Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 30.07.2019, 16:02

ROSE TATTOO - Pyraser Classic Rock Night 2019

Am 27. Juli 2019 öffnete sich der Brauereigutshof des fränkischen Örtchens Pyras bereits zum elften Mal für qualitätsbewusste Freunde von Rock, Metal und der wahrscheinlich gemütlichsten aller Festivalatmosphären. Die Pyraser Classic Rock Night hat sich vor der beschaulichen Kulisse ihres Biergartengeländes mit zahlreichen Sitz- und Essensmöglichkeiten mittlerweile zu einer kleinen aber ausverkauften Kult-Veranstaltung aufgeschwungen, deren namhafte Gastmusiker und Bands von Jahr zu Jahr beeindruckender erscheinen.

Zwischen den Slots der aufspielenden Acts geben HUMAN TOUCH wie jedes Jahr akustische Versionen bekannter Hits auf der kleinen Biergartenbühne im hinteren Teil des Geländes zum Besten. Nachdem das Wetter in den letzten Jahren zwischen unbarmherzigen Hitzewellen und sintflutartigen Regenschauern nahezu alles zu bieten hatte, zeigt sich der Wettergott heute gnädiger und beschert uns angenehm ausgewogene Temperaturen. Zwar hängen über eine lange Zeit dunkle Wolkenberge bedrohlich über dem Brauereigelände, zur regnerischen Entladung kommt es bis auf einen kleinen Schauer aber nicht. Genau richtig also, um in Pyras eine Classic-Rock-Party der Extraklasse zu feiern. Bring it on!

Den Anfang machen dieses Jahr die 2017 neu formierten TALON. Die fränkischen Metaller sorgten bereits in den 80ern in der Szene für Furore, bevor sie die Band für rund 30 Jahre auf Eis legten, und eröffnen die insgesamt elfte Auflage der Pyraser Classic Rock Night heute mit einem Heimspiel. "Die Haare werden dünner und die Bäuche dicker" stellt Sänger Uwe Hoffmann zu Beginn der Show schmunzelnd fest, doch die drei Jahrzehnte Pause merkt man der in ihrer ursprünglichen Live-Besetzung aufspielenden Band kaum an. Talon erweisen sich besonders dadurch als idealer Opener, da man ihnen den puren Spaß an der Musik zu jeder Zeit abkauft. Bei so viel musikalischer Hingabe spielt es auch keine allzu große Rolle, dass Uwe gegen Ende hin nicht mehr alle Töne perfekt trifft. Die Fans haben ihre Jungs jedenfalls nicht vergessen und feiern das grundsympathische Quartett in beachtlicher Zahl.

TALON

Im Anschluss beweisen THUNDERMOTHER geradezu meisterhaft, wie sich die von Talon entfachte Stimmung ungefiltert aufgreifen und mit dreckigem Rotzrock auf die Spitze treiben lässt. Die vier Power-Frauen aus Schweden stehen bereits eine gute Viertelstunde vor dem eigentlich Beginn ihres Auftritts in voller Zahl zum Soundcheck auf der Bühne und sorgen um 14:30 Uhr für zum Bersten gefüllte Verhältnisse vor der Bühne. Die Skandinavierinnen agieren über den kompletten Zeitraum ihres Gigs wie ein scheinbar endloses Pulverfass, das in regelmäßigen Abschnitten das Scheunendach in die Luft jagt. Kantige Killer-Riffs haben die Damen im Überfluss vorzuweisen und lassen eine Adrenalinbombe nach der anderen platzen. Geht es heute überhaupt noch stärker?

THUNDERMOTHER

Erst einmal noch nicht. KISSIN' DYNAMITE zelebrieren ihre Stadion-Rock-Show ohne Stadion danach gewohnt souverän, schaffen es aber tatsächlich, sich seit ihrem letzten Gastspiel in Pyras erneut zu steigern. Die Schwaben stehen dieses Jahr bereits zum vierten Mal auf der Bühne des Brauereigutshofs und zünden mit ihrer Chartbreaker-Scheibe „Ecstasy“ und Hymnen-Krachern wie 'Sex Is War', 'You're Not Alone' und 'Flying Colours' im Gepäck ein buntes Feuerwerk der guten Laune. Gewohnt starke Live-Kost aus dem Hause Kissin' Dynamite, die ihre jugendliche Energie glücklicherweise noch immer nicht verloren haben.

KISSIN' DYNAMITE

Apropos jugendliche Energie: Die haben UFO zum fünfzigsten Jubiläum ihres Bestehens vielleicht nicht mehr vorzuweisen, dafür sind die britischen Kultrocker mit einer derartigen Würde in die Jahre gekommen, wie es außer ihnen nur wenigen anderen Bands gelungen ist. Am ehesten lässt sich der extrem entspannte und trotzdem knackig rockende Auftritt von Frontcharismatiker Phil Mogg und seiner Truppe noch mit den Landsmännern von Magnum vergleichen, denn UFO bieten hier und heute ganz großes und elegantes Kino. Am auffälligsten sticht Lead-Gitarrist Vinnie Moore ins Auge, der sich ein Supersolo nach dem anderen aus dem Handgelenk schüttelt und sich mit vollem Körpereinsatz seinem Instrument verschreibt. Dem rock-affinen Publikum in Pyras entlocken unsterbliche Hits wie 'Too Hot To Handle', 'Rock Bottom' und natürlich 'Doctor Doctor' jedenfalls wahre Begeisterungsstürme. Jammerschade, dass nach 2019 Schluss mit dem Touren sein soll. Das Highlight des Abends!

UFO

GLENN HUGHES ist heute mit einer Best-Of-Setlist seiner Zeit bei Deep Purple ins Frankenland gereist. Diese Tatsache alleine dürfte Seventies-Fanatikern schon die Freudentränen in die Augen treiben, die endgültige Setlist, die Mr. Hughes schlussendlich präsentiert, sorgt für die Krönung. Der singende Bassist und und seine hochgradig talentierte Band bringen unsterbliche Klassiker wie 'Stormbringer', 'Burn', das überragende 'Mistreated' (das mit Dio am Mikro trotzdem unerreicht bleibt) und sogar das bis zur totalen Erschöpfung durch die Musikgeschichte gehetzte 'Smoke On The Water' mit einer Magie auf die Bühne, die kaum jemanden unberührt lassen dürfte. Der einzige Wermutstropfen dieser wunderbaren Zeitreise ist Glenns Angewohnheit, bei jeder Gelegenheit die Luftschutzsirene aufheulen zu lassen und sich in Ekstase zu kreischen. Klar, der Mann ist auch in seinen späten Sechzigern stimmlich noch in Topform, ein markerschütternder Schrei pro Song würde jedoch vollkommen ausreichen.

GLENN HUGHES

ROSE TATTOO entern als Headliner des heutigen Abends schließlich mit genau der Coolness und Abgebrühtheit die Bretter, die man von der australischen Hard-Rock-Legende erwartet. Frontröhre Angry Anderson führt durch einen staubtrocken herunter gezockten und gerade deshalb unwiderstehlich mitreißenden Gig, der schließlich im grandiosen 'The Butcher And Fast Eddy' gipfelt. Bei all den kernigen Riffsalven, mit denen Rose Tattoo das Brauereigelände zum Überkochen bringen, ruht ein leicht besorgtes Auge jedoch stets auch auf Sänger Angry Anderson. Der singt zwar ausnahmslos herausragend, greift meiner Ansicht nach aber einige Male zu oft zu seiner "Green Ginger Wine"-Flasche und wirkt gegen Ende nicht mehr durchgehend trittsicher. Ich hoffe und wünsche es ihm, dass er auch weiterhin die nötige Kraft aufbringen kann, um mit dem schrecklichen Tod seines Sohnes Liam umgehen zu können, der vergangenes Jahr an den Folgen einer schweren Körperverletzung verstarb. Alles Gute, Angry!

ROSE TATTOO

Von Ex-Thin-Lizzy-Schlagzeuger BRIAN DOWNEY'S ALIVE & DANGEROUS als Mitternachtsspecial bekomme ich aufgrund meiner frühzeitig notwendigen Abreise leider nichts mehr mit. Das Quartett hat sich nach dem Live-Doppelalbum „Live & Dangerous“ der Iren benannt und orientiert sich deshalb am Songmaterial ebenjener Scheibe.

Fazit: Die Pyraser Classic Rock Night kann 2019 nicht nur mit einem Line-up punkten, das der "Classic Rock"-Zielgruppe so gerecht wie lange nicht mehr wird. Die elfte Auflage des eintägigen Festivals rauscht auch noch als eine der stärksten der eigenen Veranstaltungsgeschichte über die Ziellinie. Die Besucherzahlen liegen trotz der restlos ausverkauften Eintrittskarten in einem angenehmen und nicht überfüllten Maß, das Konzept hat sich dank des abwechslungsreichen Billings (2018 traten unter anderem Saxon, Iced Earth, Mr. Big und die Backyard Babies auf) jedes Jahr noch lange nicht abgenutzt und die Organisation ist wie immer außerordentlich gut gelungen. Die Classic Rock Night hat ihren sympathischen Charme als Geheimtipp trotz der hohen Nachfrage und stets hochkarätigen Bands also nicht verloren hat. Schlussendlich gilt auch in Pyras: Bis zum nächsten Jahr, rain or shine!

Bands:
ROSE TATTOO
GLENN HUGHES
UFO
Autor:
Simon Bauer

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