Foto: Linda Akerberg

20.02.2019, 08:00

CANDLEMASS - »Ich verspreche, es ist das letzte Mal!«

CANDLEMASS hatten sich mit dem eher schwachen „Psalms For The Dead“ 2012 aus dem Studiogeschäft verabschiedet und führten seither – von ein paar EPs abgesehen – ein saturiertes Halbrentnerdasein als Musikwanderzirkus. Jetzt melden sich die Schweden mit neuer Scheibe und (einmal mehr) neuem Sänger zurück. Allerdings ist „The Door To Doom“ ein echter Paukenschlag – nicht nur, weil der neue Mann am Mikro ein alter Bekannter ist. Wir fragten bei Basser Leif Edling, dem Vorsitzenden der Epic-Doom-Götter, nach, was Sache ist im Schnecken-Rock-Olymp.

Leif, bis auf ein paar Gigs mit The Doomsday Kingdom bist du seit 2014 nicht mehr aufgetreten. Man sagt, wegen eines Burn-outs. Wie geht es dir?

»Es geht mir besser. Mein Arzt sagt, dass ich dieses Jahr wieder live spielen kann. Aber ich muss es langsam angehen lassen, nicht zu viel arbeiten und nicht zu heftig feiern.«

Auf der jüngsten Avatarium-Scheibe „Hurricanes And Halos” bist du nicht auf allen Songs zu hören und hast erstmals nicht das gesamte Material beigesteuert. Was ist deine Rolle in der Band?

»Ich bin nicht länger Mitglied von Avatarium. Live habe ich ohnehin nie mitgespielt, weil ich ausgebrannt und krank war. Ich konnte Songs schreiben, aber live musste ich aussetzen. Fünf Titel auf der Platte sind von mir. Jennie-Ann (Smith, v. - fm) und Marcus (Jidell, g. - fm) haben sie arrangiert, weil es mir nicht gut ging. Ich arbeite jetzt gerade an Songs für die nächste Platte. Wir sind nach wie vor gute Freunde, und ich helfe, wo ich kann.«

Dafür, dass du an einem Burn-out gelitten hast, warst du die letzten Jahre ganz schön fleißig: zwei Alben mit Avatarium („The Girl With The Raven Mask”, 2015, und „Hurricanes And Halos“, 2017), zwei CANDLEMASS-EPs („Death Thy Lover”, 2016, und „House Of Doom“, 2018) und schließlich die The-Doomsday-Kingdom-LP (2017). Wie hast du das geschafft?

»Leicht war es nicht (lacht). Aber ich hatte sonst nichts zu tun. Ich musste die meiste Zeit das Bett hüten. Ich konnte weder lesen noch fernsehen, weil davon meine Augen und mein Kopf schmerzten. Also saß ich im Bett und spielte Akustikgitarre, schrieb Riffs, aus denen Songs wurden. Das war das Einzige, was ich machen konnte – außer Musik hören. Es war mir nicht einmal möglich, spazieren oder einkaufen zu gehen. Es hatte mich übel erwischt. Ich war völlig ausgebrannt. Das, woran ich leide, nennt man Chronisches Erschöpfungssyndrom. Die Musik war meine Therapie während dieser harten Jahre.«

Lass uns über die neue CANDLEMASS-Scheibe reden: Was ist die „Door To Doom“?

»Das Unbekannte, in das du dich vorwagst, wenn du eine Platte aufnimmst.«

Was lauert dort?

»Das kann verdammt noch mal alles Mögliche sein. Auf jeden Fall ist es ziemlich verrückt!«

Wie wir wissen, hast du diese Tür schon häufiger durchschritten…

»Viele Male, und jetzt habe ich es schon wieder getan (lacht). Das Leben wäre sonst so langweilig.«

„Psalms For The Dead“ sollte eigentlich euer Schwanengesang sein. Warum habt ihr jetzt doch was Neues gemacht?

»Nach „Psalms...“ waren wir müde. Wir waren seit der Reunion viel getourt und hatten nicht das Bedürfnis, ins Studio zu gehen. In der Rückschau hätten wir „Death Thy Lover“ deshalb auch nicht machen sollen. Ich glaube, tief in unseren Herzen wollten wir nicht wirklich aufhören, aber damals schien es die richtige Entscheidung zu sein. Als jedoch Mats Levén zur Band stieß, mussten wir was veröffentlichen, um weitermachen zu können. Ich muss zugeben, dass die EP nicht sehr gut war, aber sie hat ihren Zweck erfüllt: CANDLEMASS konnten weiter touren und haben viele tolle Shows gespielt – unglücklicherweise ohne mich! Schließlich bat mich ein Freund aus der Gaming-Branche, einen Song für ein Casino-Spiel zu machen. Daraus wurde ´House Of Doom´. Das hat mich inspiriert, neue Musik für CANDLEMASS zu schreiben. Und wenn man gutes Material hat, warum soll man es nicht veröffentlichen?«

Johan Längquist, der zuletzt auf „Epicus Doomicus Metallicus“, eurem Debüt von 1986, zu hören war, ist zurück. Eine faustdicke Überraschung!

»Wir brauchten eine Veränderung. Um ganz ehrlich zu sein, waren wir ziemlich orientierungslos. Zu viel Business, zu wenig Doom (lacht). Wir mussten das Herz des Doom wiederfinden. Zur Hölle mit dem Geschäft, wir wollten wieder Freude an der Musik haben! Ich denke, Johan ist aus allen Wolken gefallen, als der Anruf kam. Aber er hatte Bock auf Spaß. Jetzt sitzen wir wieder fest im Sattel und galoppieren die Straße zur Hölle entlang. Mal schauen, wo die Reise noch hingeht.«

Mats Levén war seit 2012 in der Band, und man wechselt sicher nicht ohne Not mitten in der Produktion den Sänger aus. Was ist passiert?

»Ende Mai, Anfang Juni fühlte ich mich beschissen. Ich hatte mich übernommen und bin beinahe zusammengebrochen – zu viel Arbeit: Songs schreiben, Songs aufnehmen, das Pendeln ins Studio, dazu diese ganzen verdammten E-Mails, Anrufe, Textnachrichten. Jeder will was von dir. Ich hatte die Erlaubnis der Ärzte, vier Stunden am Tag zu arbeiten, alles darüber hinaus war ein ernsthaftes Risiko für meine Gesundheit. Am Ende des Sommers war ich völlig fertig. Ich sagte den anderen, sobald die Scheibe im Kasten sei, wäre ich raus bei CANDLEMASS. Ich hatte die Lust verloren. Zu viel zu tun, zu viele Probleme, zu viel Bullshit. Ich war bereit, mein Baby aufzugeben. Da konnte was nicht stimmen. Schließlich trafen wir als Band die Entscheidung, uns zu entspannen und zurück zu den Wurzeln zu gehen: Scheiß aufs Geschäft, scheiß auf die sinnlosen Diskussionen, scheiß auf alles! Wie sind CANDLEMASS, wir machen, was wir wollen!«

Es war also eine künstlerische Entscheidung, nicht mit Mats weiterzumachen?

»Mats hat all die Jahre, in denen er dabei war, einen super Job gemacht. Wir wollten einfach zurück zum Ursprung. Wir wollten den Kreis schließen. Ich wollte raus, und das war der Weg, der es mir und der Band ermöglichte, gemeinsam weiterzumachen.«

Du hast mit Mats sehr lange zusammengearbeitet. Als CANDLEMASS 1994 das erste Mal auseinanderbrachen, habt ihr gemeinsam Abstrakt Algebra gestartet. War es hart, sich von ihm zu trennen?

»Es ist immer schwer, einen Freund gehen zu sehen. Aber Mats ist Mats. Ich bin sicher, er hat verstanden, dass wir an einen Punkt gekommen waren, an dem wir entweder etwas Radikales – mit Johan – machen oder ganz aufhören mussten. Es war natürlich überhaupt nicht cool, es inmitten einer Albumproduktion zu tun, und für alle sehr frustrierend. Aber einen Monat danach kam Johan ins Studio, und er hat einen wunderbaren Job gemacht.«

Habt ihr auch mit dem Gedanken gespielt, einen anderen eurer Ex-Sänger zurückzuholen? Etwa Thomas Vikström, der den vergessenen Klassiker „Chapter VI“ (1992) eingesungen hat, oder sogar Messiah?

»Nicht wirklich. Mappe (Björkman, g. - fm) hat schon seit Jahren davon geträumt, dass Johan zu CANDLEMASS zurückkommt. Es war fantastisch, mit ihm die 25-Jahre-Jubiläumsshows von „Epicus...“ zu spielen. Jemand anderes kam nicht infrage! Ich hoffe wirklich, dass uns die Fans diesen ganzen Sängerwechsel-Irrsinn der Vergangenheit verzeihen (lacht). Ich verspreche, es ist das LETZTE MAL! Denn es ist Johan von „Epicus...“. Der Typ hat immer noch eine der besten Stimmen im Heavy Metal.«

Messiah hatte eine einzigartige Stimme und Persönlichkeit, Thomas Vikström war technisch sehr gut, Robert Lowe hatte seinen eigenen Stil und hat der Band geholfen, sich neu zu erfinden. Mats schließlich war ein tadelloser Profi, sah gut aus und war da, wenn man ihn brauchte. Würdest du diese Einschätzung teilen? Und welche Qualitäten bringt Johan mit?

»Mit deiner Analyse bin ich absolut einverstanden. Nun, Johan ist ein toller Typ, unkompliziert, ein Teamspieler. Und: Er ist ein großartiger Sänger. Er hat einfach göttliche Stimmbänder. Ich glaube, da haben mal Engel draufgepisst (lacht). Es ist einfach unglaublich, wie gut CANDLEMASS klingen, wenn er den Mund aufmacht.«

Vom Stil, den Kompositionen und der Instrumentierung mit den Mercyful-Fate-Keyboards her erinnert mich „The Door To Doom“ einerseits an „Epicus...“, andererseits an „Chapter VI“.

»Letzterem würde ich nicht zustimmen. „Chapter VI“ war viel kommerzieller. Diesmal gehen wir direkt zur Sache, kein Sicherheitsgurt, keine abgeschliffenen Ecken und Kanten, keine Mätzchen. „Epicus...“ ist vielleicht noch heavier als „The Door To Doom“, aber die Atmosphäre ist ähnlich. Johans Gesangsleistung bläst einfach alles weg.«

Früher waren deine Texte kleine Geschichten oder erinnerten an Gedichte aus der Romantik, wie bei ´Samarithan´, ´At The Gallows End´ oder ´Mourners Lament´. Heute sind deine Lyrics abstrakter.

»Meine Fantasy-Zeiten sind vorbei. Ich mache mir große Sorgen um den Zustand der Welt. Also schreibe ich Lyrics wie ´Splendor Demon Majesty´ über Trump oder die ´Black Trinity´ Kim Jong-un, Putin und Xi Jinping. Mein verdammtes Burn-out hat sich auch stark auf meine Texte ausgewirkt.«

Mir ist aufgefallen, dass viele der Lyrics einen Bezug zum Ozean oder zum Wasser haben, zum Beispiel ´Under The Ocean´, ´Astrolus - The Great Octopus´ oder ´Bridge Of The Blind´.

»Das hat mit meiner Krankheit zu tun. Ich träume häufig vom Wasser: wie ich von Stromschnellen weggerissen werde, Wasserfälle herabstürze, unter die Oberfläche gezogen werde oder ertrinke. Davor habe ich häufig geträumt, dass ich von einer Klippe oder einem hohen Gebäude stürze. Jetzt werde ich jede Nacht von einem verdammten gigantischen Oktopus verschluckt (lacht). Da stimmt definitiv was nicht... (lacht erneut).«

Apropos: Tony Iommi hat ein Solo zu ´Astrolus...´ beigesteuert.

»Ich hatte die verrückte Idee, Tony Iommi zu fragen, ob er Lust hätte, auf einem Song zu spielen. Weniger als ein Nein kann man nicht bekommen. Also fragte unser Manager bei seinem Manager an, und ein paar Wochen später bekamen wir ein Ja. Wahnsinn! Vielleicht mochte er den Song, vielleicht fand er es gerade lustig, wer weiß das schon. Ich jedenfalls liebe das Solo. Ich finde es auch ziemlich cool von ihm, dass er einer kleinen Band unter die Arme greift. Er hätte das nicht machen müssen, aber er tat es. Dafür zolle ich ihm meinen höchsten Respekt. Okay, das habe ich schon vorher gemacht, aber was soll´s. Tony Iommi hat auf meinem Song gespielt! Das ist doch mal ´ne Inschrift für meinen Grabstein.«

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DISKOGRAFIE (Auszug)

Epicus Doomicus Metallicus (1986)
Nightfall (1987)
Ancient Dreams (1988)
Tales Of Creation (1989)
Chapter VI (1992)
Dactylis Glomerata (1998)
From The 13th Sun (1999)
Candlemass (2005)
King Of The Grey Islands (2007)
Lucifer Rising (EP, 2008)
Death Magic Doom (2009)
Psalms For The Dead (2012)
Death Thy Lover (EP, 2016)
House Of Doom (EP, 2018)
The Door To Doom (2019)

Leif Edling kommentiert „The Door To Doom“ Song für Song

´Splendor Demon Majesty´: »Für mich ist das Old-School-Metal. Der klassische Stil der frühen Achtziger stand hier Pate. Der perfekte Opener für das Album.«

´Under The Ocean´: »Was lauert da blubbernd unter der Oberfläche und wartet nur darauf hervorzubrechen? Der Song geht voll in die Fresse – wie der Opener. Als würde dir jemand die Gurgel zudrücken.«

´Astrolus - The Great Octopus´: »Das Monster, das hinter dem Rand der Welt lauert und alles verschlingt. Genauso klingt der Song auch. Der ist uns gut gelungen, ein sehr schöner Track. Plus: Tony Iommi ist darauf zu hören. Wooaawww!«

´Bridge Of The Blind´: »Eine klassische Hardrock-Ballade. Wie Dios ´Don´t Talk To Strangers´, Judas Priests ´Before The Dawn´ oder Manowars ´Mountains´. Dieses Feeling wollten wir einfangen. Bis dahin hatte ich nie daran gedacht, eine Ballade zu schreiben. Aber es ist eine Hardrock-Ballade, das macht einen Riesenunterschied! Denn eine Hardrock-Ballade kann auch hart sein und ein cooles Gitarrensolo enthalten – genau wie Lars (Johansson - fm) hier eines spielt. Ich mag diesen Song sehr und hoffe, dass unsere Fans uns dafür nicht grillen (lacht).«

´Death´s Wheel´: »Hier geht es darum, die „Door To Doom“ zu durchschreiten! Willst du es tun? Wagst du es? Ein klassisches Chugga-Chugga-Riff, allerdings gibt es im Mittelteil einige Überraschungen.«

´Black Trinity´: »Einer meiner Favoriten, ziemlich fieses Riff. Den „Salsa“-Teil finde ich ebenfalls cool. Könnte live gut abgehen.«

´House Of Doom´: »Für mich ist das wie die „Time Machine“-EP von Black Sabbath. Ich liebe die frühen EPs von Manowar, Ozzy, Dio und Priest. Die Songs waren dann immer auf den Alben, die später rauskamen – in unserem Fall sehr viel später (lacht). Aber es ist ein sehr guter Song, deswegen musste er aufs Album. Johans Version ist auch viel düsterer als die davor.«

´The Omega Circle´: »Hier geht es um den Apocalypse Club, trendige – vielleicht auch ernsthafte – Endzeit-Elitisten, die Verschwörungstheorien mögen und sich auserwählt wähnen. Aber man weiß ja nie, vielleicht gibt es morgen wirklich eine bessere Weltordnung und einen neuen Morgen, wie man ihn im Schlussriff hören kann.«

Bands:
CANDLEMASS
Autor:
Felix Mescoli

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