Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews

GARBAGE , ANTHRAX , POWERWOLF , GOJIRA , IN EXTREMO , NIGHTWISH , GHOST , SABATON , APOCALYPTICA , TREMONTI , IRON MAIDEN - ROCK IM REVIER 2016

Zweite Runde für das Rock im Revier: Nachdem das Festival im vergangenen Jahr zum Unmut der Fans vom Nürburgring in die ca. 200 Kilometer entfernte Veltins-Arena in Gelsenkirchen verlegt wurde, sollte die zweite Auflage eigentlich ebenfalls in der "verbotenen Stadt" stattfinden. Doch erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt: Im vergangenen Februar gab der Veranstalter bekannt, dass die Location "aufgrund von Lautstärkeregulierungen" erneut verlagert wird, diesmal in die deutlich kleinere Westfalenhalle 1 in Dortmund.

Eine weitere Änderung ist, dass es diesmal nicht wie bei der 2015er-Ausgabe drei, sondern nur eine Bühne gibt. In der Folge stehen 2016 nicht wie im Vorjahr 60, sondern 18 Bands auf den Brettern, die Zuschauer müssen aber nicht mehr die Location wechseln und können in der Theorie das komplette Programm genießen. In der Westfalenhalle werden seit Jahrzehnten Großveranstaltungen durchgeführt, die Location verfügt über die entsprechende Logistik. Dementsprechend gestaltet sich der Ablauf reibungslos. Über Preise für Getränke und Speisen lässt sich diskutieren (vier Euro für ein 0,4er-Pils sind 'ne Ansage, bei den Bierrucksackträgern in der Halle kosten 0,33 Liter gar 3,50 Euro), selbige liegen aber nicht im Einflussbereich des Veranstalters. Aber gut, der wichtigste Faktor sind ohnehin die Bands - also auf ins Gefecht!

Donnerstag

Als ich pünktlich zu POWERWOLF in der Halle aufschlage, ist selbige zumindest im Innenraum ziemlich gut gefüllt. Die Wölfe sind derzeit die zugstärkste Nachwuchs-Metalband Deutschlands, haben gerade eine Headliner-Tour, die sie durch ganz Europa und Russland geführt hat, hinter sich gebracht, und sind bestens aufeinander eingespielt. In musikalischer Hinsicht ist die Truppe am Eröffnungstag des Festivals, an dem ansonsten hauptsächlich Indie und Alternative auf dem Programm steht, zwar der Außenseiter, kann sich aber dennoch des mit Abstand größten Publikumsandrangs erfreuen. Gut geheult, meine Herren!


Als nächstes dürfen GARBAGE auf die Bretter, von denen mir in erster Linie bekannt ist, dass sie in den ausgehenden Neunzigern mal 'nen Titelsong zu einem James-Bond-Streifen ('The World Is Not Enough') geschrieben haben. Die Truppe legt mit ihrem von Industrial und Grunge beeinflussten Alternative Rock einen ordentlichen Auftritt auf's Parkett, und vor allem Sängerin Shirley Manson wirkt nicht so, als würde sie schon hart an der Grenze zur Fünfzig kratzen. Ein Besucher neben mir verlässt nach dem dritten Song mit den Worten "this is complete and utter garbage" (dreifuffzig in die Wortspielkasse) die Halle; ich kann die Einschätzung nicht teilen, der Truppe dafür aber einen soliden Auftritt bescheinigen.

Als Tagesheadliner wurden MANDO DIAO gebucht - eine Wahl, die im Vorfeld bei vielen für Kopfschütteln sorgte. Die schwedischen Indie-Rocker sind noch softer als Garbage, passen null zum restlichen Billing des Festivals und kacken beim Großteil des Publikums, das sich inzwischen ohnehin schon deutlich reduziert hat, trotz ordentlicher Show vollkommen ab. Die Band, deren Schuld das nun wirklich nicht ist, nimmt's gelassen, zieht ihr Programm souverän und mit viel Spielfreude durch und freut sich über die paar Dutzend Mädels, die in den vorderen Reihen fleißig das Tanzbein schwingen.



Freitag

Aufgrund widriger Umstände bei der Anreise verpassen sowohl das Frollein Michels als auch ich selbst Wild Lies und The Raven Age, die nach Zeugenaussage beide gutklassige Gigs auf die Bretter gelegt haben sollen. Selbiges gilt auch für TREMONTI. Der Alter Bridge/Creed-Gitarrist gibt sich sichtlich Mühe, fischt mit seinen Songs aber zu sehr in Alternative-Gewässern, um beim heutigen Publikum, das eindeutig wegen Maiden, Sabaton und Ghost angereist ist, viel reißen zu können.

Ganz anders sieht die Sache bei letzteren aus: GHOST, die in der Vergangenheit bei gemeinsamen Shows mit Maiden gerne mal von der Bühne gebuht wurden, werden heute bereits mit Standing Ovations empfangen. Insgesamt wirkt der Sound der maskierten Schweden noch ein wenig heavier als sonst, außerdem konzentriert sich die Truppe mit ihrer Setlist auf die härteren Songs der bisherigen drei Alben. Was die Herrschaften an Theatralik bieten, ist ohnehin schwer zu toppen: Seit der letzten Tour wechselt Frontmann Papa Emeritus III. nach etwa der Hälfte des Sets sein altbekanntes Papst-Outfit und steht für den Rest des Konzerts im Frack auf der Bühne, der Rest der Truppe trägt statt dunkler Kapuzenroben inzwischen vergoldete Teufelsmasken. Die bombastische Lichtshow tut ihr Übriges, und beinahe der gesamte Innenraum geht völlig steil. Wahnsinn!



SABATON wissen, wie man neue Fans direkt am Empfang abholt: Die Schweden setzen bekanntermaßen nicht nur auf super-eingängige Songs, die man quasi noch während des ersten Hörens mitsingen kann (Ähnliches sagt man auch Helene Fischer nach - am), sondern fahren auch eine Bühnenshow auf, die auf dem Rock im Revier ihresgleichen sucht. Wer sich in den letzten anderthalb Jahren einen Festival- oder Tourgig der fünfköpfigen Truppe angeschaut hat, weiß allerdings im Grunde bereits, was ihn erwartet, denn Show, Setlist und Effekte haben bereits seit einer Weile keine großartigen Updates erhalten. Macht aber nix, denn wer von sich behaupten kann, ein halbes Schlachtfeld (inklusive Stacheldraht, Munitionskisten und Panzer, der als Drumriser dient) auf der Bühne aufgebaut zu haben, darf sich auch ruhig mal entspannt zurücklehnen. Dass Joakim Brodén sich in den vergangenen Jahren zu einem überaus routinierten Frontmann gemausert hat, der das Publikum voll im Griff hat, mit den Gästen rumalbert, sie zum Mitmachen motiviert und auch gerne mal jemanden auf die Bühne holt, ist ebenfalls kein Geheimnis. Heute erwischt es den elfjährigen Gabriel, der von der Westfalenhalle bejubelt wird, souverän "Heavy Metal is the best" ins Mikro grölt und zu guter Letzt noch Joakims Sonnenbrille abstaubt. An diesen Tag wird sich der Kurze vermutlich noch lange Zeit erinnern - und genau so bastelt man zukünftige Musiker.



Ich weiß, dass ich mir für die nächste Zeile Ärger einhandeln werde, aber alles andere wäre schlichtweg gelogen: IRON MAIDEN haben es im Anschluss nicht leicht, gegen den exzellenten Gig der Schweden anzustinken. Das liegt zum einen daran, dass die Eisernen Jungfrauen sich mit ihrer Setlist selbst keinen Gefallen tun (mehr als ein Drittel der Songs und über die Hälfte der Spielzeit werden vom aktuellen "Book Of Souls"-Album eingenommen - come on, das muss auf einem Festival doch wirklich nicht sein), zum anderen aber auch daran, dass sie im direkten Vergleich mit dem Co-Headliner furchtbar alt wirken. Klar, Bruce Dickinson turnt agil wie eh und je über die Bretter, und auch Gitarrist Janick Gers zappelt sich auf der rechten Bühnenseite gewaltig einen ab, der Rest der Truppe wirkt aber so, als würde er lieber ein Nickerchen machen, statt vor 12.000 Leuten zu spielen. Selbiges gilt allerdings auch für das Publikum, das fast ausschließlich dann aus sich herauszukommen bereit ist, wenn die Band einen ihrer absoluten Klassiker zockt. Derer gibt es im Set immerhin ganze neun, und sechs davon tragen Steve Harris & Co. zum Abschluss des Abends am Stück vor. In Sachen Bühnenbild haben die Herrschaften allerdings richtig aufgefahren: Die Bühnenrückseite wird von austauschbaren Backdrops verziert (die sich dem jeweiligen Song anpassen), auf der Stage stehen zahlreiche Aufbauten, die an eine Maya-Pyramide erinnern, und im Zentrum über dem Drumriser ein Opferstein, aus dem mal Flammen, mal Nebel schießen. Zwischendurch wankt dann immer mal wieder ein übergroßer Eddie über die Bühne, Bruce verkleidet sich als Trooper und es feuerwerkt ein bisschen. Im Prinzip gibt es bis auf die eingangs erwähnten Punkte tatsächlich wenig Grund zur Klage. Ein flaues Gefühl bleibt dennoch, denn eigentlich sollten Maiden doch den jüngeren Bands zeigen, wo der Hammer hängt - und nicht umgekehrt. (jp)

Samstag

Der letzte Tag des Rock Im Revier fährt nochmal ein tolles Programm auf, für das ich heute sogar extra meinen Aufenthalt auf dem parallel stattfindenden Freak-Valley-Festival in Netphen-Deuz verkürze. Die Opener The New Black und die um Dave Lombardo verstärkten Suicidal Tendencies verpasse ich zwar aufgrund meiner Anreise, dafür bin ich aber pünktlich zu den Redaktionslieblingen GOJIRA am Start, die mit einer intensiven Live-Show die Nackenwirbel der Zuschauer massieren. Das dies der erste Gig der Franzosen seit zehn Monaten ist und die Band sich laut Fronter Joe Duplantier „etwas eingerostet fühlt“, merkt man der Performance nicht an. Auch die beiden neuen Tracks 'Stranded' und 'Silvera' sitzen wie eine Eins und geben Einblick in die melodischeren Gefilde der starken neuen Platte „Magma“.

Nach einer halbstündigen Pause feuern ANTHRAX ihre Hymne 'Caught In A Mosh' ins Rund. Holger unkt zwar, dass jetzt „die alten Männer“ kämen (dass Scott Ian und co. genauso alt wie Hölg sind, hat er wohl im Headbanging-Rausch seiner neuen Lieblingsband Gojira verdrängt), aber das Alter der Protagonisten merkt man den Milzbrändern zu keinem Zeitpunkt an. Scott Ian performt wieder seinen berüchtigten Bug-Stomp, Bassist Frank Bello post mit weit aufgerissenem Mund und Fronter Joey Belladonna singt und springt wie ein junger Gott über die Bühne. Leadgitarrist Jonathan Donais spielt zwar super, hält sich mit dem ekstatischen Posen aber stark zurück und will sich so immer noch nicht so recht ins Bühnenbild einfügen. Der einzige personelle Wermutstropfen: Drummer Charlie Benante wird erneut von Jon Dette ersetzt, der allerdings wieder einen tollen Job macht. Das Set fällt mit 45 Minuten allerdings viel zu kurz aus und wird nicht gerade ideal befüllt. Ich hätte lieber noch ein paar mehr „For All Kings“-Tracks gehört (zumal das gespielte 'Evil Twin' nicht gerade als Albumhighlight durchgeht), anstatt mit 'Got The Time' (okay) und 'Antisocial' (hängt mir völlig zu den Ohren raus) zum drölfzigsten Mal gleich zwei Coversongs zu lauschen. 



Bei APOCALYPTICA verhält sich das natürlich anders, die Band ist schließlich als reine Metallica-Coverband gestartet und hat dementsprechend naturgemäß mehr Fremdkompositionen im Set. Es ist schon länger her, dass ich das Quartett live gesehen habe und hätte nach der neuen, recht radiofreundlichen Scheibe „Shadowmaker“ nicht erwartet, dass dem Publikum gleich zwei harte Sepultura-Tracks ('Refuse/Resist' und das grandiose 'Inquisition Symphony') serviert werden. Die Metallica-Smasher 'Master Of Puppets' und 'Seek And Destroy' dürfen natürlich genauso wenig fehlen. Der ab und an für einige Eigenkompositionen auf die Bühne schlappende Frankie Peres wirkt hingegen wie ein Fremdkörper. Während der Rest der Band sich vom Outfit farblich abgestimmt hat (Cellisten in schwarz, Drummer in weiß), trägt Frankie ein hellblaues Shirt und eine Baseballcap. Singen kann er, aber am meisten Spaß machen Apocalyptica immer noch instrumental. 



IN EXTREMO sind heute die Exoten, doch wer die Band schon einmal gesehen hat, weiß, dass sie auch im härtesten Billing bestehen kann. Das Mittelalter-Septett überzeugt nicht nur mit mitgrölkompatiblen Songs, sondern auch mit gigantischen Pyroeffekten und sorgt somit selbst bei Skeptikern für Kopfnicken. Dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass alle auf SLAYER gewartet haben. Und die Thrash-Metal-Institution enttäuscht erneut nicht: Das, was Tom Araya und Co. auf der Bühne fabrizieren, lässt sich nicht anders als einen kompromisslosen Durchmarsch beschreiben. Bereits der Opener 'Repentless' killt ordentlich, das Stageacting profitiert ungemein von dem neuen Aktivposten Gary Holt, der auch Kerry King zu mehr Bewegung anstachelt. Dazwischen thront Araya, der wieder ein schelmisches Grinsen aufsetzt, bevor die geschriene Ansage zu 'War Ensemble' die zweite Hälfte des Sets einläutet, die einem mit 'Postmortem', 'Raining Blood', 'Dead Skin Mask', 'Hell Awaits', 'South Of Heaven' und 'Angel Of Death' völlig um den Verstand bringt. Grandios! (rb)

Zu einem dramatischen Intro aus „Crimson Tide“ betritt die Band die Bühne, die dem Metal-Wochenende im Pott die nordische Bombast-Krone aufsetzen möchte: NIGHTWISH. Das niederländisch-finnische Sextett (einen im Sinn, Gründungsschlagzeuger Jukka macht eine Schaffenspause) setzt vor allem auf die Songs von „Endless Forms Most Beautiful“ - die Evolutions-Feierstunde macht über die Hälfte der Setlist aus. Nach dem anfänglichen Kampf des Soundmanns gegen den scheppernden Stadionsound, der das böse 'Yours Is An Empty Hope' noch etwas gemeiner wirken lässt, klingt das fröhliche 'My Walden' glasklar durch die Westfalenhalle. Da wird auch nach drei Tagen Metal-Vollbedienung noch das Tanzbein geschwungen und dabei jede Menge Bier verschüttet.

Die Leinwände lügen nicht: Den Musikern steht die lange Tour ins Gesicht geschrieben, davon lenkt den aufmerksamen Beobachter auch keine - zugegeben imposante - Pyrozauberei ab. Mangelnde Motivation kann man den Symphonikern allerdings wirklich nicht vorwerfen und das honoriert auch das Publikum, das gutgelaunt jeden Song mitschmettert. Besonders das orientalisch angehauchte 'Sahara' vom 2007er Album "Dark Passion Play" feiert ein fulminantes Live-Comeback mit sandig-heißer Licht- und Videoshow und feuriger Untermalung. Am Ende der Show hat sich vor allem Frontdame Floor Jansen ihr "first fucking beer" des Abends verdient. Ihr gelingt der Spagat zwischen Rockröhre und Operndiva weiterhin so gekonnt und charmant, dass selbst der grummelnde Slayer-Jünger versöhnlich mit dem Stiefel wippt.

Mit einer ausgeglicheneren Setlist hätte man hier sicher noch viel mehr reißen können: Bei einer Bandbreite von neun Alben wünscht man sich doch auch musikalisch gesehen etwas mehr von der so ausgiebig besungenen Diversität und auf das notorische 'Nemo' könnte man ebenfalls ab und zu getrost verzichten. Nightwish zeigen in Dortmund trotzdem - besonders dank des holländischen Wirbelwinds Floor Jansen - einen spektakulären Auftritt und bringen die müde Meute nochmal zum Kochen. Ein gelungener Abschluss für die 2016er Ausgabe von Rock im Revier. (nh)




SETLIST IRON MAIDEN

If Eternity Should Fail
Speed Of Light
Children Of The Damned
Tears Of A Clown
The Red And The Black
The Trooper
Powerslave
Death Or Glory
The Book Of Souls
Hallowed Be Thy Name
Fear Of The Dark
Iron Maiden
---
The Number Of The Beast
Blood Brothers
Wasted Years

SETLIST NIGHTWISH

Shudder Before The Beautiful
Yours Is An Empty Hope
Storytime
My Walden
Élan
Weak Fantasy
Nemo
Sahara
I Want My Tears Back
Ghost Love Score
Last Ride Of The Day
The Greatest Show On Earth

Auf dem Rock im Revier freuten sich ein Loch in den Bauch: Jens Peters (jp), Ronny Bittner (rb) und Nina Hammelstein (nh). Nicht im Text: Alexandra Michels (zu viele "schöne Musiker") (Pfff! - am) und Mandy Malon (zu viel Iron-Maiden-Bier). Die Fotos schoss Thorsten Seiffert.

Bands:
APOCALYPTICA
TREMONTI
GARBAGE
ANTHRAX
GOJIRA
GHOST
IRON MAIDEN
NIGHTWISH
SABATON
IN EXTREMO
POWERWOLF
Autor:
Ronny Bittner
Nina Hammelstein
Jens Peters

Auch interessant:


Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos

Diese Seite verwendet Cookies. Erfahrt in unserer Datenschutzerklärung mehr darüber, wie wir Cookies einsetzen und wie Ihr Eure Einstellungen ändern und Cookies deaktivieren könnt. Darüber hinaus verwenden wir Cookies Dritter für die Einbindung audiovisueller Inhalte durch Youtube, Spotify und Soundcloud. Dem könnt ihr hier zustimmen oder dies ablehnen. Datenschutzerklärung ansehen.