Festivals & Live Reviews

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DIRKSCHNEIDER , RAVEN - Mannheim, Maimarkthalle

Ja, ist denn schon wieder Weihnachten? Eigentlich schon, denn am Vorabend des Weihnachtsfests endet die lange Europatour für Udo Dirkschneider und seine Mitstreiter.

Im Gegensatz zur endlosen Abschiedstournee der Scorpions, hat sich der Bandleader für den nachgeschobenen zweiten Teil der „Back To The Roots"-Tour etwas ganz besonderes einfallen lassen und die Setlist komplett überarbeitet. Standen beim ersten Teil der Abschiedstour die Klassiker im Mittelpunkt (was anderes hatte man gar nicht im Gepäck), hat der Veteran diesmal einige Nummern im Programm, mit denen wohl niemand gerechnet hat. So startet die Show mit dem Eröffnungstriple 'The Beast Inside', 'Aiming High' und 'Bulletproof', bevor man mit 'Midnight Mover' erstmals auf Bewährtes zurückgreift. Auch im weiteren Verlauf des Abends reiht die internationale Truppe eine unerwartete Nummer an die andere und so finden sich unter den 21 (!) Liedern nur sechs, die bereits im ersten Teil der Tour im Programm waren. Auf diese Art betreibt der 65-jährige mit den beiden Tourneen die größtmögliche Vergangenheitsbewältigung und spielt Stücke, die weder von ihm, noch von Accept jemals wieder gespielt werden. Größte Überraschung dabei 'X-T-C', eine Nummer welche Accept ohne Udo für das „Eat The Heat"-Album eingespielt haben und das dem Sänger offensichtlich sehr am Herzen liegt. Insgesamt bietet die Setlist Tracks von insgesamt neun Alben zu denen - mit acht Titeln - auch die fast vergessenen Neunziger-Scheiben „Objection Overruled", „Death Row" und „Predator" zählen. Ausgeblendet werden also nur die beiden Erstlingswerke. Während sich der eine oder andere im Publikum etwas mehr Hits gewünscht hätte, ist es aber gerade diese liebevolle und ganzheitliche Songauswahl, die zeigt, dass Accept mit Udo kein wirklich schwaches Album aufgenommen haben. Klassikeralarm gibt es im Zugabenblock, mit dem abschließenden Quartett 'Princess Of The Dawn', 'Metal Heart', 'Fast As A Shark' und 'Balls To The Wall'. Deutsches Weltkulturerbe sozusagen. Accept selber werden wohl weiterhin nur die Oberklassiker der Udo-Phase spielen und auch wenn Mark Tornillo diese gekonnt interpretiert, können sie nur mit der Originalstimme ihre ganze Magie entfalten.

Ab Herbst 2018 werden Udo samt Band nur noch unter dem U.D.O.-Banner auftreten und sich auf das Material seiner Post-Accept-Phase beschränken. So ist der heutige Auftritt in Mannheim auch die letzte deutsche Hallenshow des Quintetts und damit ein historisches Ereignis. Anfang des neuen Jahres folgt eine umfassende Tour auf dem nordamerikanischen Kontinent und später ausgewählte Festivalshows in Europa. Damit dürften die Auftritte in Wacken und beim Summer Breeze die wirklich letzten Gelegenheiten sein, Herrn Dirkschneider mit den Klassikern in Deutschland zu genießen, bevor die allerletzte Show auf Mallorca für Oktober geplant ist. Am heutigen Abend sind es nicht nur die hochkarätigen Nummern, sondern auch die Spielfreude, mit der alle Beteiligten am Werk sind und den Funken zwischen Band und Publikum überspringen lassen. Sohnemann Sven brilliert am Schlagzeug bei den Stücken, die zum Großteil älter als er selber sind. Mit Basser Fitty Wienhold hat Udo einen langjährigen Wegbegleiter an seiner Seite und die beiden Gitarristen Bill Hudson und Andrey Smirnov harmonieren zunehmend besser. Letztlich eine superbe Besetzung, die von einem professionellen Team neben, vor und hinter der Bühne (tolles Licht, toller Sound) unterstützt wird, und denen vom Chef zum Tourende gerechtfertigterweise namentlich Anerkennung gezollt wird. Sonderlob auch für den Grandseigneur des deutschen Heavy Metal. Hat man bei der ersten Nummer den Eindruck, dass er heute körperlich angeschlagen wirkt, kämpft sich der Tarnhosenträger engagiert durch den Set und beweist einmal mehr, dass Accept ohne seine außergewöhnliche Stimme, Gesangslinien und Persönlichkeit niemals zu einer Weltmarke geworden wären. Nach der über zweistündigen Show verlässt man die Halle mit einem zwiespältigen Gefühl: Einerseits war es eine der beeindrucktesten Shows des Jahres, andererseits werden einem diese Songs mit der Originalstimme schmerzhaft fehlen.

Nachdem im ersten Teil der Tour mit Anvil schon eine klasse Vorband dabei war, passen auch RAVEN heute perfekt zum Headliner, der auf der Eintrittskarte und dem Tourplakat etwas mürrisch 'reinschaut. Die Beziehung zwischen Udo und den Briten reicht lange zurück, denn bereits 1983 spielte man gemeinsam das Steppenwolf-Cover 'Born To Be Wild' für ihre „Break The Chain"-Maxi ein. Bedauerlicherweise kommt Udo für die Nummer nicht auf die Bühne, aber im abschließenden Medley wird der Titel zumindest kurz angespielt. Ansonsten beweist das Trio, das für den angeschlagenen Drummer Joe Hasselvander weiterhin Mike Heller von Fear Factory an Bord hat, dass Athletic Metal keine Frage des Alters ist. So fegen die Gallagher-Brüder wie in den besten Zeiten über die Bühne und zelebrieren ihre NWOBHM-Meisterwerke mit vollem Körpereinsatz. Wüsste man es nicht besser, wäre das Headset wohl extra für ihren Basser/Sänger erfunden worden. Die Setlist besteht neben zwei Nummern des aktuellen Albums (ein neues ist gerade in der Mache) nur aus Klassikern der vier ersten Scheiben (ja, auch 'On And On' zählt dazu) und der erwähnten Maxi, die man dieses Jahr schon öfters hören dürfte. Letztlich ist die fast einstündige Show (so behandelt man seine Vorband!) dann auch eine Zeitreise zu den Hochzeiten der NWOBHM und Wurzeln des Speed Metal. Ein weiteres Weihnachtsgeschenk gibt es am Merch-Stand, wo man die Shirts der Bands zum Sonderpreis erhält. Besser kann die stressige Vorweihnachtszeit nicht enden!


?SETLIST DIRKSCHNEIDER

The Beast Inside
Aiming High
Bulletproof
Midnight Mover
Slaves To Metal
Another Second To Be
Protectors Of Terror
London Leatherboys
Fight It Back
Can't Stand The Night
Amamos La Vida
Stone Evil
Breaker
Hard Attack
Love Child
Objection Overruled
X-T-C
Russian Roulette
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Princess Of The Dawn
Metal Heart
Fast As A Shark
Balls To The Wall

Bands:
RAVEN
DIRKSCHNEIDER
Autor:
Wolfram Küper

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