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ToneTalk 22.04.2020, 08:15

SOILWORK, THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA - »Songs schreiben ist meine Morgenmeditation«

Doktor, Pilot, Schwerstarbeiter: David Andersson veredelt als Gitarrist und Songwriter bei der Modern-Melodic-Death-Walze SOILWORK und den AOR-Paradefliegern THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA gleich zwei erfolgreiche Bands – und arbeitet hauptberuflich als Arzt.

David, hattest du bei deiner Arbeit als Arzt schon mal eine musikalische Erleuchtung, oder trennst du die beiden Bereiche deines Lebens?

(Lacht.) »Ich versuche, sie zu trennen. Ich bin Gastroenterologe und arbeite vor allem mit Magen- und Darmproblemen. Dazu mache ich viele Endoskopien, bei denen ich mir die Innereien von anderen Menschen angucke. Erleuchtungen habe ich dabei nicht unbedingt. Aber manchmal entwickelt sich doch unterbewusst eine Idee, während ich jemandem in den Dickdarm schaue und im Radio ein Hit- oder Klassiksender läuft.«

Fällt es dir neben deinem Job schwer, zwischen SOILWORK und THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA zu priorisieren?

»Ja, auf jeden Fall. Als wir mit THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA gestartet sind, wollten wir Spaß haben und ein paar Alben aufnehmen, weil wir diesen Musikstil lieben. Natürlich wollten wir auch ein bisschen Erfolg haben. Aber als wir bei Nuclear Blast für das dritte Album gesignt wurden, ging es auf einmal so schnell, und wir bekamen Angebote für Festivals und Touren. Plötzlich war ich in zwei tourenden Bands. Das wird manchmal ein bisschen viel. So was klappt noch, wenn man 20 Jahre alt ist und keine Familie oder andere Verpflichtungen hat.«

Von welchen Gitarristen hast du dir etwas abgeschaut?

»Zwei meiner ersten Helden als Gitarrenneuling waren Ritchie Blackmore von Deep Purple und Randy Rhoads mit Ozzy Osbourne. Im SOILWORK-Song ´Stålfågel´ kann man den Randy-Rhoads-Einfluss im Solo hören. Ich mag Soli, in denen die Gitarre einfach immer weitermacht, wie beispielsweise bei ´Mr. Crowley´. Mit zunehmendem Alter habe ich auch Gefallen an Jazz und Fusion gefunden. Ich entdeckte Tommy Bolin, der auf einem Deep-Purple-Album („Come Taste The Band“, 1975 - ir) gespielt hat und mein absoluter Lieblingsgitarrist ist. Er verwendet auch häufig die Slide-Gitarre und hat mich dahingehend beeinflusst. Zudem höre ich viel Progressive Rock: Steve Hackett von Genesis, Robert Fripp und Adrian Belew von King Crimson und moderneren Jazz-Fusion wie Scott Henderson. Leider kann ich im Moment nicht so viele Jazz-Fusion-Licks unterbringen (lacht). Aber sie sind in meinem Hinterkopf, und ich möchte mehr davon machen.«

Im SOILWORK-Intro ´Verkligheten´ ist eine Slide-Gitarre zu hören, oder?

»Genau. Ich spiele in vielen SOILWORK-Songs mit Slide im Studio. Ich finde, es erzeugt eine schöne Atmosphäre. Wenn du genau hinhörst, entdeckst du den Sound in vielen Songs, auch auf „The Ride Majestic“ und „The Living Infinite“. Aber niemand erwartet eine Slide-Gitarre in unseren Songs, daher spricht uns selten jemand drauf an. Du bist eine der Ersten (lacht). Das freut mich.«

Hast du Musikunterricht gehabt?

»In Schweden muss man Blockflöte lernen. Dafür hatte ich Unterricht, als ich acht oder neun Jahre alt war. Mit zehn bekam ich dann Gitarrenunterricht, später ging ich aufs Musik-College und lernte dort Rock- und Jazz-Gitarre. Also hab ich schon einiges an Musiktraining absolviert und die Theorie gelernt. Zudem spielte ich immer in allen möglichen Covertruppen, Backup-Bands und als Session-Musiker. Ich bin also ein sehr vielfältiger Gitarrist.«

THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA lebt von Melodien, und auch auf dem aktuellen SOILWORK-Album „Verkligheten“ habt ihr noch mehr Melodien integriert als zuvor. Weißt du beim Songwriting sofort, für welche Band du ein Riff verwenden willst?

»Da wir nicht zu einem bestimmten Genre gehören, können THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA von allem inspiriert werden. Wenn ich ein Reggae- oder Bossanova-Stück schreibe, könnten wir es trotzdem aufnehmen und veröffentlichen. Niemand wäre davon sonderlich überrascht. THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA sind daher immer in meinem Hinterkopf, wenn ich Musik höre oder Bücher lese. Bei SOILWORK ist es anders: Da starte ich mit einer heruntergestimmten Gitarre. Allein durch das Tuning verändern sich die Stimmung und die Art, wie ich spiele. Das Songwriting für SOILWORK ist normalerweise wesentlich fokussierter, wohingegen THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA konstant nebenherlaufen. Eines meiner Morgenrituale ist aufzustehen, bevor alle anderen wach sind. Dann trinke ich Kaffee und spiele für mich Gitarre. In diesen Momenten kommen meist viele Ideen zustande. Songs schreiben ist meine Morgenmeditation.«

Wenn du morgens für dich spielst, drehst du deinen Amp vermutlich nicht auf zwölf...

»Nein, ich spiele gern ohne Verstärker Gitarre. Das ist tatsächlich mein liebster Klang. Ich mag es, die Vibration des Holzes zu hören. Ich wollte mich noch nie laut selbst hören. Stattdessen finde ich es toll, wenn sich die Gitarre gut einfügt. Auf der Bühne habe ich meine Lautstärke recht niedrig geregelt. Viele Front-of-House-Techniker sagen, ich sei der erste Gitarrist, den sie treffen, der seinen Verstärker lieber leise hätte.«

Ist das deinem Co-Gitarristen bei SOILWORK, Sylvain Coudet, auch recht?

»Ja, denn er spielt so richtig laut und ist genau das Gegenteil von mir: Er hört sich gern selbst, ich höre lieber alles andere. Irgendwo in der Mitte ist dann unser Gesamtsound.«

Wie entscheidet ihr, wer welchen Part eines Tracks übernimmt?

»Im Studio gehen wir danach, wer den jeweiligen Song geschrieben hat. Daher spiele ich bei meinen Stücken alle Rhythmus-Parts und Sylvain bei den anderen. Dadurch wird der Sound etwas tighter. Dann teilen wir die Soli danach auf, wessen Stil besser an die Stelle passt. Sylvain ist eher ein klassischer Gitarrenheld, ein Shredder (lacht). Ich spiele zwar auch gern schnell, aber seit ich in der Band bin, habe ich ganz natürlich Peter Wichers´ (SOILWORK-Gitarrist bis 2012 - ir) Rolle als melodischer Leadgitarrist übernommen, sodass Sylvain shredden kann. Das bildet einen schönen Kontrast. Außerdem: Je älter ich werde, desto lieber mag ich die Rhythmusgitarre. Ich spiele übrigens auch Bass. Auf der aktuellen SOILWORK und auf „The Ride Majestic“ habe ich das ein bisschen getan. Ich mag es, einen Song von Grund auf aufzubauen und im Studio zu hören, wie die Teile zusammenkommen.«

Welche Gitarren spielst du in der jeweiligen Band?

»Ich habe ein Endorsement von ESP. Daher besitze ich mittlerweile einige ihrer Modelle. Meine Hauptgitarre sowohl für SOILWORK als auch für THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA ist eine weiße ESP M-II Horizon mit Floyd-Rose-Tremolo und zwei Seymour-Duncan-Humbuckern. Sie ist eine sehr vielfältige Rockgitarre und im Moment mein Favorit. Natürlich gibt´s noch weitere: eine ESP Vintage Plus, ein rotes Stratocaster-Modell, und eine ESP E-II ST-1, ein braunes Sunburst-Stratocaster-Modell mit Floyd Rose. Diese drei benutze ich am meisten. Ich kann mich auf sie verlassen – gerade auf einer Tour, wenn die Instrumente im Bus oder am Flughafen vom Personal herumgeworfen werden.«

Viele Effekte benutzt du nicht, oder?

»Nein. Ich habe einen Booster, einen Tuner und für THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA ein analoges Delay. Da aber ständig jemand an die Knöpfe kommt, ist das Delay nie im richtigen Takt, und ich kann es nicht benutzen. Ich wechsle auch nicht die Kanäle am Verstärker, sondern regle das über die Volume-Potis an der Gitarre. Im Studio macht es Spaß, mit verschiedenen Effekten zu experimentieren. Aber live kann es sehr frustrieren, wenn man ständig rumsteht und auf Pedale tritt. Das Volume-Poti meiner Gitarre und den Booster – mehr brauche ich nicht.«

www.soilwork.org

www.facebook.com/thenightflightorchestraofficial

Diskografie (Studioalben)

Mit Soilwork:

The Living Infinite (2013)

The Ride Majestic (2015)

Verkligheten (2019)

Mit The Night Flight Orchestra:

Internal Affairs (2012)

Skyline Whispers (2015)

Amber Galactic (2017)

Sometimes The World Ain´t Enough (2018)

Aeromantic (2019)

Mit Mean Streak:

Declaration Of War (2011)

Trial By Fire (2013)

Bands:
SOILWORK
THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA
Autor:
Isabell Raddatz

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