Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 30.05.2012

ELECTRIC MOON , DOOM , VOIVOD , DEVIL , ORCHID - ROADBURN 2012 - NL-Tilburg, 013

Doomed to paradise

Es gibt kaum was Schöneres für die Doom/Stoner/Avantgarde-Metal-Fraktion als den holländischen Festival-Klassiker ROADBURN, der jedes Jahr mit einem ganz besonders erlesenen Billing, vielen exklusiven Bands und einer tollen Organisation mit viel Liebe zum Detail aufwartet. Tilburg im April zum internationalen Doom-Paradies zu erklären, ist tatsächlich kein bisschen übertrieben.

Das einzige Disembowelment-Album „Transcendence Into The Peripheral“ von 1993 mag in der Funeral-Doom-Szene ein wegweisender Meilenstein sein, auf der Bühne schafft es die jetzige, unter dem Namen D.USK/DISEMBOWELMENT firmierende Inkarnation der Band allerdings nicht, das schwergewichtige Material mit entsprechender Präsenz darzubieten. Die Mainstage scheint doch eine Spur zu groß zu sein, und so finden lediglich die absoluten Hardcore-Fans der Australier Spaß am allerersten europäischen Auftritt.

Nebenan platzt bei HORISONT der „Green Room“ zum ersten Mal für dieses Wochenende aus allen Nähten. Bereits im Foyer hat sich eine Menschentraube gesammelt, die auf Zehenspitzen die Köpfe reckt, um einen kleinen Blick auf das Bühnengeschehen zu erhaschen. Das, was nach draußen dringt, klingt sogar noch einen Tick besser, grooviger und tighter als beim eh schon überzeugenden Gig im Vorprogramm von Graveyard in Köln vor wenigen Wochen. Sänger Axel scheint deutlich besser bei Stimme zu sein, und auch zwei Tage später wird man von etlichen Anwesenden noch zu hören bekommen, dass die Schweden ein Überraschungs-Highlight des Festivals waren.

Musikalisch nicht minder hochwertig gehen YEAR OF THE GOAT, die eigentliche Hauptband der beiden Griftegård-Mitglieder Thomas Eriksson (v./g.) und Per Broddesson (g.), auf der „Stage01“ zu Werke. Zwar könnte das Sextett in Sachen Bühnen-Action gerne noch eine Spur zulegen, aber weil Thomas´ außergewöhnlich kräftiges wie charismatisches Organ eh über jeden Zweifel erhaben ist und es instrumental absolut nichts zu meckern gibt, lässt der Gig die Vorfreude auf den bald erscheinenden ersten Longplayer der Band noch mal um einiges in die Höhe steigen.

Auch AGALLOCH wissen die Größe der Hauptbühne nicht so recht durch ihre Präsenz zu füllen, überzeugen dafür aber mit exquisiten musikalischen Qualitäten und wirklich erstklassigem Sound, bei dem die P.A. des 013 ihrem exzellenten Ruf mal wieder gerecht wird. Atmosphäre und Dynamik der Folk/Doom/Black-Metal-Mischung der Amerikaner werden uneingeschränkt zur Geltung gebracht. (ah)

Als SATURNALIA TEMPLE mit dem Titelstück ihres aktuellen Albums „Aion Of Drakon“ ins Geschehen starten, werden umgehend die gravierenden Unterschiede zwischen dem schwedischen Trio und dem Gros der Langsamszene deutlich: Tommie Eriksson und sein Bassist glotzen nicht gelangweilt auf ihre Schuhe, sondern ackern sich in ständiger Bewegung durch ihr rituell-okkultes Programm. Magische Riffs, beschwörender Gesang und jede Menge Wucht. Kurz: eines der Tageshighlights!

Auch CHRISTIAN MISTRESS lassen auf der Bühne die Sau raus. Twingitarren-Riffs fliegen durch den Saal und sorgen phasenweise für Lizzy/Maiden-Atmosphäre, und Madame Christine Davis, diese üppige Mischung aus Vollweib und Prollweib, gerät an ihre gesangliche Leistungsgrenze. ´Over & Over´ und ´Pentagram And Crucifix´ gelingen der Sängerin hervorragend, doch danach geht ihr ein wenig die Puste aus, und die Stimme schrumpft systematisch zum Stimmchen. Mehr Sport treiben, Schnucki! Nichtsdestotrotz brodelt es im Saal wie in einem Hexenkessel, denn das Publikum nimmt Bands, die für Bewegung sorgen und auch mal in den dritten Gang hochschalten, generell sehr dankbar auf.

Das absolute Kontrastprogramm zum amerikanischen Metal-Quintett liefern OM, die sich in Stoner-Rock-Riffs und mantraartigen Akustikgitarren-Teppichen suhlen. Überlange Stücke, manchmal jenseits der Zehn-Minuten-Grenze - da bleibt auch genügend Zeit für Improvisation und Jamfeeling. Toller Auftritt bei klarem, vorzüglichem Sound!

Für das Lowlight des Tages sorgt eine Legende: Obwohl KILLING JOKE mit „MMXII“ ein vorzügliches neues Album vorgelegt haben, die Formkurve der Postpunk/Industrial-Band demnach wieder nach oben zeigt, legt der Vierer einen handzahmen, schaumgebremsten und ziemlich gelangweilten Auftritt hin. Vor allem Gitarrist Geordie und Bassist Youth provozieren mit Bewegungslosigkeit und Gähnen, zeitweise lehnen sie an ihren Amps wie im Proberaum - während Sänger Jaz mit gewohnter Gestörtenshow zu retten versucht, was zu retten ist. Irgendwann fliegen ein paar Bierbecher in Richtung Bühne, was Geordie zum Anlass nimmt, eine volle Wasserflasche mit Wucht ins Publikum zu feuern. Erste Buh-Rufe folgen... Nach Nummern wie ´Wardance´, ´Rapture´ und ´European Superstate´ folgt ein unschönes Nachspiel: Geordie randaliert im Backstage-Raum, und diverse Dinge gehen zu Bruch. Der Killing-Joke-Gitarrist wird daraufhin offiziell des Festivals verwiesen. (wrm)

ANCIENT VVISDOM aus Austin gelten zwar als neueste Okkult-Rock-Sensation, sind manchen Leuten aber schon jetzt zu Hype-beladen. Rein musikalisch machen sie nicht viel falsch; ihr sehr eingängiger, überhaupt nicht harter (Akustik-)Rock ist zweifellos originell. Besonders „authentisch“ wirkt die Band allerdings nicht - was Herrn Himmelstein schon nach dem zweiten Bier in den Nebensaal treibt.

Dort machen sich gerade ORCHID für einen umjubelten Set „warm“ - obwohl im „Het Patronaat“ schon vor dem ersten Ton Saunatemperaturen herrschen. Orchid sind halt DIE Doom-Metal-Band der Stunde; jeder liebt sie, jeder will sie sehen. Und es tut echt gut, eine klassische Doom-Gitarre mit klassischen Doom-Vocals ohne jeden Drone-, Stoner-, Funeral- und Noise-Firlefanz zu hören! Orchid sind cool, weil sie coole Songs haben und cool aussehen (und zwar alle vier Bandmitglieder) - und nicht, weil sie irgendein vorchristliches Getröte in ihren Sound einflechten oder atonal-bekifft durch die Gegend fuzzen. Doom Metal wie Trouble - mit erstklassiger Iommi-Gitarre. Beste Band des ganzen Festivals!

Weil Orchid so geil sind und man keine ihrer Göttergaben verpassen darf, schenke ich mir die parallel spielenden ULVER, bin aber pünktlich zu VOIVOD wieder drüben im Hauptgebäude. Die exklusive „Dimension Hatröss“-Show spielen die Kanadier zwar erst morgen - aber auch das „reguläre“ Voivod-Programm ist ein Kracher allererster Güte. Erstaunlich, wie gut Piggy-Nachfolger Chewy seinen Job an der Gitarre erledigt, und auch Drummer (und Bandkopf) Away kommt durch den tollen Sound heute besser denn je zur Geltung. Neben mir steht ein amerikanischer Metaller, der nur wegen Voivod über den Atlantik gejettet ist und so dermaßen am Rad dreht, dass mir schon vom Zugucken schwindlig wird. Es könnte aber auch sein, dass sich die 16. Runde des arrivierten Szenegängers und Voivod-Aficionados Dr. Dr. Kaiser in den Kniekehlen bemerkbar macht.

Anschließend wollen noch SIGIRIYA begutachtet werden. Die Waliser, die aus den Stonern Acrimony hervorgegangen sind, überziehen die ermüdete Doom-Crowd mit schweren Lavasounds, die öfter mal ins angenehm Rockige abdriften. Der weibliche Teil unserer Belegschaft findet´s, äh, groovy. (gk)

Freitag

Wer es am zweiten Tag zunächst mal ein bisschen ruhiger angehen lassen will, ist im „Het Patronaat“ bei WINO & CONNY OCHS, die mit ihren Akustikgitarren in klassischer Singer/Songwriter-Manier sehr laid back die Songs ihres gemeinsamen Albums „Heavy Kingdom“ präsentieren, bestens aufgehoben.

Das totale Kontrastprogramm gibt´s auf der Hauptbühne, wo NACHTMYSTIUM ihr komplettes Referenzwerk „Instinct: Decay“ runterbraten und mit einem glasklaren Dezibelorkan in der gut gefüllten Halle den Nachteulen die Katerfurchen aus den Gesichtern bügeln. Im Gegensatz zu etlichen anderen Acts der Mainstage stimmen hier auch Ausstrahlung und Performance, was nicht zuletzt am stetig bangenden und durch die Gegend rotzenden Keyboard-Psycho Sanford Parker liegt, der unserer eigentlich eher furchtlosen und dementsprechend nicht umsonst „Bulldog-Kathy“ getauften Kollegin Katharina Pfeifle laut eigenen Worten mächtig Angst einjagt.

Egal, wie schräg, dissonant und rhythmisch vertrackt END OF LEVEL BOSS zu Werke gehen: Die Engländer schaffen es doch immer wieder, dem Ganzen einen roten Faden in Form von perfekt platzierten straighten Riffs oder Dampfwalzen-Grooves zu geben. Das kommt beim Publikum auf der „Stage01“ ebenso gut an wie der Rock´n´Roll-Spirit, den Harry „Heck“ Armstrong (v./g.) und seine Kollegen versprühen. („Habt ihr auch so einen beschissenen Hangover wie wir? We know, we´re a bunch of useless bastards, hahaha!“)

Parallel ist der „Green Room“ bei FARFLUNG so dermaßen überfüllt, dass man noch nicht mal aus dem ebenfalls überfüllten Foyer die Möglichkeit hat, auch nur einen kleinen Blick auf die Bühne zu erhaschen. Dass J.G. THIRLWELL´S MANOREXIA zeitgleich auf der eher mäßig besuchten Mainstage randürfen, liegt wohl im Kultfaktor (u.a. nennen Trent Reznor und Marilyn Manson Thirlwell als großen Einfluss) des australischen Künstlers begründet, der hier mit Streicher-Ensemble, Xylophon und allerhand anderen obskuren Gerätschaften eine Soundtrack-Collage für den eher feingeistigen Teil der Roadburn-Besucher zum Besten gibt. (ah)

Eigentlich hatte ich die holländischen Quadrophoniker KONG schon seit Jahren nicht mehr ernst genommen, und auch jetzt wollte ich das Quartett unter Nostalgie abbuchen. Aber Respekt: Der Auftritt wächst zu einem Triumphzug mit extrem hoher Suchtgefahr. Die Instrumental-Attacken ´Lumber Home´ und ´Wonder Wood´ hinterlassen Staunmäuler, und wenn die Band blutjung wäre und auf einem der Genre-Kultlabels (Southern Records und dergleichen) veröffentlichen würde, würde das komplette Roadburn-Publikum vor ihr niederknien.

Mit einer furiosen, feurigen und brachialen Show sorgen SÓLSTAFIR für einen der absoluten Höhepunkte des gesamten Festivals. Die in England lebenden Isländer haben einfach alles: Songs, Attitüde, Optik. Granaten wie ´78 Days In The Desert´ und ´Pale Rider´, die sowohl die Black-Metal-Basis als auch Post- und Progrocker ansprechen, können halt nur von Genies geschrieben werden. Und diese Genies sehen auch noch außergewöhnlich aus! Fronter Adalbjörn und Basser Svavar könnten auch einem Tarantino-Film entsprungen sein.

Während WITCH mit ihrem Siebziger-Hardrock/Doom sowohl Black Sabbath als auch Led Zep huldigen und dabei eine ordentliche Figur machen und VALIENT THORR ebenfalls schönen Hardrock dahinriffen, sorgen BARN OWL für den Träumerauftritt des Tages. Einerseits Drone, aber für echten Drone nicht düster und dröhnend genug, andererseits vollfarbene Akustikschönheiten. Näher an Earth musiziert derzeit keine weitere Band. Und so lümmelt der Autor in der Halle, sieht nix mehr, grinst aber umso seliger vor sich hin.

YOB sind die wohl ruppigste Doom-Metal-Band des Tages, denn die Mischung aus klassischem Doom, Psychedelic und einer kleinen Prise Sludge verwandelt den Auftritt der Combo aus Oregon zu einer teilweise recht rüden Performance. (wrm)

Also, „rüde“ ist bei ELECTRIC MOON natürlich nix, denn die Deutschen fuzzen und fiepen sich lieber ins Psychedelic-Nirwana und leben wahrscheinlich nach dem alten Franz-K.-Motto „Gewalt ist Schitt“, obwohl ihre Krautrock-Seite eher andere Acts zitiert. Weil es vor der „Stage01“ so voll ist, kann ich kaum was sehen, aber immerhin den alten tanzenden Mann vor mir, der mit seiner grauen Mad-Professor-Matte ausschaut wie Einstein auf diesem einen Foto, das jeder im Kopf hat, was mir in Verbindung mit dem Geruch von Klostein (ich stehe direkt vor dem WC) einen amtlichen Rausch beschert, obwohl ich nur Bier trinke und kein LSD (zu teuer, macht bestimmt träge).

„Du hier und nicht in Osnabrück?“, denke ich mir, als vor meinem geistigen Auge auf einmal Tank Albrecht den Hasen aus „Alice im Wunderland“ verspeist, was mich zusätzlich auf die Idee bringt, mal bei Fränkies Faves BLACK BREATH vorbeizuschauen. Dort trifft man auch Götz und Kollege Jakob Kranz vom „Hammer“, die sich über Authentizität im Metal unterhalten. Darauf habe ich keinen Bock und gucke mir lieber die Amerikaner an, deren Gitarren auf der Minibühne des „Green Room“ vor allem Entombed, Entombed und manchmal sogar Entombed zitieren, die on stage aufgrund des Gesangs aber trotzdem deutlich hardcoriger klingen als auf Platte. Fetzt!

Weil ich Angst vor einem weiteren Horrortrip habe, spare ich mir das kanadische Ambient-Drone-Gespann AUN (man will ja auch nicht stören) und gehe zu VOIVOD: Leffe von Dew-Scented, der im Publikum steht, ist nicht nur voll, sondern auch voll begeistert. Das kann zwar nicht wirklich am tapsigen Stageacting von Frontmann Snake liegen, wohl aber an den fantastischen Sci-Fi-Metal-Granaten des Québec-Vierers, der heute u.a. das komplette „Dimension Hatröss“-Album mit einem gewaltigen Lächeln auf den Lippen zelebriert. Besonders stolz wirkt auch Drummer Away, dessen Bilder den Bühnen-Background schmücken und der in einer benachbarten Galerie während des Roadburn sogar ausstellen darf. Nach dem Rauskick-Cover ´Astronomy Domine´ (Pink Floyd) ist alles gesagt.

Auch das Nach-Mitternacht-Programm hat´s in sich: Während DOOM mit ihrem Old-School-Crust laut Mühlmann das komplett überfüllte Nebengebäude zerlegen („Mit Stagedivern und Circle-Pit und so! Darauf besser mal ´n Guinness!“), tänzelt die Progrock-Fraktion barfuß und bekifft zum - bitte mit weichem Himmelstein-„S“ aussprechen! - Sound der Schweden ANEKDOTEN durch die Haupthalle, und im „Green Room“ haben CELESTE, die französischen Post-Black-Metaller, sämtliche Lichter gedimmt. Showtechnisch lediglich von roten Kopflampen unterstützt, rödeln sich die so wütenden wie traurigen Westeuropäer intensiv as fuck durch einen fantastischen Tagesabschluss. (bk)

Samstag

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Die Warning-UK-Nachfolger 40 WATT SUN sind mit nur einem Album („The Inside Room“) zu einem DER Topacts des Doom Metal avanciert - wobei man „Metal“ mittlerweile relativ sehen muss. Zwar können die Schwere der Musik und auch der Klang der Gitarren die Wurzeln nicht leugnen, der entrückte Ist-ja-auch-alles-irgendwie-egal-Gestus drängt die Band aber zudem ein Stück weit in die Indie-Ecke, so Richtung The God Machine oder auch Sophia. Großartig jedenfalls, wie Patrick Walker (v./g.) und seine zwei Sidekicks das zahlreiche Publikum um vier Uhr nachmittags in die Verzweiflung schicken, wie sie einen mit ihren Songs, darunter der Warning-Klassiker ´Footprints´ und das unglaubliche ´Carry Me Home´, und ohne eine einzige Ansage ernsthaft rühren. Magische Momente und zweifellos eines der tollsten Konzerte seit Jahren!

So weit sollte man bei BOB WAYNE & THE OUTLAW CARNIES nun wirklich nicht gehen; der Alternative-Country der Truppe mit Fiddlerin und Kontrabassist sorgt zwischen Ausrufen wie „Hell yeah!“ oder „Thank God for Johnny Cash!“ aber immerhin für deutlich steigenden Bierumsatz, und sogar Frau Pfeifle, verkatert wie hundert Russen, nachdem sie in der Metaldisco in der Vornacht noch jedem Anwesenden diverse Skid-Row-„Klassiker“ bis zum Tinnitus ins Ohr „gesungen“ hat, nippt schon wieder an einem kleinen Pilsje.

In der Nebenhalle versammeln währenddessen die wiedervereinigten einheimischen Doomdeather CELESTIAL SEASON sämtliche My-Dying-Bride-Supporter (und das machen sie ordentlich), auf der Hauptbühne rocken einen danach CHURCH OF MISERY, auf Platte ja eher mal so mittel, richtiggehend aus den qualmenden Socken. Wie ´ne noch kaputtere Underground-Version von Down rasten die drei Japaner und das Weißbrot an der Gitarre aus, der Sound ist - auch das sei noch mal erwähnt - wie (fast) immer beim Roadburn brutal geil, der Lärm inklusive diverser pröttelnder und quiekender Synthie-Spielereien zeigt das Quartett alles in allem als amtliche Szenenbereicherung. „Now let´s get fucking stoned!“, schreit Frontderwisch Hideki Fukasawa beim Verlassen der Bühne schließlich. „Geht nicht!“, rufe ich zurück. „Muss noch zu SAVIOURS in den Nebenraum, ´n bisschen ganz guten Fuzz-Metal gucken!“ (bk)

PELICAN sehen zu drei Vierteln aus wie Boris Kaiser (Boris an Gitarre, Gitarre & Bass - und ein Kumpel am Schlagzeug) und spielen instrumentalen Postrock. Der große Saal ist proppenvoll, der Sound (natürlich) super und die Musik eigentlich recht gut. Trotzdem fehlt irgendwas, um mich länger als 20 Minuten zu fesseln; es klingt einfach alles zu ähnlich. Ohne „herkömmliche“ Songstrukturen merke ich kaum, wann ein Stück aufhört und das nächste beginnt. Ich weiß, das behaupten Unkundige von Death-, Thrash- oder Black Metal auch - aber im Falle Pelican fehlt mir heute einfach die nötige Geduld.

Ich lasse mich lieber von der charismatischen Sängerin von THE WOUNDED KINGS verzaubern, obwohl ich sie im rappelvollen „Green Room“ eigentlich gar nicht sehe. (Das nächste Mal bringe ich mir mein kleines Fensterputztreppchen mit. Wenn ich da ´nen Saint-Vitus-Sticker draufklebe, kommt das arschcool!) Was ich allerdings HÖRE, überzeugt mich ziemlich schnell: Ultra-Doom mit epischer Schlagseite, der immer wieder (auch wegen des Gesangs) an Griftegård erinnert und von einem tollen Drummer getragen wird. Manchmal etwas zäh - aber oberamtlich.

Und dann werden wir endlich Zeuge des groß angekündigten THE OBSESSED-Comebacks. Wino betritt ohne viel Theater mit seinen beiden Mitstreitern Guy und Greg die Bühne und baut sich lässig vor den zwölf (!) Monitorboxen auf. Seine weiße SG brummt wie in den frühen Neunzigern, und auch stimmlich ist Wino in erstaunlich guter Form. Wenn Saint Vitus reduzierte Black Sabbath mit Punk-Attitüde sind, dann orientieren sich The Obsessed eher an Blue Cheer. Doomig zwar, aber grooviger und besser gespielt. Wino bewegt im Gegensatz zu Dave Chandler (den er bei Saint Vitus ja nicht „überschatten“ darf) mehr als nur den Zeigefinger auf der tiefen E-Saite - zeigt dabei aber genauso viel Seele. Obwohl The Obsessed (im Gegensatz zu den meisten anderen Roadburn-Bands) auf Videoprojektionen verzichten und die große Bühne eigentlich gar nicht ausfüllen können, verlässt kaum ein Fan vorzeitig den Saal. DIESEN Sound lieben hier halt alle. (gk)

Von den Halleluja-Gesängen im Intro über die in lila Licht getauchte Bühne und die kräftig vor sich hin räuchernde Nebelmaschine bis hin zu den traditionellen Gewändern als Bühnenoutfits: NECROS CHRISTOS kümmern sich um die passende Atmosphäre für ihren orientalisch angehauchten Death-Doom. Auf kleinstem Raum demonstrieren die Berliner ihr Können.

In der großen Halle nebenan gewinnen SLEEP derweil die Materialschlacht. Deren Verstärkerwand zieht sich nämlich einmal über die komplette Bühne. Davor stehen zwei ziemlich haarige Gesellen, die sich selig durch ihren Set stonerdoomen, gerne auch mit dem Rücken zum Publikum, während der Kollege am Schlagzeug reinhaut. In den Neunzigern hatten die Kalifornier ihre Hochphase, jetzt tut sich das Trio nur noch zu vereinzelten Auftritten zusammen. Die sind allerdings unter dem Label „kultig“ einzuordnen, wie der Publikumszuspruch zeigt. Den Boden auf dem Weg nach draußen pflastern über weite Strecken Sleep-Jünger, die im Schneidersitz mit geschlossenen Augen vor- und zurückwippen.

Ein bisschen Neunziger-Feeling kommt auch bei TOMBS auf, zumindest beim Anblick der umgedrehten Baseballkappe von Bassist Carson Daniel James. „Bad hair day“ auf Tour? Davon abgesehen sind die drei Amis mit ihrer imposanten Wall Of Sound aber DIE Überraschung des Abends. Der sich auf dem Papier eher sperrig anhörende experimentelle Mix aus Black Metal, Postrock und Noise verströmt live eine mitreißende Energie. Flüssig und druckvoll prasseln die Riffs auf einen herab; das Stroboskop-Gewitter tut sein Übriges, um die Illusion eines Infernos zu komplettieren.

Wem das auf Dauer zu anstrengend wird, der schaut bei DEVIL vorbei, denn dort gibt es verpeilt-sympathisches Gerumpel mit Siebziger-Anleihen. Bei fünf stattlichen norwegischen Brummbären wird es ein bisschen eng auf der kleinen Bühne, weswegen das Stageacting auch aufs minimalst Nötige - Matte schütteln und den Fans zuprosten - beschränkt wird. Außerdem darf jeder mal ins Mikro sabbeln, was ihm gerade so auf dem Herzen liegt. Grundtenor: „Schön ist´s hier auf dem Roadburn!“ Da kann man ihnen nur zustimmen.

Allein des Namens wegen müssen an dieser Stelle noch BONGRIPPER Erwähnung finden. Die Sludge-Doomer generieren sogar um Mitternacht noch eine Schlange am Einlass des Nebengebäudes - das muss ihnen erst mal jemand nachmachen. (kp)

Auf dem fantastischen Roadburn grinsten selig vor sich hin: Götz Kühnemund (gk), Andreas Himmelstein (ah), Boris Kaiser (bk), Wolf-Rüdiger Mühlmann (wrm) und Bulldog-Kathy (kp).

Bands:
ELECTRIC MOON
VOIVOD
DOOM
DEVIL
ORCHID
Autor:
Katharina Pfeifle
Boris Kaiser
Andreas Himmelstein
Götz Kühnemund
Wolf-Rüdiger Mühlmann

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