Schwatzkasten

Schwatzkasten 21.10.2009

SUICIDAL TENDENCIES - SCHWATZKASTEN: MIKE MUIR (Suicidal Tendencies)

MIKE MUIR ist das kreative Gehirn von Suicidal Tendencies, Infectious Grooves und Cyco Miko. Bereits in den frühen Achtzigern prägte der heute 46-Jährige die amerikanische Punk- und Hardcore-Szene maßgeblich mit. Dass der in Venice Beach geborene Bandana-Träger nicht immer exakt auf die Schwatzkasten-Fragen antwortete, sei ihm verziehen. Schließlich bekommt man nicht alle Tage so humorvolle, weise und gleichzeitig unverblümt kritische Antworten von einer Szene-Ikone zu hören.

Mike, erzähl mal in ein paar Worten, wie und wo du aufgewachsen bist!

»In ein paar Worten? Ich sage nie etwas nur mit ein paar Worten (lacht). Aufgewachsen bin ich in Venice Beach in Kalifornien. Ich hatte eine tolle Familie mit einem jüngeren Bruder, einem fünf Jahre älteren Bruder und zwei ebenfalls älteren Schwestern. Mein großer Bruder gehörte zu den ersten Punkrock-Skatern, bevor es Punkrock überhaupt gab. Er war in einer Szene, die mit kleinen Skate-Tricks begann und sich zu einer regelrechten Bewegung entwickelte. Darüber gab es sogar eine Dokumentation in den Medien. Ich habe ihn stets zu seinen Wettbewerben begleitet.«

Wie würdest du deine Eltern charakterisieren?

»Die Eltern vieler meiner Freunde waren Hippies, aber meine Eltern glücklicherweise nicht. Ich hasste diese Hippie-Mütter und -Väter. Mein Vater gehörte zu den Menschen, die harte Arbeit schätzen. Er ermutigte uns stets, Dinge zu hinterfragen, nachzudenken und uns selbst herauszufordern. Ihm war wichtig, dass wir nicht nur seine Meinung nachplappern. Mein Vater besuchte lange das College, und auch ich denke, dass Lernen ein wichtiger Prozess ist.«

Beschreib mal deine schlimmste und schönste Kindheitserinnerung!

»Das schlimmste Erlebnis meines bisherigen Lebens war vermutlich meine Geburt. Ich sollte eigentlich am 3. Februar zur Welt kommen, aber im Endeffekt wurde daraus der 14. März. Ich kam also fünf Wochen zu spät. Tatsächlich kam ich auch nur deswegen am 14. März zur Welt, weil der Doktor am 13. März sagte: „Das gibt´s ja gar nicht! Morgen holen wir den Jungen da raus!“ Ich fühlte mich offensichtlich im Mutterleib verdammt wohl. Dort konnte ich ja einfach im Warmen rumsitzen, bekam mein Essen und fragte mich vermutlich, warum ich diesen Ort verlassen und gegen die grausame Welt da draußen tauschen soll (lacht).

Mein Vater lehrte mich früh, dass man alles aus verschiedenen Perspektiven betrachten kann. Für einen Menschen, dessen Haus niedergebrannt ist, ist Feuer eine furchtbare Sache, aber für einen anderen Menschen, der nur mit Hilfe eines kleinen Feuers einen Schneesturm überlebt, sind Flammen etwas Wundervolles. Mein Vater sagte, dass ich Dinge für mich selbst definieren und der eigenen Linie dann auch konsequent folgen muss. Es gibt zu viele Menschen, für die die Begriffe Glück und Erfolg von anderen Menschen definiert werden. Und am Ende sind sie logischerweise unglücklich, obwohl sie vielleicht viel Geld und tolle Kontakte haben. Diesen kritischen Denkansatz meines Vaters habe ich von Anfang an auf unsere Musik übertragen. Unsere Definition von Erfolg unterscheidet sich eklatant von der Definition anderer Menschen. Würde ich nach der Meinung der anderen leben, wäre ich bestimmt jetzt gerade nicht hier und auf jeden Fall unglücklich. Vermutlich wäre ich sogar tot. Ein anderes Beispiel: Was viele Leute Party nennen, ist für mich die selbst auferlegte Hölle.«

Hast du dich schon mal missverstanden gefühlt?

»Ich glaube, dass man ständig missverstanden wird. Wenn das nicht der Fall ist, dann bewegt man nichts. Von Beginn meiner Karriere an musste ich mir in der Musikbranche oft anhören, dass ich dieses und jenes nicht einfach machen kann. Und ich habe mich gefragt: „Woher wissen andere Leute, was ich tun kann und was nicht? Die wissen doch gar nicht, wer und wie ich bin!“ Als Antwort kommt dann, dass man gewisse Dinge eben aus Prinzip nicht macht. In erster Linie geht es darum, mir weiszumachen, dass ich den üblichen Wegen folgen soll. Aber genau diese Wege will ich nicht gehen, weil ich die Leute sehe, die am Ende dieser Wege stehen - und die sind nicht sonderlich glücklich. Und dann gibt´s noch die Leute, die aus Prinzip den gegensätzlichen Weg einschlagen. Aber auch die sind nicht glücklich, weil sie ihn nicht aus den richtigen Gründen gehen. Ich will keinen vorgegebenen Wegen folgen. Ich gehe meinen eigenen Weg. Es gibt zu viele Menschen, die einem Tipps geben wollen, und diese Tipps laufen in den meisten Fällen darauf hinaus, dass man überhaupt nichts mehr machen darf.

Ehrlich gesagt mache ich mir keine Gedanken über die Meinung anderer Menschen, weil sie mich vermutlich sowieso nicht verstehen. Wenn ich eine klare Vision, Durchhaltevermögen und Talent mitbringe, habe ich genug Gründe, eine Sache durchzuziehen. Ich will gar nicht, dass mich die Leute verstehen. Das macht es für alle Beteiligten einfacher. Und wenn mir dann schließlich jemand sagt, dass er mich hasst, lache ich nur und entgegne: „Danke, gut zu wissen. Ich habe auch noch nie jemanden gemocht, der mich hasst!“ Viele Menschen denken, dass mich solche Worte verletzen, in Wahrheit sind sie mir aber egal. Ich bin nicht hier, um gemocht zu werden.«

Was ist dein bester und dein schlechtester Charakterzug?

»Mein bester ist gleichzeitig mein schlechtester Charakterzug. Ich bin sehr loyal. Damit handele ich mir manchmal Ärger ein. Ich versuche stets, das Gute in einem Menschen zu sehen, auch wenn ich mich damit manchmal auf eine erfolglose Reise begebe. Wenn die Menschen das Gute nicht selbst in sich sehen, kann man nicht viel tun. Ich versuche dann immer noch, wenigstens irgendwas Positives zu sagen, auch wenn es mein Gegenüber vielleicht falsch versteht und dann angepisst ist. Aber das ist mir auch egal. Jahre später kommt dieselbe Person vielleicht auf mich zu und sagt, dass ich Recht hatte.«

Wann hast du das letzte Mal geweint?

»15 Minuten, bevor wir auf die Bühne gegangen sind (das Interview findet kurz nach dem Auftritt von Suicidal Tendencies auf dem With Full Force statt - cs). Ich weine viel und lache viel. Ich rede auch oft mit mir selbst. Deswegen halten mich einige Leute für verrückt, aber das bin ich ganz und gar nicht. Weinen kann unglaublich guttun. Wenn ich an meine Familie denke, könnte ich sofort wieder losheulen. Das ist doch prima! Ich bin glücklich, dass ich diese Fähigkeit habe.«

Was war die dümmste Sache, die du in deinem Leben gemacht hast?

»Ich habe so einige Dummheiten angestellt, aber die möchte ich nicht preisgeben, weil sie jemand nachmachen könnte. Nur so viel: Manchmal sitze ich einfach da und bin dankbar, dass ich noch da bin.«

In welche Epoche würdest du mit einer Zeitmaschine fliegen?

»Ich bin nicht sehr nostalgisch. Wenn sich jemand wünscht, in die Vergangenheit zu reisen, heißt das für mich, dass er erst mal in der Gegenwart bleiben sollte, weil er dort offensichtlich noch nicht die Dinge tut, die er tun sollte, und im schlimmsten Fall sogar etwas falsch macht. Anstatt über die Vergangenheit zu grübeln, sollte man an die Gegenwart und Zukunft denken und sich sagen: „Was ich jetzt tue, ist verdammt gut!“ Das Leben ist kein Film, den man zurückspulen und sich noch mal angucken kann.«

Was war das verrückteste Gerücht, das du über deine Person gehört hast?

»Da gab es viele. Wenn du in einer Band wie Suicidal Tendencies bist, gibt es viele Menschen, die dich nicht mögen. Ich werde mindestens zweimal im Jahr angeblich umgebracht. Meistens heißt es dann, ich sei erschossen worden. Beliebt ist auch die Variante, dass ich bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen bin. Als diese Gerüchte zum ersten Mal die Runde machten, war ich gerade unterwegs. Zurück zu Hause hörte ich den Anrufbeantworter ab, auf den einer meiner Freunde mit geknickter Stimme gestammelt hatte: „Hey du, puuuuuh. Ich habe die Nachrichten gehört. Oh Mann. Das tut mir leid. Das ist schlimm für uns alle. Puuuuhhh. Junge! Das ist echt heftig!“ Er hatte gehört, man hätte mich angeblich umgebracht. Als ich ihn auf der Stelle zurückrief, hörte ich nur ein erstauntes „Hey Junge, du bist nicht tot?“ am anderen Ende der Leitung. Ich verneinte und fragte mit entrüsteter Stimme: „Warum zur Hölle hinterlässt du eine Nachricht auf meinem Anrufbeantworter, wenn du denkst, dass ich tot bin?“ Manchmal wird wirklich verrücktes Zeug getratscht.«

Hast du ein außergewöhnliches Hobby?

»Nein. Ich stehe nur total auf Basketball und auf meine Lieblingsmannschaft, die Los Angeles Lakers. Das geht sogar so weit, dass wir auf Tour permanent damit beschäftigt sind, die Spiele des Teams irgendwo im TV zu sehen. Letztes Mal war das in Frankreich, und wir konnten kein Wort der Übertragung im französischen Fernsehen verstehen. Wenn ich die Lakers sehe, erinnere ich mich immer an einen meiner Geburtstage, an dem mein Vater mit mir zu einem Basketballspiel ging. Ich war noch ein kleiner Junge und zählte mit Strichen im Kalender die Tage bis zum Spiel. Mein Geburtstag war nur noch Nebensache, am wichtigsten war mir das Spiel.«

Gibt es eine Sache, für die du viel Geld ausgibst?

»Nein, nicht wirklich. Am Ende der laufenden Tour werde ich zu Hause endlich meinen Bruder wiedersehen, der vor kurzem einen schlimmen Unfall hatte. Die beste Sache im Leben ist die Familie, und meine ist wirklich toll. Wenn ich sie gesehen habe, fühle ich mich großartig. Und das kostet keinen Cent.«

Bist du eine religiöse Person?

»Ich glaube schon, dass ich religiös bin. Aber für mich ist das mehr eine Art Lebensanschauung. Für mich zählt nicht, wo man am Sonntag hingeht, sondern wie man von Montag bis Samstag lebt. Viel wichtiger als die Wahl der Kirche ist, dass man ein gutes Herz hat. Ich bin mit jeder Kirche einverstanden, solange sie einen zu einem besseren Menschen macht.«

Welcher Song soll bei deiner Beerdigung gespielt werden?

»Früher hätte ich auf diese Frage mit ´You Can´t Bring Me Down´ geantwortet. Ich denke aber, dass auf unserem nächsten Album auch ein paar geeignete Songs sein werden. Im Endeffekt heißt das allerdings auch, dass ich auf jeden Fall bis zur Veröffentlichung der nächsten Platte überleben muss (lacht).«

Was war die schlimmste Show deiner Karriere?

»Es gab schon so einige Shows, bei denen nicht alles glatt gelaufen ist. Aber im Grunde ist mir das auch egal. Mein Vater hat mal gesagt, dass jeder Mensch zwei Familien hat. In die eine wird man geboren, und die andere, die viel wichtiger ist, sucht man sich selbst aus. Sie besteht aus deinen Freunden und den Menschen, mit denen du dich umgibst. Bei der zweiten Familie sollte man nie versuchen, sie irgendwie passend zu machen. Die Menschen, die zu ihr gehören, sollte man aus den richtigen Gründen aussuchen. Unsere Band-Crew ist gleichzeitig auch unsere Familie. Wenn mich jemand fragt, warum wir Teile unserer Crew zum Beispiel extra aus Frankreich oder Italien in die USA einfliegen lassen, dann antworte ich, dass diese Leute ein Teil unserer Familie sind. Natürlich gibt´s oft Probleme bei Konzerten. Verstärker rauschen ab und Ähnliches. Am wichtigsten ist aber, dass man das Beste aus der Situation macht. Die Qualität einer Show liegt ja auch im Auge des Betrachters. Manchmal hat man das Gefühl, ein furchtbares Konzert zu spielen, und dann erzählt dir hinterher jemand, dass der Auftritt großartig war.«

Was waren bisher die schönsten Fan-Geschenke?

»Das schönste Geschenk ist, wenn ich mich mit den Leuten verstehe und man auf einer Wellenlänge liegt. Manchmal kommen Fans auf mich zu, nehmen meine Hand und bekommen nicht mehr raus als ein „Danke!“. Ich kann das nachvollziehen. In einer ähnlichen Situation würden mir vermutlich auch die Worte fehlen. Aber ich spüre die ehrliche Dankbarkeit der Menschen. Andere Fans brüllen dich vor Enthusiasmus regelrecht an: „Yeah! Thanks, man! Fuck! You rock! Thanks!“ Da schüttelt man manchmal nur den Kopf. Aber egal, wie die Menschen auf dich zukommen, ich weiß sie alle zu schätzen.«

Berichte mal von einer verrückten Partynacht on the road!

»Ehrlich gesagt kann ich da gar nicht viel erzählen, weil ich weder trinke noch rauche. Ich bin immer erstaunt, was einem die Leute, die trinken und rauchen, nach einer langen Partynacht erzählen. Da sollen Dinge passiert sein, an die ich mich beim besten Willen nicht erinnern kann. Dabei habe ich ein sehr gutes Gedächtnis.

Ich bin hier, um aufzutreten. Es war hart genug für uns, überhaupt ein paar Konzerte in Deutschland spielen zu können. Ich höre zwar überall, dass unsere Zeit vorbei ist, aber wir versuchen es dennoch. Vielleicht stehen wir nicht mehr ganz so hoch im Billing, aber unsere Band spielt immer noch eine Rolle. Die Suicidal Tendencies wurden schon immer entweder geliebt oder gehasst. Ich will es den Leuten schwerer machen, uns zu hassen, und leichter machen, uns zu mögen. Deswegen haben wir uns um Auftritte in Deutschland bemüht. Hier lief es mal richtig gut für uns, und ich hoffe, dass das auch in Zukunft wieder der Fall sein wird.«

 

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www.suicidaltendencies.com

www.myspace.com/suicidaltendencies

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DISKOGRAFIE

mit SUICIDAL TENDENCIES (nur Studioalben):

Suicidal Tendencies (1983)

Join The Army (1987)

How Will I Laugh Tomorrow When I Can´t Even Smile Today (1988)

Controlled By Hatred/Feel Like Shit... Déjà Vu (1989)

Lights Camera Revolution (1990)

The Art Of Rebellion (1992)

Still Cyco After All These Years (1993)

Suicidal For Life (1994)

Freedumb (1999)

Free Your Soul And Save My Mind (2000)

mit INFECTIOUS GROOVES:

The Plague That Makes Your Booty Move... It´s The Infectious Grooves (1991)

Sarsippius´ Ark (1993)

Groove Family Cyco (1994)

Mas Borracho (2000)

mit CYCO MIKO:

Lost My Brain! (Once Again) (1996)

Schizophrenic Born Again Problem Child (2001)

mit NO MERCY:

Widespread Bloodshed Love Runs Red (1987)

Bands:
SUICIDAL TENDENCIES
Autor:
Conny Schiffbauer

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