Kolumne

Kolumne 30.05.2012

Haustier vermisst

Die Geschichte ging um die ganze Welt und rührte Millionen Menschen zu Tränen: Der elfjährige Arbeitersohn Steve schlich sich stets frühmorgens aus dem 20-Quadratmeter-Loch seiner Eltern, trug Zeitungen im heruntergekommenen Londoner Stadtteil West Ham aus, und von seiner sauer verdienten Kohle kaufte er Futter für sein Haustier Eddie.

Sich selbst gönnte er ein paar Fußballschuhe. Nach der Schule jagte Steve dem runden Leder hinterher, während Eddie, an einem Baum angebunden, sabbernd mitfieberte und wilde Tänze vollführte. Und wenn Herrchen zu einem seiner gefürchteten Sprints durch die gegnerische Abwehr ansetzte, verbiss sich das Zotteltier vor Freude in der Baumrinde.

Jahre später gründete der Teenager eine Rockband, und mit dem Bass-Koffer in der Rechten und dem angeleinten Eddie in der Linken marschierte Steve allabendlich in den Proberaum. Steve hatte Talent, sowohl was das Komponieren von Liedern als auch die Auswahl seiner Mitmusiker betraf, und so schaffte er mit seinem besten Kumpel Dave, der zwar ein mieser Fußballer, dafür aber ein talentierter Gitarrist war, etwas, das keine einzige andere Rockband jemals hinbekommen sollte: In einem Zeitraum von acht Jahren veröffentlichte die Kellercombo sieben absolute Meilensteine des Heavy Metal und dazu noch eines der besten Live-Alben aller Zeiten.

Proben, Komponieren, das Album produzieren, auf große Welttournee gehen, Proben, Komponieren, das nächste Album produzieren - alle waren glücklich und zufrieden: Steve, Dave, die Plattenfirma, der Manager und natürlich die Millionen von Fans, die sich mit T-Shirts, Flaggen und Kaffeetassen der Gruppe eindeckten. Nur einer blieb auf der Strecke: Eddie. Der kauerte in seinem Hundezwinger und weinte bittere Tränen, denn je erfolgreicher sein Herrchen wurde, desto mehr fühlte sich das unglückliche Tier vernachlässigt. Nur noch unregelmäßig bekam Eddie sein proteinhaltiges Trockenfutter, im Käfig stank es abscheulich nach Eddiekacke, und das Fell war schon lange nicht mehr gestriegelt worden und deshalb genauso verfilzt wie bei Max Cavalera, einem anderen Haustier, um das sich seit langem nicht mehr gekümmert wurde. Nur noch einmal im Jahr schloss Steve den Käfig auf und nahm Eddie an die Hundeleine. Gemeinsam, so wie früher in den guten, alten Zeiten, spazierten die beiden durch den Hyde Park, Steve kaufte Eddie einen Hotdog, warf Stöckchen - „Lauf, Eddie, lauf!“ -, und danach betraten sie ein Fotostudio, wo Eddie für ein neues Plattencover Modell stehen durfte. Danach war der arme Zausel wieder der Einsamkeit ausgeliefert.

Doch das Jahr 1988 sollte einen Schicksalstag für Eddie bereithalten. Die Melodie des funkelnagelneuen Liedes ´The Evil That Men Do´ pfeifend, sperrte Steve seinen Getreuen mal wieder in den Käfig, vergaß allerdings, das Gatter abzuschließen. Bei Nacht und Nebel verschwand das Tier. So ist das eben: Wenn man seinen Schutzbefohlenen vernachlässigt, büxt er irgendwann aus und sucht sich ein neues Zuhause.

Steve musste also seine Lektion auf die ganz harte Tour lernen. Und er lernte tatsächlich: Wie ein Vater kümmert er sich seitdem um seinen neuen Schützling und Eddie-Ersatz. Wenn Janick seine verrückten fünf Minuten hat, lässt Steve ihn großzügig die Bühne wienern und dazu Luftgitarre spielen, und wenn Janick grinsend kreiselt bis zum Drehwurm und folglich wie ein Sack von der Bühne plumpst, ruft Steve sofort einen Arzt. Aber manchmal, wenn es einsam ist im Haus des Bassisten und aus der Ferne die Hunde bellen, fragt sich Steve: „Lebt denn der alte Eddie noch?“

Ja, er lebt noch, Steve! Eddie wohnt in Barcelona, in der Metal-Bar „Hell Awaits“! Götz, ein Schlagzeuger namens Pete Sandoval (der nach zehn Bier und drei Schnäpsen sogar Eddies Sprache sprechen kann) und der Chronist haben das possierliche Haustier dort aufgefunden. Du kannst es samstags, zwei Minuten vor Mitternacht, abholen.

Autor:
Wolf-Rüdiger Mühlmann

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