ToneTalk

ToneTalk 21.02.2018

EUCHARIST , ARCH ENEMY , ARMAGEDDON , REVENGIA - »Ich wollte so extrem wie möglich spielen«

Die flinken Hände und Füße scheinen bei Familie Erlandsson im Blut zu liegen: Daniel schwingt bei Arch Enemy die Stöcke, sein Bruder Adrian sitzt bei At The Gates und The Haunted hinter den Kesseln. Beim Zwischenstopp der aktuellen „Will To Power“-Tour in der Oberhausener Turbinenhalle erzählt uns der sympathische Schwede, wie man ein Schlagzeug brüderlich teilt, wie sein Equipment heute aufgebaut ist und wie viele Kalorien man als Arch-Enemy-Schlagzeuger am Abend verbrennt.

Daniel, wie bist du zum Schlagzeug gekommen?

»Das war in meinen frühen Teenagerjahren, mit zwölf oder 13. Mein Bruder Adrian hat vor mir angefangen, also gab es schon ein Drumkit im Haushalt, und ich habe ihn spielen gehört. Er begann ungefähr im gleichen Alter, da war ich etwa sechs Jahre alt. Es hat demnach eine Weile gedauert, bis ich selbst zu den Sticks gegriffen habe. Zu dem Zeitpunkt wurde Adrian an der Universität angenommen und zog in eine andere Stadt. Also hatte ich das Schlagzeug die ganze Woche für mich alleine, denn er kam nur am Wochenende nach Hause. In diesen ersten Monaten habe ich dadurch schnell Fortschritte gemacht.«

Habt ihr auch zusammen geübt?

»Ja, außerdem haben wir viele Ideen ausgetauscht. Früher machten wir das noch viel häufiger als heute. Da wir beide in tourenden Bands sind, haben wir keine Zeit, uns zusammen hinzusetzen und über solche Dinge zu sprechen.«

Ihr wohnt ja auch etwas weiter voneinander entfernt.

»Richtig: Er wohnt in England und ich in Schweden – das ist ein weiteres Problem.«

Was sagt eure Familie dazu, dass nun beide Söhne Musiker geworden sind?

»Ihre Einstellung hat sich mit der Zeit verändert. Als wir mit Touren anfingen, waren sie noch sehr zögerlich und empfahlen uns, uns doch stattdessen lieber einen richtigen Job zu suchen. Über die Jahre sind wir beide recht erfolgreich geworden und können von der Musik leben. Das hat uns – vor allem bei meinem Vater – genügend Respekt eingebracht. Meine Mutter hat uns immer unterstützt und gesagt, wir sollen tun, was immer uns glücklich macht.«

Welchen Schlagzeugern hast du als Anfänger genauer auf die Sticks geschaut?

»Als ich im Jahr 1988 oder 1989 anfing, habe ich mir die Platten meines Bruders aufgelegt. Wenn er also an der Uni war, hab ich sein Schlagzeug gespielt und seine Platten gehört. Bands wie Napalm Death, Carcass, Morbid Angel und die Death-Metal-Szene waren ein großer Einfluss für mich. Daher wollte ich gleich zu Beginn auch selbst so extrem wie möglich spielen. Wenn mich heute Anfänger fragen, was sie üben sollen, rate ich ihnen immer: Spielt nicht schnell! Fangt langsam an! Bei mir war es genau andersherum. Ich wollte eben, dass es genauso klingt wie auf meinen Lieblingsplatten.«

Hast du dir das selbst beigebracht, oder hattest du einen Lehrer?

»Ich hatte keinen Lehrer und keinen richtigen Unterricht. Ich hab es mir selbst beigebracht und natürlich Adrian zugeschaut. Das war alles vor dem Internet und YouTube, also musste ich es selbst austüfteln.«

Was sollte sich ein Trommelneuling an Equipment zulegen?

»Das ist natürlich individuell und muss jeder für sich selbst entscheiden. Aus meiner Erfahrung: Ich hatte gar kein eigenes Schlagzeug, bis ich eins bei Arch Enemy bekommen habe. Stattdessen habe ich mir Schlagzeuge ausgeliehen und viel auf meinen Knien und dem Boden rumgetrommelt. Das kann auch von Vorteil sein: Wenn du auf weniger gutem Equipment spielst, musst du dich mehr anstrengen, um gut zu klingen. Das Instrument kann also helfen, aber du musst vor allem bei dir selbst anfangen.«

Wie hast du dir dein aktuelles Schlagzeug zusammengestellt?

»Es hat sich im Laufe der Jahre entwickelt. Als wir mit dem Touren anfingen, legte ich mir zwei Kickdrums zu – das war neu für mich. Ich hatte zudem immer drei Rack-Toms und zwei Floor-Toms. Erst für diese Tour entschied ich mich, das zu verändern. Ich habe zwei 24“-Kickdrums, die schon recht hoch sind. Wenn du dann noch die Toms darüberstellst, hängen die Becken sehr hoch. Ich habe mich entschlossen, alles weiter runterzuholen. Das Schlagzeug ist dadurch größer geworden, weil ich jetzt zwei kleine Toms vorne und die große Gong-Tom auf der linken Seite habe. Das ist ganz schön viel Zeug. Wenn ich es mir von außen anschaue, merke ich, wie groß dieses Schlagzeug ist. Aber wenn ich spiele, hat alles seine Berechtigung, und ich verwende tatsächlich alles, was da ist.«

Wie wichtig ist dir das Design deines Schlagzeugs?

»Sehr wichtig!«

Was ist deine Lieblingsfarbe?

»Die Farbe, die ich gerade habe: Vintage-Weiß. Das ist kein Schneeweiß, sondern hat einen leichten Gelbstich. Es fügt sich auch gut in unser Bühnenbild ein. Wir haben ein paar neue Produktionselemente mit verschiedenen Lichtstimmungen auf der Bühne. Mein Schlagzeug passt überall zu und fällt niemals unangenehm ins Auge. Wenn wir für eine Tour mit dem Flugzeug unterwegs sind, nehmen wir dieses Schlagzeug allerdings nicht mit. Dann bekomme ich irgendein Drumkit für die Zeit. Meist ist das ganz gut, aber die Farben variieren...«

Oha, was war die schlimmste Farbe?

»Puh, schwer zu sagen... Ich hatte auch mal Pink (lacht).«

Du hast eine Signature-Snare und Signature-Sticks. Was war dir bei deren Entwicklung wichtig?

»Natürlich die Qualität, sonst würde ich meinen Namen nicht darauf sehen wollen. Ursprünglich hatte ich Sticks von einer anderen Firma, bin dann aber zur schwedischen Marke Wincent gewechselt. Ich habe mehrere ihrer Modelle ausprobiert, und wir passten das, was mir letztlich zugesagt hat, noch ein bisschen an. Ich verwende diese Sticks nach wie vor bei jeder Show. Die Snaredrum habe ich zusammen mit Pearl entwickelt. Das war eine große Ehre für mich. Pearl ist eine große Schlagzeugmarke. Sie haben nicht viele Signature-Snares im Programm, und wenn, dann nur für ganz berühmte Leute. Ich wollte, dass die Snare sensibel ist, sodass ich auch bei lockerem Spiel einen definierten Sound bekomme. Was ich auf gar keinen Fall wollte: Viele Snares auf dem Markt sind laut – und manche einfach zu laut. Ich möchte gern hart auf die Snare schlagen können, ohne gleich alle umzubringen. Wenn du meine Signature-Snare in direkten Vergleich mit einer anderen setzen würdest, klänge sie aber auch nicht leise. Sie ist immer noch laut, nur etwas kontrollierter.«

Gibt es einen Arch-Enemy-Song oder einen speziellen Part, der dich beim Proben mal so richtig geärgert hat?

»Nein, eigentlich nicht, denn ich verbringe immer einige Zeit alleine mit den Stücken. Wir haben sehr intensive Songwriting-Sessions, anschließend stelle ich die Demos im Computer zusammen. Am Ende haben wir viele Lieder, aber nicht so viel Zeit zum Proben. Dann ziehen auch mal sechs Monate ins Land, bis wir das nächste Mal einen Blick darauf werfen. Manchmal können wir uns gar nicht mehr erinnern, wie genau das Gitarrenriff noch mal ging. Bevor wir ins Studio gehen, nehme ich mir ein bisschen Zeit und übe alleine. Wenn ein Track komplizierter ist, dann nehme ich mir für diesen mehr Zeit. Für das neue Album habe ich versucht, die Songs einfacher zu halten und alles ein wenig zurückzuschrauben, damit es kraftvoller wird. Das war zumindest der Plan.«

Eine Arch-Enemy-Show hinter dem Schlagzeug zu verbringen, ist sicherlich richtig anstrengend. Wie wärmst du dich auf, bevor du auf die Bühne gehst?

»Ich spiele ein bisschen auf meinen Übungs-Pads zu einem Metronom. Es geht vor allem darum, die Muskeln warmzubekommen. Kalt zu spielen, ist wirklich fies. Wir fangen unseren aktuellen Set mit dem Track ´The World Is Yours´ an. Darin gibt es viel Doublebass – und zwar vom ersten Ton an für ungefähr drei Minuten. Normalerweise wärmt man sich während des ersten Liedes automatisch auf. Aber bei dem Stück muss ich das schon vorher machen, sonst bekomme ich einen Krampf. Und das wäre ziemlich blöd für den Rest der Show.«

Wie hältst du dich sonst in Form?

»Das Schlagzeugspielen an sich hält schon in Form. Aber ich versuche auch so, fit zu bleiben, bewusst zu essen, nicht zu viel zu trinken und genug zu schlafen. Ich wollte immer schon mal wissen, wie viele Kalorien ich während einer Arch-Enemy-Show verbrenne. Bei einem der Konzerte auf dieser Tour hatte ich einen Pulsmesser mit Brustgurt um. Der Set dauerte 90 Minuten, und ich habe 900 Kalorien verbrannt. Das ist doch ganz interessant zu wissen.«

Welcher Schlagzeuger beeindruckt dich durch seinen Bühnenauftritt?

»Es gibt so viele, und es kommt natürlich darauf an, worauf man Wert legt. Manche von den Schlagzeugern, die ich beeindruckend finde, wirbeln nicht die Sticks zwischen ihren Fingern herum. Sie sitzen einfach da, spielen, und es macht Spaß, ihrem Groove zuzuhören. Dave Lombardo ist einer von diesen Typen: Technisch gesehen ist er natürlich sehr gut, aber er hat vor allem einen einzigartigen Stil.«

Findest du, dass es diesen Show-Aspekt gar nicht braucht?

»Es ist ein cooles Element, und wenn man das kann, sieht es super aus. Kennst du den „Drummer At The Wrong Gig“ (YouTube-Video einer kleinen amerikanischen Coverband, deren Schlagzeuger bei ZZ Tops ´Sharp Dressed Man´ so ausschweifend die Stöcke schwingt, dass man ihn eher auf einer großen Metal-Bühne erwarten würde - ir)? Dieser Typ ist super – und das ist auch beeindruckend.«

www.facebook.com/danielerlandsson666bpm

Diskografie (Studioalben)

Mit Arch Enemy:

Black Earth (1996)
Stigmata (1998)
Burning Bridges (1999)
Wages Of Sin (2001)
Anthems Of Rebellion (2003)
Doomsday Machine (2005)
Rise Of The Tyrant (2007)
Khaos Legions (2011)
War Eternal (2014)
Will To Power (2017)

Mit Eucharist:


A Velvet Creation (1993)
Mirrorworlds (1997)

Mit Armageddon:

Embrace The Mystery (2000)
Three (2002)

Mit Revengia:
 
A Decade In The Dark (2004)
Eraser (2007)

Pic: Manuel Miksche

Bands:
REVENGIA
EUCHARIST
ARCH ENEMY
ARMAGEDDON
Autor:
Isabell Raddatz

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