Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 30.05.2012

ANATHEMA , AMPLIFIER - Köln, Bürgerhaus Stollwerck

Eigentlich haben Anathema schon gewonnen, bevor das Konzert überhaupt begonnen hat. Das Bürgerhaus ist zum Bersten gefüllt, selbst auf der Galerie stehen die Menschen in zweiter und dritter Reihe. Das Publikum könnte dabei gemischter kaum sein. Und obwohl es sich rumgesprochen haben dürfte, dass die Briten mit Metal im klassischen Sinne kaum noch was am Hut haben, finden sich jede Menge mit Old-School-Patches übersäte Kuttenträger, denen irgendwelche Genregrenzen ganz offensichtlich komplett egal sind.

Derlei Toleranz ist das ideale Milieu für AMPLIFIER. Die gehören nämlich ebenfalls zu jenen Bands, die es ihrem Publikum ungern leicht machen. Wobei: An diesem Abend präsentieren sich die Jungs eingängiger als auf ihren oft exzentrischen Platten. Hinter vielen ihrer psychedelischen, experimentellen Songs steckt, es ist auch an den moshenden Köpfen ablesbar, ein robustes Gerüst aus Riffs und Grooves, vor allem aber jede Menge Charisma. Nach dem großartigen ´Interstellar´ sieht sich der Merch-Stand einem regelrechten Ansturm ausgesetzt, und es ist klar, dass sich Amplifier neue Fans erspielt haben.

Bei ANATHEMA hat es eine gefühlte Ewigkeit gedauert, bis sie sich die Unterstützung erarbeiten konnten, die sie verdienen. Selbst geringste Zweifel jedoch, dass die Band eines der erstaunlichsten Comebacks der jüngeren Rock-Geschichte jenseits des Mainstreams hingelegt hat, bläst der tosende Jubel weg, der das eröffnende ´Untouchable´-Duo empfängt. Selbst die letzten feinen Alben der Band bereiten einen kaum darauf vor, wie brillant die jüngeren Anathema-Songs live funktionieren. Sogar vermeintliche Schwächen verwandeln sich in Stärken. Die schmalzigen Streicherteppiche? Umfangen einen geradezu und wirken blendend als Kontrast zu den harten, sehr präsenten Gitarren der Gebrüder Cavanagh. Die gelegentlich kitschigen, keine noch so abgegriffene Phrase scheuenden Texte? Wirken, von einem ungeheuer ausdrucksstarken Vincent Cavanagh leibhaftig gesungen, mit einem Mal merkwürdig überzeugend. Wie Kollege Kaiser schon bemerkte: Gerade die völlige Ironiefreiheit der Band ist ihr Vorteil, sie sorgt dafür, dass selbst todesmetallisch geschwärzte Herzen weich werden bei den Crescendi von ´Lightning Song´ oder ´Lost Child´. Dabei hilft auch die instrumentale Klasse der Band: John Douglas bearbeitet sein Schlagzeug mit einer rohen, gewaltigen Wucht, während Daniel Cavanagh immer wieder andeutet, was für ein gefühlvoller Lead-Gitarrist er ist. Die größten Momente allerdings gehören älteren Songs: ´Panic´, einer der bislang besten Alternative-Rock-Songs dieses Jahrtausends, löst den größten Jubel aus, knapp gefolgt vom finalen ´Fragile Dreams´. Zynische Geister könnten kritisieren, dass Anathema für derlei kurze, krachende, elektrisierende Rocksongs recht tief in ihrer Vergangenheit kramen müssen. Für den Moment aber ist das völlig egal, für den Moment stehen Anathema, so ziemlich zum ersten Mal in ihrer langen Karriere, souverän auf der Sonnenseite.

Bands:
AMPLIFIER
ANATHEMA
Autor:
Tobias Blum

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