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ToneTalk 27.04.2016

NIGHTWISH - »Ich sehe keinen großen Unterschied zwischen Saiteninstrumenten«

Hinter der Fantasy-Fassade von Nightwish steht zumindest im Fall von MARCO HIETALA ein sehr wirklichkeitsnaher Mensch mit viel Erfahrung nicht nur im musikalischen Bereich. Unser Gespräch mit dem 50-jährigen Rundumtalent driftet deshalb auch recht schnell in höhere Gefilde ab. Vorhang auf für eine Tonezone der etwas anderen Art...

Marco, du bist kein typischer Virtuose, sondern ein zweckdienlicher Allrounder. Wie kam es dazu?

»Das erste Instrument, an dem ich mich versuchte, war die Akustikgitarre meines Vaters. Ich muss damals ungefähr elf gewesen sein. Zwei Jahre später spielte ich in einer Band an meiner Schule, wo sich niemand traute, den Gesang zu übernehmen, also versuchte ich es einfach. Kurz darauf wechselte ich von sechs auf vier Saiten. Da ich in einem kleinen Dorf mit rund 2.000 Einwohnern geboren wurde und wohnte, fand ich nur wenige Gleichaltrige, die auch Musik machen wollten, und musste flexibel sein, wenn sich ausnahmsweise jemand anbot, um eine komplette Gruppe zusammenzustellen. Ich blieb beim Bass, gab die anderen Instrumente aber nie auf. An meiner höheren Schule arbeitete ich dann ernsthaft als Gitarrist und Gesangslehrer, während ich den Bass nur in verschiedenen Bands übernahm. Ich sehe keinen allzu großen Unterschied zwischen Saiteninstrumenten, also ist diese Zweigleisigkeit eigentlich keine große Sache. Man kann auch sagen, dass ich da einfach so hineingerutscht bin.«

Deine Endorser haben dir ein passendes Einzelinstrument dazu auf den Leib geschneidert.

»Es ist einfach ausgedrückt ein Bass mit einem zweiten Hals zum Gitarrespielen, wenn ich bei Nightwish live diese Celtic-Folk-Parts übernehme.«

Du bist zum Beispiel auch als Gesangscoach für Tomi Joutsen von Amorphis in Erscheinung getreten. Hast du eine professionelle Ausbildung in dieser Richtung gemacht?

»Ich bin ein großer Freund von ganz klassischem Rock´n´Roll, der für mich vor allem einen starken Groove haben muss. Atmosphäre und Feeling gehen vor Technik und Theorie. Das heißt wiederum nicht, Letzteres sei unwichtig. Gerade als Sänger erzielt man Bestleistungen, wenn man völlig entspannt ist und mit seinem Körper im Einklang steht. Das fand ich für mich selbst im Laufe der Jahre heraus, und es ist auch mein Ansatz, wenn ich mit anderen Sängern arbeite. Klassisch geschult bin ich nur insofern, als ich etwas von Harmonielehre verstehe und das Singen wirklich von der tonalen Seite aus angehen kann. Ich bin in der Lage, Stimmführungen zu analysieren, und erkenne dementsprechend auch Fehler. Das sprach sich herum, und jetzt betreue ich eben ein paar Leute bei Studioaufnahmen.«

Von klassischem Jammen beim Songwriting kann bei Nightwish keine Rede sein, oder?

»Jeder für sich fertigt Demos an, aber erst wenn die Band im Proberaum zusammenkommt, entstehen richtige Songs. Was auch immer im gemeinsamen Spiel funktioniert, wird genommen, wobei unser Keyboarder Tuomas Holopainen, der die Band schließlich gründete, Hauptkomponist und -texter bleibt. Er hat das letzte Wort, ist anderen Vorschlägen gegenüber jedoch offen. Ich würde mir wünschen, dass die Leute den Unterschied zwischen uns und irgendwelchen Studioprojekten erkennen. Ich persönlich fühle mich erfüllt mit Nightwish, auch wenn ich schon ewig an einem Soloalbum arbeite.«

Du hast deine frühere Hauptband Tarot schon Anfang der 1980er gegründet und bist demnach ein alter Hase im Geschäft. Wie bewertest du das Klima in der Musikszene heute generell – und gibt es Tarot eigentlich noch?


»Tarot haben sich nicht aufgelöst, aber unser Drummer leidet an einer rätselhaften Krankheit und kann nicht spielen, geschweige denn touren. Ideen und Songfragmente stehen im Raum, doch wir müssen abwarten, was die Ärzte herausfinden.
Die einschneidendste Entwicklung während der letzten zwei Jahrzehnte war wohl der Aufstieg skandinavischer und speziell finnischer Bands zu internationaler Anerkennung. Ich würde sagen, die Szene ist heute lebendiger denn je, aber man muss Ausdauer beweisen. Die digitale Revolution macht es Musikern schwer, finanziell unabhängig zu sein, was beileibe nicht nur mit illegalen Downloads zu tun hat. Niemand kann von den Erträgen leben, die Streamingdienste einbringen. Dahingehend muss sich etwas ändern, denn das tatsächliche Produkt zum Anfassen wird sich langfristig nicht mehr durchsetzen. Das ist auch eine Frage der Wertschätzung: Man gibt drei Dollar für einen Becher Starbucks-Kaffee aus, ist aber nicht bereit, für ein Kulturgut wie Musik zu zahlen.«

Das Argument von Befürwortern der Gratiskultur lautet stets: Freiheit und Gleichheit für alle.

»Das ist völliger Unsinn. Wer etwas leistet, sollte auch dafür belohnt werden, und was hat der Diebstahl von geistigem Eigentum mit Freiheit zu tun? Das Internet könnte noch mehr zur Chancengleichheit unter allen Menschen beitragen, wenn nicht immer nur diejenigen Recht bekämen, die am lautesten brüllen.«
„Century Child“ war 2002 dein erstes Album mit Nightwish. Was glaubst du nach dieser langen Zeit, zur Band beigetragen zu haben, was ihr vorher fehlte?
»Zunächst muss ich betonen, dass keine Band diesen Status erreicht, wenn nicht alle Mitglieder an einem Strang ziehen, also sollte man unseren Erfolg als Gesamtleistung ansehen. Mein Vorteil für Nightwish besteht wohl darin, dass ich ein bisschen älter bin als der Rest und eine Arbeitseinstellung wie die Musiker aus den Siebzigern habe. Deshalb versuche ich, etwas Organisches einzubringen, denn damals spielte man noch nicht zwangsweise zu einem Klick im Studio und konnte im Nachhinein auch nichts per Software ausbessern. Ich halte unsere Verbindung von anspruchsvoller Musik mit einer verschwitzten Liveshow im Sinne des alten Rock für recht einzigartig.«

Inwieweit verkörpert ihr dabei bloß Rollen?


»Im Grunde gar nicht, denn hinter unseren Konzepten verbergen sich Aspekte des realen Lebens. Sicherlich bestehen Unterschiede zwischen der Person, die zu Hause in Unterwäsche herumläuft, und dem Musiker im Bühnenoutfit während eines Konzerts, aber menschlich verändern wir uns dabei nicht. Keiner von uns muss sich verstellen, und natürlich lachen wir auch häufig über uns selbst. Man muss das ganze Drama mit gesundem Abstand betrachten, sonst wird man verrückt. Uns kommt auch zugute, dass wir einander schon lange kennen, nicht erst seitdem ich eingestiegen bin. Wir haben vieles gemein und teilen ähnliche Ansichten, weshalb es uns auch nicht schwerfällt, neue Themen für unsere Texte zu finden. Völlig ernst nehmen wir nur unsere Musik, auch wenn sich das wie eine Floskel anhört.«

Nimmt sich der Metal allgemein zu ernst?

»Was das betrifft, bin ich hin- und hergerissen, weil ich einige Klischees liebgewonnen habe. Wenn ich einen wütenden Song vortrage, muss ich sicherlich nicht wütend sein, doch irgendwo ist er ja hergekommen, und auch wenn ich mich in dem Augenblick anders fühle, tut es gut, Dampf abzulassen.«

Hast du den Eindruck, dass euch die Fans überhöhen?

»Ein Teil tut das vielleicht, aber am Ende kommt es eigentlich nur darauf an, dass wir Menschen im wörtlichen wie übertragenen Sinn bewegen und gleichzeitig unterhalten. Das schafft nicht jeder, denn man kann auch so intellektuell sein, dass die Musik nur mit dem Kopf wahrgenommen wird. Wo bleibt da der Spaß? Dieses Image, ein Haufen finsterer Typen zu sein, rührt sicherlich von unseren melancholischen Texten und der ganzen Inszenierung her, aber ich denke, ab einem gewissen Alter blicken die Hörer darüber hinweg.«

Betreibt ihr insgesamt eher Eskapismus, oder ist eure Musik vor allem künstlerisch verschleierte Wirklichkeit?

»Ich würde sagen, dahingehend besteht ein Gleichgewicht. Außerdem kann man sich selbst und anderen heutzutage nur noch schwerlich etwas vormachen, denn die Welt ist doch sehr durchschaubar geworden. Alles lässt sich zergliedern und erklären, weshalb ein bisschen Weltflucht vielleicht gar nicht so übel ist. Man muss sich nicht gleich selbst verlieren, und die Wirklichkeit mit anderen Augen zu betrachten, kann bei so viel Nüchternheit ohnehin nicht schaden. Letztlich liegt es an jedem selbst: Wie weit kann man Fantasie aufs reale Leben übertragen und neue Perspektiven daraus entwickeln? Kunst entwickelt eine Eigendynamik, sobald du sie freisetzt, und wird im Idealfall zeitlos. Das ist für mich das Spannendste am Musikmachen.«

www.facebook.com/nightwish

Pic: Ville Akselijuurikkala

Bands:
NIGHTWISH
Autor:
Andreas Schiffmann

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