Kolumne

Kolumne 30.05.2012

„Wie sinnlich du doch bist!“

Die Rückkehr des Vinyls

Vinyl, Vinyl, überall Vinyl. Egal, wo man als Musikfan hinkommt, fast egal, welchen Stil die Leute bevorzugen, momentan scheint in der Szene das Thema „Schallplatte“ vorzuherrschen und beinahe alles andere zu überlagern. Es stellt sich die Frage: Reden wir hier eigentlich über einen bald wieder abebbenden Hype, oder ist Vinyl tatsächlich noch geiler als Schampus, Titten, Lachs?

Die offiziellen Zahlen des Bundesverband Musikindustrie für das Gesamtjahr 2011 sind erst seit wenigen Wochen veröffentlicht, und sie sprechen eine deutliche Sprache: In einem insgesamt stagnierenden Markt, in dem der Umsatz mit Musik-CDs im Vergleich zum Vorjahr um 2,9 Prozent geschrumpft ist, legte der mit Vinyl, dem Medium, das bis Ende der achtziger Jahre den Markt bestimmte und danach totgesagt wurde, um satte 15,6 Prozent zu - eine Entwicklung, die an die letzten Jahre anknüpft und sogar noch weiter an Fahrt aufgenommen hat.

Und „Entwicklung“ ist hier sicherlich in der Tat das bessere Wort als „Trend“, diese langfristige Kurve nach oben ist in einem schwierigen Geschäft viel zu bemerkenswert, um sie kleinzureden. Klar, betrachtet man die Gesamtverkäufe der deutschen Musikbranche (der Gesamtumsatz betrug 1,67 Milliarden Euro), stehen „nur“ 700.000 abgesetzten LPs immer noch 97 Millionen an die Konsumenten gebrachte CDs gegenüber. Allerdings muss bezweifelt werden, dass diese offiziellen Angaben sämtliche verkauften Vinylplatten von Klein- und Kleinstlabels enthalten, die wirklichen Zahlen dürften also höher liegen, und selbst wenn das nicht der Fall sein sollte: 700.000 ist ein stolzes Ergebnis für ein Medium, das selbst Mitte der nuller Jahre in weiten Kreisen nur noch belächelt wurde.

Aber warum greifen die Fans wieder vermehrt zur guten alten LP und lassen die CD immer öfter links liegen? Nun, generell hat das natürlich in erster Linie etwas mit dem Hörerlebnis zu tun - und damit, dass sich der Markt mehr und mehr splittet. Heerscharen von Gelegenheitshörern, die Musik im Normalfall nur noch „nebenbei“ konsumieren und denen es im Grunde völlig egal ist, ob ihre bevorzugten Lieder als schmucklose mp3-Dateien auf ihrem Rechner parken, auf ´ner fettfleckigen CD-R im Auto rumfliegen oder auf einer ja nun wirklich auch nicht immer liebevoll gestalteten „richtigen“ CD gespeichert sind, stehen einer Gruppe von Konsumenten gegenüber, die die Industrie „Intensivkäufer“ nennt und mit vier Prozent der Gesamtkundschaft beziffert. Alleine diese vier Prozent generieren sagenhafte 37 Prozent der Musikmarktumsätze. Natürlich kaufen diese Leute - es werden garantiert sehr viele Rock-Hard-LeserInnen darunter sein, die Musik als wichtigen Lebensinhalt ansehen - nicht ausschließlich Vinyl, dafür ist die CD noch viel zu stark. Aber zumindest ein Gutteil schwenkt nach und nach um.

Und das hat Gründe: Zum einen ist da natürlich erst mal der Sound. Klar, jeder CD-Fan wird die Vorzüge des Digitalen aufs Schärfste verteidigen, und das nicht ganz zu Unrecht, denn „objektiv“ ist die CD ohne jeden Zweifel das deutlich leistungsstärkere, sauberere Medium, zudem viel weniger anfällig für Störgeräusche. Das Problem ist nur: „Objektivität“ spielt beim Hören von Musik überhaupt keine Rolle. Alleine der Fakt, dass in der Natur kein einziges Geräusch digital erzeugt wird - Geräusche sind Frequenzwellen - und ein Plattenspieler dies quasi reproduziert, indem er beim Abtasten Schwingungen Töne werden lässt (zudem werden hochfrequente Obertöne im Gegensatz zur CD nicht eliminiert), disqualifiziert für eingefleischte Vinylfans, die eben vor allem die - im wahrsten Sinne des Wortes - Natürlichkeit des Analogen preisen, jedes andere Medium. Dazu kommt, dass die CD, von der Handlichkeit abgesehen, in Sachen Gesamterlebnis keinen weiteren Vorteil bietet: Zumindest gelungene Coverartworks wirken in LP-Größe wesentlich intensiver, ein Textblatt liegt deutlich besser in der Hand als ein immer viel zu kleines CD-Booklet, und ja, als Platten-Nerd darf man an dieser Stelle auch über Sinnlichkeit reden: Nur wenig fühlt sich schöner an, nur wenig riecht besser als eine neue LP, die man zum ersten Mal aus der Hülle zieht.

Aber kann ich denn eigentlich auch alles auf Vinyl kaufen, das als CD erhältlich ist? Nein, dies zu behaupten, wäre übertrieben - aber aufgrund der steigenden Absatzzahlen ist die Auswahl in letzter Zeit zumindest wieder viel, viel größer geworden, und gerade in „vinyltypischen“ Stilen - z.B. im traditionellen Metal, Black Metal, Hardrock, Doom, Stoner Rock, Postrock oder Prog - ist eigentlich so gut wie jede Neuerscheinung mittlerweile auch als Platte zu haben; zudem gibt´s umgekehrt mehr und mehr Veröffentlichungen (übrigens gerne auch als 7“-Singles) neuerdings ausschließlich als Vinyl, vor allem bei kleineren Firmen. Dass diese Releases fast alle limitiert sind (der momentan gängige Durchschnitt dürfte maximal bei 500 Exemplaren liegen), ist dabei Fluch und Segen zugleich: Zwar kommt es immer mal wieder vor, dass man als interessierter Käufer leider leer ausgeht, weil die jeweilige Auflage bereits nach kurzer Zeit vergriffen ist; dafür hat sich hochwertiges, nicht an jeder Ecke erhältliches Vinyl, und das kann man heutzutage wirklich nur noch selten behaupten, genreübergreifend im Laufe der Jahrzehnte als sehr stabile Wertanlage etabliert. Diesen Gedanken mögen manche Hörer spießig finden - aber warum zum Teufel sollte das „schwarze Gold“, das man ja schließlich beinahe unendlich oft hören kann, wenn man es pfleglich behandelt, seinem Namen nicht auch in dieser Hinsicht gerecht werden?

Interview mit Andreas Reissnauer, A&R/Head Of Promotion bei Metal Blade Records

Wie bei eigentlich allen größeren Indie-Labels kann man auch bei Metal Blade, die 2012 ihren 30. Geburtstag feiern und u.a. Bolt Thrower, Primordial und Fates Warning unter Vertrag haben, mittlerweile nicht mehr nur zwischen CD und Download wählen, wenn ein neues Album im „echten“ Metal-Bereich erscheint. Nein, auch die gute alte LP ist wieder im Angebot.

Andreas, Metal Blade bringen ihre Veröffentlichungen fast alle auch wieder auf Vinyl raus, sogar Klassiker von Flotsam And Jetsam oder Fates Warning erscheinen als Re-Releases erneut. Wie siehst du diese Entwicklung persönlich?

»Die Leute freuen sich über die vielen Vinyl-Neuerscheinungen und noch mehr über die Reissues, und wenn andere Menschen sich freuen, finde ich das persönlich natürlich auch gut. Die Nachfrage regelt das Angebot. Wenn Titel ausverkauft sind und auf eBay Fantasiepreise erzielen, ist es an der Zeit, sich über Wiederveröffentlichungen Gedanken zu machen.«

Wurdet ihr von der Nachfrage überrascht, oder betrachtet ihr das Ganze als logische Entwicklung in der Musikbranche?

»In den Neunzigern und Nullern war die Nachfrage nach Vinyl in der Tat deutlich geringer. Die Metalszene hat sich etwas gesplittet in den letzten Jahren, und gerade die Leute, die dem Mainstream-Metal mit seinen Plastiksounds abgeschworen haben, kaufen fast ausschließlich nur noch Vinyl. Ich kenne einige Fans, die gar keine CDs mehr erwerben. Es sind aber sicher auch viele dabei, die von der LP zur CD und wieder zurück geswitcht sind. Ich weiß nicht, ob das eine Überraschung ist. Die steigende Nachfrage ist ja nicht über Nacht passiert, und da spielen neben den offensichtlichen Faktoren wie Klang, größeres Artwork und längere Halbwertszeit sicherlich auch noch verschiedene andere eine Rolle. Eine gewisse Abgrenzung zum Mainstream zum Beispiel und auch der Coolnessfaktor, denn Vinyl sieht nun mal geiler aus als CDs.«

Wie verteilen sich bei Metal Blade mittlerweile prozentual die Verkäufe?

»Bei den physischen Verkäufen sind es in Europa ca. sieben Prozent Vinyl und 93 Prozent CDs, die Tendenz ist beim Vinyl aber steigend. Es kommt allerdings auch auf die Veröffentlichung an. Von einer neuen Amon Amarth kann man prozentual natürlich weniger Vinyl verkaufen als von einer Pentagram oder In Solitude.«

Bitte denke zehn Jahre in die Zukunft. Welche Rolle wird Vinyl dann spielen?

»Von anderen Formaten losgelöst, wird Vinyl sicherlich weiterhin eine tragende Rolle spielen. Im Gesamtzusammenhang vermutlich sogar eine größere als heutzutage; die Tendenz ist ja erkennbar. Es gibt immer weniger Orte, an denen man Tonträger kaufen kann, und wenn sich sowieso alles im Internet abspielt, ist es gut möglich, dass noch mehr Media-Markt-Gelegenheitskäufer den Weg zurück zum Vinyl finden. Über den Nachwuchs mache ich mir wenig Sorgen. Viele Vinylkäufer sind erstaunlich jung, das sieht man auf Börsen und Konzerten.« (bk)

Schwarzes Gold

Ein Besuch bei Music On Vinyl und Record Industry

Ein Eldorado für Fans der (meistens) schwarzen Rille befindet sich kurz vor den Toren Amsterdams: Hier, in der holländischen Kleinstadt Haarlem, hat sich in einem unauffälligen Gebäudekomplex nicht nur das State-of-the-art-Label Music On Vinyl niedergelassen, hier werden im Presswerk von Record Industry auch täglich bis zu 25.000 Schallplatten hergestellt. Ein Besuch vor Ort zeigt vor allem wieder mal eines: Es ist immer die Liebe zum Produkt, die aus Gutem etwas wirklich Besonderes macht.

Über 500 Veröffentlichungen haben Music On Vinyl, die in Deutschland von Cargo vertrieben werden, mittlerweile vorzuweisen, und nein: Billigprodukte sind ihre zahlreichen Longplayer, darunter Platten von Deep Purple, Alice In Chains, Journey oder Jimi Hendrix sowie ein Boxset von Slayer, und die wenigen 7“-Singles ganz sicher nicht, selbst für eine eher gewöhnliche Einzel-LP ist im Handel ein Preis von deutlich über 20 Euro Normalität. Das ist, man braucht nicht drum herumzureden, viel Geld, vielleicht sogar zu viel. Auf der anderen Seite gibt der Erfolg dem Label Recht. Jenseits vom eBay-ultralimitiert-Die-hard-Wahnsinn haben sich die Niederländer eine Stammkundschaft aufgebaut, die nicht nur die immer wertige Verpackung (inklusive Schutzhülle) der Releases schätzt, sondern vor allem den Sound, der stets allerhöchsten Ansprüchen genügt: Die Music-On-Vinyl-Selbstverortung als Firma für audiophile Tonträger ist völlig korrekt.

Das Pressen auf 180-Gramm-Vinyl - die Schwere sorgt u.a. für eine höhere Laufruhe - trägt zum brillanten Sound allerdings nur einen Teil bei (von den üblichen 140 Gramm weichen auch andere Firmen mittlerweile immer öfter ab), viel wichtiger ist bei Music On Vinyl der Umgang mit dem Ausgangsmaterial. Anstatt wie Teile der Konkurrenz alte Masterbänder - im schlimmsten Fall Bänder, die ausschließlich für eine CD-Produktion angefertigt wurden und damit in der Regel für eine LP nur wenig geeignet sind - einfach zu übernehmen, geben sie für ihre Re-Releases, und die machen einen Großteil des Labelprogramms aus, beim angeschlossenen Presswerk Record Industry (das das größte Europas ist und natürlich auch für andere Kunden arbeitet) ein neues, extra angefertigtes Master in Auftrag. Erst von diesem werden die „Stampers“, Kupfermatrizen, angefertigt, die später in der Vinylpresse quasi als „Form“ für die fertige LP fungieren.

Wer denkt, dass Vinyl, dieses „schwarze Gold“, dem Millionen Fans tagtäglich hinterherjagen und das bei Record Industry in Granulatform lagert (vor dem Pressen werden aus diesen Pellets puckähnliche Scheiben geformt), ein ganz besonderes Material ist, sieht sich übrigens getäuscht: Vinyl ist lediglich der umgangssprachliche Begriff für den formbaren Kunststoff Polyvinylchlorid, den man unter der Abkürzung PVC ansonsten vor allem als wenig attraktiven Fußboden verlegt oder als schnöde Kabelummantelung findet. Der Zauber einer Schallplatte, das kann man nicht anders sagen, wohnt also im Grunde mitnichten dem Material inne, sondern letzten Endes doch vor allem dem musikalischen Inhalt. Das ist ein Glück für die Guten, aber wohl Pech für den Rest...

www.recordindustry.com

»Unglaublich genial«

Interview mit Philipp Schulte, A&R/Product Manager Catalogue bei Century Media Records

Als das Dortmunder Label Century Media Records Anfang der neunziger Jahre auch international zu einer der führenden Adressen in Sachen Metal aufstieg, war Vinyl nur noch ein zu vernachlässigendes Nischenprodukt. 20 Jahre später spielt die LP eine größere Rolle als jemals zuvor bei den Ruhrpottlern.

Philipp, Century Media bringen ihre Releases mittlerweile zu einem Gutteil auch wieder auf Vinyl raus, sogar Klassiker erscheinen als Re-Releases erneut. Wie siehst du diese Entwicklung persönlich?

»Weil ein nicht unerheblicher Teil der Century-Media-Belegschaft selbst fanatisch Vinyl sammelt, freuen wir uns natürlich darüber, dass das Interesse deutlich angestiegen ist. Man kann sicherlich in Frage stellen, ob es eine Vinyl-Neuauflage von einem Death-Metal-Album von 1990 geben muss. Ich kann dazu nur sagen: Solange die Nachfrage da ist - und sie war in den letzten 20 Jahren nie höher -, müssen Klassikeralben und Liebhaberthemen auf Vinyl wiederveröffentlicht werden. Das ist doch super! Du hast keine Kohle für das Original-Vinyl von Tiamats „Sumerian Cry“? Dann hol dir die schicke Nachauflage. Du willst für obskure US-Power-Metal-Raritäten keine Tausende Euro ausgeben? Dann guck bei High Roller, was die Jungs gerade neu aufgelegt oder im Angebot haben, und freu dich über das schöne Vinyl von Militia. Eines muss ich allerdings sagen: Der Markt wird ganz schön von allen Seiten zugeballert, so dass man sich fragen kann, wer das alles kaufen soll bzw. wer das alles bezahlen kann. Aber anscheinend ist genug Geld vorhanden. Was kolossal nervt, sind dagegen die Leute, die sich von einer raren Version gleich 20 Stück kaufen, nur um sie dann bei eBay für den zehnfachen Preis zu verkloppen. Nichts gegen eBay und Konsorten, da kann man schon mal eine schnelle Mark machen mit alten Vinylen, an denen man kein Interesse mehr hat. Aber vorsätzlich ein Vinyl mit dem Wissen zu kaufen, dass es in kurzer Zeit ein Vielfaches vom ursprünglichen Preis wert sein wird, nur um es dann möglichst gewinnbringend wieder abzustoßen, hat NICHTS mit Sammelleidenschaft und Freude am Format zu tun. Und die Leute, die dann auch noch die völlig überzogenen Preise zahlen, haben es ehrlich gesagt auch nicht verstanden. Diese Entwicklung wollen wir ausdrücklich nicht fördern.«

Wurdet ihr von der Nachfrage überrascht, oder betrachtet ihr das Ganze als logische Entwicklung in der Musikbranche?

»Von unseren größeren Themen haben wir schon immer Vinyl gemacht. Da haben sich lediglich die Auflagen in den letzten Jahren drastisch erhöht. Dass es in allen Bereichen auf einmal Interesse an Vinyl gibt, überrascht schon. Darauf waren wir nicht eingestellt. Ich denke aber, dass wir unsere Ohren sehr nahe am Puls der Szene haben und entsprechend schnell reagieren konnten. Nicht überraschend für mich ist, dass die Leute im Metal-Bereich ein Album immer noch gerne als das wahrnehmen wollen, was es ist: das Werk eines Künstlers. Ich bin definitiv kein mp3-Hasser, dafür ist es einfach viel zu praktisch, seine Musik immer und überall hören zu können. Aber eine Computerdatei bzw. das Hören von Musik über eine Cloud oder was auch immer bietet eben einfach nur einen Teil des Ganzen. Das Cover von „Eparistera Daimones“ von Triptykon sieht auf einem Smartphone eben nur aus wie ein kleines schwarz-blau-graues Etwas. Als LP-Cover sieht es dagegen einfach unglaublich genial aus. Ein weiterer Grund, warum die Leute wieder vermehrt Vinyl kaufen, ist das Procedere beim Hören, das eben Spaß macht, auch wenn es eher unpraktisch ist. So was fehlt einfach bei den digitalen Formaten. Ich denke auch, dass die Leute realisieren, dass man Vinyl tatsächlich intensiver hört als CD oder mp3. Alleine das Wechseln der Seite - aufstehen, zum Plattenspieler gehen, Deckel auf, LP umdrehen, Nadel drauf, Klappe runter - erhöht die Aufmerksamkeit beim Zuhören enorm. Man befasst sich auf diese Weise viel mehr mit der Musik. Wer´s nicht glaubt: Plattenspieler kaufen und antesten.«

Bitte denke zehn Jahre in die Zukunft. Welche Rolle wird Vinyl dann spielen?

»Ich habe vor einem Jahr schon mal mit Zwini von Nuclear Blast darüber gesprochen. Da waren wir beide der Meinung, dass der damalige große Vinyl-Hype bald wieder abflachen wird. Einige Monate später haben wir dann festgestellt, dass tatsächlich das Gegenteil der Fall ist: Es wird noch mehr Vinyl veröffentlicht, in noch mehr Varianten und noch exklusiveren Verpackungen. Und es wird noch viel mehr gekauft. Es überrascht mich einerseits, dass wir so gut wie keine Beschwerden bekommen, weil wir zum Beispiel das neue Paradise-Lost-Album in vier verschiedenen Vinylfarben aufgelegt haben. Andererseits geben sich fast alle Labels wirklich Mühe mit ihren Produkten. Da muss man zwar gerne mal 20 Euro für ein Album auf den Tisch legen, aber in der Regel entspricht der Preis durchaus dem materiellen Wert des Albums. Von daher denke ich, dass sich der Vinylmarkt auf dem richtigen Weg befindet. Wenn weiterhin alte und neue Alben mit dem nötigen Respekt und der nötigen Hingabe bearbeitet werden, wird das auch von den Käufern honoriert werden. Ich denke, dass der Vinylmarkt in zehn Jahren genauso solide dastehen wird wie im Moment. Wahrscheinlich wird die Nachfrage wieder sinken und sich irgendwann auf einem gesunden Level stabilisieren, aber einen starken Rückgang der Verkäufe erwarte ich nicht.« (bk)

Steffen Popeye HIGH ROLLER RECORDS

Bis die Ohren schlackern

Das Zwickauer Underground-Label High Roller Records, auf dessen Homepage man auch einen so großen wie geschmackvoll sortierten Mailorder-Bereich findet, gehört mit klasse aufgemachten Scheiben von u.a. Portrait, In Solitude, Desaster und High Spirits zu den führenden Vinyl-Anbietern der Szene. Wir zerrten Inhaber Steffen Böhm („Ich hasse Interviews!“) gnadenlos vors Mikro.

Steffen, du bist 41, kommst aus Ostdeutschland und warst - soweit ich weiß - auch schon in der DDR beinharter Vinylsammler. Wie war das? Wie muss man sich das vorstellen?

»Na ja, „beinharter Vinylsammler“ konnte man in der DDR nicht sein, dafür waren die Preise viel zu hoch. Auf Börsen kam es schon mal vor, dass man 300 Ostmark für Blood Feasts „Kill For Pleasure“ oder Motörheads „Orgasmatron“ hinlegen musste. Es wurde alles, was nur ging, auf Tape gesichert. Wenn man die richtigen Leute und Kanäle gekannt hat, kam man auch an alles ran, was neu auf dem Markt war. Glücklicherweise gehörte ich dazu. In Ungarn konnte man sich zudem selbst gut mit Vinyl eindecken. Das war aber auch nicht wirklich preiswert und wegen der Fahrerei sehr aufwendig.«

Wie entstand die Idee zu High Roller? Wann hast du das Label gegründet? Machst du immer noch alles alleine?

»Angefangen habe ich 2002 mit einer kleinen Second-Hand-Liste. Ich wollte unbedingt selbst etwas aufziehen und unabhängig sein, weil ich die Schnauze von der Schichtarbeit voll hatte. Das hat sich schnell entwickelt, und irgendwann kam mir die Idee einer eigenen Veröffentlichung. Somit wurden 2003 High Roller Records gegründet. Alleine mache ich das aber schon seit Jahren nicht mehr. Das wäre auch völlig unmöglich. Momentan sind wir zu viert, und es wird sicher bald noch jemand dazukommen. Noch nicht mal mitgerechnet sind dabei die Leute, die für die Artworks und Audiomaster verantwortlich sind, ohne die hier auch nichts mehr laufen würde.«

Was ist dir besonders wichtig bei deinen eigenen LP-Releases?

»Dass der Kunde für sein Geld etwas geboten bekommt. Das geht beim Artwork und der Ausstattung der jeweiligen LP los und endet natürlich beim Wichtigsten, der Musik. Ich möchte jetzt mal behaupten, dass ich die besten Leute gefunden habe, um diverse Projekte auf die Beine zu stellen. Ohne diese Jungs ginge nichts. Wir sind nicht nur auf der Suche nach guten Newcomern, sondern graben auch viele alte Perlen aus, speziell aus der NWOBHM. Die jeweiligen Kontakte herzustellen und das Vertragliche zu regeln, ist oft eine Mammutaufgabe und zieht sich auch gerne mal über viele Monate, wenn nicht sogar Jahre hin. Und selbst dann ist das teilweise ein sehr schmaler Grat, auf dem wir uns bewegen. Dazu muss man aus dem wenigen, das noch vorhanden ist, ein ordentliches Layout gestalten und aus alten Kassetten oder Tonbändern natürlich auch ein vernünftiges Master erstellen lassen. Die Aufnahmen müssen akribisch restauriert werden, bis wir sagen können, dass man das Ergebnis auf die Käufer loslassen kann. Und das ist das Problem: Die Sound-Leute von heute können meist nur eines, nämlich alle Regler bis zum Anschlag hochfahren. Nur wenige haben noch ein wirklich gutes Gespür, wie solche Musik klingen muss. Ich persönlich ärgere mich oft über ähnlich geartete Releases anderer Labels. Da wird oft nicht ein Cent in ein ordentliches Remastering investiert und ein Layout mal schnell zusammengeschustert. Hauptsache, der Preis ist hoch. Sicher haben auch wir weniger schöne Releases abgeliefert, gerade in der Anfangszeit, aber man lernt ja bekanntlich dazu.«

In der Regel lässt du von einem Release 500 bis 1.000 Exemplare pressen. Wie entscheidest du, wie hoch die Auflage ist?

»Es ist oftmals gar nicht so einfach, den Markt einzuschätzen. Die Geschmäcker sind, zum Glück, sehr verschieden. Es kommt auch schon mal vor, dass sich etwas sehr schlecht verkauft, obwohl wir alle davon überzeugt waren. Aber mittlerweile haben wir das recht gut im Griff und ab und an mal ein wirklich glückliches Händchen.«

Was war dein bisher größter Erfolg?

»Das Debütalbum von In Solitude. Auch High Spirits haben echt eingeschlagen, und ich hoffe natürlich sehr auf die neuen Alben von Züül und Procession.«

Normalerweise erscheinen deine VÖs in zwei bis drei verschiedenen Versionen, die sich - meistens - in Vinylfarbe und Auflage unterscheiden. Wie differiert das Kaufverhalten deiner Kunden? Gibt es Leute, die immer nur die rarste oder die günstigste Version wollen?

»Anfangs habe ich alles in einer Version pressen lassen, bis dieser unglaubliche, völlig irrsinnige Die- hard-Wahn losging. Was da teilweise abgeht, verursacht bei mir nur Kopfschütteln. Privatleute saugen sich mit den limitierten Versionen voll bis unters Dach, um dann diejenigen auf eBay abzuzocken, die sich die Platte in die Sammlung stellen wollen. Das hat krankhafte Formen angenommen, und da muss echt mal was passieren. Kaum bietet man limitierte Sachen an, krachen sich einige die Warenkörbe voll, und kurze Zeit später sieht man diese LPs dann auf eBay für ein Vielfaches des ursprünglichen Preises. Aber solange es andere kaufen, wird das auch nicht aufhören. Genauso daneben finde ich die professionellen Händler, die das gleiche Spielchen treiben, also erst warten, bis überall alles restlos ausverkauft ist, und dann mit Abzockerpreisen an den Start gehen, bei denen ich nur noch mit den Ohren schlackern kann. Sicher gibt´s Leute, die nur die limitierteste Version wollen, aber vielen geht´s, zum Glück, nur um die Musik, und darum sollte es auch gehen. Wenn ich mir eine Platte kaufe, dann tue ich das, weil ich die Mucke hören möchte - und nicht, weil sie rar und bunt ist.«

Dementsprechend lässt du von LPs, die zeitnah ausverkauft sind, mittlerweile auch gerne zweite oder dritte Auflagen pressen. Ist das - auch wenn sich die Versionen unterscheiden und trotz des kritikwürdigen Die-hard-Wahns - nicht dennoch etwas doof für Erstkäufer, die in der Regel auch Sammler sind? Immerhin werden ja alle Releases als „limitiert“ angekündigt.

»Das ist richtig, aber wenn ich etwas nachpresse, dann unterscheidet sich die Nachpressung immer von der vorherigen. Also bleibt eine Erstpressung immer eine Erstpressung für die Sammler und ist als diese auch leicht zu identifizieren. Und wo kommen wir denn hin, wenn wir alles nur noch limitieren und nie wieder nachpressen? Zur totalen Abzocke der Leute, die mal was verpasst oder eine Band erst später entdeckt haben. Und was ist mit den Musikern? Haben die etwas davon, wenn ihre Musik nicht gepresst wird und sie sehen, für welches Geld IHRE Musik über den Ladentisch geht? Ich glaube nicht. Sie haben viel mehr davon, wenn die Musik, nach der ihre Fans verlangen, auch käuflich zu erwerben ist - und das zu fairen Preisen. Die Kosten, die teilweise hinter so einem Release stehen, stemmt man nicht mit einer limitierten Auflage. Dieser Limited-Edition-Gedanke geht mir insgesamt auch ziemlich auf die Nerven.«

www.hrrecords.de

Autor:
Boris Kaiser

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