Classic Albums

Classic Albums 22.07.2015

BÖHSE ONKELZ - Heilige Lieder (1992)

Glaubt man den Legionen an Onkelz-Fans, dann haben ihre wiedervereinigten Lieblinge aus Frankfurt zwischen 1984 und 2004 nur Meilensteine veröffentlicht. Zu den wichtigsten der insgesamt 15 Studioalben zählt zweifelsohne „Heilige Lieder“, auch wenn die Band auf ihren beiden Reunionshows am Hockenheimring im letzten Jahr davon nur einen Song gespielt hat.

Männer, mit eurem siebten Longplayer „Heilige Lieder“ habt ihr 1992 den Durchbruch geschafft. Wie gut sind eure Erinnerungen an diese Zeit?

GONZO: »Ganz gut. Das Album hat die Band aufnahmetechnisch, aber auch musikalisch und in puncto Songwriting auf eine höhere Ebene gehoben. Vorher waren die Onkelz – ich sag´s jetzt mal ein bisschen ironisch – eine Hobby- bzw. Amateurband, obwohl wir uns natürlich selber nicht so gesehen haben. Für mich hat „Heilige Lieder“ den Schalter richtig umgelegt.«

STEPHAN: »Den Grundstein hatten wir schon mit dem Vorgänger „Wir ham´ noch lange nicht genug“ gelegt, aber „Heilige Lieder“ war auf jeden Fall der Durchbruch, da gebe ich dir recht. Ich habe noch ganz viele Erinnerungen daran. Die Scheibe ist voll in meine bzw. unsere Findungsphase gefallen. Die vielen verrückten Reisen und Erfahrungen, die ich damals gemacht habe, sind natürlich in meine Texte eingeflossen.«

„Heilige Lieder“ war euer zweites Album, das bei der Bellaphon erschienen ist, die nicht gerade den besten Ruf in der Musikszene hatte.

GONZO: »Du sagst, die hätten nicht den besten Ruf gehabt, aber immerhin war die Bellaphon damals – in Anführungszeichen – ein Majorlabel.«

STEPHAN: »Die hatten richtige Strukturen und eine Hierarchie, d.h. da gab es einen Boss, einen A&R-Manager, einen Grafiker usw. Für uns war das ein großer Schritt in die Professionalität. Vor allem, wenn man bedenkt, dass wir vorher bei Rockorama, Nowotny und Konsorten waren. Mit dem Album haben wir dann auch tatsächlich angefangen, so viel Geld zu verdienen, dass wir unsere Jobs aufgeben konnten.«

Aufgenommen habt ihr die Scheibe in Offenbach und dann im Rüssmann-Tonstudio in Hennef abgemischt.

GONZO: »Das Rüssmann-Studio war auch ein Schritt in die professionelle Welt – das erste richtige Studio, in dem wir gearbeitet haben. Außerdem muss es eines der ersten Studios in Deutschland gewesen sein, die ein digitales Total-Recall-Mischpult hatten. Da war die Festplatte noch so groß wie der Raum, in dem wir gerade sitzen.«

STEPHAN: »Das war auf jeden Fall der Durchbruch, abgesehen davon, dass „Heilige Lieder“ klangtechnisch und vom Songmaterial immer noch ein total frisch klingendes Album ist.«

GONZO: »Außerdem haben wir ja auch eine Menge fürs Karma getan. Guck dir mal das Cover an. Wenn das der Vatikan nicht absegnet, dann weiß ich nicht (schallendes Gelächter in der Runde).«

Wer hatte denn damals die Schnapsidee mit dem Cover?

STEPHAN: »Ich glaube, den Schuh muss ich mir anziehen (lacht).«

GONZO: »Unter dem Protest von allen.«

PE: »Ich dachte, mir pellt es die Haut ab.«
KEVIN
: »Also ich habe mich als Nikolaus ganz gut gefühlt.«

Welcher Teufel hat dich damals denn geritten, Stephan?

STEPHAN: »Ich hatte eine bestimmte Vorstellung, aber die hat es leider nicht getroffen, und dann arbeitest du halt mit dem Material, das du hast.«

GONZO: »Heute können wir auch drüber lachen.«

STEPHAN: »Ich kann heute immer noch nicht drüber lachen (schallendes Gelächter).«

PE: »Der Hintergrund war übrigens auf eine Sperrholzplatte gesprüht.«

Liefen die Aufnahmen glatt über die Bühne?

GONZO: »Da möchte ich meinen Schwager zitieren, der bei den Gitarrenaufnahmen dabei war und gesagt hat: „Komisch, jetzt hast du zehnmal hintereinander immer dasselbe gespielt, und für mich hat sich das alles gleich angehört.“«

STEPHAN: »Wir hatten damals natürlich auch ein bisschen mehr Produktionszeit und mehr Kohle zur Verfügung, während wir bei der „Onkelz wie wir“ noch durchs Studio gejagt wurden und die Platte in einer Woche aufnehmen mussten. Wenn man vier oder sechs Wochen Zeit hat, dann schlägt sich das natürlich auch in der Qualität nieder. Außerdem war die Band ein bisschen tighter. Abgesehen vom Cover ist „Heilige Lieder“ ein ziemlich komplettes Album für die Zeit gewesen.«

Wie oft hat sich die Scheibe bis zum heutigen Tag verkauft – siebenstellig?

GONZO: »Glaube ich nicht.«

STEPHAN: »Ich denke, dass wir bei 500.000 bis 600.000 liegen. Wir haben es nie zusammengerechnet, weil es Abrechnungen aus verschiedenen Phasen gibt. Da hat sich nie jemand die Mühe gemacht, die zu addieren.«

Die Texte sollst du, Stephan, während eines dreiwöchigen Urlaubs mit deiner Freundin in Mexiko geschrieben haben.

STEPHAN: »Nicht alle, aber die meisten. Ich hatte ja schon erzählt, dass ich mich in einer ziemlich heftigen und intensiven Selbstfindungsphase befunden habe, d.h. ich wollte bestimmte Dinge erfahren bzw. wissen und habe deshalb nichts ausgelassen, also auch keine Halluzinogene und schamanischen Erfahrungen. Diese Erkenntnisse sind dann natürlich auch mit eingeflossen. Ich will das Thema jetzt nicht zu esoterisch behandeln, aber es war schon eine Phase, in der ich dachte: „Okay, jetzt wird mir langsam klar, wer ich bin, was ich will und wohin es ungefähr gehen kann.“ Mir wurden also ein paar Zusammenhänge klar, während die alten Onkelz-Texte teilweise anders motiviert waren.«

Du hast damals auch angefangen, viel Literatur zu lesen, z.B. von Hermann Hesse.

STEPHAN: »Castaneda und Hesse waren Schriftsteller, die mich zu dem Zeitpunkt total fasziniert haben, und die sind da natürlich auch mit eingeflossen.«

Was hat deine Freundin dazu gesagt, dass du im Urlaub den ganzen Tag Texte geschrieben hast?

STEPHAN: »Du schreibst ja keine fertigen Texte, sondern machst dir Notizen. Das mache ich eh immer, und diese Worte, Gedanken, Zeilen oder Vierzeiler werden dann irgendwann mal zu einer Einheit.«

Könnt ihr zu einigen Schlüsselsongs des Albums ein, zwei Sätze sagen? Als Erstes wäre da der Opener ´Heilige Lieder´.

STEPHAN: »Das „heilig“ ist ein bisschen ironisch gemeint. Wir haben ja schon immer gerne mit Metaphern gespielt und nehmen uns da auch gar nicht so ernst. Ich glaube, die Leute interpretieren in unsere Texte bzw. Ironie viel zu viel Ernst rein. Mit ´Heilige Lieder´ beweihräuchern wir uns ja schon selber ein Stück weit. Ich glaube, das haben wir auch immer irgendwie gebraucht, wenn man gefühlt die ganze Welt gegen sich hat.«

´Nenn mich wie du willst´.

STEPHAN: »Wenn ich mich recht erinnere, dann geht es da im Prinzip auch um die vielen Leute, die noch keine Persönlichkeit haben, die austauschbar sind, die wenig Charakter haben. Entweder weil sie nicht wollen, weil sie nicht können oder weil sie noch nicht so weit sind. Letzteren kann ich allerdings den geringsten Vorwurf machen. Allerdings gibt es so eine Art Gesichtslosigkeit, die auch etwas mit einer gewissen Feigheit zu tun hat, und die habe ich zu diesem Zeitpunkt auch mal gerne angeprangert.«

Als Nächstes wäre da die erste Singleauskopplung ´Ich bin in dir´. Eine recht ungewöhnliche Wahl, wie ich finde.

GONZO: »So ungewöhnlich fand ich die Wahl gar nicht. Das ist ein super Song, nicht zuletzt aus der Motivation heraus, nicht immer nur die Krawallcombo zu sein, sondern auch mal zu zeigen, dass man auch eine andere Seite hat. Der Song war ein mutiger Schritt, der bis heute gut funktioniert.«

STEPHAN: »Ich finde das Thema ebenfalls gut. Es geht ja auch um die Fans und uns und wie sich Menschen gegenseitig sehen. Wenn man das jetzt mal auf den Fan bezieht: Der beschäftigt sich mit dir, hat ein Bild von dir und glaubt, dich zu kennen, d.h. du bist sozusagen eine Person, mit der er seine Zeit teilt. Dieser Eindruck ist aber falsch. Viele Fans unterschätzen das und denken, die Onkelz sind so und so, ohne einen wirklich zu kennen. Wie auch? Sie kennen ja nur die Person, die auf dem Cover abgebildet ist, und die Musik.«

Dann wäre da ´Diese Lieder´, in dem du ein Zitat aus Hesses Erzählung „Siddhartha“ verarbeitet hast.

GONZO: »Kenne ich nicht, dieses Lied.«

STEPHAN (singt): »Diese Lieder sagen mehr als 1.000 Worte.«

GONZO: »Das war kein Witz.«

STEPHAN: »Eigentlich ein ganz geiles Lied. Soweit ich mich erinnern kann, geht es darum, dass wir uns mit unseren Songs etwas geben. Sie stützen uns, machen uns Mut und geben uns die Möglichkeit, über unsere Traurigkeit, unsere Dummheit und unsere Erfahrungen zu schreiben. Vielen Fans geht es offensichtlich ähnlich, und deshalb mögen so viele Leute auch unsere Platten.«

´Gestern war heute noch morgen´.
STEPHAN
: »Ein klassischer Rocker mit einer guten Melodie. Den haben wir eine Zeit lang auch live gespielt, aber das ist lange her.«

KEVIN: »Ich habe den Song mit meiner Band Veritas Maximus gespielt. Der eignet sich sehr zum Mitschunkeln.«

GONZO: »Bei den Recherchen für Songs, die man live spielen kann, ist der mir auch positiv aufgefallen.«

STEPHAN: »Ohrwurm. Mir fällt gerade noch ein, dass es im Prinzip auch darum geht, die Vergangenheit hinter sich zu lassen.«

´Gehasst, verdammt, vergöttert´.

STEPHAN: »Man wirft uns ja häufig vor, mit dieser Märtyrerrolle zu spielen, aber ich muss ganz ehrlich sagen, wenn man erlebt hat, was wir erlebt haben, dann ist jede Note, die wir in dieser Richtung geschrieben haben, total gerechtfertigt. Klar, in der Nachbetrachtung kann man das – wenn man uns was Böses will – natürlich anders interpretieren. Diese Märtyrerrolle, diesen Schuh haben wir uns nicht angezogen, da sind wir meiner Meinung nach mehr oder minder reingetrieben worden. Aber klar, wir haben damit dann auch kokettiert, d.h. den Ball aufgenommen und ihn zurückgeschossen.«

KEVIN: »Für alles büßen ist ein bisschen heftig, und dagegen muss man sich halt wehren.«

STEPHAN: »Daraus entstand dann dieses klassische Onkelz-Pathos. Seitdem sind wir halt die Könige des Pathos, und das ist auch total okay.«

Last but not least hätte ich noch ´Noreia´.

STEPHAN: Noreia ist ein keltisches Wort und bedeutet übersetzt Mutter Erde. Auf der Erstpressung war ein Druckfehler. Da stand „Noreira“ statt „Noreia“. Das hat die Presse rückwärts gelesen und daraus „Arier on“ gemacht, was immer das auch heißen mag. Da muss ein Nazi aber ganz schlecht Englisch sprechen (alle lachen lautstark).«

Habt ihr einen Lieblingssong auf der Scheibe?

GONZO: »Ich sehe das Album eher als Gesamtkunstwerk.«

STEPHAN: »Bei mir ändern sich die Lieblingslieder häufiger und sind auch immer von meiner Stimmungslage abhängig. Ein Lieblingslied in dem Sinne habe ich jetzt auch nicht, aber ich finde, dass ´Ein langer Weg´ ein wenig hervorsticht. Ich habe mir im Gegensatz zu früher, als ich mir mit Freunden ganz oft die eigene Scheiße angehört habe, lange keine Onkelz-Platten mehr angehört, weil die letzten neun Jahre nicht ganz leicht gewesen sind. Nach dem Abschied ging sowieso erst mal nichts mehr, weil mir das total wehgetan hat, d.h. ich konnte mir weder eine DVD ansehen, geschweige denn die Songs hören. Demzufolge ist es auch kein Wunder, dass manche Stücke in meiner Erinnerung ein bisschen verblasst sind.«

Wart ihr stolz wie Oskar, als ihr für „Heilige Lieder“ eure erste Goldene Schallplatte bekommen habt?

STEPHAN: »Das war leider nur so eine kleine goldene CD. Für uns war eine Goldene Schallplatte ein riesiges goldenes Ding, das so richtig was hermacht, und dann kommen die da mit so einer kleinen CD an. Da waren wir erst mal enttäuscht. Ich glaube aber, dass das damals schon ganz normal war, weil wir ja auch überwiegend CDs und kein Vinyl verkauft haben.«


www.facebook.com/boehseonkelzoffiziell

LINE-UP
    
Kevin Russell (v.)
Matthias „Gonzo“ Röhr (g.)
Stephan Weidner (b./v.)
Peter „Pe“ Schorowsky (dr.)
 

DIE SONGS

Oratorium (Intro)
Heilige Lieder
Buch der Erinnerung
Nenn´ mich wie du willst
Ich bin in dir
Scheißegal
Diese Lieder...
Gestern war heute noch morgen
Schließe deine Augen (und sag mir was du siehst)
Gehasst, verdammt, vergöttert
Ein langer Weg
Noreia
Der Schrei nach Freiheit
Angst ist nur ein Gefühl
Wir schreiben Geschichte (CD-Bonus)


FAKTEN, FAKTEN, FAKTEN

Songs: 15 (CD-Version)
Spielzeit: 59:30
Produzent: Böhse Onkelz
Studios: City Music, Offenbach (Aufnahmen), Tonstudio Rüssmann, Hennef (Mix)
Cover: Mike Schraft

DISKOGRAFIE (nur Studioalben)

Der nette Mann (1984)
Böse Menschen - Böse Lieder (1985)
Onkelz wie wir... (1987)
Kneipenterroristen (1988)
Es ist soweit (1990)
Wir ham´ noch lange nicht genug (1991)
Heilige Lieder (1992)
Weiß (1993)
Schwarz (1993)
Hier sind die Onkelz (1995)
E.I.N.S. (1996)
Viva los Tioz (1998)
Ein böses Märchen... aus tausend finsteren Nächten (2000)
Dopamin (2002)
Adios (2004)

Bands:
BÖHSE ONKELZ
Autor:
Buffo Schnädelbach

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