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Foto: Isabell Raddatz

ToneTalk 23.01.2019, 08:00

MANTAR - »Mantar sind große Verstärkertürme und analoges Equipment«

Wenn Hanno Klänhardt bei MANTAR in die Saiten greift, bollert dem Publikum eine brachiale Zerrerwand entgegen. Im Power-Duo deckt der in Florida lebende Bremer drei Instrumente mit einem ab und singt dazu. Nach der krankheitsgeplagten Europatour zurück im eigenen Haus, erzählt Hanno von seinen frühen musikalischen Wurzeln in Australien, gesparten Mietkosten und Lautstärke-Limits.

Was hat dich einst dazu bewogen, Gitarre zu spielen?

»Mein Vater hat viel auf dem Flohmarkt gekauft und verkauft. Als ich sieben Jahre alt war, hat er zwei große Kartons mit etwa 400 Kassetten mitgebracht. Die habe ich alle durchgehört, und es war nur Scheiße dabei – außer zwei AC/DC-Tapes: „If You Want Blood, You´ve Got It“ und „Highway To Hell“. Sofort wusste ich: Das ist das, was ich mit meinem Leben machen will! Ein paar Jahre später habe ich dann das Video von „Live At Donington“ bekommen. Da habe ich AC/DC zum ersten Mal spielen und Angus Young mit der Gitarre gesehen. Mir war schnell klar, dass die E-Gitarre ein machtvolles Instrument ist, auch um seiner Persönlichkeit Nachdruck zu verleihen. Das Spielen hat mich sehr wenig interessiert. Aber ich konnte schon richtig posen, bevor ich eine Gitarre hatte: Luftgitarre spielen vorm Spiegel im Zimmer mit Besen, Tennisschläger und all dem Scheiß. Als ich ein bisschen älter war, wollte ich total gern Schlagzeuger sein. Ganz kurz habe ich als solcher in einer Punk-Band mit meinem besten Freund zusammengespielt. Das Problem war dann, dass ein anderer sehr enger Freund von mir ein Schlagzeug zum Geburtstag bekommen hat. Das war besser als meins, also bin ich Bassist geworden. Dementsprechend spiele ich die Gitarre auch eher wie einen Bass: sehr rudimentär. Ich habe mich nie für Soli interessiert, sondern wollte immer Rhythmus haben. Das macht mir auch mehr Spaß. Wenn ich irgendwann mal in einer anderen Band bin, will ich lieber Bassist sein. Und auch nicht mehr singen. Das ist anstrengend.«

Mit welchem Gitarristen oder Bassisten würdest du dich gern mal ein Stündchen zusammensetzen?

»Um etwas zu lernen, reicht eine Stunde wahrscheinlich nicht aus, weil ich in meinem ganzen Leben noch nie Gitarrenunterricht hatte und nicht weiß, wie man den annimmt. Aber ich würde gern mal einem Gitarristen aus der Nähe beim Spielen zusehen. Tatsächlich hätte ich Malcolm Young gern mehr auf die Finger geschaut – und dem AC/DC-Bassisten Cliff Williams. Er spielt simpel, aber groovy und unfassbar auf den Punkt. Da habe ich sehr viel von meinem späteren Gitarrenspiel her: dass man nicht viel machen muss, sondern dass es darum geht, ein gutes Riff, eine gute Akkordfolge oder eine gute Melodie zu haben. Die muss vor allem extrem rhythmisch zu spielen sein, sodass die Leute mit dem Kopf nicken.«

In welchem Moment hast du dich für den Musikerweg entschieden?

»Ganz, ganz früh war mir klar: Ich werde Musiker. Mit zehn oder zwölf. Dann wollte locker 15 Jahre lang niemand was von meiner Musik wissen. Der vermeintliche Erfolg, den ich jetzt mit MANTAR genieße, ist sehr zufällig geschehen. Das war genau zu einem Zeitpunkt, an dem ich eigentlich total die Schnauze voll vom Musik machen hatte. Ich sagte zu Erinç (Sakarya, MANTAR-Drummer - ir): „Ich habe so keinen Bock mehr, mich anzustrengen und zu versuchen, die Welt zu verändern. Lass uns einfach treffen und wirklich nur kloppen, so richtige Boller-Mucke machen.“ Es war die absurdeste Idee, mit den wenigsten Ambitionen etwas zu reißen und Platten zu verkaufen – und das findet dann plötzlich jeder geil. Das war der Zeitpunkt in meinem Leben, an dem ich mich entscheiden musste. Weil ich um immer mehr Urlaub für Touren gebeten habe, fragte mein damaliger Chef: „Hey Hanno, willste jetzt Musik machen oder hier arbeiten?“ Ich bin eigentlich ein Schisser und brauche eine gewisse Sicherheit. Aber dann dachte ich mir: Hanno, du hast dir jetzt 20 Jahre lang den Arsch abgespielt und bist als Kind mit der Gitarre vorm Spiegel rumgeturnt – jetzt musst du dich auch trauen.«

Würdest du dich in Bezug auf Equipment eher als Jäger oder als Sammler bezeichnen?

»Ich glaube, ich bin beides. Ich bin definitiv Sammler und habe locker 20 Gitarren, zehn Verstärker und ein Konglomerat von unzähligen Effektpedalen. Ich bin ein richtiger Nerd und kenne mich damit aus. Ich repariere und warte die Sachen, soweit ich kann, selbst und baue auch mal mein eigenes Effektgerät. Ich bin aber genauso Jäger in Bezug auf MANTAR, denn ich weiß exakt, welchen Amp, welche Effektgeräte und welche Gitarre ich spiele, und probiere nicht viel Neues aus. Aber zu Hause im Privaten habe ich auch sehr viele Sachen, die im MANTAR-Kontext gar nicht vorkommen, zum Beispiel alte Vintage-Fender-Verstärker, mit denen ich Country spiele. Musikinstrumente faszinieren mich. Ich sehe es auch stets als Wertanlage: Einen Amp kann man immer wieder verkaufen. Ich glaube allerdings nicht, dass ich das irgendwann machen werde, weil ich es zu geil finde, dass ich die Sachen jeden Tag um mich herum sehe. Ich bin ja auch Ästhet.«

Musstest du bei deinem Umzug in die USA viel aussortieren?

»Nö, ich habe das für sehr, sehr viel Geld per Container verschifft. Aber ich wollte die Sachen auch nicht loswerden, weil sie mir teilweise echt heilig sind. Mit ihnen habe ich geile Musik gemacht, zum Beispiel mit meiner alten, analogen Bandmaschine oder mit alten Echo-Geräten. Die gebe ich nicht her, da steckt meine ganze Seele als Musiker drin. Was übrigens ganz witzig ist: Ich bekomme mittlerweile obszöne Angebote von Die-hard-MANTAR-Fans, meine Sachen für viel mehr Geld, als sie wert sind, zu verkaufen. Und dann soll ich auf ein Stück Papier dazuschreiben, dass es der Amp ist, den ich auf der und der Platte gespielt habe. Das verneine ich konsequent.«

Dein Amp-Setup ist etwas umfangreicher: Erkläre mal, was du da auf der Bühne ineinanderstöpselst.

»Erinç und ich haben sehr schnell festgestellt, dass wir ein Duo bleiben werden, weil wir keinen Bassisten gefunden haben. Eine Band hat oft zwei Gitarren und einen Bass. Ich musste mir etwas bauen, um das alles mit einer Gitarre machen kann. Ich splitte mein Gitarrensignal in drei Wege: in zwei Petersburg-P-100-Gitarrenverstärker und einen Bassverstärker, im Studio den Orange OR 120 und live den Carvin DCM 2500 Power Amp. Den Bassverstärker lege ich noch ein bisschen tiefer mit entsprechenden Effektgeräten. Ich spiele zudem sehr dicke und deutlich tiefer gestimmte Saiten und dann auch noch auf einer ESP/LTD-Viper-Baritone-Gitarre, bei der der Hals noch mal ein Stück länger ist als bei einer normalen Gitarre. Außerdem habe ich noch meine Signature-Gitarre von Vertical Guitars, die extra für mich gebaut wurde. Das Allerwichtigste dabei: Das alles muss immer auf einer enormen Lautstärke passieren. Das ist super, weil Erinç der lauteste Drummer ist, den ich kenne. Er ist ja auch ein kräftiger Kerl und langt entsprechend rein. Wir schaukeln uns beide in ungeahnte Dimensionen hoch, was die Lautstärke angeht. Das bringt uns auch regelmäßig Probleme, wenn wir in Länder wie die Schweiz fahren, die so peinliche Lautstärke-Limits wie 99 Dezibel haben. Das ist völlig absurd und mit MANTAR nicht zu machen. Es soll wehtun, da soll der Putz von der Decke kommen. Das ist Teil der Ästhetik.«

Wie viele Pedale hast du auf deinem Effektboard?

»Ich war sehr lange bekannt für das Raumschiffboard, das so groß wie ein Surfbrett war. Weil wir aber immer häufiger geflogen sind, habe ich das Board irgendwann verkleinert und den ganzen Firlefanz weggelassen. Ich glaube, jetzt sind vier Verzerrer, zwei Octaver, ein Delay und ein Hall drauf. Plus Splitter und so was, um das Board zu organisieren. Mein Backup-Board ist noch kleiner, das kann ich im Handgepäck mitnehmen. Da sind noch nicht mal Reverb und Delay drauf, es geht nur um den grundlegenden MANTAR-Ton, den ich auch zu 95 Prozent spiele. Ich kann eine ganze Show ohne Delay und Reverb spielen, und die meisten Leute würden keinen Unterschied hören.«

Ist es für dich eine Option, deine Effekte auf digital umzustellen?

»Nee. Ich weiß, dass es heute echt tolle Möglichkeiten gibt, und ich verurteile auch niemanden dafür. Aber es passt nicht zur MANTAR-Ästhetik. MANTAR sind große Verstärkertürme und analoges Equipment. Ich will auch gar nicht behaupten, dass die Leute das unbedingt sehen wollen – aber ich will das. Für mich ist es wichtig, dass hinter mir Verstärkertürme stehen und mir die Hosenbeine flattern. Das gehört für mich dazu, und erst dann werde ich geil, wir kriegen richtig Bock und hauen auf die Kacke.«

www.mantarband.com

www.facebook.com/mantarband

Diskografie

Death By Burning (2014)
Ode To The Flame (2016)
St. Pauli Sessions (live, 2016)
The Spell (EP, 2017)
The Modern Art Of Setting Ablaze (2018)

Bands:
MANTAR
Autor:
Isabell Raddatz

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