Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 29.08.2018

TYGERS OF PAN TANG , DORO , PRIMAL FEAR , CRASHDIET , EXODUS , MONUMENT , PRIMORDIAL , ACCEPT , AMORPHIS , GIRLSCHOOL , INSOMNIUM , EUROPE , ABBATH , PRETTY MAIDS , LORDI , VISIGOTH , NIGHT DEMON , OVERKILL , MOB RULES , MYSTIC PROPHECY , POWERWOLF - Das Ende einer Ära?

Sommer, Sonne, Abschiedsstimmung: Das diesjährige BANG YOUR HEAD stand unter dem Motto „The end of an era“ – eine Agenda, die Veranstalter Horst E. Franz nicht nur live auf der Bühne in Balingen, sondern auch im Interview auf diesen Seiten näher erklärt. Vor Ort freute sich unser Team über eine gewohnt starke Auswahl an motivierten und spielfreudigen Bands, in der es den einen oder anderen Geheimtipp zu entdecken gab.

Donnerstag

Der Tag startet mit einer Überraschung: Kickin Valentina mussten wegen Sängermangels kurzfristig absagen. Die Schweizer Hardrocker BLACK DIAMONDS springen ein, freuen sich über die Chance und legen gleich mit ´We Want To Party´ die Marschrichtung ihres Sets fest.
Deutlich härter gehen BURNING WITCHES zu Werke: Die fünf Ladys lassen Old-School-Heavy-Metal-Herzen nicht nur höher, sondern auch schneller schlagen. Wenn Frontfrau Seraina ´We Eat Your Children´ ins Mikro röhrt und ihre Kolleginnen über die Bühne fegen, kann man kaum anders, als die Matte zu schwingen (und den Damen guten Appetit zu wünschen).
Reichlich Action gibt´s auch bei ECLIPSE: Die Schweden trichtern ihren Fans als Dank für die Bombenstimmung mit ´The Storm´, ´Wake Me Up´ und ´I Don´t Wanna Say I´m Sorry´ eine ganze Wagenladung Ohrwürmer in die Lauscher. Ein höheres Wölkchen im Melodic-Hardrock-Himmel hätten die Jungs mehr als verdient.
Wer noch mehr Party-Faktor will, ist bei RECKLESS LOVE genau richtig. Nicht nur Jenzzz Peters, der sich (so munkelt man) ´So Happy I Could Die´ grölend die Klamotten vom Leib reißt (natürlich nur, um sie beim ekstatischen Tanzen nicht vollzuschwitzen), findet schnell Gefallen am energiegeladenen Auftritt der finnischen Glam-Metaller. Die freuen sich ´nen Keks und legen alles daran, den ersten Preis des inoffiziellen „Poser des Festivals“-Rankings abzusahnen. Sänger Olli Herman schwingt derweil gekonnt in schwarzer Samtleggings die Hüften und propagiert schon mal ´We Are The Weekend´.
Einen Preis könnten auch ALESTORM gewinnen, und zwar für die „geschmackvollste“ Bühnendeko, bei deren Foto Kollegin Malon bittere Tränen weint. Neben grellen Bannern in allen Farben des Neon-Regenbogens haben die Schotten auch eine überdimensionale aufblasbare Quietscheente auf die Stage verfrachtet. Wer bei so viel „Schönheit“ noch Augen für die Show hat und sich auf den Piraten-Metal-Klamauk einlassen kann, erlebt einen kurzweiligen Auftritt und wird die fiesen Refrains von Songs wie ´Alestorm´, ´Mexico´ oder ´Captain Morgan´s Revenge´ so schnell nicht mehr aus dem Oberstübchen bekommen. Passend zum Freibeuter-Image gibt´s die ersten Crowdsurfer des Tages – inklusive der Giga-Gummiente, die bei den letzten Stücken ´Drink´ und ´Fucked With An Anchor´ einen Ausflug ins Publikum macht. Mit ausgestreckten Stinkefingern und einem fröhlichen „Fuck you, Germany!“ treten die Seeräuber unter lautem Fan-Gejohle ab. Die Frage, was die Schotten unterm Rock tragen, bleibt weiterhin offen. (am)
Die zweite Tageshälfte startet mit dem härtesten Act des Tages, denn die US-Thrash-Legende EXODUS gibt sich ein Stelldichein. Dass es „krawalligere“ Truppen in der Vergangenheit auf der großen Bühne in Balingen nicht immer leicht hatten, ist kein Geheimnis, dennoch ist das Areal vor der Mainstage gut gefüllt. Die Kalifornier liefern in gewohnter Qualität ab und trümmern sich durch ihren dreiviertelstündigen Set, Frontmann Steve Souza freut sich über die gefühlten 500 Grad im Schatten, und auch der Rest der Band hat sichtlich Spaß. Starker Auftritt!
Anschließend sind AMORPHIS an der Reihe, deren Programm im Wesentlichen aus Stücken des aktuellen Albums „Queen Of Time“ plus den üblichen Evergreens (´House Of Sleep´ und so...) besteht. Finnische Melancholie bei strahlendem Sonnenschein ist ja sowieso immer so ´ne Sache, aber auch davon ab will der Funke nicht so recht überspringen, denn die Herrschaften wirken heute zu routiniert. Wie´s besser geht, zeigen Insomnium wenige Stunden später auf der Hallenbühne.
Dass DORO live eine Macht ist, ist kein Geheimnis (unserer letzten Ausgabe lag schließlich nicht umsonst eine Live-CD des deutschen Frolleinwunders bei), und der heutige Gig in Balingen ist selbstverständlich keine Ausnahme. Frau Pesch und ihre Begleitmannschaft haben sichtlich Spaß, kommen wie immer grundsympathisch rüber und spielen einen Set, der sich auf die größten Hits des Backkatalogs konzentriert. Hätte sicherlich auch als Headliner gut funktioniert.
EUROPE genießen im Jahr 2018 ihren x-ten Frühling – und ich wage zu behaupten, dass Joey Tempest (v./g.), John Norum (g.) & Co. live noch nie besser als heutzutage waren. Der Headliner-Gig in Balingen, bei dem ein Hit den nächsten jagt, gerät dementsprechend zum Triumphzug, von dem wirklich KEIN Besucher des Festivals enttäuscht sein dürfte. Um es ganz klar zu sagen: Europe? Gehen wirklich immer! (jp)

Freitag

Während sich manche noch wegen der Headliner-Problematik ärgern, sollten sie sich eher freuen, dass der heutige Tag mit interessanten Acts beginnt. ALPHA TIGER waren bereits vor fünf Jahren der Opener, und es bleibt unverständlich, dass die Karriere der Sachsen nicht so richtig ins Laufen kam und man heute auf der gleichen Position verharrt. Unabhängig davon bietet die Truppe einen soliden Auftritt.
Stilistisch nicht weit von ihnen entfernt sind die folgenden STRIKER. Die bieten eine Extraportion Power, Speed sowie Bühnen-Action und kommen damit wesentlich besser beim Publikum an.
MONUMENT sind ein zweischneidiges Schwert: Einerseits kann man ihnen den ultimativen Ideendiebstahl bei Iron Maiden vorwerfen, andererseits verarbeiten sie die Einflüsse von Harris & Co. gekonnt, und solange nicht jedermann mit der Ausrichtung der neuen Scheibe des englischen Flaggschiffs glücklich ist, können die jungen Briten den Hunger nach dem Sound der frühen Maiden gekonnt stillen. Gitarrist Dan Baune (der als gebürtiger Niedersachse eine Ansage auf Deutsch macht) tänzelt sogar wie Janick Gers, und jeden Augenblick wartet man darauf, dass Frontmann Peter Ellis ein „Scream for me, Balingen!“ ins Mikro brüllt. Die Jungs haben die NWOBHM in ihrer DNA, und das zählt.
NIGHT DEMON sind die wohl tourfreudigste Band der letzten Jahre, und die Ochsentour zahlt sich aus. Man kennt das Trio und weiß, was man erwarten darf. Überraschend allerdings das heutige Cover, denn mit ´In Trance´ von den Scorpions (eventuell hat man sich die Inspiration dazu bei Uli Roths Auftritt im Mai in Gelsenkirchen geholt) hat wohl niemand gerechnet. Ebenso überraschend ist, dass Frontmann und Transpirationsmonster Jarvis Leatherby ausgerechnet am heutigen bullenheißen Tag weniger schwitzt als sonst. Egal, wie oft man die Kalifornier in letzter Zeit gesehen hat, sie überzeugen immer!
Auftritte von JAG PANZER in Deutschland sind etwas Rares, daher herrscht schon kurz vor Show-Beginn eine ganz besondere Stimmung vor der Bühne. Die erfährt erst mal einen Dämpfer, als man sieht, dass Gitarrist Joey Tafolla fehlt, und für die, die nicht im Januar beim Metal Assault dabei waren, überrascht die neue Langhaarfrisur von Harry „The Tyrant“ Conklin, mit der auch ein anderes, lockereres Bühnenauftreten verbunden ist. Unabhängig davon versorgt die Truppe aus Colorado das Publikum mit Gänsehautmomenten, Harry ist wunderbar bei Stimme, und wegen Göttergaben wie ´Iron Eagle´, ´Chain Of Command´ und ´Shadow Thief´ haben viele das Gefühl, das Festival habe bereits seinen Höhepunkt erreicht. Fannähe beweist zudem Gitarrist Mark Briody, der bei der Schlussnummer die Bühne verlässt und erst im Fotograben und dann im Publikum ´No Mercy´ abschließt. (wk)
Ganz ehrlich und bei aller Sympathie: Der Sinn von CORELEONI, der neuen „Band“ von Gotthard-Gründer/Immer-noch-Gitarrist Leo Leoni, mit der er Songs der frühen Gotthard-Alben (!) „covert“, hat sich mir schon nicht auf dem aktuellen „The Greatest Hits Part 1“-Album erschlossen, aber was soll´s: Am Freitagnachmittag kommt der Best-of-Set nach dem vorangegangenen Echt-Metall-Quartett mit ´nem kühlen Blonden in der Hand (nee, nicht im Arm...) schon allein wegen der bewundernswerten Professionalität und der angenehmen Stimme Ronnie Romeros (u.a. auch Rainbow) sehr ordentlich, und der Publikumsandrang ist durchaus der Rede wert. Aber: Wo zum Teufel ist Jenny?
Wahrscheinlich im Backstage zusammen mit Mandy ´n Tetra Pak Château de la Domestos vernichten, schließlich fehlt auch von unserem Black-Metal-Wildfang jede Spur, dabei wuchtet sich im Anschluss Ex-Immortal-Trumm ABBATH mit seinen bemalten Kumpels auf die Bühne und erweckt erneut den Eindruck, mit seiner Truppe eher so was wie ´ne postapokalyptische Version von Kiss als ernsthaft diabolische Höllenritte anzustreben, aber wir sind hier ja auch nicht nachts in Norwegen, sondern bei nach wie vor sengender Sonne im Zollernalbkreis. Abbath selbst jedenfalls hat Bombenlaune und lacht sich zwischendurch gerne mal schlapp, sein Geknurre ist nur aufgesetzt böse. Ich meine sogar, er hätte irgendwann „Schupfnudeln not Satan!“ gesagt...
Nach der Headliner-Special-Show auf dem Rock Hard Festival ist vor dem nächsten „normalen“ OVERKILL-Konzert, und in der 70-Minuten-Disziplin räumen die Ostküstler genauso ab – auch vor einem traditionell „melodischer“ orientierten Publikum wie in Balingen. Die Band, allen voran Frontmann Blitz, mittlerweile dünn wie ´ne Bohnenstange, wird mit steigendem Alter immer fitter, das Energielevel dementsprechend höher. Kein Scheiß: ´Rotten To The Core´, ´Hello From The Gutter´, ´Elimination´ oder der obligatorische ´Fuck You/Sonic Reducer/Fuck You´-Abschluss killen live heutzutage nachhaltiger als vor 25 Jahren.
ACCEPT sind als Headliner Heavy-Metal-Arbeiter im positivsten Sinne, „Neu“-Gitarrist Uwe Lulis wirkt mittlerweile deutlich integrierter und nicht mehr wie Wolf Hoffmanns Wasserträger, zudem hat die Band mit „The Rise Of Chaos“ (´No Regrets´!) ihr stärkstes Album seit mindestens „Objection Overruled“ (heute – Applaus, Applaus! – im Set: der Titelsong) im Gepäck. Als Abräumer, von Mark Tornillo quasi perfekt, dabei immer unprätentiös interpretiert, erweisen sich aber natürlich die unkaputtbaren, gar nicht mal so einfallslos ausgesuchten Klassiker, neben ´Princess Of The Dawn´, ´Metal Heart´ und ´Balls To The Wall´ auch ´Up To The Limit´, ´Ahead Of The Pack´ und das großartige ´Starlight´. Oder kurz gesagt: alles in allem geiler als Jens Peters´ Banana-, Quatsch: Bandana-Sammlung. (bk)

Samstag

Als Erstes müssen am letzten Festivaltag EVERTALE ran. Die Südbadener werden mit dieser doppelten Hypothek erstaunlich gut fertig und machen den nicht übermäßig vielen und obendrein etwas abgekämpft wirkenden Fans mit ihrem kurzweiligen, weil straighten Speed- und Power Metal ordentlich Feuer unterm Hintern – und das bei 27 Grad bereits am späten Vormittag und technischen Problemen bei Hauptsänger und Gitarrist Matze Graf, für den streckenweise Basser Marco Bächle die Leads übernehmen muss.
Zur Mittagsstunde entern CLOVEN HOOF die Bühne. Es ist noch heißer geworden, aber die NWOBHM-Veteranen tragen tapfer Lederkluft. Fronter George Call (Aska/Emerald) schießt den Vogel ab und hat sogar noch ´nen Reißer unter der Motorradjacke. Seinen Sangeskünsten tut das keinen Abbruch, die hohen Schreie kommen top und setzen Stampfern wie ´Time To Burn´, dem epischen ´Highlander´ oder dem Evergreen ´Cloven Hoof´ die Krone auf.
„Party with the Tygers“ heißt es anschließend. TYGERS OF PAN TANG-Klassiker wie ´Euthanasia´, ´Raised On Rock´, ´Gangland´ oder ´Hellbound´, die irgendwo zwischen Metal, Proto-Speed und Streetrock durch die ausgedörrte Botanik rocken, machen auch mit ´nem Sonnenstich Laune. Aber neue Sachen wie das bluesige, an frühe Whitesnake erinnernde ´Glad Rags´ oder das rollende ´Keeping Me Alive´ werden ebenfalls abgefeiert. Für mich die Sieger des Nachmittags.
Jetzt kommen die Damen vom Grill: GIRLSCHOOL brutzeln in ihren Lacklederhosen wie Rindswürste auf dem Rost, kontern die Hitze aber mit coolen Sprüchen („Wir hätten in Badeanzügen kommen sollen“, „Dann trinken wir eben Wasser statt Bier“) und lassen auch sonst keine Langeweile aufkommen. Schon nach den ersten Takten ist klar: Die „Mädels“ sind auch im 40. Karrierejahr mit Herzblut dabei. Besonders „Neuzugang“ Jackie Chambers (erst 18 Jahre am Start) kriegt aufgrund der Publikumsreaktionen das Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht. Solche Tanten wünscht sich jeder Metal-Fan! (fm)
Dreimal NWOBHM in Folge muss reichen, wir sind hier ja nicht beim HOA, aber auch PRIMORDIAL lassen die Finger nicht von der alten Schule. Der Typ auf der Bühne, bei dem ich zuerst dachte, er wäre der Vadder von Girlschool, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Alan Averill, der sich heute besonders gruftig bemalt hat und in seinen Lumpen froh sein kann, dass er nicht über Bayern eingereist ist, Markus Söder hätte ihn wahrscheinlich persönlich zurück aufs Boot gebracht. Verpasst hätten wir nicht nur den Black-Metal-Rockstar Nummer eins, sondern auch eine Sieben-Song-Setlist ohne einen einzigen Ausfall. Nach wie vor gilt: tolle, wichtige Band!
LOUDNESS sind ganz schön hoch platziert im Billing, allerdings könnte das daran liegen, dass sie mittlerweile von mir noch mal nachgezählte 3.677 Alben in der Vita haben, von denen außerhalb Japans 3.667 allerdings komplett unbekannt sind, weshalb jeder nur auf ´Esper´ wartet, das sie allerdings gar nicht spielen. Dafür aber u.a. ´Crazy Doctor´, ´S.D.I.´ und ´Let It Go´, was auch nicht schlecht ist, und außerdem entpuppt sich Akira Takasaki einmal mehr als der – no kidding! – beste Gitarrist des Festivals (nun ja, ex aequo mit Wolf Hoffmann). Da holt am Ende sogar unser Karlsruher Tunichtgut Felix Mescoli die Luftklampfe raus, lässt dabei aber natürlich sofort sein durchaus preisintensives 36. Fürstenberg des Nachmittags fallen. Shit happens!
Die PRETTY MAIDS werden wahrscheinlich automatisch zusammen mit der BYH-Bühne geliefert, hatten im Dunkeln zwischen Streben und Stäben aber immerhin die Gelegenheit, sich das komplette „Future World“-Album (chronologisch) draufzupacken, mit dem sie ihren Headliner-langen Gig eröffnen – wobei es natürlich schon irgendwann ein bisschen doof ist, dass die großen Hits fast alle auf der A-Seite stehen, und außerdem zocken sie im zweiten Teil (vor anderem Backdrop und nach nicht gerade kurzer Pause) weder was von ihrem besten Album „Jump The Gun“ (jawoll!) noch mein Post-Majorlabel-Highlight ´Hell On High Heels´, das alleine schon wegen seines Titels IMMER ins Programm gehört. Aber ich will nicht weiter rummäkeln, nur um ein paar schale Gags unterzubringen: Die Dänen sind nach wie vor eine Bank, gute Laune ist garantiert! (bk)
POWERWOLF spalten die Rock-Hard-Reisegruppe. Der Riss verläuft zwischen Boris „Ähem, ja“ Kaiser und Jens Peters, der mit verklärtem Blick mitschwoft (vielleicht liegt´s am Ouzo?), während ich versuche, mir die Show mit halbwegs objektivem Blick anzugucken. Worauf mir Boris kurzerhand das Review aufs Auge drückt – quasi als Strafarbeit. Obwohl ich beim Hören von Powerwolf-Alben wegen meiner Schmelzkäseallergie sofort nässende Ekzeme kriege und mir Bands, die den Drumriser nicht in der Mitte platzieren, suspekt sind, kann ich den saarländischen Rumänen ihre hervorragenden Live-Qualitäten nicht absprechen: Songs wie ´Blessed And Possessed´, ´Sanctified With Dynamite´ oder ´We Drink Your Blood´ kann man auch ohne Vorkenntnisse auf Anhieb mitsingen, spielerisch wird alles einwandfrei dargeboten, und schließlich bietet das Quintett ein Bühnenspektakel erster Kajüte. Die Laufwege flutschen wie bei einer perfekt eingespielten Fußballmannschaft, das aufwendige Bühnenbild macht was her, und bei den Pyros wird an Sprit nicht gespart. Sympathisch wirkt, dass Powerwolf sich trotz allen Bombasts nicht zu ernst nehmen, was besonders bei Attilas schrulligen Ansagen deutlich wird. Fazit: Auf der „Nostradamus World Tour“ von Priest hab ich mehr gelitten. (fm)

DIE HALLE

Mittwoch


Seit einigen Jahren wird das Bang Your Head bereits am Mittwoch mit einer Warm-up-Show in der Halle eröffnet, bevor am Donnerstag die große Bühne bespielt wird. Das Billing ist diesmal leicht durchwachsen, aber wenn man BLOOD GOD, eines der x Nebenprojekte von Debauchery-Vorturner Thomas Gurrath, das als Opener vor sich hinstümpern darf, erst einmal überstanden hat, hat man das Schlimmste schon hinter sich.
Anschließend dürfen THUNDERMOTHER ran, eine der derzeit besten All-Girl-Bands, die erst wenige Wochen zuvor auf dem Rock Hard Festival bewiesen haben, dass sie auch in runderneuerter Besetzung in der Lage sind, ihren Fans ein amtliches Rock´n´Roll-Feuerwerk zu kredenzen. Gerne mehr davon!
TWILIGHT FORCE hingegen sind sozusagen die Antithese zum Rock´n´Roll und treten mit Elfenohren, Schleiern und Mittelalter-Klamotten auf. Die Herrschaften spielen ihren Power Metal so klebrig, dass sogar Luca Turilli Karies bekommen würde, haben aber durchaus ihre Fans im Balinger Publikum und kommen gut an.
LORDI sind live eigentlich immer eine Macht, denn die finnischen Monster verstehen es, ihr Publikum mit zahlreichen Kiss-Gedächtnis-Showelementen bei Laune zu halten. Selbige funktionieren auch heute bestens, das Problem ist eher die Setlist, die sich deutlich auf das neuere Material der ehemaligen Eurovisions-Sieger konzentriert. Im Kern zwar durchaus solide – aber da wäre mehr drin gewesen.
Auf zum Finale: BÖMBERS sind ´ne hochkarätig besetzte (Ex-Immortal-Abbath an Bass und Gesang, noch Fragen?) Motörhead-Tribute-Band aus Bergen, die wirklich Laune macht und den Spirit des übermenschlichen Originals liebevoll einfängt. Dass man mit Lemmys Songs kaum etwas verkehrt machen kann, wenn man sie mit Respekt vorträgt, ist logisch, und so freuen sich die Besucher der Warm-up-Party über einen sentimentalen Tagesabschluss. (jp)

Donnerstag

Nachdem Ex-Lehrer und Debauchery-Chef Thomas Gurrath den Kollegen Peters bereits am Vortag mit seinem Nebenprojekt Blood God erfolgreich in den Wahnsinn getrieben hat, verwöhnt er heute die geneigten Zuhörer mit seiner dritten Kapelle BALGEROTH. Auch bei diesem nagelneuen Projekt kredenzt man die von der Hauptband bekannte musikalische Mischung, und zwar jetzt auch auf Deutsch, was leider nicht ganz ohne Fremdschämen auskommt.
Bei REFUGE zieht es merklich mehr Metalheads in die angenehm kühle Halle. Die Herner, musikalisch in Bestform, präsentieren eine ausgewogene Auswahl aus Rage-Klassikern und Material der recht frischen Refuge-Scheibe. Peavy ist gesanglich topfit und haut selbst die hohen Passagen des Frühwerks sauber raus. Die Band hat ganz offensichtlich Spaß (und das, obwohl sie sinnfreierweise zeitgleich mit Metal-Queen Doro im Spielplan gelandet ist), und Gleiches gilt für die ziemlich textsichere Crowd.
Es soll ja Fans geben, die SKELETONWITCH seit dem Weggang von Sänger Chance Garnette nicht mehr viel abgewinnen können. Der Ohio-Fünfer zeigt sich davon gänzlich unbeeindruckt und walzt, angeführt vom nicht mehr ganz so neuen Shouter Adam Clemans, mit Soundwänden aus Black, Death und Thrash alles nieder.
Jetzt wird es eng auf der Bühne, schließlich ist bei AMARANTHE der Posten am Mikro mit Sängerin, Sänger und Shouter gleich dreifach besetzt. Obwohl die Elektroschlagseite der Schweden manchem Bang-Your-Head-Jünger zu modern vorkommen dürfte, feiert das merklich angewachsene Hallenpublikum die Göteborger fleißig ab.
INSOMNIUM haben heute den vermeintlich undankbaren Rausschmeißerposten übernommen, trotzdem finden sich auch zu später Stunde noch zahlreiche Fans in der Halle ein und werden sogleich mit „Winter´s Gate“, also der kompletten aktuellen Platte, belohnt. Nachdem dieses Opus abgearbeitet ist, widmen sich die Finnen ihren übrigen Alben und präsentieren bis zum Feierabend einen fein ausgewählten Querschnitt ihres bisherigen Schaffens. (ts)

Freitag

GOD DETHRONED spielen zwar gern „Line-up wechsle dich“, wirken aktuell jedoch sehr eingespielt. Ihr Todesblei unterlegen die Niederländer um Henri Sattler (v./g.) mit feinen, teils atmosphärischen Gitarrenmelodien, die selbst Böse-Metal-Legasthenikern Spaß machen.
MOB RULES erfreuen Power-Metal-Sympathisanten mit krachenden Ohrwürmern und im Falle von Sänger Klaus Dirks den schönsten Grimassen. Mit ´The Ghost Of A Chance´ gibt´s eine Nummer vom neuen Album „Beast Reborn“ zu hören, während Fans des älteren Materials u.a. ein Stück „vom Anfang des 18. Jahrhunderts“ (O-Ton Dirks), sprich ´(In The Land Of) Wind And Rain´, goutieren dürfen.
Buchstäblich heiß wird´s bei CRAZY LIXX: Die Schweden nehmen ein Live-Video auf und lassen Feuersäulen zum Himmel steigen, als gäbe es kein Morgen. Auch sonst zeigen sich die Haarspray-Experten von ihrer besten Seite, rocken über die Stage, lassen bei ´If It´s Love´, von Sänger Danny Rexon mit der Akustikgitarre begleitet, aber auch ruhigere Töne erklingen.
Zu ANNIHILATORs Show ist es kuschelig voll. Verdient haben die Amis den Andrang, denn die Combo um Bandkopf/Scherzkeks/Entertainer Jeff Waters (v./g.) hat nicht nur den Thrash, sondern auch den Groove gepachtet und zeigt sich bei Songs wie ´Suicide Society´ oder ´Welcome To Your Death´ in Bestform. Mithilfe des Publikums verschafft Waters dem Gitarrentechniker der Band, der zu ´Annihilator´ seine Tanz- und Akrobatikkünste demonstriert, einen Sonderauftritt. ´Alison Hell´ ist schließlich die Kirsche auf dem Sahnehäubchen. Mjam!
PRIMAL FEAR stört die späte Stunde offenbar nicht die Bohne. Die Power-Metaller feiern ihr 20-jähriges Jubiläum, sind dementsprechend bester Laune und gut in Schuss. Frontmann Ralf Scheepers meistert auch die höchsten Töne, egal ob beim Gassenhauer ´Metal Is Forever´ oder der Live-Premiere des neuen Stücks ´Hounds Of Justice´. Zu ´Angels Of Mercy´ bekommt die Menge neben einem Indoor-Feuerwerk auch eine barbusige Zuschauerin zu sehen. Ganz großes Kino. (am)

Samstag

Mit Ausnahme des Headliners ist die erstmals nach A.J. Pero benannte Hallenbühne heute in erster Linie Anziehungspunkt für KIT- oder HOA-Festivalgänger. MYSTIC PROPHECY beweisen einmal mehr, dass sie Deutschlands beste Power-Metal-Band sind, und ergänzen ihr eigenes Material mit dem aufgepowerten Mike-Oldfield-Cover ´Shadow On The Wall´. Im Mittelpunkt steht natürlich Frontmann R.D. Liapakis mit seiner ausdrucksstarken Stimme, aber Basserin Joey Roxx stiehlt ihm mit ihrem sexy Outfit die Show, und nicht wenige Herren in den ersten Reihen warten, dass da was aus dem Dekolletee „hüpft“.
Der Auftritt von HEXX zählt zu den Schmankerln des Festivals, aber unverständlicherweise ist es in der Halle recht leer. Egal, die Kalifornier, die ihre Death-Metal-Phase außen vor lassen, legen einen beeindruckenden Auftritt hin und beweisen einmal mehr, dass US-Power-Metal an der Trennlinie zum Thrash nicht besser klingen kann.
VISIGOTH füllen die Halle dagegen problemlos, und das ist gut so, denn die Truppe aus Salt Lake City ist für alle, die auf klassischen epischen Power Metal mit dezenten Doom- und NWOBHM-Einflüssen stehen, die Band der Stunde und Zukunft. Kaum ein Frontmann ist mehr Metal als Jake Rogers, und mein Nachbar, der vor dem Auftritt fragte, was einen gleich erwarte, bekommt die Antwort in dem Augenblick, als Jake mit seiner Kutte und dem Nietenarmband die Bühne betritt. Mehr Heavy Metal geht nicht!
Direkt nachdem Horst Franz auf der Hauptbühne das Fortbestehen des Festivals erklärt hat, bietet es sich an, das in der Halle zu feiern, und dazu sind CRASHDIET die beste Wahl. Zunächst dreht sich bei den Schweden alles um die Frage, wie der neue Sänger einschlägt, und Gabriel Keyes beweist eindrucksvoll, dass er der richtige Mann ist. Einmal mehr demonstriert das Quartett schweißgebadet, dass es zum Besten zählt, was das Genre zu bieten hat, und schließt das Festival mit seiner Hymne ´Generation Wild´ hochklassig ab. See you 2019! (wk)

ANEKDOTEN & RANDNOTIZEN

* Gesündigt wird auf Metal-Festivals ja nicht nur hinsichtlich allerlei Ausschweifungen, auch modisch schlägt mancher über die Stränge. Das goldene Arschfax für das misslungenste Outfit geht an den Typen vor mir in der Crowd mit Kutte, Shorts und – jetzt kommt´s – dicken Socken in den Crocs. Dude, das sind Gartenschuhe! Das Arschfax in Silber geht an die Dame im Oberteil mit dem ausgeschnittenen Totenkopf auf dem Rücken. Wäre ja noch okay, würde es nicht so dermaßen einschnüren, dass der Schädel Özil-Augen macht. Das Bronze-Arschfax geht an – ihr ahnt es vielleicht – Jens Peters. Und zwar für... ach, ich erspar euch die Details. (fm)
* Während ein nicht näher definierter Schreiber (seinen Chefredakteur darf man schließlich nicht in die Pfanne hauen) von POWERWOLFs Heavy-Metal-Messe so, ähem, begeistert ist, dass er händeringend nach einem anderen Live-Rezensenten sucht, urteilt Kollege Mescoli in dubio pro lupo: „Judas Priest waren zu „Nostradamus“-Zeiten deutlich peinlicher.“ Spricht´s und heult mit Attila Dorn und Jenzzz Peters um die Wette den Mond an. That´s the spirit! (am)
* Erstmals gibt es in Kooperation mit dem „Zollern-Alb-Kurier“ eine kostenlose Festivalzeitung. Veranstalter Horst Franz persönlich teilt sie am ersten Abend druckfrisch in der Halle aus. (wk)
* Der lokale Tennisclub nimmt wieder kurzfristig Mitglieder auf, die dann auch auf seinem Gelände zelten können und den Club am Wochenende wohl zum mitgliederstärksten Verein der Stadt machen dürften. (wk)
* No rest for the wicked: Die CRAZY LIXX-Entourage hält die übrigen Hotelgäste einer kleinen Pension in Balingen in der Nacht von Freitag auf Samstag vom Schlafen ab – allerdings nicht durch die sonst üblichen Exzesse, sondern durch das Anstimmen von Ghosts Greatest Hits. (ts)

Es bangten ihre Heads, freuten sich über tolles Wetter und tranken Bier: Boris Kaiser (bk), Jens Peters (jp), Alexandra Michels (am), Wolfram Küper (wk), Felix Mescoli (fm) und Tobias Schmidt (ts). Die Fotos schoss Alexandra Zackiewicz.

Bands:
EUROPE
CRASHDIET
LORDI
TYGERS OF PAN TANG
POWERWOLF
PRIMAL FEAR
PRETTY MAIDS
INSOMNIUM
DORO
ABBATH
MONUMENT
GIRLSCHOOL
MYSTIC PROPHECY
ACCEPT
AMORPHIS
MOB RULES
OVERKILL
EXODUS
PRIMORDIAL
NIGHT DEMON
VISIGOTH
Autor:
Tobias Schmidt
Felix Mescoli
Wolfram Küper
Alexandra Michels
Boris Kaiser
Jens Peters

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