Interview

Interview 15.10.2019, 11:33

JINJER - Erfolg macht einsam

Im Interview zum neuen JINJER-Album „Macro“ macht Eugene Mantulin deutlich, dass er von falscher Bescheidenheit gegenüber der eigenen Musik ebenso wenig hält, wie von stilistischen Grenzen. Doch ebenso wie die Musik seiner Band beschäftigen den gut aufgelegten Drummer auch der steigende Egoismus und Geltungsdrang von Menschen weltweit sowie die Krisenlage in seiner Heimat, der Ukraine.


Eugene, ihr seid grad in den USA unterwegs, oder? Habt ihr eine gute Zeit?

»Um ehrlich zu sein, liege ich grad noch im Bett und bin noch dabei wach zu werden (lacht). Wir haben bislang ungefähr 26 Shows gespielt und etwa 20 stehen noch bevor. Die Dinge laufen also echt gut. Fast jede Nacht haben wir ausverkaufte Gigs oder es sind nur noch ein paar Tickets übrig.«

„Macro“ bedeutet so viel wie groß, weit oder lang. Würdest du eure fünfte Platte als euer bislang größtes Album ansehen?

»Natürlich ist „Macro“ unser größtes Album! Für mich ergibt es keinen Sinn, Alben zu machen, die nicht größer oder besser als die Vorgängeralben sind. Die neue Scheibe ist also definitiv die beste, die wir jemals aufgenommen haben.«

Das ist auf jeden Fall eine selbstbewusste Einstellung. Andere Bands hadern ja oft etwas, wenn es um die Einstufung eines neuen Albums geht.

»Das ist alles eine Frage der Herangehensweise. Hätten wir etwas aufgenommen, hinter dem wir nicht auf dem aktuellen Stand der Dinge hundertprozentig stehen, hätten wir es auch überhaupt nicht veröffentlicht. Wo liegt denn auch der Sinn, ein Album zu veröffentlichen, das schlechter als die vorherige Platte ist? Wir versuchen bei jedem neuen Album unsere Limits immer weiter auszuloten.«

Wo siehst du bei „Macro“ die größten Unterschiede zu den vier Vorgängeralben?

»Musikalisch haben wir versucht, einen anderen Weg einzuschlagen. Wie erwähnt, haben wir versucht, unsere Grenzen immer wieder zu überschreiten und auch neue musikalische Verknüpfungen zu erstellen. Das haben wir natürlich auch in der Vergangenheit schon immer getan und sind als Band ja auch bekannt dafür, verschiedene Stile und Genres zu vermischen. Aber auf „Macro“ sind wir dabei noch weiter gegangen. Wir haben versucht, einfach noch mehr Abwechslung in unsere Songs zu bringen und hierfür auch mehr Einflüsse aus Musik abseits der Metal-Genres zu nutzen. Das Wort, welches das Album meiner Ansicht nach am besten beschreibt, ist „Mischung“. Das passt am besten zu unseren Kompositionen. Ich bin noch zufriedener mit unserem Sound als Band, als ich es vorher war. Es klingt meiner Ansicht nach alles frisch und neu. Mir fällt zumindest keine andere Band auf der ganzen Welt ein, die sich so ähnlich anhört wie wir. Hoffentlich – wobei, wenn ich ehrlich bin, würde mich das nicht komplett überraschen – nutzen viele Bands in Zukunft auch „Macro“ als Einfluss für ihre Musik.«

Wer ist bei euch der größte Reggae-Fan und für die Parts in 'Judgement (& Punishment)' verantwortlich?

»Der größte Reggae-Fan ist definitiv unsere Sängerin Tatiana, aber sie hat die Parts nicht geschrieben. Der Song geht auf die Kappe unseres Gitarristen Roman, der uns gefragt hat, was wir davon halten, wenn wir Teile des Songs im Reggae-Style performen. Wir haben alle sofort zugestimmt. Die pure Inspiration war sofort da und das haben wir alle so gesehen.«

Das hört sich fast so an, als hätte Roman den Song für euren größten Reggae-Fan Tatiana geschrieben.

»Ja, auf jeden Fall, das bringt es ziemlich auf den Punkt (lacht). Sie fragt immer wieder nach Reggae-Parts in den Songs und dann machen wir das natürlich auch gerne. Aber das ist ja auch nicht das erste Mal, das haben wir ja in der Vergangenheit auch schon ein paar Mal gemacht.«

Im ersten Song singt Tatiana: „Is it lonely on the top?“ Werden die Menschen deiner Meinung nach immer rücksichtsloser, um eine Position „on the top“ zu erreichen?

»Auf jeden Fall, genau darum geht’s in dem Song. Es ist wie ein ständiger Konkurrenzkampf, bei dem es einfach darum geht, gnadenlos und rücksichtslos an die Spitze zu gelangen. Wir Menschen brechen immer wieder alle Rekorde und überwinden jedes Hindernis, das vor uns liegt, nur um ganz nach oben zu kommen. Aber das Problem ist, dass wir alle vergessen haben, dass Glück und Erfolg nichts miteinander zu tun haben. Und die meisten Menschen, die erfolgreich sind, sind tatsächlich ganz oft unglücklich und fühlen sich elendig. Mit dem Song wollten wir die Leute daran erinnern. Es liegt an jedem selbst zu entscheiden, wo man im Leben hin will. Aber man sollte nicht vergessen, dass es nicht nur um Geld und Status, Erfolg oder Karriereziele geht. Das Leben hat so viel mehr zu bieten. Wenn man immer nur rücksichtslos zur Spitze vorpreschen will, verliert man dabei vielleicht alles andere.«

In 'Retrospection' sind einige Strophen und Zeilen auf Ukrainisch vertreten, oder? Decken die sich mit dem englischen Text oder haben sie nochmal eine eigene textliche Bedeutung?

»Die von dir angesprochenen Lyrics sind russisch, nicht ukrainisch. Der ganze Song hat eigentlich ziemlich die gleiche Botschaft in all seinen Teilen. In den Lyrics geht um das Konzept, wie Kinder das Nest ihrer Eltern verlassen, wenn sie groß werden. Aber dieses Gefühl, dass man dieses Umfeld dann vermisst, bleibt trotzdem. Das bringt es auch bei uns in der Band ziemlich gut auf den Punkt. Unsere Eltern leben recht weit weg in der östlichen Ukraine, die vom Rest des Landes ziemlich abgeschieden ist. Dort herrscht gerade Krieg und wir können sie bei weitem nicht so oft sehen, wie wir das gerne würden. Ich habe meine Eltern zuletzt vor vier Jahren gesehen, aber meine Brüder und den Rest der Familie seit noch längerer Zeit nicht mehr. Ich habe sehr starke Sehnsucht nach meiner Heimat. Das gilt für uns alle in der Band. Tatiana hat das auf den Punkt gebracht. Das wird natürlich besonders durch das russische Intro hervorgehoben. Wenn man über ein so persönliches Thema wie die Familie spricht, ist es sehr schwierig, das ganze Spektrum der Emotionen in einer fremden Sprache auszudrücken. Ich denke, in diesem Fall wollte Tatiana einfach ihr Herz bis zum Äußersten öffnen, um jeden verstehen zu lassen, was sie empfindet. Meiner Ansicht nach ist ihr das durch den Gebrauch der beiden Sprachen, Russisch und Englisch, sehr gut gelungen.«

Anhand deiner Beschreibung vom Zustand in der Ukraine kann ich mir auf jeden Fall gut vorstellen, dass ihr mit dem Song bestimmt einige Ukrainer aus eurer Generation ansprecht, die sich damit vielleicht identifizieren können.

»Ganz genau. Der Punkt ist: Wir schreiben einfach Songs über uns selbst und das, was uns bewegt. Wir schreiben nicht in erster Linie Songs für andere, sondern für uns selbst. Ich denke, das kommt auch bei unseren Fans gut an. Aber im Wesentlichen geht es darum, Songs zu schreiben, die uns widerspiegeln. Daher war es auch meiner Ansicht nach der absolut richtige Schritt, in 'Retrospection' russische Lyrics zu verwenden. Das ist unsere Muttersprache und es wird nie eine andere Sprache geben, der wir uns so verbunden fühlen. Ihr wohnt etwas Heiliges inne.«

Warum habt ihr den abschließenden Song 'lainnereP' spiegelverkehrt betitelt?

»Wir wollten es einfach interessanter machen. Die Leute sollten darüber nachdenken. Der Song unterscheidet sich sehr von der ursprünglichen Form 'Perrenial' auf der „Micro“-EP. Aber es ist trotzdem noch der Track. Somit wollten wir also die EP und das Album miteinander verbinden und gewissermaßen ein „Doppelwerk“ daraus machen. Bei einigen Leuten ist der Groschen beim Lesen des Songtitels nicht direkt gefallen, aber wenn man den Song dann hört, kann man direkt erkennen, dass es sich um den gleichen Track in veränderter Form handelt. Der Gedanke war also einfach, dass wir die Zuhörerschaft ein bisschen zum Nachdenken bringen wollten.«

Es bildet einen schönen Rahmen, dass die beiden längsten Songs des Albums, 'On The Top' und 'lainnereP', das Album einleiten und abschließen. War es eigentlich reiner Zufall, dass beide Tracks genau 5:28 Minuten laufen?

»Das war tatsächlich reiner Zufall. Aber unserer Ansicht nach war das dann einfach ganz cool. Als wir das bemerkten, waren wir auch der Meinung, dass das eine ganz gute Methode war, mit dem Album anzufangen und aufzuhören. Aber das war definitiv nicht geplant, sondern ergab sich einfach so.«

Ihr seid stilistisch scheinbar grenzenlos aufgestellt. Hattet ihr jemals Song-Vorschläge, die dem Rest der Band zu weit gingen?

»Nein, auf keinen Fall. Es gibt keine Art von Musik, vor der wir Berührungsängste haben. Ich würde also über keinen Musikstil aussagen, dass wir uns da in der Zukunft nicht heranwagen. Wir nehmen ja nicht irgendwelche Stile und integrieren sie einfach so in unsere Musik. Wir nähern uns den fremden Einflüssen erstmal an und verwandeln sie dann in etwas, das zu unserer Musik passt. Jeder Musikstil wird bei uns „jinjerized“. Deshalb gibt es meiner Ansicht nach auch nichts in der Welt der Musik, was wir nicht nutzen können.«

http://jinjer-metal.com

https://www.facebook.com/JinjerOfficial

Bands:
JINJER
Autor:
Lukas Höpfner

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