Interview


Foto: Christoph Eisenmenger (Promo)

Interview 26.06.2020, 15:27

MANTAR - Das beschissene Gespensterkostüm

Hanno Klänhardt ist ein Mann der direkten Worte und der direkten Musik. Dementsprechend könnte die recht sperrig betitelte neue Cover-EP kaum besser zur musikalischen Identität des in Florida lebenden Bremers und seines “partners in crime” am Schlagzeug, Erinç Sakarya, passen. "Grungetown Hooligans II" ist ein Überraschungscoup von MANTAR, der die frühen Einflüsse des Zwei-Mann-Abrisskommandos durch einen brodelnden Pool aus Punk, Grunge und Noise-Rock definiert. Wir schnappten uns Hanno für ein lockeres Gespräch über Corona, das Schicksal von "Grungetown Hooligans I", Homerecording und Videodrehs in Zeiten der Pandemie.

Zunächst kommen wir jedoch auf den MANTAR-Auftritt auf dem Wacken Open Air 2018 zu sprechen, der damals beinahe einer Lebensmittelvergiftung zum Opfer gefallen wäre, wie Hanno erzählt:

»Das wissen die Leute gar nicht, aber der Auftritt hätte fast überhaupt nicht stattgefunden, weil ich mir am Abend vorher 'ne Pizza reingeschoben hatte, die irgendwie verdorben war. Am nächsten Tag ging dann gar nichts mehr. Fieber, alle Dämme offen. Die ganze Crew ist schon vorgefahren und mich hat dann tatsächlich ein Kumpel aus dem Bett mit dem Auto direkt hinter die Bühne gefahren, ich hab' das Ding gespielt und bin sofort wieder zurück ins Bett.«

Respekt, davon hat man vor der Bühne überhaupt nichts gemerkt. Wie ist denn derzeit die Lage bei euch, angesichts der Corona-Situation? Ihr seid ja eigentlich eine Band, die sehr intensiv tourt.

»Ich glaube, dass das Universum die Dinge immer so zurecht legt, wie es gerade Sinn macht. Wenn zurzeit nichts passiert, dann mache ich halt andere Sachen. Es ist für uns aber natürlich ein bisschen ärgerlich, weil wir sehr viel Geld verloren haben, das wir in die US-Tour investiert hatten. Die sollte eigentlich im April stattfinden, wurde aber abgesagt. Dann sollte sie im Juli nachgeholt werden und wurde wieder abgesagt. Jetzt ist das wahrscheinlich vom Tisch. Da ging sehr viel Geld flöten und das tut natürlich weh, weil ich davon lebe. Gerade in den USA waren wir jetzt schon länger nicht mehr auf Tour, da hatte ich mich sehr drauf gefreut. Aber hey, dann kommt halt was anderes. Ich bin auch zu alt dafür, der Sache nachzutrauern.«

Das ist auf jeden Fall eine positive Einstellung.

»Es klingt positiver, als es eigentlich ist. Es ist nicht so, dass ich mit einer buddhistischen Zen-Einstellung durchs Leben gehe. Natürlich war ich ein paar Wochen echt richtig im Arsch. Auch finanziell hat uns das hart getroffen, wie viele andere Bands auch. Aber es nützt halt nix, das geht ja nicht nur Bands so, sondern auch Fans. Es geht dir so, deinen Kollegen, den Musikmagazinen, den Clubs, den Kneipen, den Plattenläden. Ich bin es ein bisschen leid, dass die Bands rumheulen und denken, es hätte sie besonders hart getroffen, weil das nicht stimmt. Es hat alle gleich hart getroffen. Alle diese Bands, die ihre Hand aufgehalten haben und Geld wollten, ich hab' mir da immer nur gedacht: Was ist denn mit den Leuten, die Fan von dir sind? Die in der Tankstelle arbeiten oder Putzfrau sind und jetzt keinen Job mehr und viel weniger Geld haben als du?«

Dafür ist Musik in solchen Zeiten aber auch umso wichtiger.

»Das hoffe ich! Ich hatte das Gefühl, dass es den Leuten große Freude bereitet, dass wir diese Cover-Platte rausballern.«

Die Frage nach den musikalischen Einflüssen dürfte man als Musiker ja häufig zu hören bekommen. Ist "Grungetown Hooligans II" eure ultimative Antwort darauf?

»Natürlich, bis zu einem gewissen Grad. Mit dieser Cover-Platte haben wir eine Epoche abgebildet, die für uns enorm einflussreich war. Es war Zufall, dass uns diese Musik beide so geprägt hat. Eigentlich Erinç, der ja ein bisschen älter ist als ich, noch viel mehr als mich. Er kannte diese Bands schon vorher, er war damals 22 und ich 15, und gab sie mir über Mixtapes an die Hand. Das war so 1997, '98, '99. Ich glaube, keine Musik auf der ganzen Welt war zu dem Zeitpunkt, als ich sie gehört hab', mehr out, als diese Mucke. Da hat sich kein Schwein für interessiert, für dieses Grunge-Zeug oder Seattle Sub Pop Sounds. Aber mir hat das damals ganz neue Dimensionen eröffnet. Aus dem Metal kannte ich das nicht so, dass da auch so viel mit Frauengesang passiert. Ich fand das aber total geil, weil es so asozial und aggressiv war.«

War es euch denn schon länger ein Anliegen, genau diese Art von Cover-Platte zu machen und nicht die x-te Version von 'Highway To Hell' draufzupacken?

»Genau darum geht's nämlich. Die meisten Cover-Platten, das wissen wir beide, sind scheiße! Die sind Schrott! Kein Schwanz braucht 'ne Version von 'Enter Sandman' oder von 'War Pigs'. Wir haben uns gedacht, wenn wir jemals eine Cover-Platte machen, dann machen wir was, das die Leute überrascht. Aber es war definitiv nicht geplant. Das kam letzten Sommer auf als ganz lose Idee, weil wir ein bisschen Zeit zwischen den Festivals hatten. Die sind ja im Sommer immer nur an den Wochenenden und da waren wir unter der Woche in Hamburg und haben gesagt: "Hey, lass doch mal ein paar Cover-Songs aufnehmen." Wir haben aber nur die Schlagzeug-Aufnahmen geschafft. Ich nehme alles zu Hause in Florida in meinem Wohnzimmer auf und da haben wir uns gedacht, hey, Corona, geht eh grade nix, lass uns das Ding jetzt fertig machen und raushauen.«

Wie habt ihr ausgewählt, welche Songs auf der EP landen sollen?

»Einfach rumhängen, Bier trinken, drüber reden. Da kommen einem ganz schnell tausend Ideen, da muss man echt keine Raketenwissenschaft draus machen. Ein bisschen kniffliger wird es bei der Frage, welche Songs wir überhaupt umsetzen können. Gerade bei unserer Besetzung, weil wir ja ein Duo sind. Und der allerwichtigste Teil bei jeder Cover-Version: Kann ich meine eigene Suppe daraus kochen? Es war ganz klar, dass wir nicht einfach Songs nachspielen wollen, das braucht kein Schwanz!«

Viele dürften sich fragen, warum die Scheibe eigentlich "Grungetown Hooligans II" heißt. Wo ist denn Teil eins abgeblieben?

»Es gab eine erste Platte, die wir natürlich, Profis wie wir sind, aus Versehen direkt von der Festplatte gelöscht haben. Und dann mussten wir von vorne anfangen.«

Das ist ja ärgerlich. Hattet ihr zu diesem Zeitpunkt schon viel Arbeit reingesteckt?

»Frag nicht. Aber das Ding ist, manchmal ist es auch gut so. Oft ist die neue Version noch geiler. Ich meine, machen wir uns nichts vor, der Name "Grungetown Hooligans II" ist vielleicht der beschissenste, den jemals eine Platte auf dieser Welt hatte. Du siehst, wir haben dieses Projekt von Anfang an nicht so ganz ernst genommen. Wir haben Musik gespielt, die wir selber geil fanden und die uns extrem beeinflusst hat, als wir junge Leute waren.
Dieser Titel kommt übrigens von demselben Macker mit der Knarre, der auf dem Cover ist. Der saß hier vor ein paar Monaten in Florida besoffen mit mir im Auto saß und meinte: "Alter, das Ding musst du "Grungetown Hooligans II" nennen!". Weil der Name genauso scheiße und abgefuckt wie das Cover ist. Weißt du, Namen sind Schall und Rauch. Die Leute machen immer so ein riesiges Bohei darum, wenn es um Musikrichtungen geht. Punk. Heavy Metal. "Schweres Metall", willst du mich verarschen?! Das ist ja wohl der beknackteste Genrename aller Zeiten. Deshalb haben wir gar nicht erst versucht, dem Ding einen ernsthaften Namen zu geben.«

Das alles beschreibt eure musikalische Identität aber umso besser. MANTAR liegt ja auch eine sehr direkte Punk-Attitüde zugrunde.

»Punk ist die treibende Kraft und bleibt der Motor von allem, was ich tue. Do it yourself! Das Ding wurde bei mir im Wohnzimmer aufgenommen!«

Wie ist es denn, in den eigenen vier Wänden aufzunehmen?

»Das ist fantastisch. Ich hab' mein ganzes Leben lang immer alles selber produziert. In meinem Kinderzimmer hab' ich Punk-Songs und irgendwelche verrückten Hörspiele gemacht, damals noch auf Kassetten, auf Vierspurrekorderbasis. Außerdem mag ich dieses sterile Klima von Studios nicht sonderlich. Ich nehme gerne zwischen Pizzakartons, Bierdosen und Fernsehen gucken auf.«

Aber lässt man sich da nicht leichter auch mal ablenken?

»Ne, wenn ich 'ne Mission hab', dann hab' ich den Tunnelblick. Dann kenn' ich auch keinen Schlaf und keine Tageszeiten. Dann mach' ich so lange, bis ich vom Stuhl falle. Dieses Konzept hat immer funktioniert, seit ich ein Kind bin. Dass ich mich an irgendetwas festbeiße und das dann durchziehe. Ein Arbeitsprozess darf auch ruhig unangenehm sein. Manchmal hilft das dem Produkt sehr.«

Geht dann bei den Aufnahmen im eigenen Wohnzimmer eigentlich auch mal stilecht etwas zu Bruch oder könnt ihr euch da beherrschen?

»Ne, da bin ich schon Profi! Ich bin ja auch Ästhet und der Engineer der Platte. Da geht nichts zu Bruch. Die Drums haben wir in Hamburg im Studio gemacht, wir mussten also nur die Vocals und die Gitarren zu Hause aufnehmen. Aber ich muss natürlich sagen, ich hab 'ne coole Frau, die das auch alles mitmacht. Die einfach mal dazu bereit ist, für ein paar Wochen ihr Wohnzimmer aufzugeben. Da stand wirklich überall Equipment, Wohnzimmer ist jetzt nicht mehr. Aber sie fand das cool.«

Das klingt nach einer gesunden Beziehung.

»Sie unterstützt das sehr, was ich da mache. Anders würde das auch gar nicht gehen.«

Die Veröffentlichung der EP über euer eigenes Label, Mantarecordings, dürfte dann noch der letzte Schritt in Sachen "Do it yourself" gewesen sein.

»Ja schon, das passte natürlich zum Produkt als solches und der Punk-Attitüde. Wir haben diese Platte aufgenommen, um uns selber eine Freude zu machen und bei Laune zu halten. Dass die Leute das gut finden und das Ding auch kaufen, freut uns natürlich umso mehr, aber wir hätten das auch gemacht, wenn es keiner gekauft hätte. Und da wäre es ein bisschen albern gewesen, das mit riesigen Werbestrategien und einem PR-Team über ein großes Label zu veröffentlichen.«

Du wolltest für "Grungetown Hooligans II" eigentlich auch noch ein paar Musikvideos drehen, das hat aber leider nicht mehr geklappt.

»Das war natürlich auch wieder Corona-bedingt. Dabei haben wir einiges an Geld verloren, weil wir schon zwei Videodrehs angesetzt hatten. Das war der Grund, warum ich nach Deutschland gekommen bin. Und dann hat der verrückte Präsident hier einfach über Nacht beschlossen: "Ey, ihr habt jetzt vierundzwanzig Stunden Zeit, nach Hause zu kommen, ansonsten sind die Grenzen dicht." Da musste ich natürlich Hals über Kopf wieder abreisen. Die Videos wären aber sowieso nicht mehr zustande gekommen, weil es zu dem Zeitpunkt, wo sie hätten gedreht werden sollen, schon das Versammlungsverbot gab. Infolgedessen habe ich wie immer die Not zur Tugend gemacht und dieses 'Ghost Highway'-Video zu Hause einfach selber gedreht.«

Das ist dann direkt bei dir um die Ecke in Gainsville entstanden?

»Das ist bei meinem Haus und auf der Straße um mein Haus herum. Ich hab' einfach die GoPro ans Auto geknallt und ein bisschen die nächtliche Stimmung in den Südstaaten eingefangen. Und dieses Gespensterkostüm ist natürlich an Beschissenheit nicht zu überbieten. Das Video hat original null Euro gekostet. Wenn ich bedenke, wie viel Bands manchmal für Videos ausgeben, die von vorne bis hinten einfach total uninspirierter Scheiß sind, find' ich das auch eine geile Message. Es gibt so viele Kids da draußen, die kein Geld haben, um Musikvideos zu drehen oder ins teure Studio zu gehen. Das braucht ihr auch überhaupt nicht! Ihr könnt auch zu Hause perfekte magische Momente abliefern! Das ist DIY und das ist Punk Rock!«

www.mantarband.com
www.facebook.com/MantarBand

Bands:
MANTAR
Autor:
Simon Bauer

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