Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 27.01.2016

ZODIAC , BOMBUS , LONG DISTANCE CALLING , DEAD LORD , HEXVESSEL , CRIPPLED BLACK PHOENIX , SORCERER , KAMCHATKA , DISILLUSION , SULPHUR AEON , '77 , CHAPEL OF DISEASE - LEAFMEAL 2015

„A Feast Of Friends“ - unter diesem Motto geht das Indoor-Festival Leafmeal im Dortmunder FZW in die erste Runde. Billing und Besucher der beiden Hallen sind so herbstlich bunt zusammengesetzt wie die Blätter an den Bäumen - und ergeben gerade deswegen ein stimmiges Bild, bei dem wir uns nur allzu gern als Farbtupfer dazugesellen.

CLUB STAGE

„Das soll der neueste Underground-Kult sein? Der Drummer ist ja ´ne Zumutung!“, raunt uns ein besonders kritisches Mitglied der Event-Crew nach dem Soundcheck der eröffnenden CHAPEL OF DISEASE entgegen. Na ja, so schlimm ist´s dann echt nicht. Trotz der für einen Freitag recht optimistischen Anfangszeit von 16:45 Uhr finden sich im Club-Saal des FZW bereits Fans ein, die sichtlich Bock haben. Die Kölner Jungspunde heizen ihnen mit Todesmetall-Gerödel alter Schule ein, das vor allem in den Thrash-lastigen Momenten zu überzeugen weiß. Gegen Ende kann man einer Nummer z.B. die deutliche Slayer-Kante kaum absprechen. Und dass Metal inzwischen längst eine generationenübergreifende Sache ist, zeigt ein vor Begeisterung in die Luft gestreckter Krückstock (!).
Der folgende Bluesrock von KAMCHATKA schaltet beim generell kontrastreichen Programm scheinbar einen Gang zurück, doch das schwedische Powertrio geht äußerst kraftvoll, agil und spielfreudig zu Werke. Das steckt an, und so kann man tatsächlich den einen oder anderen begeisterten Tänzer im Publikum ausmachen.
Dass HEXVESSEL in diesem Rahmen gut funktionieren, hätte im Vorfeld wohl auch nicht jeder gedacht, doch sie tun es. Mathew McNerney (aktuell außerdem Sänger von Grave Pleasures) steht mit halbakustischer Gitarre und seinem in diesem Kontext schon zum Markenzeichen gewordenen Hut auf der Bühne, eingebettet in eine Begleitband, die auch schon mal eine Geige oder Trompete ertönen lässt. Auch wenn am Eingang jemand „Dat is ja ganz schöner Hippiekack!“ zu seiner Freundin lallt, füllt sich der anfangs noch recht leere Saal immer mehr mit Leuten, die wie hypnotisiert der dunkel-psychedelischen Folk-Musik lauschen. Es gibt auch einen noch unveröffentlichten Song, der mit rockiger Schwere ein bisschen in die Nähe von Wovenhand rückt.
20 Minuten Umbaupause später kommt dann die volle Breitseite: SULPHUR AEON beweisen mit eigentlich schon nichts mehr zur Sache tuendem Heimvorteil eindrucksvoll, warum sie zum derzeit allerheißesten Scheiß der Death-Metal-Szene zählen. Die Portionierung der rasanten Kloppereien, Groove-Passagen, melodischen Gitarrenläufe und einprägsamen Slogans wie beim Titeltrack ihres aktuellen Albums „Gateway To The Antisphere“ kann man kaum noch besser auf den Punkt bringen. An der Theke zeigt ein Bekannter übrigens auf den fluffig-kontrolliert spielenden Drummer und erzählt: „Der war neulich mein Anästhesist!“ Sachen gibt´s! Apropos Theke: Die Bierpreise könntet ihr auch mal wieder auf ein angemessenes Level zurückschrauben, liebes FZW.
Weiter geht´s mit dem Anspruchs-Metal von DISILLUSION, die vor allem Material ihres gerade als De-luxe-Vinyl wiederveröffentlichten 2004er Albums „Back To Times Of Splendor“ spielen, welches in der Gunst einiger Rock-Hard-Mitarbeiter (hallo Patrick!) recht hoch steht. Der vermeintliche Geheimtipp scheint an dem einen oder anderen nicht vorbeigegangen zu sein, denn die Leipziger werden ´ne Dekade später an diesem Abend ganz schön abgefeiert. Dass die Abmischung der Vocals und Konserven-Zusätze nicht immer so ganz passt, stört dabei nur die wenigsten, denn ansonsten sitzt alles. Schönes Ding! (sd)
SORCERER sind so gut, man könnte während ihrer Show, die den Hallen-Abend beschließt, glatt die Welt vergessen - wenn Peters einem nicht alle zwei Minuten „Sorcerer sind so gut, ey!“ ins Ohr schreien würde. Die Schweden-Doomster haben ihre knapp hundertjährige Veröffentlichungspause jedenfalls bravourös überstanden, begeistern mit ´nem ollen Schinken wie ´The Sorcerer´ genauso wie mit diversem „In The Shadow Of The Inverted Cross“-Debütalbum-Material (u.a. ´Sumerian Script´, ´Lake Of The Lost Souls´) - und verbreiten darüber hinaus nicht nur musikalische Erhabenheit, sondern auch eine gekonnte Mischung aus Ernst und ehrlicher Freude an der „Arbeit“. Es bleibt dabei: das perfekte Bindeglied zwischen Candlemass und Tony-Martin-Black-Sabbath. (bk)

MAIN STAGE

Überraschung: Statt Bombus, die es sich irgendwo im Ruhrpott-Stau gemütlich gemacht haben, eröffnen ´77 die Main Stage. Die anfängliche Irritation des Publikums weicht schnell den ersten Tanz-Moves, als die Rocker, die den Spielspaß anscheinend mit Suppenkellen gefressen haben, ein 40-minütiges Retro-Feuerwerk zünden. Offenbar werden die Spanier nach vergossenen Schweißtropfen bezahlt, so irre wirbeln, springen und rutschen sie über die Bühne, ohne dabei auch nur ein Tönchen zu verwackeln. ´Nothing´s Gonna Stop Us Now´ - dieser Song ist bei den Jungs Programm.
BOMBUS - gerade noch im Verkehrschaos, jetzt auf unserer Showbühne - klingen im Vergleich zu ihren südeuropäischen Kollegen eine ganze Ecke düsterer, vor allem aber mächtig angepisst. Was mitnichten am Stau liegt, sondern das Markenzeichen des schwedischen Heavy-Rock-Überfallkommandos ist, das wie ein Aggro-Bastard von Motörhead und Metallica äußerst tight über die Bretter grollt. Als Gegenpol zeigt der zwei-, manchmal sogar dreistimmige Gesang der Nordmänner (Neuzugang Ola am Bass darf auch mal ran) einiges an Finesse auf. Diese skandinavische Chaos-Lawine ist in Wirklichkeit bestens durchdacht und leider viel zu schnell übers Leafmeal hinweggedonnert.
Jetzt erst mal durchatmen, ein leicht überteuertes Kaltgetränk schlürfen und dabei den Klängen der Beinahe-Heimspieler ZODIAC aus Münster lauschen. Die fahren das Tempo mit ihrem Blues-getränkten Hardrock zwar zunächst einen Gang zurück, lieben und spielen ihre Musik aber mit brennender Leidenschaft - guckt euch nur mal die Gesichtskirmes von Fronter Nick van Delft an, liebe Zweifler. Nach der Neil-Young-Hommage ´Cortez The Killer´ täuschen die Herren zunächst bei ´A Penny And A Dead Horse´ Schwermut an, preschen dann aber gewaltig vor, bevor sich die Show traditionell mit ´Coming Home´ dem Ende zuneigt.
„Wir sind DEAD LORD, und wir sind gekommen, um euch wegzufegen!“ Klingt ganz schön selbstbewusst, wird aber ohne großes Brimborium in die Tat umgesetzt. Unglaubliches spielt sich schon bei den ersten Tönen vor der Bühne ab: Nicht nur Poser-Peters, auch unser Plüschperlen-Kaiser packt umgehend die Luftgitarre aus und gibt vom ersten (´Strained Fools´) bis zum letzten Song (´Hank´) der Stockholm-Connection einfach alles. Kein Wunder, dass Frontmann Hakim Krim die Augen fast aus dem Kopf fallen - etliche Konzertbesucher in der inzwischen gut gefüllten Halle folgen dem Beispiel der Kollegen und lassen sich vom schnörkellosen, saucool runtergezockten Dicke-Hose-Rock der Schweden mitreißen. Für mich die Stimmungskanonen des Festivals. (am)
CRIPPLED BLACK PHOENIX sind eine dieser Bands, die sich einem erst live hundertprozentig erschließen, weil sie sich dort zu voller Blüte entfalten. Das merkt man auch heute wieder. Das international besetzte Ensemble, das mit u.a. Ex-Hawkwind-Basser Niall Hone, Schweden-Deather Jonas Stålhammar und Mainman Justin Greaves (Ex-Drummer von u.a. Iron Monkey und Electric Wizard) an der Gitarre recht bunt besetzt ist, eröffnet mit dem treibenden ´Rise Up And Fight´ sehr passend. Die ca. 70 Minuten Spielzeit kommen einem beileibe nicht so lange vor, wenn CBP als Kollektiv, aus dem keiner in den Vordergrund drängt, mit ihren psychedelischen Endzeitballaden verzaubern. Besonders hervorzuheben ist das doppelte Hit-Finale in Form von ´We Forgotten Who We Are´ und ´Burnt Reynolds´.
LONG DISTANCE CALLING machen als Finale absolut Sinn, denn Dortmund liebt diese Band. Heute mal wieder in Quartettbesetzung (sprich rein instrumental), schreiben sie wie gewohnt vor allem das „Rock“ in „Postrock“ groß, bieten eine energetische Bühnenshow und wissen das Publikum mit schmissigen Nummern wie ´Black Paper Planes´ in Wallung zu bringen. Ein Song vom kommenden Album zeigt sie gar von ihrer heftigsten Seite. Runde Sache!
„A Feast Of Friends“ - ja, es war ein solches. Nächstes Jahr gerne wieder! (sd)

BEIM LEAFMEAL ROCKTEN, ROLLTEN UND FEIERTEN MIT FREUNDEN: SIMON DÜMPELMANN (sd), BORIS KAISER (bk), ALEXANDRA MICHELS (am), JENS PETERS, KATHARINA PFEIFLE, CONNY SCHIFFBAUER und HOLGER STRATMANN (Fotos).

Bands:
LONG DISTANCE CALLING
HEXVESSEL
DEAD LORD
'77
DISILLUSION
CHAPEL OF DISEASE
SULPHUR AEON
BOMBUS
ZODIAC
KAMCHATKA
CRIPPLED BLACK PHOENIX
SORCERER
Autor:
Katharina Pfeifle
Alexandra Michels
Boris Kaiser
Holger Stratmann
Simon Dümpelmann
Conny Schiffbauer
Jens Peters

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