Interview


Pic: Javier Bragado

Interview 10.11.2020, 11:14

JINJER - »Niemand weiß, wann Tourneen wieder möglich sind.«

Immer positiv denken – diese Einstellung vertritt Eugene Abdjuchanow aus vollem Herzen. Im Interview zum Live-Album „Alive In Melbourne“ lässt sich der JINJER-Bassist auch von COVID-19 nicht die gute Laune verderben und schildert die Vorteile von Social-Distancing-Shows gegenüber Livestreams.

Hi Eugene, wie geht’s dir? Hoffentlich ist den Umständen zum Trotz alles klar bei euch?
»Ja, ich kann mich soweit eigentlich nicht beschweren. Klar, ich würde ich mir auch wünschen, dass Sachen aktuell anders wären, aber jetzt haben wir halt diese Situation. Ich glaub, da geht es mir selber noch deutlich besser als vielen anderen Menschen. Da gibt es keinen Grund zur Beschwerde. Ich versuche einfach, optimistisch zu bleiben (lacht). Dieses Jahr hat einfach jeden irgendwie beeinflusst und jeder leidet unter der aktuellen Lage. Aber ich denke, viele andere hatten deutlich mehr daran zu knabbern als beispielsweise ich, also gibt’s für mich auch keinen Grund zum Meckern.«

Ach ja, bevor ich’s vergesse: Ich habe eben noch mit eurer Frontfrau Tati für eine Heftrubrik gesprochen und soll dich ganz lieb grüßen.
(Er lacht.) »Da bist du ein echter Glückspilz! Ich habe jetzt schon eine ganze Weile nicht mehr mit ihr gequatscht. Toll, dass du mit ihr sprechen konntest. Ich verrate dir mal ein kleines Band-Geheimnis: Tati gibt wirklich nicht besonders gerne Interviews. Also hast du wirklich Glück gehabt.«

Vielleicht hat es geholfen, dass dieses Gespräch für unsere Rubrik „Tourbusgeflüster“ vorgesehen ist, wo Musikerinnen und Musiker ihre „Geheimnisse“ auspacken können.
»Das klingt auf jeden Fall unterhaltsamer als die üblichen Interviews, wo man über aktuelle Veröffentlichungen, Touren oder die Vorgänge, wie dies oder das entstanden ist, redet. Sowas ist auch einfach witziger.«

Ja, das mag sein. Dafür musst du jetzt leider den „langweiligen“ Teil übernehmen.
»Ja, das dachte ich mir schon. Aber einer in der Band muss den Job ja machen (er lacht). Dann legen wir doch mal los!«

Gerne! Euer Live-Album „Alive In Melbourne” wurde im Rahmen einer Show am 05. März 2020 aufgenommen, kurz bevor der Großteil der Welt in einen COVID-19-bedingten Lockdown gegangen ist. Was war das für ein Gefühl für euch?
»Als wir in Australien gespielt haben, hat noch niemand daran geglaubt, dass es so schlimm werden würde. Es war für uns ein überwältigendes Gefühl, zum allerersten Mal überhaupt dort zu spielen, vorher war das der einzige Kontinent, wo wir überhaupt noch nicht aufgetreten sind. Wir waren überglücklich, dass wir endlich mal dort hingekommen sind. Unser Album „Macro“ war gerade draußen und wir hatten viele Pläne. Niemand dachte daran, dass es so schlimm werden würde. Uns war natürlich bekannt, dass die Situation in Italien zu dem Zeitpunkt schon ziemlich schlecht war. Aber was dann weltweit passiert ist, hat uns wirklich umgehauen. Wir waren total motiviert, unsere ausverkaufte Tour in Australien zu spielen, und es war überhaupt nicht geplant, den Gig in Melbourne aufzunehmen. Jemand hat uns dann beim Soundcheck erzählt, ein Typ würde die Show filmen, dann haben wir uns entschieden, das Ganze aufzunehmen. Und ein paar Wochen später war dann die Welt plötzlich im Lockdown… Dann konnten wir uns glücklich schätzen, dass alles mitgeschnitten wurde. Das war einfach ganz großes Glück und ein hundertprozentiger Zufall. Da sind einfach ein paar Faktoren zusammengekommen, auf die wir gar keinen großen Einfluss hatten. Und die haben dann einfach perfekt zusammengepasst.«

Auf jeden Fall ist es besonders in diesen Zeiten schön, dass mit dem Live-Album zufällig etwas entstanden ist, das daran erinnert, was hoffentlich irgendwann im kommenden Jahr wieder möglich sein wird.
»Das ist genau die Idee dahinter und der Grund, warum wir das Live-Album jetzt veröffentlichen. Ich meine, wie lange ist es jetzt her, als man zum letzten Mal ein richtiges Konzert besuchen konnte? Vielleicht acht Monate? Da ist es vielleicht kein falscher Zeitpunkt, um die Leute daran zu erinnern, wie das gewesen ist. Wir hatten 1.000 australische Fans, die auf engem Raum Schulter an Schulter standen und den Schweiß der jeweils Anderen eingeatmet haben. Keiner hatte zu dem Zeitpunkt Angst davor und alle hatten Spaß. Das kann man sich aktuell überhaupt nicht mehr vorstellen. Und das liegt jetzt gerade mal acht Monate zurück, aber es kommt einem wie ein ganz anderes Zeitalter vor. Vielleicht gibt das Live-Album auch ein bisschen Hoffnung, dass es irgendwann wieder so sein kann. Wir müssen nur alle unseren kleinen Beitrag dazu leisten, um der Welt dabei zu helfen, wieder zurück in die Spur und zur Normalität zu kommen.«

Es ist jetzt ungefähr ein Jahr her, seitdem wir uns das letzte Mal gesprochen haben – zur Veröffentlichung eures aktuellen Albums „Macro“. Was waren deiner Ansicht nach die wichtigsten Entwicklungen bei JINJER in diesem Zeitraum?
»Ich glaube, das Erscheinen von „Macro“ selbst war die entscheidendste Entwicklung. Jedes neue Album ist für jede Band ein echter Meilenstein. Das Album kam in Rezensionen und bei Fans gleichermaßen ziemlich gut weg. Ich glaube nur, dass wir leider COVID-19-bedingt ein bisschen die Chance verpasst haben, das Album so zu pushen, wie es möglich gewesen wäre. Aber ich glaube, das ist jetzt nicht der Zeitpunkt, sich zu beschweren, alles auf das Coronavirus zu schieben, rumzuheulen und sich davon runterziehen zu lassen. Wir müssen jetzt einfach nach vorne schauen. Ich denke, wir haben mit „Macro“ ein neues JINJER-Kapitel aufgeschlagen. Und jetzt sind wir bereit, das nächste Kapitel aufzuschlagen. Wir arbeiten an neuen Songs und einem neuen Album, das ist der nächste Schritt.«

Jetzt bin ich natürlich neugierig: Ist „Macro“ ein Jahr nach der Veröffentlichung immer noch dein JINJER-Lieblingsalbum? Oder gibt es etwas, das du rückblickend verändern würdest?
»„Macro“ ist immer noch zu 100 Prozent das beste Album, das wir bislang veröffentlicht haben. Und zum gleichen Zeitpunkt kann ich anhand dessen, was wir bislang an neuem Material zusammengetragen haben, sagen, dass unser nächstes Album noch besser wird. Es kann ja auch eigentlich nur so sein. Was hätte es auch für einen Sinn, ein Album zu veröffentlichen, das nicht besser als der Vorgänger ist? Das würden wir niemals rausbringen. Es ist wichtig zu verstehen, dass das neue Album dann einfach den nächsten Schritt für uns darstellt.«

Wollt ihr den „Macro“-Nachfolger dann eigentlich auch direkt nach Fertigstellung auf den Markt bringen oder eher mit der Veröffentlichung warten, bis man wieder auf Tour gehen kann?
»Das ist wirklich ziemlich schwierig zum jetzigen Zeitpunkt zu planen. Natürlich weiß niemand, wann Tourneen wieder möglich sind. Daher schreiben wir einfach weiter an unseren Songs und veröffentlichen unser neues Album, wenn es fertig ist, also im kommenden Jahr. Dann müssen wir einfach schauen, ob wir mit dem Album im Gepäck touren können oder nicht, da haben wir ja keinen Einfluss drauf. Aber sobald es möglich ist, sind wir wieder auf Achse. Das haben wir ja auch in diesem Jahr gemacht. Als es im September möglich war, haben wir in Deutschland und der Schweiz sechs Social-Distancing-Shows gespielt. Wir hatten diese Chance und haben sie genutzt. Das ist einfach schöner als überhaupt nicht touren zu können, und meiner Meinung nach auch viel besser als eine Livestream-Show. Denn auch die Social-Distancing-Shows sind echte Konzerte mit einem echten Publikum. Klar, das sind dann nicht so viele Leute, wie man es vielleicht sonst gewohnt ist. Wir haben zum Beispiel in München im Backstage gespielt und hatten da beim letzten Mal ungefähr 1.500 Leute. Dieses Mal haben wir im gleichen Raum gespielt und vielleicht ein Publikum von 300 Leuten – fünfmal weniger. Das macht natürlich einen Unterschied, aber man hat wenigstens Menschen vor sich. Das erinnert mich auch ein wenig an unsere Anfangstage, als wir noch eine kleinere Band waren und es eine Riesennummer für uns war, wenn man mal vor 300 Leuten spielen konnte. Warum sollte das jetzt anders sein? Wir sind ja immer noch die gleiche Band. Ich war total glücklich. Sollten im kommenden Jahr nur Social-Distancing-Shows möglich sein, dann ist das eben so. Denn ebenso wie wir glücklich waren, auf der Bühne zu stehen, waren die Leute im Publikum happy, sich einfach mal wieder live wilde Musik anhören zu können. Darum macht man das ja. Weißt du, heute Morgen erst habe ich einen sehr interessanten Artikel von einem deutschen Forschungsteam gelesen, das nachweisen konnte, dass diese Arten von Social-Distancing-Shows mit Sitzplätzen im Hinblick auf COVID-19 zu fast 100 Prozent sicher sind und das Infektionsrisiko gering ist. Mit diesen Auflagen scheint das also gut zu funktionieren. Warum sollten Bands dann nicht unter solchen Bedingungen auftreten? Das ist doch ähnlich wie bei Restaurantbesuchen. Wenn die Leute dahin gehen können, warum dann nicht auch zu Social-Distancing-Shows?

Gibt es eigentlich einen JINJER-Song, den ihr noch nie live gespielt habt, den du aber gerne mal auf die Bühne bringen würdest?
Das ist eine gute Frage! Ich glaube, 'Dip A Sail' vom „King Of Everything“-Album haben wir tatsächlich erst zweimal gespielt (lacht). Der Song hätte es meiner Meinung nach echt verdient, mal wieder auf der Setlist zu landen. Außerdem haben wir 'Pausing Death' von „Macro“ noch nie live gespielt. Die Chance hat sich bislang einfach noch nicht ergeben, aber der Track wird auf kommenden Setlisten sein. Außerdem werden wir in ein paar Jahren mal Shows spielen, die den Fokus mehr auf frühe Jahre und Alben richten. Da bringen wir dann auch mal wieder Songs von Alben wie „Inhale, Do Not Breathe“ oder „Cloud Factory“. Das letzte Mal, dass wir 'Outlander' live aufgeführt haben, ist jetzt auch schon wieder über ein Jahr her. Es wäre also klasse, in ein paar Jahren mal wieder richtig alte JINJER-Songs zu spielen. Zum Glück kenne ich Tati und die Jungs in dieser Hinsicht ganz gut. Zum jetzigen Zeitpunkt mögen ihnen ein paar der Songs vielleicht zum Hals raushängen, aber eines Tages werden sie auch sagen: „Kommt schon, den Song haben wir ewig nicht mehr gespielt, lasst uns den mal wieder live performen!“«


http://jinjer-metal.com

www.facebook.com/JinjerOfficial

Bands:
JINJER
Autor:
Lukas Höpfner

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos