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Foto: Fredrik Gille

ToneTalk 20.02.2019, 08:00

SOEN - »Drums sind unpraktisch, weil sie Krach machen«

Mit Amon Amarth, auf deren Album „Once Sent From The Golden Hall“ er mitwirkte, trat MARTÍN LÓPEZ erstmals auf die internationale Metal-Bühne. Als Mitglied von Opeth stieg der Schwede uruguayischer Abstammung zu einem der angesehensten Schlagzeuger der Szene auf, ehe er sich 2006 aus gesundheitlichen Gründen zurückzog. Mit Soen fing er noch mal ganz von vorne an. Die mittlerweile ebenfalls etablierte Gruppe ist genauso eine Herzenssache für den Drummer, wie er Musik allgemein als spirituelles Erlebnis begreift.

Martín, wie bist du zum Schlagzeug gekommen?

»Die ersten Instrumente, mit denen ich in Berührung kam, waren Trommeln und Rasseln, die in lateinamerikanischer Musik allgegenwärtig sind. Ich war wirklich erst zwei Jahre, als mir irgendein Verwandter eine Snare vorsetzte. Meine Eltern dürften davon nicht sonderlich begeistert gewesen sein, doch ich geriet später in einen Freundeskreis, wo mehrere andere Jungen mein Interesse teilten. Wir feierten Partys, auf denen lange Percussion-Sessions abgehalten wurden, wobei ich viele Grundprinzipien des Musikmachens kennenlernte. Ich war noch keine zehn, als ich harte Gitarrenmusik für mich entdeckte und ein richtiges Schlagzeug gekauft bekam. Als professioneller Musiker zu arbeiten, wurde in jener Phase mein Lebenstraum, und ich wollte alles tun, um ihn mir zu erfüllen.«

Hast du mit einer akademischen Laufbahn geliebäugelt?

»Ich nahm eine Weile Schlagzeugunterricht, habe aber sonst keine ordnungsgemäße Ausbildung genossen.«

Gab es einen bestimmten Auslöser dafür, dass du angefangen hast, selbst Songs zu schreiben?

»Mir fällt keiner ein, aber dieses Bedürfnis kam relativ schnell auf. Ich sah ein, dass Drums nicht ausreichten, also beschäftigte ich mich mit Instrumenten, für deren Beherrschung man Noten lesen können muss. Letzten Endes konzentrierte ich mich auf Gitarre und Bass, die ich bis heute regelmäßig zu Hause in die Hand nehme. Ich schreibe ununterbrochen und lerne dabei immer etwas Neues.«

Übst du noch gezielt?

»So oft wie möglich. In jüngerer Zeit spiele ich aber mehr Bass als Schlagzeug, weil mein Set im Proberaum steht, wo ich erst mal hinfahren müsste. Drums sind halt unpraktisch, weil sie Krach machen. Momentan interessiere ich mich insbesondere für World Music und dabei nicht nur für andere Schlagzeuger, um frische Ansätze zu finden. Ich kann nur jedem empfehlen, sich mit Claves auseinanderzusetzen, den Rhythmusmustern mittel- und südamerikanischer Musik. Die liegen mir zwar gewissermaßen im Blut, aber ich erfahre immer wieder Dinge, die ich noch nicht wusste.«

Hilft dir dein ganzheitliches Verständnis, oder ist es manchmal eher hinderlich, nicht „nur“ der Trommler zu sein?

»Es dürfte mehr Vor- als Nachteile haben. Ich kann mir gut vorstellen, ob und wie bestimmte Riffs und Grooves gemeinsam funktionieren, was beim Arrangieren praktisch ist. Davon abgesehen glaube ich, dass die Art und Weise, wie ich komponiere, eher auf Rhythmen als auf Melodien beruht. Dadurch fällt es mir leichter, meine Ideen nahtlos ineinander übergehen zu lassen, wo andere sie vielleicht einfach aneinanderreihen würden. Nicht umsonst heißt es, Drummer würden in einer Gruppe für Ordnung und Struktur sorgen. Zumindest verkompliziere ich nichts unnötig, obwohl mein Stil auf manche kompliziert wirken mag, und brauchte auch nie großartig darüber nachzudenken, ob meine Einfälle zu der jeweiligen Band passten, in der ich spielte.«

Was macht einen starken Song für jemanden mit deiner breiten Perspektive aus?

»Der persönliche Zugang. Wenn ich selbst komponiere, fallen mir meistens auch gleich Texte ein, oder bestimmte Gedanken und Stimmungen inspirieren mich umgekehrt zu einem Lied. Dann muss es auf seine Kernelemente reduziert funktionieren, Verzierungen sind nebensächlich, wenn auch nicht völlig unwichtig, wie ich finde. Ich halte nach wie vor viel von gutem Handwerk. Spannungen untereinander sind normal, aber man muss herausfinden, wie man damit umgeht. Kunst in all ihren Formen ist das vielfältige Vermächtnis unserer verschiedenen Kulturen und verliert zunehmend an Bedeutung. YouTube- und Instagram-Clowns sind heute Stars, zu denen junge Generationen aufschauen, und dagegen sträube ich mich.«

Du hast u.a. lange mit deinem Namensvetter Martin Méndez bei Opeth gespielt und für Soens Debüt mit Fretless-Meister Steve DiGiorgio gearbeitet. Was macht für dich einen guten Bassisten aus?

»Meine Ansicht dazu hat sich mit der Zeit verändert, und wie man miteinander umgeht, hängt sowieso davon ab, um welche Art von Musik es sich handelt. Auf alle Fälle ist die Rhythmusgruppe dafür zuständig, den anderen Musikern eine feste Grundlage zu bieten. Mit dem Solospielen brauchst du ansonsten gar nicht anzufangen. Mir sind Bassisten am liebsten, die wie ich breit gefächerte stilistische Kenntnisse haben. Gerade im Rock und Metal kommt es allzu häufig vor, dass sich gewisse Muster einschleifen, was auf lange Sicht öde wird. Technische Fertigkeiten sind weniger maßgeblich als zwischenmenschliches Verständnis und gute Ohren.«

Hast du Vorlieben, was dein Rüstzeug angeht?

»Ich bin nicht wählerisch. Stell mir irgendein Drumkit hin, und ich komme damit klar. Unter meinen Gitarren und Bässen befinden sich einige Modelle, die mir lieber sind als andere, doch auch da würde ich mich nicht als Fanatiker bezeichnen. Am Ende kommt es darauf an, dass Equipment funktioniert, wenn dich die Muse küsst. Auf Tour schneide ich meine Einfälle beispielsweise im Bus auf dem Smartphone mit, wobei die Saiten durchaus nicht hundertprozentig korrekt gestimmt sein müssen. Daheim bin ich kein Soundfetischist. Erst wenn eine Studioproduktion ansteht, lege ich Wert darauf, nach Möglichkeit das Beste zu benutzen, was ich kriegen kann. Im Augenblick sind das die Produkte von Noble & Cooley, für die ich seit ein paar Jahren auch Endorser bin. Bei Opeth habe ich ein Signia Marquis von Premier Drums gespielt, danach war es eine Zeit lang ein Starclassic von Tama. Keine Ahnung, ob ich jetzt bei diesem Hersteller bleibe, doch bis auf Weiteres fühle ich mich dort gut aufgehoben. Meine Becken stammen von Bosphorus.«

Bedeutet es dir etwas, Aushängeschild einer Marke zu sein?

»Eigentlich nicht, aber es hat praktische Vorzüge, weil ich für einzelne Teile nicht den vollen Preis zahlen muss und mich an der Entwicklung beteiligen darf, um sie noch besser zu machen.«

Was würdest du jungen Kollegen raten, die gerade erst mit dem Trommeln begonnen haben?

»Schafft euch die Basics drauf und überlasst nichts dem Zufall, wenn ihr eure ersten Aufnahmen macht. Klingt die Einspielung anständig, ist das bereits die halbe Miete, und dazu braucht man nicht nur hochwertige Mikrofone, sondern auch Erfahrung damit, wie man sie ausrichten muss, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Ich persönlich liebe es darüber hinaus, mir Zeit beim Aussuchen von Fellen zu lassen und unterschiedliche Aufnahmeräume auszuprobieren. Definitiv sollte man gut vorbereitet sein und einen Tontechniker haben, der sich auskennt. Der Rest ist dann nur noch Fleißarbeit: Versuchen und wieder versuchen, bis man zufrieden ist.«

Was hältst du von modernen Hilfsmitteln wie Samples und Triggern?

»Nicht viel. Ich verwende auch keinen Clicktrack, weil ich der Meinung bin, dass Musik organisch atmen muss. Andererseits gehört klinische Präzision etwa im brutalen Tech-Death quasi dazu, aber das war nie mein Anspruch. Ich habe kein Problem damit, wenn jemand nur Grindcore hört bzw. spielt und sich damit begnügt, bloß klingt die Chose für mich kalt und emotionslos, immer gleich und deswegen schlicht langweilig.«

Schaust du deshalb auf die vielen Bands herab, die sich alles im Studio geraderücken lassen?

»Nein. Den meisten bleibt gar nichts anderes übrig. Studiozeit kostet immerhin Geld. Man muss jahrelang an sich arbeiten, um gewisse Fähigkeiten zu entwickeln, und dazu fehlt heutzutage einfach die Zeit, wenn man nicht zu den wenigen Privilegierten gehört, die nicht auf einfache Brotjobs angewiesen sind. Außerdem wirft dir das Leben andauernd Knüppel zwischen die Beine, also braucht man auch ein bisschen Glück. Bei Soen haben Leute zusammengefunden, die sich in ihrem Wesen sehr ähnlich sind, und das ist nicht selbstverständlich, sondern trifft unter 100 Bands höchstens auf eine Handvoll zu. Ich weiß es deshalb zu schätzen, dass mir eine Gabe mit in die Wiege gelegt wurde und ich unter idealen Voraussetzungen künstlerisch zum Ausdruck bringen darf, was mich bewegt. Musik ist eng mit der natürlichen Umwelt verbunden, zu der wir nach und nach unseren Bezug verlieren. Im Idealfall führt man Menschen zusammen. Es geht darum, Gefühle mit anderen zu teilen.«

Hast du eigentlich noch Kontakt zu deinen berühmten früheren Weggefährten?

»Du meinst Opeth und Amon Amarth? Nein, leider nicht, auch wenn ich nichts als Liebe und großen Respekt für sie übrighabe. Einmal lief ich Johan Hegg in Wacken über den Weg, was sehr schön war, weil wir uns zuvor jahrelang nicht gesehen hatten. Jeder führt halt sein Leben und treibt die eigene Bandkarriere voran.«

Was schätzt du deine eigene Entwicklung im Lauf der Zeit ein?

»Ich habe einen Zusammenhang zwischen dem Älterwerden und meinem Selbstbewusstsein bemerkt. Mit 15 hat man sich eventuell dafür geschämt, Sachen wie Roxette gut zu finden, doch einem 40-Jährigen ist es egal, was andere von seinem Geschmack halten. Ich messe mich an niemandem, sondern arbeite weiter daran, meine eigene Identität zu finden, sowohl als Musiker als auch in menschlicher Hinsicht. Ausgeglichenheit ist das A und O.«

www.soenmusic.com

www.facebook.com/soenmusic

Diskografie

Mit Amon Amarth:

Once Sent From The Golden Hall (1998)

Mit Opeth:

My Arms, Your Hearse (1998)
Still Life (1999)
Blackwater Park (2001)
Deliverance (2002)
Damnation (2003)
Lamentations (DVD, 2003)
Ghost Reveries (2005)


Mit Soen:

Cognitive (2012)
Tellurian (2014)
Lykaia (2017)
Lotus (2019)

Bands:
SOEN
Autor:
Andreas Schiffmann

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