDEN
Autor:
Conny Schiffbauer

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