Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 27.05.2015

BLOODBATH , NOMINION , ENTOMBED A.D. , OBITUARY , DEAD CONGREGATION , TRIBULATION , IMMOLATION , NADER SADEK , MORGOTH - NEUROTIC DEATHFEST 2015

NL-Tilburg, 013

Silent Wall Of Death

Das 013 im niederländischen Tilburg ist gerade mal wenige Tage vom Roadburn saubergefegt, als sich die Tür schon wieder für den nächsten Event öffnet: Zum zwölften und leider auch letzten Mal lädt das NEUROTIC DEATHFEST zu drei Tagen Todesmetall.

Freitag
SOULBURN erweisen sich während des noch mäßigen Andrangs der frühen Stunden als ziemlich kurzweiliger Opener. Während ein Ansagen-Mischmasch aus Holländisch und Englisch die anwesende Meute in Stimmung bringt, macht das angeschwärzte Old-School-Gerödel der reformierten Asphyx-Ableger Laune.
Die Frage, ob MORGOTH ohne Frontmann Marc Grewe überhaupt noch Sinn machen oder eher nicht, muss danach jeder Fan für sich selbst beantworten. Sein Nachfolger hat jedenfalls die einerseits krassere Stimme, andererseits aber auch die langweiligere Bühnenpräsenz. Da, wo Marc ganz gut die Rampensau machte, steht Zwei-Meter-Hüne Jagger bis auf ein bisschen Headbangen eigentlich nur statisch vorm Mikroständer rum, auch wenn die sehr rege Lightshow davon zeitweise abzulenken weiß. Die Setlist bietet die erwartete Kombination aus Nummern vom brandneuen Album und Uralt-Songs, während das ebenfalls kredenzte Highlight ´Under The Surface´ zuvor wohl nicht unbedingt zur Standard-Setlist gehörte.

Und auch so was ist in der Death-Metal-Szene nicht neu, wenn auch immer noch ein wenig skurril: Während der Umbaupause auf der großen Bühne spielt im kleinen Saal mit REGURGITATE LIFE ein Ein-Mann-Projekt. Lediglich ein Typ klampft und grunzt mit Drumcomputer-Begleitung gar nicht mal so anspruchslosen Kram runter.

In besagter Umbaupause wurde ganz schön aufgefahren: Für NADER SADEK steht eine komplette Wald-Deko auf der Bühne. Dass einer der gleich zwei Frontmänner dann auch noch eine Art Vogelscheuchenkostüm trägt (Attila?), rundet das Bild ab. Wer daraufhin etwas Schwarzmetallisches erwartet, wundert sich noch mehr, schließlich wird das Projekt aktuell von den Tech-Death-Könnern Hannes Grossmann (Drums) und Tom Geldschläger (Gitarre) unterstützt und pfeift musikalisch auch in derartige Sphären ab. Phew.

DEVOURMENT hingegen sind für die einen ein unverzichtbarer Household-Name des zeitgenössischen Brutalogeballers, für die anderen wiederum eine eher verzichtbare Angelegenheit, die zwischen rasanten Schepper-Parts immer wieder mit dem ewig gleichen „Dömdöm Dödödöm“-Gestampfe langweilt. Auch wenn der Verfasser dieser Zeilen eher zur letzteren Zuschauergruppierung zählt, haben die Texaner einen ganz guten Tag, denn die Breakdown-Parade fiel wohl auch schon mal alberner aus.

ENTOMBED A.D. wissen als Hauptbühnen-Finale solide abzuliefern. Der sympathische L.G. Petrov und seine Truppe poltern sich durch aktuelles Songmaterial und ein paar Highlights von „Wolverine Blues“ (´Out Of Hand´ mit Konserven-Intro, ´Eyemaster´ und – phasenweise nicht selbstverständlich – der grandiose Titeltrack), um nach dem unvermeidlichen ´Left Hand Path´ mit ´Chief Rebel Angel´ abzuschließen. Ein epochales Feuerwerk ist was anderes, aber das Ganze fällt gewohnt unterhaltsam aus. Ich würde allerdings einiges dafür geben, Entombed noch mal zu „Uprising“-Zeiten zu sehen...

Auf der kleinen Bühne beenden TRIBULATION den ersten Abend. Beim letztjährigen Roadburn wollte ihre von Black-Metal-Rumpelraserei dominierte Performance irgendwie nicht so richtig gut passen, beim diesjährigen NDF fallen sie mit ihrem aktuellen Konzept abermals aus dem Rahmen. Musikalisch ist´s eigentlich ganz geil, allerdings zeigt sich die Band in puncto Posing fast schon etwas übermotiviert: So wild, wie die Gitarrenhälse immer wieder hochgerissen werden, ist das melodie- und atmo-betontere Material des aktuellen Albums (zu dem man optisch inzwischen einen passenden Goth-Look auffährt statt des früheren Hellhammer-Styles) ja nun auch wieder nicht. Mit Augen zu geht´s aber. (sd)
 
Samstag
Am sonnigen Samstag sind die Stühle draußen auf der nahen Kneipenmeile gut belegt, während drinnen die erste Mainstage-Band DISAVOWED ihren Brutal Death Metal mit vielen Breaks, Blasts, Groove-Parts und Gefiedel zum Besten gibt. Und der Saal ist gut gefüllt, als die niederländische Neurotic-Records-Band ab 15 Uhr loslegt.

Mit etwas weniger Publikum müssen im Anschluss CENTURIAN auskommen, die sich vor zwei Jahren mit „Contra Rationem“ eindrucksvoll zurückgemeldet haben. Live mörtelt die Band ebenso konsequent wie auf Platte und wirkt dabei wie eine etwas geradlinigere Version von Immolation. Dennoch haben die Holländer ihren ganz eigenen, diabolischen Stil.

Nach dieser anspruchsvollen und ansprechenden Darbietung steht nicht jedem der Sinn nach Goregrind in Schürzen, wie ihn HOLOCAUSTO CANIBAL auf der Second Stage abliefern.

Bis GOROD die Mainstage einnehmen, ist der Kopf wieder frei für die jazzig und doch so leicht anmutende Gitarrentechnik, die auf den Punkt genau dargeboten wird. Hauptsache abgefahren: Die Soli werden zelebriert. Dabei ist noch Zeit – und Energie –, das schwindende Publikum sehr engagiert zum Bangen und Moshen zu animieren. Der brutale Rausschmeißer ´Disavow Your God´ vom aktuellen 2009er Album macht glaubhaft, dass Gorod bis 2005 als Gorgasm unterwegs waren. Bei den französischen Landsleuten KRONOS platzt der Raum vor der Second Stage dann schon aus allen Nähten.

Man übertreibt wohl nicht, wenn man DEAD CONGREGATION als die Death-Metal-Band der Stunde bezeichnet. Da bietet der große Saal des 013 genau die richtige Kulisse für eine abgebrüht runtergezockte Show, wie man sie in dieser intensiven Schnörkellosigkeit ansonsten nur von Slayer kennt. Sänger und Gitarrist Anastasis und seine Kollegen sind perfekt eingespielt, und auf der rot oder blau beleuchteten Bühne sind Songs wie ´Only Ashes Remain´, ´Promulgation Of The Fall´ oder ´Vanishing Faith´ pure Antimaterie.

Nach der tiefschwarzen Erhabenheit von Dead Congregation sind ORIGIN ein harter Brocken mit ihren seit jeher wahnwitzigen Riffs in überirdischem Tempo, Sweepings und Blasts. Trotz vieler Besetzungs- und regelmäßiger Sängerwechsel hat die Band um Gründer und Gitarrist Paul Ryan ein eigenes Gesicht – dank des sicken Sounds. Und Sänger Jason Keyser macht einfach Spaß mit seinem Rumturnen auf der Fotograbenabsperrung und der Moshpit-Animation. Aus ihren mittlerweile sechs Alben haben die US-Amerikaner eine geschmackssichere Setlist zusammengestellt. Mit dabei: ´The Absurdity Of What I Am´ vom aktuellen Output „Omnipresent“ und die Band-Hymne ´The Aftermath´. Trotz eindrucksvoller Piktogramme, die das Crowdsurfen untersagen, schnappt sich Jason Keyser bei seiner Absperrungsturnerei eine Frau aus dem Publikum und lässt sie diven, um ihr zu folgen und vom Auditorium aus den Circle Pit zu dirigieren. Die Silent Wall Of Death gibt es heute in Gedenken ans diesjährige, letzte Neurotic Deathfest: „Hurt yourself to remember.“

Dass das Publikum den Franzosen BENIGHTED vor der Second Stage aus der Hand frisst, stand vorher fest – etwas überrascht nur die Größe der Traube, die sich vor dem Saal gebildet hat. So eröffnet sich die Gelegenheit, sich im Mainstage-Saal einen guten Platz für BLOODBATH zu sichern und sich einen Eindruck vom neuen Fronter, Paradise-Lost-Sänger Nick Holmes, zu machen. Im bodenlangen, verschmierten Priestergewand intoniert er den Opener des aktuellen Albums, ´Let The Stillborn Come To Me´, sowie ´Mental Abortion´. Der HM2-Sound ist nach all der glasklaren Tech-Brillanz dennoch gut vernehmlich umgesetzt. Nach den Song-Heimspielen gibt es nun ´So You Die´, das Mikael Åkerfeldt 2002 mit Bloodbath eingesungen hatte, mit den rauen Raspel-Growls von Nick Holmes. Er ist sich seiner Rolle bewusst: „This is a song I did not sing on the album. So if you´re watching this in YouTube: Fuck off!” Danach traut er sich auch ans 2000er ´Breeding Death´ und die von Peter Tägtgren 2004 eingesungenen Hits ´Cancer Of The Soul´ und ´Soul Evisceration´. Nach ´Mock The Cross´, angekündigt als „last song from us satanic motherfuckers“, gibt es im einkalkulierten Zugabenblock ´Eaten´. Spätestens hier werden die stilistischen Grenzen von Holmes´ staubigen Growls hörbar, denn ohne die Katatonia-Backing-Vocals wäre das dünn.
 
Sonntag
Mit ihrer Vergangenheit als Slam-Pioniere neben den überlebensgroßen Suffocation kokettieren INTERNAL BLEEDING: ´Prophet Of The Blasphemies´ vom 1994er Demo sagt der neue Sänger als „eighties, early nineties“ an. Und ´Inhuman Suffering´„goes out to the Old School“. Dafür klappt der new-schoolige Circle Pit auf Aufforderung. Auch die Songs vom neuen Reunion-Album „Imperium” wie etwa ´The Pageantry Of Savagery´ klingen sehr Suffocation-mäßig mit rhythmischen Stakkato-Growls und -Riffing.

Deutlich technischer geht es bei HIDEOUS DIVINITY zu, die den Sonntag auf der Second Stage einleiten. Die Unique-Leader-Band erinnert in manchen Momenten an Nile und gefällt auch sonst mit fetten Riffs und abwechslungsreichen Songs.
MASS INFECTION haben dagegen leider Pech mit dem Sound. Der Bass ist zu laut und stört das Gesamtbild. Schade, denn die Mucke der Griechen ist zwar grundsätzlich im technischen Brutal Death zu verorten, dennoch geht es dank einprägsamer Riffs und des in den Hintergrund gerückten technischen Anspruchs immer schön nach vorne.

Die reanimierten BROKEN HOPE polarisieren live ebenso wie auf ihrem letzten Album „Omen Of Disease“. Damian Leskis Gesang ist ein eintöniges, schleimiges Gegurgel, das hinter der Qualität der Songs zurückbleibt. Live stört es in der Tat mehr als auf Platte, denn hier gehen die Feinheiten der Riffs doch etwas unter. Unterm Strich aber trotzdem eine solide Vorstellung.

IMMOLATION zu dritt auf der Bühne? Ross Dolan lässt erst gar kein Rätselraten aufkommen: Gitarrist Bill Taylor kann wegen eines familiären Notfalls nicht dabei sein, ist aber noch in der Band, wie Dolan versichert. Schade, dass Taylor fehlt, denn obgleich die Sound- und Lichtbedingungen perfekt sind, fehlt den komplexen Kompositionen ohne Rhythmusgitarre etwas. Da kann sich der markante Glatzkopf Robert Vigna bei ´Kingdom Of Conspiracy´, ´Burn With Jesus´ und ´What They Bring´ noch so mühen. Wie Origin am Vortag sind auch Immolation zum vierten Mal beim Neurotic Deathfest. Wenn man Qualität will, muss man in diesem eng umrissenen Genre Wiederholungen billigend in Kauf nehmen. Nach ´Close To A World Below´ machen die Atmosphären-Könige aus New York Platz für die Groove-Walze aus Florida.

Und die fackelt nicht lange und startet mit ´Centuries Of Lies´ direkt durch. Man merkt sofort, dass OBITUARY in Topform sind, was sie auch auf ihrer Tour und bei den Sommerfestivals des letzten Jahres unter Beweis gestellt haben. Weiter geht es mit ´Visions In My Head´ vom neuen Album „Inked In Blood“. Und obwohl Immolation schon ordentlich vorgelegt haben, sind Obituary doch der wahre Headliner. Mit ihrem tödlich groovenden Death Metal sind sie die Konsensband schlechthin, und Hits der Marke ´Slowly We Rot´ feiert jeder ab. Somit erweisen sich John Tardy und seine Crew der Ehre mehr als würdig, die letzte Band auf der großen Bühne dieses großartigen Festivals zu sein.
Das Licht auszumachen, obliegt jedoch NOMINON, die auf der Second Stage den allerletzten Gig in der Geschichte des Neurotic Deathfest spielen. Die Schweden erledigen das mit unprätentiöser Würde. Sänger Henke Skoog steht mit einem Bein auf dem Monitor, hat in der rechten Hand das Mikro und in der linken eine Dose Bier und ermuntert das Publikum immer wieder aufs Neue, ordentlich einen zu heben. Die Mucke passt auch, so kann´s zu Ende gehen, wenn´s denn unbedingt sein muss. (gb & ses)
 
Dem NDF erwiesen die letzte Ehre: Gretha Breuer (gb), Sebastian Schilling (ses) & Simon Dümpelmann (sd).

Pic: Bianca Berger

Bands:
NOMINION
DEAD CONGREGATION
IMMOLATION
MORGOTH
NADER SADEK
ENTOMBED A.D.
TRIBULATION
OBITUARY
BLOODBATH
Autor:
Simon Dümpelmann
Sebastian Schilling
Gretha Breuer

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