Schwatzkasten


Foto: Thorsten Seiffert

Schwatzkasten 23.01.2019, 08:00

BACKYARD BABIES, THE HELLACOPTERS - Schwatzkasten: Andreas Tyrone Dregen

Dass das eine oder andere Gespräch aufgrund von, nun ja, exzessivem Konsum diverser Rauschmittel nicht ganz nach Plan verläuft, ist der geneigte Leser aus 35 Jahren Rock Hard zur Genüge gewohnt. Halb so wild, denn das gehört ja auch irgendwie dazu, und solche Zusammenkünfte kann man als Schreiber auch durchaus einfach mal mit einem Augenzwinkern abtun. Auf dem letztjährigen Rock Hard Festival trafen wir uns einige Stunden vor seinem Auftritt bereits am frühen Nachmittag mit BACKYARD BABIES-Gitarrist Andreas Tyrone Dregen zum ebenso gemütlichen wie unterhaltsamen Schwatzkasten-Plausch.

Das Erscheinungsbild des Musikers, der Zeit seiner Karriere neben seiner Tätigkeit bei den Babies unter anderem auch Bestandteil der legendären Hellacopters und der Soloband des ehemaligen Hanoi-Rocks-Frontmanns Michael Monroe war, zeugt von einer langen Nacht: Dregen schlägt in Army-Boots, Pyjama-Hose, Duffy-Duck-Shirt und Wollmütze auf, den Kajal trägt er noch verschmierter als sonst ohnehin schon, während er sich an seinen Becher mit undefinierbarem Inhalt klammert. Wir nehmen zwischen diversen Musikern und Crew-Mitgliedern Platz, die an den Tischen gerade ihr Mittagessen genießen. Der Gitarrist ist sichtlich gut drauf, lacht viel, verliert aber ab und an den Faden. Also denn, los geht´s:

Dregen, du wurdest in einer Kleinstadt in einer der vielen ländlichen Gegenden Schwedens geboren. Wie war es für dich, in Nässjö aufzuwachsen?

»Meine Kindheit war in Ordnung, würde ich sagen. Problematisch wurde es erst, als die Dinge anfingen, ins Rollen zu kommen, wenn du verstehst, was ich meine. Als Jugendlicher habe ich meine Heimatstadt gehasst. Es war die Hölle. 20 Jahre später sehe ich das in der Retrospektive ganz anders. Ich denke, dass ich meinem Heimatörtchen eine Menge zu verdanken habe. 2019 feiern wir das 30-jährige Bestehen des BACKYARD BABIES-Line-ups. Wenn wir uns damals nicht in Nässjö getroffen hätten, wäre es niemals so weit gekommen. Du musst wissen, in einer Stadt wie Stockholm gibt es nicht nur unzählige Ablenkungen, sondern auch viele talentierte Musiker, mit denen man zusammenarbeiten kann. Diesen Luxus hat man in einer Kleinstadt nicht, deshalb entwickeln sich Bands aus solchen Orten stabiler, schätze ich. Oder um es anders zu sagen: Nässjö war so langweilig, dass uns gar nichts anderes übrig blieb, als mit Gleichgesinnten fünf Tage die Woche zwölf Stunden lang in einem stinkenden Proberaum Musik zu machen (lacht).«

Einige deiner Mitmusiker hast du bereits in der Schule getroffen.

»Ja, stimmt. Johan Blomquist (b. - jp), Peder Carlsson (dr. - jp) und... äh... ach ja: ich sind auf dieselbe Schule gekommen, als wir sieben Jahre alt waren. Das sind immerhin 75 Prozent der Babies, wenn ich mich nicht verrechne. Die beiden sind in dieselbe Klasse gegangen und wurden sogar als Nachbarn geboren, das ist fast ein bisschen gruselig. Zum Glück sitzen sie jetzt nicht neben uns.« Er blickt sich rasch um: »Sitzen sie doch nicht, oder?«

Kannst du dich noch an das erste Konzert erinnern, das du besucht hast?

Er denkt anderthalb Minuten nach: »Ja. Im Grunde genommen waren es sogar zwei Konzerte, kurz nacheinander. Auf einem davon hat die Band eines befreundeten Mitschülers gespielt, das war sozusagen meine Initialzündung. Die Jungs nannten sich Innocent Child. Ich sah sie auf der Bühne und dachte: Wow, das will ich auch machen. Kurze Zeit später besuchte ich dann mein erstes „echtes“ Konzert, und zwar Kiss. Das war 1983, ich war zehn Jahre alt. Die Band spielte in Göteborg, etwa 350 Kilometer von Nässjö entfernt. Meine Mutter verbot mir hinzugehen, was ich nicht verstand. Ich sagte „Leck mich!“ zu ihr und bin einfach abgehauen. Da ich kein Zugticket hatte, habe ich mich während der Fahrt auf dem Klo eingeschlossen. In Göteborg habe ich mich mit meinem Cousin getroffen, der in der Stadt lebte. Meine Mutter war nicht gerade begeistert von der Sache, um es mild zu formulieren (lacht).
Inzwischen haben wir ein tolles Verhältnis, ich muss sie ständig drücken. Ich liebe meine Mom! Als Jugendlicher habe ich das nicht so empfunden, aber sie hat immer an mich geglaubt und mir unendlich viele Freiheiten gelassen. Heutzutage bin ich selbst Vater und kann das nachvollziehen. Mein Sohn ist fünf Jahre alt. Wir werden gar nicht erst in so eine Situation kommen, denn wenn er Kiss sehen möchte, gehe ich mit – nicht nur, weil ich ihn liebe, sondern auch, weil ich die Rock´n´Roll-Welt kenne, wenn du verstehst, was ich meine.«

Das ist bezüglich Kiss natürlich leicht gesagt – aber was machst du, wenn er zu einem Konzert möchte, mit dem du selbst nichts anfangen kannst?

»Ganz egal, ich gehe trotzdem mit. Wenn er allerdings zu Britney Spears gehen wollte, wäre das ein ganz anderes Thema. Da müssten wir uns dann noch mal drüber unterhalten. Es gibt Sachen, die gehen einfach nicht.«

Dann bin ich gespannt, was du in ein paar Jahren von deinem Sohnemann zu berichten hast.

Zögerlich: »Ich auch. Er ist ja erst fünf Jahre alt, weißt du...«

Wann hast du dich dazu entschieden, keine „normale“ Karriere zu verfolgen, sondern Berufsmusiker zu werden?

»Als ich aufwuchs, hatte ich neben der Musik noch eine weitere große Leidenschaft: Ich spielte Eishockey. Ursprünglich hatte ich mir vorgenommen, das auf professionellem Level zu machen. Rockstar zu werden, war in meinem jugendlichen Gemütszustand eine akzeptable Alternative... oder Astronaut. Der Weltraum hat mich schon immer fasziniert. Das ist auch heute noch so. Letzteres konnte ich allerdings schon relativ früh ausschließen.«

Warum?

»Keine Ahnung, wer wird schon Astronaut?«

Okay. Und die Hockey-Sache?

»Eine Karriere als Profisportler ist im Regelfall vorbei, wenn man 30 Jahre alt wird. Ich fragte mich, was ich danach tun sollte, und verwarf auch diesen Plan. Blieb noch die Karriere als Rockmusiker. Das Tolle daran ist, dass man das bis ins hohe Alter machen kann und dass man immer besser wird. Ich bin mir absolut sicher, dass ein Musiker wie Bob Dylan seine besten Arbeiten erst noch in einigen Jahren abliefern wird, wenn er nicht vorher stirbt. Ich möchte noch als Hundertjähriger auf der Bühne stehen.«

Hast du deine Karriereentscheidung schon mal bereut?

»Nein, denn ich hasse das „normale“ Leben. Wobei, Hass ist ein starkes Wort. Ich kann mir einfach überhaupt nicht vorstellen, jeden Tag ins Büro zu müssen, bewundere gleichzeitig aber die Menschen, die das können, wenn du verstehst, was ich meine. Ich bin mir sicher, dass mich so ein geregelter Tagesablauf auf Dauer umbringen würde.«

Der Rockstar-Lifestyle erledigt das unter Umständen genauso gut.

Er grinst schief: »Möglich. Eigentlich plane ich aber, mindestens 104 Jahre alt zu werden und nicht den Rockstar-Tod zu sterben.«

Also doch nicht am eigenen Erbrochenen ersticken? Beruhigend.

Er blickt ein paar Sekunden ins Leere: »Ja...«

Du bist als Musiker unglaublich eingespannt. Bleibt da noch Zeit für andere Hobbys?

»Kaum, denn ich liebe es, viel zu arbeiten. Manchmal gehe ich fischen, das könnte man als Hobby bezeichnen. Wir haben in Schweden viele Flüsse und Seen, da bietet sich das an. Außerdem bin ich seit fünf Jahren Vater, das nimmt auch eine Menge Zeit in Anspruch. Im Grunde ist mein Leben ganz simpel, ich spiele Rock´n´Roll und kümmere mich um meinen Nachwuchs.«

Nimmst du deinen Sohn zum Angeln mit?

»Na klar.«

Hat er Spaß daran?

»Er ist ja gerade mal fünf Jahre alt, weißt du... (Kichern vom Nachbartisch, wo die Leute inzwischen offensichtlich mithören.) Da mangelt es noch ein wenig an Geduld. Seine Vorstellung davon ist, dass man die Angel auswirft und gleich einen Fisch an der Leine hat. Das ist so, als würde man einen Song schreiben und erwarten, dass er sofort ein Hit wird. Habe ich schon erwähnt, dass wir 2019 eine neue Platte veröffentlichen werden? Das Album wird „Sliver & Gold“ heißen, weil... äh, na ja, es wird „Sliver & Gold“ heißen.«

2017 habt ihr in Stockholm für Guns N´ Roses eröffnet, die damals gerade ihre ersten Reunion-Shows in Europa gespielt haben. Die Gunners zählen zu deinen großen Helden – wie hast du den Abend erlebt?

»Genau so, wie er sein sollte. Wir waren auch noch in Kopenhagen als Opener dabei. „Appetite For Destruction“ war nicht nur für mich, sondern auch für die anderen Jungs in der Band ein wahnsinnig wichtiges Album. Wir haben die BACKYARD BABIES 1987 gegründet, im selben Jahr erschien das Gunners-Debüt. Vorher hörten wir einerseits Bands wie die Beatles und die Stones, andererseits aber auch viel NWOBHM und Truppen wie die New York Dolls, die Ramones und die Stooges. Wir standen auf Punk, Metal und Rock´n´Roll. Als Skandinavier haben wir uns nicht besonders um diese ganze Hair-Metal-Geschichte geschert, die damals in den Staaten abging. Wir standen allerdings auf Hanoi Rocks, die ja aus Finnland kamen. Dieser blonde Motherfucker von Mötley Crüe, wie heißt der noch, hat deren Schlagzeuger umgebracht (Dregen bezieht sich auf den berüchtigten Autounfall in Hollywood im Jahr 1984, bei dem Crüe-Sänger Vince Neil betrunken in ein anderes Auto raste und bei dem Hanoi-Rocks-Drummer Razzle auf dem Beifahrersitz ums Leben kam - jp). Man könnte sagen, dass ich kein besonders großer Fan von Mötley Crüe bin. Dafür liebe ich Guns N´ Roses. Als „Appetite For Destruction“ rauskam, waren wir vollkommen geflasht. Das war genau die Musik, die wir auch machen wollten.«

„Hanoi Rocks“ ist ein gutes Stichwort. Du hast vor einiger Zeit in der Solotruppe von deren ehemaligem Frontmann Michael Monroe gespielt.

Überschwänglich: »Für ganze fünf Jahre, ja. Das war eine ziemlich fruchtbare Zusammenarbeit, und ich vermisse diese Zeit. Als ich ausgestiegen bin, hat die Presse versucht, uns allen möglichen Scheiß unterzujubeln. Es gab keinen Streit zwischen Michael und mir, das möchte ich anmerken. Ich habe von Anfang an klargestellt, dass die BACKYARD BABIES nur eine Pause einlegen und ich für die Zwischenzeit auf der Suche nach einem Job bin. Michael wusste, dass ich nicht für die Ewigkeit bleiben würde. Wir sind immer noch gut befreundet und unterhalten uns ständig miteinander. Wenn sich die Gelegenheit bietet, würde ich gerne mal wieder ein oder zwei Shows mit ihm spielen. Ich liebe einfach gute Musik (seufzt melancholisch).«

Blickst du nach vorne, oder schwelgst du lieber in der Vergangenheit?

Er überlegt kurz: »Ersteres. 2019 bestehen die BACKYARD BABIES seit 30 Jahren im selben Line-up, trotzdem ist mir das neue Album, das wir im Frühjahr veröffentlichen werden, viel wichtiger als irgendwelcher Jubiläums-Scheiß. Wir sind generell keine nostalgische Band. Ich lebe im Hier und Jetzt, und ich bin mir sicher, dass es morgen noch besser als heute wird. Es würde mir nie einfallen, irgendwelche vergangenen Zeiten wieder aufleben lassen zu wollen, weil das sowieso ein Ding der Unmöglichkeit ist, mit dem man sich lächerlich macht. Ich habe nichts gegen Retro-Mucke, aber sie muss schon etwas Eigenständiges mitbringen. Wo liegt der Sinn darin, genauso wie 1976 klingen zu wollen? Die Originale aus dieser Zeit sind eh nicht zu übertreffen.«

Und was ist mit Rebellion, also dem Antriebsmotor der Rockmusik? Ist das heute noch ein wichtiges Thema für dich?

»Ich bin mir nicht sicher, inwiefern in der Rockmusik überhaupt noch rebelliert wird. Schau dir die Leute an: Jeder betont, wie individuell er ist, und dann rennen doch wieder alle in schwarzen Klamotten, mit Lederjacke und Nietengürtel rum. Den Scheiß mache ich nicht mit. Warum uniformieren sich die Leute, wenn es im Rock´n´Roll um Rebellion geht?«

Schleichst du hier deshalb gerade im Schlafanzug durch den Backstage-Bereich?

»Nein, das liegt daran, dass wir um vier Uhr morgens in der Hotellobby abgeholt wurden. Ich habe mir einfach die erstbesten Klamotten geschnappt, die mir in die Hände gefallen sind. Im Grunde genommen ist mir das aber auch echt scheißegal, ich trage meinen Duffy-Duck-Pyjama mit Stolz (er lacht schallend). Äh, was war noch mal die Frage?«

Die hast du bereits beantwortet.

Er lacht wieder: »Dann ist ja gut.«

Danke für das Gespräch, Dregen!

»Danke dir!« Spricht´s, nimmt einen tiefen Schluck aus seinem Becher und schlurft davon.

Alles zum neuen Album der BACKYARD BABIES („Sliver & Gold“, Veröffentlichung: 1. März) lest ihr in der kommenden Ausgabe.

www.backyardbabies.com

www.facebook.com/backyardbabies

DISKOGRAFIE (Auszug)

Mit den Backyard Babies:

Diesel & Power (1994)
Total 13 (1997)
Making Enemies Is Good (2001)
Stockholm Syndrome (2003)
People Like People Like People Liks Us (2006)
Backyard Babies (2008)
Four By Four (2015)
Sliver & Gold (2019)

Mit The Hellacopters:

Supershitty To The Max (1996)
Payin´ The Dues (1997)

Mit Supershit 666:

Supershit 666 (1999)

Mit Infinite Mass:

Bullet (2001)

Mit Imperial State Electric:

Imperial State Electric (2010)

Mit Michael Monroe:

Horns And Halos (2013)

Solo:

Dregen (2013)

Bands:
BACKYARD BABIES
THE HELLACOPTERS
Autor:
Jens Peters

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