ToneTalk


Foto: Stephanie Cabral

ToneTalk 24.10.2018

ARMORED SAINT, FATES WARNING, MOTOR SISTER - »Die Gitarristen machen sowieso ihr eigenes Ding«

Der in Los Angeles geborene und aufgewachsene JOEY VERA ist als Bassist und Produzent ein allgegenwärtiger Bestandteil der Musikszene und ganz nebenbei noch der Rekordhalter in Sachen Rock Hard Festival mit insgesamt fünf Einsätzen für Tribe After Tribe, Fates Warning und Armored Saint. Welche Begegnungen den 55-Jährigen als Bassisten geprägt haben und was ein Tennisschläger, Südafrika und Randy Rhoads´ Bruder damit zu tun haben, erzählt er uns gut gelaunt selbst.

Joey, wie bist du ein Bassist geworden?

»Ursprünglich fing ich in der Junior Highschool als Gitarrist an, wie vermutlich viele andere Bassisten auch. Auslöser dafür war meine Begeisterung für Kiss – also damals, heute nicht mehr so wirklich (lacht). Ich habe mir einen Tennisschläger geschnappt und vor dem Spiegel versucht, Gene Simmons, Paul Stanley, Ace Frehley und Peter Criss zu sein. Dann hat mir meine Mutter eine Gitarre gekauft, die ich übrigens sogar heute noch spiele. Nach einiger Zeit begann ich, zusammen mit John Bush (Sänger von Armored Saint - ir) unter Freunden zu spielen. Wir gingen alle zur gleichen Schule und kannten uns bereits seit der dritten Klasse. In der Junior Highschool gründeten wir eine Band, in der ich Gitarre spielte – und das war der Moment, als ich so richtig angefixt wurde. Die Mädels kreischten, das Publikum applaudierte: Auch wenn wir nur Cover-Songs spielten, war es ein toller Rausch, der mich sehr motiviert hat.«

Wie bist du dann letztendlich beim Bass gelandet?

»Erst in der Highschool mit 17 Jahren. Wir gründeten eine weitere Band mit Freunden aus der Schule, aber wir hatten zu viele Gitarristen und keinen Bassisten. John war damals schon unser Sänger und wollte eigentlich auch noch Bass spielen, so wie Geddy Lee. Seine Mutter hatte ihm einen Bass gekauft, aber das hat nicht so gut geklappt. Deshalb lag das Instrument ein Jahr lang unter seinem Bett. Jemand schlug mir vor: „Warum nimmst du nicht Johns Bass? Du kannst sicher Bass spielen, das ist doch wie eine Gitarre.“ Ich stimmte zu, schnallte mir das Instrument um, und es fühlte sich sofort leicht zu spielen an. Das war der Moment im Jahr 1978, in dem meine Bassisten-Karriere begann. Ich habe immer noch diesen Bass, einen 1972 Fender Precision, der für mich einen hohen persönlichen Wert hat. Er ist nicht mehr in seinem Originalzustand, weil er mit den Jahren kaputtgegangen ist. Dennoch spielt er sich wunderbar, bleibt aber zu Hause und kommt nicht mehr mit auf Tour. Er ist und bleibt mein Lieblingsbass.«

Mit auf die Bühne nimmst du heute Bässe der Marke ESP. Wie passt du die Instrumente an deine persönlichen Bedürfnisse an?

»Ich verwende ESP-Bässe nun schon seit fünf oder sechs Jahren und habe viele kleine Eigenheiten entwickelt: Ich spiele vor allem Instrumente, die ein Schlagbrett und ein Precision-Jazz-Setup der Tonabnehmer haben. Seit Anfang der Achtziger schneide ich eine Daumenhalterung auf Höhe des oberen Precision-Pickups ein. Da ich meistens zwischen dem Precision- und dem Jazz-Pickup spiele und nicht genau über einem, kann ich dort meinen Daumen ablegen. Mittlerweile schneiden die Jungs im Custom-Shop die Halterung schon für mich aus. Ich baue außerdem Brücken von meinem Endorser Babicz ein. An Tonabnehmern nutze ich schon lange EMGs und habe aktuell die X-Serie eingebaut. Daher muss man Platz für die Batterien schaffen. Außerdem verwende ich seit mehr als 30 Jahren DR-Saiten, sie müssen auf all meinen Instrumenten sein.«

Welche Bands haben dich als Bassist geprägt?

»Vieles kommt aus den unterschiedlichsten Richtungen. Am Anfang waren es Gruppen wie Earth, Wind & Fire, Sly And The Family Stone, The Brothers Johnson, dann kam Classic Rock wie Led Zeppelin, die frühen Black Sabbath, Hendrix, und etwas später mochte ich die Stones und die Beatles. Dann Thin Lizzy, UFO, Judas Priest, Scorpions – die Liste im Hardrock geht immer so weiter. Genau wie in der NWOBHM: Maiden waren ein großer Einfluss, Motörhead, Saxon natürlich, verdammt! Zu guter Letzt dann noch Jazz/Fusion: Jeff Beck, Jean-Luc Ponty, Marcus Miller und natürlich Jaco Pastorius, der mir 1981 den Kopf verdreht hat.«

Ich habe gelesen, dass du von einer afrikanischen Musikgruppe inspiriert wurdest, Musiktheorie zu studieren.

»Oh wow, woher weißt du das denn? Als ich sehr jung war, habe ich ein paar Unterrichtsstunden am Bass genommen. Alles Weitere habe ich mir selbst und per Gehör beigebracht. In meinen frühen Dreißigern, kurz nachdem Armored Saint sich 1992 aufgelöst hatten, begann ich, neue Dinge in Los Angeles zu entdecken. Ich stieß dabei auf diese 13-köpfige Musikgruppe, deren Gründer aus Südafrika stammten. Sie machten traditionellen südafrikanischen Reggae, gemischt mit modernem Pop. Die meisten Musiker kamen ebenfalls aus L.A. und waren so richtig verrückte Jazz- und Session-Musiker. Ich war nur der Typ aus der Heavy-Metal-Band. Ich freundete mich mit dem Gitarristen an, einem italienischen Jazz-Musiker namens Giovanni Lombardi. Er hatte gerade seinen Abschluss am Musicians Institute in Los Angeles gemacht und sagte: „Du bist ein Naturtalent, aber du könntest noch besser spielen, wenn du mehr wissen würdest. Lass mich dir was beibringen.“ Also nahm ich ein Jahr lang Unterricht bei ihm und bekam quasi das gesamte MI-Programm zu einem viel günstigeren Preis (lacht). Der Schwerpunkt lag auf Jazz-Improvisation und Harmonielehre. Nach dem Jahr hat mir das neue Wissen Türen in meinem Kopf geöffnet, die ich zwar kannte, aber nicht wusste, wie ich zu ihnen hinkomme. Es hat mein Spiel und mein Songwriting um das Zehnfache verbessert. Ich fühle mich wie ein sehr schlechter Schüler, denn ich habe nicht weiter geübt und ein paar Jahre später ganz mit dem Lernen aufgehört. Aber das Wissen ist geblieben, und ich bin sehr dankbar für das, was er mir beigebracht hat.«

Du hast diverse Bands, Projekte und Jobs als Produzent, in denen du mit unterschiedlichen Musikstilen arbeitest. Wie wichtig ist dir diese Vielfalt?

»Sie ist mir sehr wichtig, was mir aber auch erst bewusst wurde, als ich da reingestolpert bin. Nachdem sich Armored Saint aufgelöst hatten, war ich dazu gezwungen, mit anderen Musikern zusammenzuspielen. Ich war damals in vielen verschiedenen Gruppen aktiv: diverse Versionen dieser afrikanischen Gruppe und Cover-Bands, bis es sich langsam dazu entwickelt hat, mit Fates Warning zu spielen. Dabei traf ich Kevin Moore von Dream Theater und spielte auf seinem ersten Chroma-Key-Soloalbum. Wenn man mit diesen unterschiedlichen Musikern arbeitet, lernt man wirklich viel. Beim gemeinsamen Musizieren teilt man eine Sprache, die ohne Worte auskommt. Das lässt einen das große Ganze sehen. Es ist mir sehr wichtig, das aufrechtzuerhalten.«

Welche unterschiedlichen Herangehensweisen hast du für dein Bassspiel bei Armored Saint und Fates Warning?

»Ich glaube, ich habe mir die Fähigkeit erarbeitet, meinen Platz als Persönlichkeit und auch als Musiker zu kennen. Ich weiß, wann ich mich zu Wort melde oder besser die Klappe halte. Ich kenne meine Rolle im Team, bin ein Teamplayer und übertrete meinen Bereich nicht, außer ich muss. Mein Einstieg bei Fates Warning 1996 war eine 180-Grad-Drehung für mich: Ich hatte noch nie zuvor in ungewöhnlichen Taktarten und so komplizierte Musik gespielt. Das Erste, was ich mit ihnen gemacht habe, war „A Pleasant Shade Of Gray“, verdammt noch mal! Die ganze Platte ist ein wunderschönes Stück Musik – und meine Einführung in Fates Warning. Ich fühle mich sehr geehrt, ein Teil davon zu sein, und habe viel mitgenommen. Später konnte ich mit Kevin Moore, Mike Portnoy, Nick D´Virgilio, Mark Zonder und all diesen tollen Musikern zusammenarbeiten. Mit so vielen Menschen gespielt zu haben, zeigt einem, an welchem Punkt man im Team steht und was der eigentliche Job ist – und was nicht.«

Wie definierst du im Bandkontext einen guten Bassisten?

»Meine ganz persönliche Meinung ist: Du musst grooven! (Lacht.) Man muss einen Draht zum Schlagzeuger und zum Sänger haben. Die Gitarristen machen sowieso ihr eigenes Ding, also lässt man sie in Ruhe. Als ich sehr jung war, habe ich ein tolles Kompliment bekommen: Mit 18 ging ich zu einem Vorspielen – was etwas merkwürdig für mein Alter war, da ich bis dahin nur auf Hinterhof-Partys gespielt hatte. Dort wurde ich jemandem vorgestellt, der eine neue Band gründete, und es stellte sich heraus, dass es Kelle Rhoads war, der Bruder von Randy Rhoads. Ich kannte Randy nicht persönlich, aber aus L.A. von Quiet Riot und natürlich Ozzy. Als ich das herausfand, war ich sehr nervös. Kelle war Sänger und viel älter und erfahrener als ich, der zu dem Zeitpunkt gerade mal zwei oder drei Jahre Bass gespielt hatte. Für die Audition lernte ich zwei Songs und machte mir vor Nervosität fast in die Hose. Anschließend kam Kelle zu mir und sagte: „Ich mag die Art, wie du spielst. Es erinnert mich daran, wie Menschen tanzen.“ Meine Reaktion war: „Eh, okay, danke, Mr. Rhoads…“ Als ich ging, fragte ich mich, was zum Geier er denn damit gemeint haben könnte. Ich habe den Job nicht bekommen, aber seine Worte sind hängen geblieben. Etwas später dämmerte es mir, dass es tatsächlich ein Kompliment war. Ich finde es schön, dass mein Bassspiel bei jemandem Bilder von tanzenden Menschen hervorruft. Das hat mich daran erinnert, dass der Groove das Wichtigste ist.«

www.joeyvera.com

DISKOGRAFIE (Auswahl Studioalben)

ARMORED SAINT

March Of The Saint (1984)
Delirious Nomad (1985)
Raising Fear (1987)
Symbol Of Salvation (1991)
Revelation (2000)
La Raza (2010)
Win Hands Down (2015)

FATES WARNING

A Pleasant Shade Of Gray (1997)
Disconnected (2000)
FWX (2004)
Darkness In A Different Light (2013)
Theories Of Flight (2016)


JOEY VERA

A Thousand Faces (1994)


A CHINESE FIREDRILL

Circles (2006)


MOTOR SISTER

Ride (2015)


TRIBE AFTER TRIBE

Pearls Before Swine (1997)
Enchanted Entrance (2002)
M.O.A.B. (2008)


ARCH/MATHEOS

Sympathetic Resonance (2011)


SEVEN WITCHES

Passage To The Other Side (2003)
Deadly Sins (2007)


CHROMA KEY


Dead Air For Radios (1998)


ENGINE

Engine (1999)
Superholic (2002)


PEARL

Heartbreak And Canyon Revelry (2018)

Bands:
ARMORED SAINT
FATES WARNING
MOTOR SISTER
Autor:
Isabell Raddatz

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos

Diese Seite verwendet Cookies. Erfahrt in unserer Datenschutzerklärung mehr darüber, wie wir Cookies einsetzen und wie Ihr Eure Einstellungen ändern und Cookies deaktivieren könnt. Darüber hinaus verwenden wir Cookies Dritter für die Einbindung audiovisueller Inhalte durch Youtube, Spotify und Soundcloud. Dem könnt ihr hier zustimmen oder dies ablehnen. Datenschutzerklärung ansehen.