Interview


Pic: Oliver Stein

Interview 14.10.2020, 13:15

OLD MOTHER HELL - Ist der Gott des Todes noch am Leben?

Mit ihrem selbstproduzierten gleichnamigen Debüt sorgten OLD MOTHER HELL seinerzeit für einen Aufschrei in der Szene und wurden bei uns kurzerhand zum "Tipp des Monats“ unter den Eigenproduktionen gekürt. Auf den äußerst organischen, komplett live im Studio aufgenommenen Epic Metal der Mannheimer Truppe wurde schließlich mit Cruz Del Sur Music auch das passende Label aufmerksam und veröffentlichte „Old Mother Hell“ 2018 kurzerhand erneut. Mit „Lord Of Demise“ kündigt sich jetzt zweieinhalb Jahre später das zweite Langeisen an: Erneut live im Studio eingetütet, kompakt auf den wesentlichen Kern reduziert, dabei aber trotzdem wuchtig und hymnisch und mit beiden Beinen fest in der Realität verankert. Wir klingelten bei Sänger und Gitarrist Bernd Wener durch.

Bernd, in wenigen Wochen steht der Release von „Lord Of Demise“ vor der Tür. Wie blickst du der Veröffentlichung im Moment entgegen?
»Persönlich warten wir ja auch immer noch auf die Tonträger. Darauf sind wir natürlich neugierig. Insbesondere, wie das Artwork und die vielen Illustrationen im Booklet von meinem persönlichen Haus- und Hofzeichner, Jens Reinhold von Zenz-Art, in gedruckter Form aussehen werden. Es geht gut ab, was die Vorbestellungen betrifft, wir hatten ein auf fünfzig Stück limitiertes LP-Package mit Poster, Patch und Aufkleber, das war innerhalb der Dauer eines Fußballspiels ausverkauft. Das ist irre! Wir haben versucht, auszublenden, dass das erste Album sehr gut ankam, sind aber eigentlich ähnlich geplättet wie damals. Denn irgendwie denkt ein Teil von dir schon immer darüber nach, wie das zweite ankommen wird. Dazu wissen wir jetzt Gott sei Dank schon relativ viel und das freut uns natürlich extrem.«

Aber den Erwartungsdruck habt ihr beim Songwriting trotzdem gespürt?
»Ja, schon irgendwie. Aber wir sind keine Berufsmusiker. Wir sind Fans, die auch sehr gerne Mucke machen. Sollte das Album ein wirtschaftliches Desaster werden, dann würde uns das in unserem normalen Leben nicht beeinträchtigen. Wir müssten nicht plötzlich zu den Tafeln gehen oder ähnliches. Aber ein erfolgreiches Album zieht natürlich starke Shows nach sich, auch wenn das aktuell Corona-bedingt nicht unbedingt gilt. Ich persönlich bin jemand, der dafür lebt, live zu spielen. Wenn man dazwischen keine Alben machen müsste, würde ich wahrscheinlich nur noch live spielen.«

Wie geht ihr dann aus persönlicher Sicht damit um, dass ihr aktuell als doch noch relativ junge Metalband gerade live deutlich kürzer treten müsst?
»Wahrscheinlich wie jede andere Band auch. Wir vermissen das und harren der Dinge, die da kommen. Viel machen kannst du ja nicht.«

Foto: Marc Braner

Ihr seid eurem Stil treu geblieben und habt „Lord Of Demise“ wie seinen Vorgänger erneut live in einem Raum aufgenommen, was dem Album einen extrem organischen und authentischen Sound verleiht. Ist das etwas, was dir in diesen modernen Zeiten besonders wichtig ist und vielleicht auch bei so manch anderen Veröffentlichung im Rock- und Metal-Bereich fehlt?
»Ich finde, es ist wieder besser geworden. Ganz schlimm war es Ende der Neuziger, Anfang der 2000er, da hatte ich das Gefühl, alle modernen Scheiben klingen total gleich. Super überproduziert und glattgeschliffen, weswegen ich auch eine Zeit lang wirklich die Lust daran verloren und mich anderer Musik zugewendet hatte. Ich glaube, heutzutage ist wieder mehr Variation drin. Wir persönlich haben da einfach Bock drauf. Wir sind damals beim Debüt hingegangen und haben gesagt, wir möchten das idealerweise wie im Proberaum aufnehmen. Ronny (Senft, Bass - sb) hat mal relativ schlechte Erfahrungen mit Einzelspur-Tracking im Studio gemacht und sagt für sich, er möchte das eigentlich nie wieder machen.«

Würdest du dich gerade in dieser Hinsicht als Nostalgiker bezeichnen, der gerne auch mal auf vergangene Zeiten zurückblickt?
»Ja, ein Stück weit schon. Das ging mir vor allem beim ersten Album so. Dieses Mal waren wir wieder im Rama Studio in Mannheim und wussten quasi schon, was auf uns zukommt. Aber als ich beim Debüt da reingekommen bin und diese Hallkammer sah, dieses längliche schrankähnliche Gebilde, da dachte ich mir schon: „Alter, wie geil ist das denn? Das muss hier wie in den Siebzigern sein.“ Die habe ich aber nicht so intensiv erlebt, dass ich mich daran erinnern könnte, so alt bin ich dann Gott sei Dank doch noch nicht (lacht). Aber es war auf jeden Fall ein großartiges Gefühl in diesem großen Raum, der von sich aus einfach schon genial klingt.«

Bist du zufrieden mit dem Entstehungsprozess von „Lord Of Demise“? Ihr habt mit eurem Drummer Michael Frölich seit 2018 eine zusätzliche Songwriting-Quelle in der Band.
»Ich fand es sehr positiv, dass sein Einfluss mit hineinspielte. Natürlich mussten wir anfangs erst einmal ein bisschen zueinanderfinden. Menschlich war das kein Problem, wir kannten Michi schon vorher, er hat uns tatsächlich auf einem unserer ersten Gigs gemischt. Er spielt auch super Gitarre und bringt gute Ideen mit, die der typische Schlagzeuger in der Regel einfach nicht hat. Ronny ist nicht so der Typ, der mit einer ausgearbeiteten Songidee daherkommt. Er bringt seinen Einfluss auch mit ein, aber eher auf einzelner Lick-Basis. Michi bringt sich wirklich auch aus Songwriter-Sicht ein und das macht es mir natürlich ein bisschen leichter.«

Wer oder was ist eigentlich der titelgebende „Lord Of Demise“?
»(Lacht.) Das weiß ich leider selbst nicht so genau. Ich hatte vor einigen Jahren einen Albtraum, in dem ein wirbelndes, schwarzes und nicht ganz greifbares Ding um mich herumkreiste und in einer markerschütternden Stimme schrie (er kreischt los): 'Ist der Gott des Todes noch am Leben?!'. Ich weiß nicht, was das bedeutet, das überlasse ich den Psychologen und Traumdeutern dieser Welt. Aber das hat mich auf jeden Fall so beeindruckt, dass dieser Song daraus entstanden ist. „Lord Of Death“ singt sich irgendwie nicht so schön und klingt nicht so metrisch, also kam ich auf „Demise“.«

Ihr zeigt in den Texten des Albums auf jeden Fall, dass ihr sehr reflektierende Beobachter seid und auch viele aktuelle und relevante Themen ansprecht. Der Song 'Shadows Within' beispielsweise handelt von Depressionen. Musstest du damit schon persönlich Erfahrungen machen?
»Das ist in diesem Fall tatsächlich der persönlichste Text überhaupt auf der Scheibe. Ich hatte vor ungefähr vier Jahren relativ schwer mit einer Angststörung und Depressionen zu kämpfen und konnte glücklicherweise ziemlich schnell eine sehr gute Therapeutin finden, mit der ich viel aufgearbeitet habe. So etwas entwickelt sich oft über Jahre oder Jahrzehnte hinweg und mir ist mittlerweile klar, dass ich mit den Dingen leben muss, die da waren. Sie sind ein Teil von mir. Heute habe ich aber viel mehr Rüstzeug und Werkzeug, um mich besser damit auseinanderzusetzen, sollte ich mal wieder Gefahr laufen, in ein solches Loch abzudriften. Ich gehe auch ganz offen damit um, weil ich finde, dass das ein Thema ist, das heutzutage viel zu stigmatisiert ist. 'Oh Gott, der soll sich mal zusammenreißen!' und 'Der soll sich nicht so anstellen!', solche Sprüche hört man häufiger. Ich glaube, dass das viele Leute davon abhält, sich überhaupt erst Hilfe zu suchen, denn das macht man doch nicht, man ist ja nicht verrückt. Dieses Gefühl habe ich insbesondere in diesen Text einfließen lassen.«

Hast du denn damals von allen Seiten Unterstützung bekommen und diese auch zugelassen?
»Von allen Seiten sicher nicht. Es fällt Leuten schwer, damit umzugehen. (Er überlegt.) Ich glaube, für mich war das wichtigste tatsächlich die Therapie. Der Support von außen, der teilweise natürlich auch da war, fängt dich nur bedingt auf, löst aber einfach das Problem nicht wirklich. Dazu hat es einen Profi gebraucht, der die richtigen Fragen stellen und dich auch ein Stück weit – das mag jetzt blöd klingen – umprogrammieren kann. Damit du nicht immer in diesem Teufelskreis aus negativen Gedanken drinsteckst. Seitdem habe ich das Gefühl, ein deutlich ausgeglichenerer Mensch zu sein.«

Im Song 'Estranged' sticht die Textzeile "Have you still not given up on human kind?" hervor. Hast du die Menschheit schon aufgegeben?
»Im Großen und Ganzen bin ich da schon eher der Fatalist. Meine Einschätzung ist, dass wir Probleme auf der Welt haben, die zu groß sind, als dass wir sie mit der derzeitigen Struktur von einzelnen Nationen gelöst bekommen. Ich sehe im Moment eine Entwicklung, die sich von "Wir packen mal was gemeinsam an" entfernt, hin zu "Nee nee, wir schotten uns alle ab, national ist besser als global." Was aber, um die Probleme dieser Welt zu lösen, sicherlich der komplett falsche Ansatz ist.«

Eure Musik zeichnet auch eine gewisse melancholische und freiheitsliebende Note aus. Könnte dieses "In-die-Ferne-Schweifen" auch etwas mit deiner Tätigkeit als Reiseblogger zu tun haben?
»Darüber habe ich mir so intensiv noch nie Gedanken gemacht. Ich bin tatsächlich aktuell mit einem Text beschäftigt, der sehr viel damit zu hat. Unterbewusst wird mich das sicherlich beeinflussen, das will ich gar nicht ausschließen. Ich glaube aber, das ' Das Wandern ist des Müllers Lust' des Heavy Metal werden wir trotzdem nicht schreiben (lacht). Das passt einfach irgendwie nicht zu uns, auch wenn wir in dem Sinn kein Konzept verfolgen.«

Besonderes der letzte Song der Platte, 'Finally Free', hat bei mir in diese Richtung das Kopfkino gestartet. Von was befreit sich das lyrische Ich denn darin?
»In 'Finally Free' steckt für mich sehr viel des Gefühls vom Erfolg des Debüts. Diese Freude über das Feedback, das wir bekommen haben. Jeder von uns macht schon sehr viele Jahre Musik, aber das was uns hier passiert, ist für jeden ein absolutes Novum. Ein Stück weit ist aber natürlich auch die Freude über die aus meiner Sicht erfolgreiche Therapie und der Freiheitsdrang an sich mit eingeflossen, das kann man auf jeden Fall so sagen.«

www.oldmotherhell.de

www.facebook.com/oldmotherhell

Bands:
OLD MOTHER HELL
Autor:
Simon Bauer

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