Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 15.09.2010

SICK OF IT ALL , HEAVEN SHALL BURN , OBITUARY - SUMMER BREEZE 2010

Das Summer Breeze ist das zweitgrößte Metal-Open-Air in Deutschland und hat sich gewaltig gemausert. Rund 35.000 Besucher genossen das Festival drei Tage lang im malerischen, unter Denkmalschutz stehenden Städtchen Dinkelsbühl, das sogar Watain, The Devil´s Blood oder Cannibal Corpse verkraften konnte. Klasse Organisation, faire Preise (besonders, wenn man süddeutsche Maßstäbe anlegt) - und tolles Wetter.

Donnerstag

Während die meisten der allzeit feierbereiten Metaller das Summer Breeze schon am Mittwoch einläuten und in puncto Party für ordentliche Stimmung sorgen, tönen vom Hauptgelände mit Main- und Pain Stage erst am Donnerstag metallische Klänge.

Für große Teile der Nächte-Durchzecher ist dieser Aufruf allerdings noch nicht vernehmbar, denn sie schlummern friedlich auf Stühlen, dem Rasen oder zur Not auch einfach schnöde im eigenen Zelt. Die Sonne und einige wenige sind aber dabei, als die Gewinner des Nachwuchswettbewerbs die Bühne erklimmen. BLEEDING RED sollen die Ersten sein, die das diesjährige Summer Breeze von der großen Bühne aus mit einer ordentlichen Portion Death-Geknüppel erfreuen. Puterrot im Gesicht und noch etwas vorsichtig betreten die Jungspunde die Pain Stage und haben so den perfekten Überblick über das sonnenverwöhnte Gelände und das Publikum. Der Tacho zeigt 13 Uhr, das Thermometer 23 Grad und die innere Uhr das dritte Bier. Nach einer High-end-Danksagung brüllt der Frontmann ein deftiges „Motherfucker!“ ins Mikro, und die Verstärker dröhnen los. So groß wie ihr Bandname auf der Leinwand will ihr Sound dann aber nicht erklingen, die Gitarre des Sängers mag noch nicht so recht anspringen. Was dann aber nach dem leichten technischen Debakel erklingt, kann sich durchaus hören lassen. Auch wenn die Stimme noch recht dünn und ein wenig schüchtern tönt, ist die Stimmgewalt durchaus ausbaufähig, und die Black- und Death-Elemente geben ordentlich auf die Zwölf.

Noch eine Nummer abgebrühter und deftiger geht´s dann mit den Finnen BARREN EARTH auf der Main Stage weiter. Als Intro rauscht ein Wasserfall aus den aufgetürmten Boxenbergen, und Menschen in Lederkluft kämpfen sich mit den ersten Cocktails des Tages durch die beachtlich angewachsene Menge. Der Frontmann der progressiven Death-Metaller brilliert in jeder Stimmlage und zieht die Fans in seinen Bann. Es geht auf eine musikalische Reise von Doom über Death bis hin zu Folk und Psychedelic. Der Mann am Keyboard könnte mehr Gas geben, er wirkt leicht unterfordert an seinem Tasteninstrument. Erste Fans strecken ihre Hände in üblicher Pose zum Himmel. Der Sound der Nordlichter erinnert zunehmend an nordische Schlachtenlieder. Hier wird der Musik und der Stimmung noch Zeit gegeben, sich zu entfalten und Kaft zu entwickeln. Nach emotionalen Parts flüchtet sich die Band dann aber wieder in die Schlachtgewitter der Doublebass, auf Pathos folgt Aggression, auf Barren Earth folgen nun DREAM EVIL.

Von null auf hundert in 0,3 Sekunden kommt die Musik ganz ohne Intros aus, und dem Publikum gefällt´s. Zwei auf cleanen Gesang gedrillte Gitarristen geben Sänger Niklas Isfeldt Rückendeckung, der von Song zu Song mehr und mehr zum Animateur einer Clubhotel-Reisegruppe mutiert. Mit kreischenden Gitarren und melodischem Power-Metal-Gesang feiern die fünf eine Fete für sich selbst. Der hohe Entertainment-Faktor versetzt nun auch die letzten noch leicht verschlafenen Metaller in Partylaune und lädt zum Mitschunkeln ein.

Nach der Schunkelmucke kommt die Abrissbirne: NAPALM DEATH. Geknüppel und pure Death-Aggression in Reinkultur lassen die Fans in Circle-Pits rotieren. Hier bleibt kein Stein auf dem anderen, und alles, was keine Miete zahlt, muss raus. Napalm Death grinden sich wieder mal in die Herzen der Fans. Überall werden die Schnarchnasen zu headbangenden Improvisationstalenten. Immer wieder fordert Sänger Mark „Barney“ Greenway die Zuschauer auf, selbst zu denken und Dinge wie Religion oder Faschismus aus ihren Köpfen zu verbannen. „Religion is bullshit!“ Die Botschaften schmettert er in einem so perfekten britischen Englisch daher, dass jeder Englischlehrer vor Neid erblassen könnte. Der Sound allerdings trifft mitten in die Fresse und macht richtig Laune.

ILL NINO haben nun leichtes Spiel mit der aufgeheizten Menge, auch wenn es mehr oder weniger eindeutig ist, dass sie nicht gegen die Kolosse von Napalm Death anstinken können. Der Sound ist gut arrangiert, erinnert aber sehr an die großen Brüder Soulfly. Die Melodie steht stark im Vordergrund, und die Doublebass schafft die nötige Power, um mit dem Nachbarn ordentlich um die Wette zu rempeln. Wer dreimal hintereinander „Motherfucker!“ und „Fuck!“ ins Mikro brüllt, sollte auch nichts anderes von seinen Fans erwarten. Eine Mixtur aus Brutalität und melodischen Intermezzi macht Ill Nino aus, doch es fehlt diese gewisse Eigenständigkeit, die sie von anderen Bands ihres Genres abhebt.

Weit angereist ist die nächste Band der Main Stage: PARKWAY DRIVE. Bereit, das Summer Breeze in Schutt und Asche zu versenken. „Who the fuck needs lyrics?“, fragt sich sicher Sänger Winston McCall, denn als die Australier die Bühne erklimmen, ist es aus und vorbei mit cleanem Gesang. Die Könige der Breakdowns geben ein ungeheures Tempo vor und sind trotz des Jetlags überraschend energetisch. Nein, da macht man nichts. Erstklassiger, dröhnender Metalcore, der an den aggressiven Sound von Napalm Death trotz unterschiedlicher Ausrichtung durchaus anknüpfen kann. Der Sänger beweist perfekte Führungsqualitäten, und das Publikum springt und kämpft, als gäbe es kein Morgen. (ns)

Die zweite Häfte des ersten Summer-Breeze-Tages beginnt für mich mit einem kleinen Stau auf der Autobahn, der mich zwar ein paar Bands kostet, aber das kann ich angesichts der Tatsache, dass auf diesem Festival auch relativ viele „Rock-Hard-untaugliche“ Acts spielen, gut verkraften. Das Publikum ist halt eine Mischung aus echten (Black- und Death-)Metal-Fans und Gothic-angehauchten Düsterkids, die das Rock Hard wahrscheinlich für ewig gestrig, engstirnig und zu verkopft halten - obwohl wir doch den Rüpel Boris Kaiser und seinen unsichtbaren Sidekick Jonny Rönnebock von der Leine gelassen haben! Man muss allerdings auch als Metal-Neandertaler (proud to be one, fuckers!) respektieren, dass sich jene Düsterkids - nicht Boris und Jonny - beim Summer Breeze sauwohl fühlen, dass sie hier bestens bedient werden und dass sie als Festivalbesucher ernst genommen, sprich: nicht wie Kühe gemolken werden. Somit kann es für die Veranstalter nur heißen: alles richtig gemacht.

Die erste Band, die mich heute vom Hocker haut, sind DIE APOKALYPTISCHEN REITER, die einfach immer mit ihrer Energie anstecken. Und gute Songs - allen voran ´Unter der Asche´ und ´Es wird schlimmer´ - hat diese völlig eigenständige Band ebenfalls im Programm. Reiter? Jawoll. Ich reite gerne. (Klammerbemerkungen von Herrn Kaiser, der solch billige Pässe nur allzu gerne aufnimmt, werden wegredigiert.)

AGNOSTIC FRONT geben sich danach zwar alle erdenkliche Mühe, das Energielevel hochzuhalten, aber die Reiter sind heute die imposantere Band. Auch OBITUARY knallen im Vergleich nicht hundertprozentig, obwohl ihre Celtic-Rost-Riffs natürlich den metallischeren Teil des Publikums begeistern. Alle Arme sind trotzdem erst wieder in der Luft, als SUBWAY TO SALLY ihre Show souverän durchziehen und zum ca. zweitausendsten Mal beweisen, dass sie im Mittelalter-Rock einzigartig sind. Ja, Leute, auch wenn ihr noch nicht auf dem Rock Hard Festival gespielt habt: Wir lieben euch immer noch.

Ob er geliebt werden will, weiß Tom Warrior sicher manchmal selbst nicht so genau. Respekt allerdings fordert er immer und überall ein - und zwar zu Recht. Was das personifizierte Celtic-Frost-Riff mit TRIPTYKON auf die Beine gestellt hat, ist einzigartig, toll, künstlerisch total überzeugend, beklemmend und beeindruckend zugleich. Die hübsche Kuttenträgerin vor mir (die wir aus Personenschutzgründen mal Jeanette L. nennen wollen) geht in Albrecht-Stellung, bangt wie die Hölle und schiebt ihren Knackarsch dabei schön nach hinten, was mich kurzfristig ablenkt - aber als sich Jan Jaedike mit einem Fass Bier im Blickfeld positioniert, dringt mir die düstere Musik wieder ins Hirn. Triptykon sind heute obergeil und werden vom ganzen Zelt gefeiert.

Gleiches passiert auch bei THE DEVIL´S BLOOD, die um 2:15 Uhr auf die Bühne müssen und zunächst eine „ganz normale“ Show spielen. Als man ihnen aber bei ´Christ Or Cocaine´ den Saft abdreht, weil die Band bereits überzogen hat, wird es laut im Publikum. Man hört jetzt nur noch die Backline (minus Gesang) - und die im Takt brüllenden Fans. Dann fällt auch noch die Backline aus, Gitarrist Selim attackiert Teile der Bühnencrew, und das komplette Zelt brüllt „Devil´s Blood! Devil´s Blood!“. Minutenlang. Die Band sitzt längst in ihrem Backstage-Container, als sie realisiert, dass die Fans immer noch brüllen und man heute einen echten Triumph verbuchen kann. Auch wenn´s so nicht geplant war und es auch nicht imitiert werden sollte: Besser hätte die Show gar nicht enden können!

Auf die letzte Band des Tages, AHAB, hätte ich zwar durchaus noch Bock gehabt - aber um 3:25 Uhr morgens fordert der Alkohol (Jans Fass) Tribut, und ich kippe um. Unglücklicherweise komme ich dabei nicht auf Jeanette L., sondern auf einem dicklichen süddeutschen Teenager zu liegen, der jetzt keine Gewichtsprobleme mehr hat. (gk)

Freitag

Der Freitag startet auf der Pain Stage mit CUMULO NIMBUS. Das heißt auf Deutsch Gewitterwolke. ´ne Sintflut wäre jetzt allerdings geeigneter, um diesen Sperrmüll, der einem morgens um elf Uhr ganz besonders auf den Sack geht, einfach wegzuspülen. Mittelalter meets NDH meets Subway To Sally für ganz Blöde, gespielt von einem hässlichen Lumpenhaufen, dessen Mitglieder sich Erik der Müllermeister und Lady Doro nennen und ihr Geflöte gern mit peinlichem Ausdruckstanz anreichern. So nötig wie Pickel am Arsch. Furunkulus Fungus wäre ein besserer Bandname.

Floridas Düster-Poser DEADSTAR ASSEMBLY sind auf der Pain Stage was für die Mädchen mit den dunklen Herzen: harte Riffs, tanzbare Beats und ein ebenfalls gut in die Beine gehender Synthie-Teppich. Den Achtziger-Popper ´Send Me An Angel´ haben andere schon weitaus schlechter gecovert. Die erste Europa-Show der viel fluchenden und sichtlich euphorischen Band (selbst der Keyboarder ist ein agiler Hingucker) gelingt vor allem, weil die Typen richtig gut rocken.

Die Dresdner LETZTE INSTANZ haben im Laufe der Jahre einige Hits gelandet. Ein fokussierter dreiviertelstündiger Set ist daher bestens geeignet, um erst gar keine Langeweile aufkommen zu lassen. Das Sextett (inklusive Cello und Geige) kratzt immer mehr an der Dunkel-Schlager-Tür (speziell das Inchtabokatables-Cover ´Wir sind allein´ ist echt an der Grenze), ist aber glücklicherweise noch nicht in der Unheilig-Hausfrauen-Dudel-Schublade verschwunden. Vor der Pain Stage ist es knickeknackevoll, der kleine Frontmann Holly dirigiert mühelos die Massen, und auch ein Song des im Oktober erscheinenden neuen Longplayers erntet beste Reaktionen.

Wenn sie es denn wollen, können FIDDLER´S GREEN ihren Folk-Sound durchaus mit etwas Punk-Power anreichern. Es war schließlich die Punk-Szene, die Drei-Akkord-Arschtritt mit Drei-Promille-Saufgesängen fusionierte, bevor sich auch der Metal dem Folk öffnete. Heute haben die Deutschen aber einen Schunkel-Set am Start, der einen im Stehen einpennen lässt. Bei der ausgerufenen „Wall Of Folk“ bekommt man sogar echte Aggressionen. Bloß weg hier...

...und ab ins Zelt: Eingeknüppelt wird die Freitags-Party-Stage von den französischen Modern-Death-Thrashern DESTINITY. Die Basis ist ein fettes Brett, die beliebte Prog-Schrägheit vieler heimatlicher Kollegen ist höchstens zu ahnen. Stattdessen bilden ein paar Keyboard-Tupfer und Clean Vocals einen coolen Gegenpol zu Highspeed-Stakkato-Riffing und ruppigem Brüll-Schrei.

Viel ist im Zelt allerdings nicht los, denn mit THE BLACK DAHLIA MURDER betritt die erste Prügel-Posse eine der Hauptbühnen. Die extrem tourfreudigen Kerle um Live-Tier Trevor Strnad haben ihren Status mit einem Bastard aus Melodic Death, ein bisschen Metalcore-Attitüde und jeder Menge Spielspaß hart erarbeitet. „You guys are fucking sick“, lobt Trevor den Dauer-Pit der Fans. Hingucker auf der Bühne sind sein Bierranzen und die feuerwehrrote Klampfe von Ryan Knight. Vor der Bühne sind die Massen an Crowdsurfern eine Augenweide, die im Akkord über die Absperrung purzeln und den „Grabenschlampen“ (so nennen sich die Ordner hier selbst) jede Menge Arbeit verschaffen. Abtörn ist lediglich der totgetriggerte Doublebass-Nähmaschinen-Sound.

Das Zelt bleibt extrem-metallisch. Norwegens PANTHEON I deibeln mit ´ner wild headbangenden Cellistin und sind angenehm derbe zugange. Bei dem Gedöns, das man am heutigen Mittag teilweise auf den Hauptbühnen ertragen musste, ist der leicht sinfonische Black Metal eine wahre Wohltat. Es ist zwar auch hier nicht gerade voll, die sympathische Performance gefällt jedoch, und die Band freut sich, dass sie auf der Party Stage spielt: „Der Name passt. Wir haben nämlich bis heute morgen um acht gefeiert!“

Die auch in Deutschland Top-30-erprobten, durstigen Folk-Metaller ENSIFERUM sind der erste Total-Abräumer auf der Main Stage. Der mittelharte Sound der Finnen ist auf einem stilistisch so offenen Festival die perfekte Konsensmischung. Das gesamte Gelände flippt bis hin zum Campingplatz aus. Die Rockträger peitschen ihre flott nach vorn gehenden Singalongs in die Zuschauer, die pausenlos per Feuerwehrschlauch abgekühlt werden. Die Fans beeindrucken mit diversen Parallel-Pits, brüllend lauten Schlachtgesängen und totaler Ekstase. Die schnarchigen Wohlfühl-Proggies Anathema, die bereits an der Pain Stage auf ihren Auftritt warten, dürften es mit der Angst zu tun bekommen, nach diesem Inferno auf die Bretter zu müssen.

Im reichlich müffelnden und mittlerweile saumäßig heißen Zelt gehen derweil die jüngsten Festival-Besucher total steil und stellen weitere Circle-Pit-Rekorde auf. Von einer Zwei-Mann-Lachnummer haben sich WE BUTTER THE BREAD WITH BUTTER zu einer Fünf-Mann-Lachnummer gemausert und spielen heute laut eigener Aussage die Show ihres Lebens. Die Brandenburger Electro-Core-Nerds strahlen über jede Menge Wutausbrüche bei schubladengefangenen Puristen. Wer hingegen kein Problem mit einer Wortschöpfung wie Death-Pop und einem entsprechenden Sound hat, bekommt hier ´ne Menge geboten. Die Kerle epileptikern über die Bühne, zerstören Kinderlieder, lassen aber auch selbstgeschriebene Nintendo-Dröhn-Granaten vom Stapel. Der Witz mag sich schnell abnutzen, und die Eigenkompositionen sind noch nicht allzu dolle. Dennoch ist die Pig-Squeal-Grunzröchel-Keyboard-Pieps-Mischung der komplett in weiße T-Shirts gehüllten Scheitelträger irgendwie geil, wird textsicher abgefeiert und pausenlos für Facebook, YouTube und grundschülerVZ konserviert. (jj)

ANATHEMA nach Ensiferum auf die Bühne zu schicken, lässt Erinnerungen an den Paradise-Lost-Gig auf dem Rock Hard Festival wach werden, wo die Briten nach den Partykrachern Volbeat auf die Bretter mussten und sich nicht durchsetzen konnten. Doch Anathema sind heute souverän und spielfreudig genug und liefern einen musikalisch bunten Gig ab, der vielen Besuchern bei sengender Hitze als chillige Untermalung bei einer Pause auf der Wiese dient.

Mit CANNIBAL CORPSE folgt das musikalische Kontrastprogramm. Es ist erstaunlich, dass Fronter George „Corpsegrinder“ Fisher nach all den Jahren immer noch sein Propellerbanging in derartiger Hochgeschwindigkeit absolviert. Schade ist hingegen, dass der Sound ein wenig dumpf ist und die Band sich anfangs etwas zu sehr auf Material neueren Datums konzentriert. Das abschließende ´Stripped, Raped And Strangled´ stimmt die nach Klassikern johlende Menge allerdings versöhnlich.

END OF GREEN gehören zu den Gewinnern des Festivals. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag haben die Gothic-Rocker auf dem Gelände schon die Release-Party zum neuen Album „High Hopes In Low Places“ gefeiert, heute stellen die Schwaben u.a. das eingängige ´Goodnight Insomnia´ vor. „Das macht harte Nippel“, stellt Fronter Michelle Darkness beim Anblick jeder Menge weiblicher Crowdsurfer fest.

DISBELIEF steigen wenig später in einen starken Auftritt auf der Party Stage ein. Besonders der charismatische Gesang sowie das Stageacting von Fronter Karsten Jäger fallen positiv ins Gewicht und lassen das Publikum bei Hits wie ´Sick´ ordentlich abgehen.

HYPOCRISY setzen auf der Main Stage wenig später zu einem wahren Triumphzug an. Nach einigen Jahren Live-Abstinenz scheint das Publikum wieder richtig gierig nach einer ordentlichen Tracht Hypo-Prügel zu sein. Die Schweden liefern eine astreine Setlist, besonders ´The Killing Art´ macht seinem Namen mal wieder alle Ehre. Löblich auch Peter Tägtgrens Ansage am Ende des Gigs, in der er das Publikum darauf hinweist, angesichts der Hitze genügend Wasser zu trinken.

GORGOROTH sind um halb zehn die zeitliche Fehlbesetzung des Freitags. Die Infernus-Version der Band hat im direkten Vergleich zur aufgrund des Namensstreits mittlerweile zu den Akten gelegten Gaahl-und-King-Version weder einen charismatischen Frontmann noch eine vergleichbar fähige Rhythmus-Fraktion am Start. Und so trümmert sich die Band eine Stunde lang uninspiriert durch einen Set, der teilweise die Grenze der Musikalität überschreitet. Wieso und warum Frank Watkins für diese Gurkentruppe Obituary verlassen hat, bleibt ein Rätsel. Hier wirkt nichts böse oder beängstigend, sondern eher lächerlich.

Ein ganz anderes Bild ergibt sich bei WATAIN auf der Party Stage: Vor einer stimmungsvollen Bühnenkulisse mit brennenden umgedrehten Kreuzen präsentiert die Band die Highlights ihrer in Szenekreisen angesehenen Alben. Der Sound ist druckvoll und klar, lediglich beim Drumming gibt´s zu Beginn einige Timingschwankungen zu verzeichnen. Man mag vom antikosmischen Gelaber der Band halten, was man will: Musikalisch verweist die Truppe viele ihrer Konkurrenten in die Schranken.

HEAVEN SHALL BURN haben zwei Sachen mit In Flames gemeinsam: Erstens fahren beide Bands mittlerweile Maßstäbe setzende Shows auf, und zweitens haben sie ein Problem, ihre legendären Festival-Auftritte zu toppen. Im Vergleich zu In Flames ziehen sich HSB heutzutage aber besser, wenn auch nicht so genial wie auf dem Summer Breeze 2008 aus der Affäre. Die Bühnenshow mit den Videoprojektionen ist absolut stimmig, das Wechselbild von Guido Westerwelle mit einem Scheißhaufen erntet tosenden Applaus. Sogar die Fremdkomposition ´Black Tears´ wird durch das auf der Leinwand eingeblendete, vor Öl triefende BP-Logo mit einer kritischen Message versehen. Statt des obligatorischen riesigen Circle-Pits wünscht sich Fronter Marcus Bischoff diesmal mindestens fünf kleine. Einer dieser Circle-Pits wird um einen ahnungslosen Brezelverkäufer formiert, dem anfangs die Angst ins Gesicht geschrieben steht.

Wer jetzt noch nicht genug hat, lässt sich von GWAR nass machen. Auffällig ist, dass die Combo mittlerweile nicht mehr ständig das Kunstblut aus allen Rohren ins Publikum feuert, sondern bei einem Semi-Hit wie ´Lust In Space´ auch mal die Musik für sich sprechen lässt. Dennoch gilt: Ohne die Show wäre die musikalische Darbietung insgesamt ziemlich überflüssig.

HAIL OF BULLETS zocken zwar dieses Jahr auf der Party Stage, haben aber genau wie Watain das Potenzial, in Zukunft größere Festivalbühnen zu bespielen. Chef im Ring ist nach wie vor Martin van Drunen, der mit Vollbart noch eine Spur fieser aussieht und Brecher wie ´General Winter´ mit seinem einzigartigen Organ veredelt. (rb)

Samstag

So voll wie bei BE´LAKOR war es wohl bisher bei keinem Samstagmorgen-Opener, und das hat seine Gründe. Die Australier, die heute ihr Europa-Debüt geben, sind DIE aufstrebende junge Band im Melodic-Melancholic-Death-Metal-Genre. Mit ihren komplexen, langen und melancholischen Nummern überzeugen sie alle Anwesenden. Die Scouts der Plattenfirmen sollten schleunigst zuschlagen und der jungen Truppe zu einem Vertrag in unseren Breitengraden verhelfen. Eines steht fest: Das Quintett wird wohl nie wieder als Opener auftreten müssen. Besonderen Spaß haben auch die Eltern eines der Bandmitglieder, die es nicht fassen können, wie ihr Junior abseits der Heimat abräumt.

Gratulation: Mit sechs Auftritten dürften UNDERTOW die Summer-Breeze-Rekordteilnehmer sein, und einmal mehr beweist das Trio, dass das wohl nicht nur an der heimatlichen Nähe zum Festival und der Verbundenheit zum Veranstalter liegt. Wie kein anderer Musiker am heutigen Tag kämpft Frontmann Joschi gegen die brutale Hitze an und stellt mit seinen Ansagen und seiner sympathischen Art und Weise einen Widerspruch zu den fetten, groovenden und arschtighten Abrissbirnennummern der Truppe dar. Wieder mal ein außerordentlich gelungenes Gastspiel, bei dem man zur Schlussnummer den Frontmann von The Very End auf die Bühne bittet. Bis zum nächsten Mal!

Schon mutig von VAN CANTO, sich a cappella, nur von einem Schlagzeug unterstützt, vor eine solche Menschenmasse zu wagen, aber es klappt problemlos. Mit ihrem sympathischen Auftreten, ihrem großen Bewegungsradius und der geschickten Mischung aus eigenen Nummern und Covern wie ´Rebellion´ (Grave Digger), ´The Bard´s Song´ (Blind Guardian), ´Fear Of The Dark´ (Maiden) und ´Master Of Puppets´ (Metallica) räumt das Sextett fett ab und dürfte für die Blind-Guardian-Tour gut vorbereitet sein.

FREI.WILD zählen zu den Aufsteigern des Jahres, und dementsprechend voll ist es vor der Main Stage. Einmal mehr beweist die Truppe, dass die Lücke, die die Onkelz hinterlassen haben, von keiner anderen Band so gut besetzt wird. Zudem nutzt man vor seiner neuen Hymne ´Land der Vollidioten´ die Chance, noch mal klarzustellen, dass man nicht in der rechten Ecke zu Hause ist. Unklar bleibt allerdings, warum sie auf ihrer MySpace-Seite ihre Herkunft von Brixen/Südtirol nach Deutschland verlegen. Letztlich räumen die heimatverbundenen Burschen gnadenlos ab und hätten für ihre DVD-Aufzeichnung keine bessere Location finden können. Das Quartett ist heute zum ersten, aber bestimmt nicht zum letzten Mal beim Summer Breeze dabei. Wetten?

Schon die saugeile Backline-Flagge mit hübschen Brüsten dürfte bei manchem für feuchte Träume sorgen, dann ist es aber Zeit für eine schwedische Rock´n´Roll Explosion, und die bekommt niemand besser als PSYCHOPUNCH auf die Reihe. So feuert das Quartett einen Ohrwurm nach dem anderen ins Publikum und macht deutlich, dass auch die brandneuen Nummern (vor allem ´The Way She´s Kissing´) gleich Klassikerstatus erreichen. Zudem darf man als Schweden Abba covern. Letztlich ein kurzweiliger Auftritt, der die Essenz von Punk´n´Roll auf den Punkt bringt.

Eine objektive Beurteilung von EISBRECHER ist für mich nicht möglich; das ist so, als würde man Mühlmann Hammerfall oder Götz Poison zuteilen. Eine Band, deren einziges Stilmittel Provokation ist und die von monotonen Loops und Rhythmen lebt, kommt zwar beim Publikum gut an, zieht mich aber als Alternative zur Party Stage, wo es mit HACRIDE gelungenen Extrem-Metal gibt. Überzeugend allerdings ist der derbe Humor von Frontmann Alexander Wesselsky. Und von wegen „Eiszeit“: Mit dem Titel ihres aktuellen Albums und den Bannern liegen die Herren heute ziemlich daneben, denn das Thermometer kratzt auch bei den Bayern an der 30-Grad-Marke, und so ist vielleicht auch zu erklären, dass man seine Spielzeit nicht ganz ausschöpft. Mehr denn je unbegreiflich, wie die Truppe ins Vorprogramm von Alice Cooper passen soll.

Was sonst noch bis zur Bundesliga-Schlusskonferenz geschah? Lange Schlangen am Geldautomaten. Der seelenruhige Bauer, der hinter der Pain Stage seine Ernte mit einem Mähdrescher einholt. Coole Festivalshirts der Bierverkäufer vom leckeren Haller Löwenbräu. Eine nervende Wespenplage auf dem gesamten Gelände. Erstmals eine große Bildschirmleinwand zwischen den beiden Bühnen. Coole Shirts der Security-Mitarbeiter an der Bühne, die sich selber als „Grabenschlampen“ bezeichnen und deren Motto „Crowdsurfer - We await you!!!“ lautet. Und ein Händler, der mir im Originalcover eine gebrannte Waltari-CD verkauft. Burn in hell! (wk)

Der letzte Tag des Summer Breeze ist über weite Strecken geprägt von einer kollektiven Ermattung, denn es ist immer noch irrsinnig heiß, als POISONBLACK um kurz nach fünf die Pain Stage betreten. Obwohl Fronter Ville Laihiala mit Sentenced eine namhafte Vorgängercombo vorzuweisen hat, kennt scheinbar bis auf vereinzelte Fans kaum jemand seine aktuelle Band. Der Funke springt nicht so recht über, da nützt es nichts, dass Laihiala endlich trocken zu sein scheint und sich die Band sichtlich Mühe gibt.

Auch SEPULTURA haben einen eher schweren Start. Obwohl während des Gigs Menschen auf den Platz vor der Hauptbühne strömen, bleibt die Masse relativ unbeweglich. Sänger Derrick Green greift für das selten gespielte ´Ratamahatta´ selbst zu den Trommelstöcken, dennoch fehlt der Band sichtlich der Drive der ausgestiegenen Cavalera-Brüder. So zünden nur die Klassiker, und erst beim obligatorischen ´Roots Bloody Roots´-Abschluss beginnt auch das Publikum hinter den Wellenbrechern, mitzugrölen.

Dann ist man plötzlich umringt von halbnackten Kerlen, die euphorisch ihre Trinkhörner hochreißen. Noch bevor KORPIKLAANI die Bühne überhaupt betreten haben, kommt Bewegung in die Menge. Mit ´Vodka´ startet die Band stimmungsvoll in ihren Set, und schon tanzen auch die hinteren Reihen. Während die Finnen den Feierwütigen vor der Pain Stage einheizen, ist die Situation im und um das Partyzelt ein steter Quell der Ärgernis für viele Besucher. Aufgrund der inzwischen signifikanten Überschneidungen mit den Acts der Hauptbühne bleibt es im Zelt oft weitgehend leer.

Ob es bei MÅNEGARM etwas geändert hätte, sei dahingestellt, denn die eher krude Mischung aus Black Metal und Folk-Elementen scheint vor allem Liebhaber zu begeistern und ist wenig massentauglich. Sicher ist jedoch, dass die Situation im Partyzelt dringend überdacht werden sollte. Die benachbarte Camel Stage ist überflüssig und laut, und mit einem Liveprogramm bis nachts um vier ist für Partys (für die das Partyzelt ja ursprünglich gedacht war) überhaupt kein Platz mehr.

Nach einer Komikereinlage (Bülent Ceylan) betritt mit SICK OF IT ALL eine der stärksten und spielfreudigsten Bands des Abends die Bühne. Endlich haben sich die Temperaturen abgekühlt, und die Menge tobt und springt um die Wette - angefeuert von den begeisterten Ansagen des charismatischen Fronters Lou Koller.

Einige Stunden vor dem WARBRINGER-Gig hielt Fronter John Kevill noch ein kleines Nickerchen und stolperte anschließend verschlafen und verpeilt durch den VIP-Bereich. Wenn man diesen Zustand noch vor Augen hat, ist seine Wandlungsfähigkeit auf der Bühne kaum zu fassen. John lässt bei seiner psychotischen Performance allen Kraftreserven freien Lauf. Mit ´Total War´ und ´Living In A Whirlwind´ steigt die Band zudem hyper-aggressiv in ihren Gig ein, der zu den Highlights des diesjährigen Summer Breeze gezählt werden kann.

Mit DARK FUNERAL folgt auf der Pain Stage danach das musikalische Kontrastprogramm zu Sick Of it All. Technisch sauber und mit amtlicher Pyroshow versehen, ist der Unterhaltungsfaktor aber auch hier groß. Während vor der Pain Stage lange Mähnen geschüttelt werden, tobt sich im Partyzelt bei MAROON ein kleiner Teil der tendenziell eher kurzhaarigen Menge aus, die gerade noch Sick Of It All auf der Hauptbühne abgefeiert hat. Die Band hat offenkundig Freude an ihrem Auftritt und bedankt sich überschwänglich beim Publikum, das zu Songs wie ´Annular Eclipse´ amtlich die Luft und etwaige Umstehende verprügelt.

Weil Hail Of Bullets bereits am Vortag durchs Partyzelt walzten, bietet sich heute bei ASPHYX die nicht alltägliche Möglichkeit, beide Martin-van-Drunen-gefronteten Bands im Vergleich zu sehen. Die Songauswahl lässt wenig Wünsche offen, der Sound ist allerdings (im Wettbewerb mit der Konservenmucke der Camel Stage?) viel zu laut, was einige Fans dazu veranlasst, das Zelt frühzeitig zu verlassen.

Über die Main Stage senkt sich derweil schon die bayrische Nacht, als sich CHILDREN OF BODOM ans Werk machen. Der Auftritt wirkt wie dröge Routine, technisch sicher, aber mit an Selbstgefälligkeit grenzender Lieblosigkeit runtergezockt. Erst zum Ende hin legen die Finnen etwas von ihrer steifen Haltung ab, aber wer heutzutage als Headliner puristisch auf jegliche Special Effects verzichtet, sollte von Anfang an die Energie mitbringen, um die Menge mitzureißen. Und wie wär´s eigentlich mal mit einem neuen Album?

MY DYING BRIDE sind danach ein Downer der angenehmen Art. Als Abschluss der Shows auf den Hauptbühnen stirbt Sänger Aaron Stainthorpe mit den wenigen übrig gebliebenen Fans tausend pathetische Tode, nur um zwischenzeitlich mit typisch britischem Humor anzumerken, warum Schlagzeuger Dan Mullins nicht dabei sein kann: „He broke his leg because he´s too fat.“ Die Doom-Veteranen sind ein gelungener Ausklang, und auf dem Rückweg stolpert man unweigerlich am Partyzelt vorbei, das zum ersten Mal am heutigen Tag aus allen Nähten platzt. Grund sind EISREGEN, von denen man im Folgenden draußen allerdings unbefriedigend wenig sieht und hört. Viel mehr Platz bildet sich bei den wiedervereinigten THE CROWN, die mit ihrem neuen Fronter Jonas Stålhammar allerdings nur bedingt begeistern können, weil den Schweden mit dem matschigen Sound ein Knüppel zwischen die Beine geworfen wird. (ln)

Bands:
HEAVEN SHALL BURN
OBITUARY
SICK OF IT ALL
Autor:
Jan Jaedike

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