Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 25.07.2018

D-A-D , HAUDEGEN , PRO-PAIN , ROSE TATTOO , THE NEW ROSES , ARCH ENEMY , IN EXTREMO , PHIL CAMPBELL AND THE BASTARD SONS , BÖHSE ONKELZ - Petrus ist kein Onkelz-Fan

Sommer, Sonne, Festivals? Von wegen! Beim von den BÖHSEN ONKELZ an beiden Tagen geheadlineten Matapaloz in Leipzig überzeugten alle Bands, aber das Wetter war eher so semi. Hans-Martin Issler (Fotos) und Thomas Kupfer (Text) schlüpften in ihre regenfesten Daunenjacken und trotzten den Naturgewalten.

Erster Tag

Es ist ein Wahnsinn: Da findet die zweite Auflage des Matapaloz an dem Wochenende der Mittsommernacht statt, die Meteorologen haben den Sommeranfang schon längst ausgerufen, aber die Temperaturen spielen mal so gar nicht mit. Es ist nicht nur arschkalt, und ein böiger Wind pfeift über das Leipziger Messegelände, sondern Petrus, der augenscheinlich kein Onkelz-Fan ist, spendiert uns in unregelmäßigen Abständen auch noch die eine oder andere Dusche. Mal ´ne längere, dann wieder nur einen kurzen Schauer, aber es nervt. Zumal die Anreisewelle die Autobahnen und sonstigen Straßen rund ums Gelände ziemlich lahmgelegt hat und von Herrn Issler jede Spur fehlt. Als das Handynetz mal wieder stabil ist, gibt er ziemlich zusammenhangloses Zeug bezüglich Merseburg von sich. Als er da vorbeigekommen sei, habe er nämlich sofort an In Extremo und ihren Song ´Merseburger Zaubersprüche´ denken müssen, und das solle ich unbedingt im Text unterbringen. Was hiermit geschehen ist, mich aber trotzdem einigermaßen fassungslos zurücklässt. Sei´s drum: Irgendwann hat es auch Issler zum Messegelände geschafft, die Odyssee beginnt jetzt aber erst richtig. Geschlagene anderthalb Stunden brauchen wir, um endlich am tatsächlichen Ort des Geschehens anzukommen, und werden mit den letzten Tönen des PRO-PAIN-Auftritts begrüßt. Gary Meskil & Co. beschließen ihren Set in guter alter Tradition mit dem Onkelz-Cover ´Terpentin´, aber wir ärgern uns ein zweites Loch in den Allerwertesten, weil wir den Auftritt von LOSTIOZ, dieser sagenumwobenen Böhse-Onkelz-Coverband aus dem mexikanischen Chihuahua, verpasst haben. Das Quartett, das sich wenig später breit grinsend hinter der Bühne sehen lässt, sieht den echten Onkelz nämlich nicht nur zum Verwechseln ähnlich, sondern hat bei seinem Spontangig im Barrio, diesem liebevoll designten, vor den Toren des Festivalgeländes aufgebauten, Endzeitatmosphäre verströmenden Dörfchens, vor einigen tausend Fans nach allen Regeln der Kunst abgeräumt. Augen- und Ohrenzeugen des Spektakels erzählen von einem fies-brachialen Old-School-Set und sind begeistert, dass die Mexikaner selbst einen Klassiker wie ´Der nette Mann´ nahezu akzentfrei (!) herausgebrüllt haben. Verrückt!
Issler zeigt sich derweil wenig beeindruckt von dem Umstand, dass D-Prominenz in Form von Melanie Müller an ihm vorbeiwackelt und im eher rustikalen VIP-Bereich alle Blicke auf sich zieht, denn es gilt Fotos von D-A-D und danach vom Barrio zu schießen. Wenn es um die Arbeit geht, dann wechselt der stoische Franke problemlos in den entsprechenden Modus. Zumal ihn Frau Müllers bisher gezeigte Schauspieltalente eher kaltlassen und er „´ne Puppe, deren aktuelle Single ´Das eine sag ich Dir - Weltmeister werden wir´ heißt, eh nicht für voll nehmen kann“. Recht hat er, also ab zu D-A-D, bei denen es – Achtung, brillante Überleitung – überhaupt nicht voll ist. Das kümmert die Binzer-Brüder und ihre beiden Sidekicks aber nullinger, dafür sind sie zu lange im Geschäft, haben zu viele Hits in der Hinterhand, blödeln sich vor ihrer imposanten Bühnedeko samt überdimensionaler Couch und Verstärker unangestrengt-witzig durch den Auftritt und haben mit Basser Stig Pedersen wohl DEN Hingucker des Wochenendes in ihren Reihen. Wenn der Tieftöner in seinem rosafarbenen Overall über die Bühne schleicht und dabei stolz sein zweisaitiges (!) Instrument in Form eines Eisernen Kreuzes samt rotem Doppeldecker-Flugzeug präsentiert, ist gute Laune garantiert.
Danach kracht es gewaltig: ARCH ENEMY haben sich längst als weltweit tourende Band etabliert und beweisen auch in Leipzig, dass sie zu den aktuell besten Bands des Extrem-Metal-Genres gehören. Selbst eine riesige Bühne wie die des Matapaloz füllt das Quintett um die technisch unangreifbaren Gitarristen Michael Amott und Jeff Loomis mit seiner Präsenz, und mit Sängerin Alissa White-Gluz hat man einen echten Trumpf am Start. Die Frontfrau kommt wegen ihres Outfits und der Nietenarmbänder nicht nur optisch wie die weibliche Version eines Spätsiebziger/Frühachtziger-Rob-Halford rüber, sie hat auch einige der Roboterbewegungen des Metal God für sich entdeckt und beherrscht die gesamte Klaviatur der Rockstar-Posen. Tolle Show, bei der die Band gekonnt zwischen brutalen Grooves und melodiösen Parts wechselt.
Inzwischen ist das Wetter nochmals schlechter geworden, fiese Windböen machen Musikern und Publikum gleichermaßen zu schaffen, aber MEGADETH zeigen sich völlig unbeeindruckt von den äußeren Umständen. Vielleicht ist der für seine exzentrischen Ausfälle bekannte Dave Mustaine auch einfach nur ein Typ wie Axl Rose, der den besonderen Kick braucht und bei unwirtlichen Bedingungen zur Höchstform aufläuft. An diesem Abend machen der Rotschopf und seine Band jedenfalls vieles, wenn nicht sogar alles richtig: Ein Feuerwerk an Hits und die schnoddrigen Ansagen des Frontmannes lassen keinen Raum für Kritik, und Gassenhauer wie ´Symphony Of Destruction´, ´In My Darkest Hour´ oder das die Show beschließende ´Peace Sells´ werden auch in Leipzig gerne genommen.
Die Stimmung steigt, und voll ist es geworden: Als die BÖHSEN ONKELZ mit ´Hier sind die Onkelz´ in ihren Set einsteigen, drängen sich mehr als 30.000 Fans vor der Bühne. Ich verziehe mich der besseren Sicht wegen auf die am anderen Ende des Geländes aufgebaute Tribüne und verfolge das Spektakel aus luftiger Höhe. Da hat man einen guten Überblick und kann sehen, wie die Bühne mit all ihren Lichtern und Videoeinspielern zum Leben erwacht. Ein gar nicht schöner Nebeneffekt ist aber, dass einen der immer noch stramme Wind fast aus den Schalensitzen weht. Dem Dutzend Hansa-Rostock-Hools neben mir macht das nichts, die tanzen in kurzen Hosen und T-Shirts vor sich hin und versenken bei ihren ständigen Bierbecherwürfen ein gefühltes Monatsgehalt. Besonders der Umstand, dass wie angekündigt das komplette „Kneipenterroristen“-Album gespielt wird, sorgt bei den Nordlichtern für Ekstase. Meine persönlichen Höhepunkte des Abends? Das augenzwinkernd rausgerotzte ´Religion´ (die erste Veröffentlichung der Onkelz, von Stephan mit einem launigen „Da war der Großteil von euch noch nicht mal geboren“ angekündigt) und die Schweigeminute für den kürzlich verstorbenen ehemaligen Tourmanager und Bandintimus Thomas Hess inklusive des anschließenden ´Der Platz neben mir´. Das Konzert ist gut, keine Frage, aber es hat aufgrund der ungewöhnlichen Setlist auch Längen, die zusammen mit den viehischen Temperaturen dafür sorgen, dass der berühmte Funke phasenweise nicht überspringen mag. Gegen Mitternacht kriechen Issler und ich in die Schlafsäcke und freuen uns, dass wir im Bulli und nicht im Zelt schlafen müssen. Spesenritter sehen anders aus…

Zweiter Tag

Neuer Tag, neues Glück. THE NEW ROSES haben nicht nur auf dem Rock Hard Festival überzeugt, sondern ziehen auch auf dem Matapaloz stoisch ihr Ding durch. Gute-Laune-Rock´n´Roll geht schließlich immer, auch wenn sich der Publikumszuspruch in überschaubaren Grenzen hält.
PHIL CAMPBELL AND THE BASTARD SONS ergeht es auch nicht viel besser, die Besucher lassen sich lieber im Barrio kulinarisch verwöhnen, latschen zum Tätowierer oder sehen sich staunend Freak-Shows an, anstatt mit dem ehemaligen Motörhead-Gunslinger abzurocken. Es ist ein eher mühsamer Festival-Start, ehe gänzlich unerwartet HAUDEGEN ein erstes kleines Highlight setzen. Zu den Klängen des „Dirty Dancing“-Heulers ´(I´ve Had) The Time Of My Life´ marschiert ein stämmiger Fan samt Tätowierer auf die Bühne und lässt sich vor dem Plattenbau, der auf dem Backdrop zu sehen ist, den Bandnamen in den ausladenden Rücken hacken. Fans der Jungs aus Berlin-Marzahn kennen solche Aktionen, Leute, die wie ich heute ihren Erstkontakt mit der Band haben, amüsieren sich. Musikalisch ist der teilweise schiefe Deutschrock mit seinen Holzhammer-Lyrics zwar nicht so meins, aber man positioniert sich politisch und hat auf dem Drumkit einen gut sichtbaren „FCK AFD“-Sticker platziert.
ROSE TATTOO sind da natürlich ein ganz anderes Kaliber. Die Band verwandelt die Bühne alleine mit ihrer Aura in einen kleinen, verranzten Pub irgendwo im australischen Outback und gibt mit ´One Of The Boys´ die musikalische Marschrichtung vor. Es hagelt Klassiker am Fließband und in den Pausen Lebensweisheiten von Angry Anderson, die fast noch beeindruckender sind. Wenn sich der kleine Sänger im Stile eines Wanderpredigers zu den wirklich wichtigen Themen, also Rock´n´Roll, Liebe, Freiheit und, natürlich, Rock´n´Roll äußert, müssen selbst seine Mitmusiker grinsen. Der mittlerweile 70-Jährige wirkt völlig unangreifbar und ist extrem gut bei Stimme. Nur als wir ihm nach der Show das aktuelle Rock Hard mit der Rose-Tattoo-Coverstory überreichen, verliert er kurzfristig die Fassung: „Oje – meine Mutter hasst dieses Livebild, bei dem mir die Eier aus der Hose hängen. Das wird Diskussionen geben…“
Der gar nicht heimliche Sieger des Wochenendes? Ganz klar IN EXTREMO! Frontmann Michael Rhein grinst über beide Backen und dirigiert die Massen. Gut 40.000 Zuschauer sind natürlich in erster Linie wegen der Onkelz gekommen, aber In Extremo sind die Band, auf die sich anscheinend alle einigen können. Und die Jungs liefern wie gewohnt: ´Feuertaufe´, ´Störtebeker´, ´Frei zu sein´ und selbst das etwas sperrige ´Quid Pro Quo´ bringen Leipzig zum Tanzen. Und das bis auf die Tribünen. Eine ganz reife Leistung der Band, die sich nach ihrem Triumphzug diebisch darüber freut, auch den beiden Rock-Hard-Gesandten gegenüber ihrem Bildungsauftrag gerecht geworden zu sein. ´Merseburger Zaubersprüche´ und so, ihr wisst schon…
Der zweite BÖHSE ONKELZ-Auftritt steht auch im Zeichen des Länderspiels gegen Schweden, das in letzter Sekunde entschieden wird – in dem Moment, als die Band gerade ´Stunde des Siegers´ spielt, wohlgemerkt. Weitere Highlights? Das nachdenklich-verhaltene ´Stand der Dinge´, die aufeinander folgenden Uptempo-Rocker ´Leere Worte´ und ´Auf die Freundschaft´ sowie natürlich der völlig unangreifbare Zugabenblock, der das Matapaloz angemessen beschließt und die Stimmung ein letztes Mal hochkochen lässt. Schön war´s in Leipzig!

Setlist Böhse Onkelz (erster Tag)

1. Intro
2. Hier sind die Onkelz
3. Narben
4. Irgendwas für nichts
5. Wer nichts wagt, kann nichts verlieren
6. Guten Tag
7. Ich bin in dir (Version 2001)
8. Keine Amnestie für MTV
9. Signum des Verrats
10. Es ist sinnlos mit sich selbst zu spaßen
11. Gehasst, verdammt, vergöttert
12. Religion (vom Sampler „Soundtracks zum Untergang“)
13. Das Tier in mir
14. Finde die Wahrheit
15. Koma
16. So sind wir
17. Ein guter Freund
18. Tanz der Teufel
19. Lügenmarsch
20. Der Platz neben mir
21. Kirche
22. 28
23. Auf gute Freunde
24. Könige für einen Tag
25. Erinnerungen

Setlist Böhse Onkelz (zweiter Tag)

1. Intro – Oratorium
2. Heilige Lieder
3. Lack und Leder
4. 10 Jahre
5. Fahrt zur Hölle
6. Leere Worte
7. Auf die Freundschaft
8. Religion
9. Nichts ist so hart wie das Leben
10. Stand der Dinge
11. Stunde des Siegers
12. Ganz egal
13. Nie wieder
14. Wieder mal ´nen Tag verschenkt
15. Bomberpilot
16. Nenn´ mich wie du willst
17. Nach allen Regeln der Sucht
18. Terpentin
19. Freddy Krüger
20. Nekrophil
21. Buch der Erinnerung
22. Wir ham´ noch lange nicht genug
23. Kneipenterroristen
24. Nur die Besten sterben jung
25. Mexico
26. Nichts ist für die Ewigkeit

Pic: Hans-Martin Issler

Bands:
PHIL CAMPBELL AND THE BASTARD SONS
ROSE TATTOO
D-A-D
BÖHSE ONKELZ
THE NEW ROSES
IN EXTREMO
HAUDEGEN
ARCH ENEMY
PRO-PAIN
Autor:
Thomas Kupfer

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