Foto: Katja Borns/Kabo Photography

20.03.2019, 08:00

SODOM, ACCEPT, SEPULTURA - 7000 Tons Of Metal: Ruhrpott-Thrash mit Karibik-Flair

Während sich Deutschland in ein „Winter Wonderland“ verwandelt und Teile der USA unter arktischer Kälte ächzen, legt im Sunshine State Florida unbeeindruckt vom Frost im Norden die „Independence Of The Seas“ ab, um für vier Tage die multinationale Heimat von 3.000 Metallern aus 73 Ländern zu werden.

Zum neunten Mal geht es für das außergewöhnliche Heavy-Event „70000 Tons Of Metal“ in Richtung Karibik – diesmal nach Haiti. Mit an Bord des schicken Kreuzfahrtschiffs sind 60 Bands, darunter die Headliner ACCEPT, SODOM, RAGE & THE LINGUA MORTIS ORCHESTRA und SOULFLY sowie TIAMAT, die einen speziellen „Wildhoney“-Set spielen, und die Brüder Max und Igor Cavalera, die das komplette SEPULTURA-Album „Roots“ performen.


Logbuch: Donnerstag, 31. Januar, Port Everglades, Fort Lauderdale

Schon am Kreuzfahrt-Terminal empfängt einen ein bunter Mix aus verschiedenen Sprachen. Ich kenne neben dem Wacken Open Air keine Metal-Veranstaltung, die so viele Fans aus unterschiedlichen Ländern anzieht wie die „70000 Tons Of Metal“, und das mit einer Altersspanne der Teilnehmer, die vom Baby bis zum rüstigen Ü80er reicht. Skipper Andy Piller hat ein Event geschaffen, bei dem für ein paar Tage alle politischen und kulturellen Unterschiede dieser Welt ausgeschaltet sind, Araber mit Israelis feiern, quirlige Brasilianer neben wortkargen Nordfinnen headbangen und Inder, Russen, Amerikaner, Iraner und Chinesen gleichermaßen ein Grinsen im Gesicht haben, wenn Peavy von RAGE und Wolf von ACCEPT an ihnen vorbeispazieren. Einen abgegrenzten Künstlerbereich gibt es nach wie vor nicht auf der „Independence Of The Seas“. Und so setzt sich SODOM-Frontmann Tom mit einem Teller Pizza direkt neben ein paar freudig überraschte Fans aus Deutschland, deren Heimat die am zweitstärksten vertretene Nation auf dem Schiff ist.

Alle freuen sich auf den anstehenden Trip – ganz besonders ein wilder Haufen von Süd- und Lateinamerikanern, die auf dem Pooldeck rumrennen, unaufgefordert für jeden vorbeikommenden Fotografen ihre mitgebrachten Länderflaggen schwenken und vermutlich all ihr Hab und Gut, beide Nieren und zur Not noch die Großmutter verkaufen würden, um hier dabei sein zu können.

Gegen halb sechs abends legt das Schiff im Hafen von Fort Lauderdale ab. Das Pooldeck ist voll mit Musikern und Fans. Es ist das erste Highlight der Kreuzfahrt und gleichzeitig ein beeindruckendes Schauspiel, wenn sich das türkise Meer, der rosa-blaue Himmel und weiße Wolken übereinanderschichten und die Skyline langsam immer kleiner wird. Die nervige Sicherheitseinweisung, an der alle teilnehmen müssen und bei der mir ein Musiker kichernd „Wir haben heimlich vier Flaschen Schnaps eingeschmuggelt, hihihi“ zuraunt, ist zu dem Zeitpunkt schon vorbei. Nun geht es in den Bauch des Schiffs, und die Party beginnt.

Manchmal fühlt es sich an, als würde man durch ein riesiges Hotel mit 14 Etagen rennen, und nur das gelegentliche Schaukeln erinnert daran, dass wir mit 40 Kilometern pro Stunde in Richtung Haiti steuern. Überall wuseln Fans und Musiker herum. Viele Mucker gesellen sich vor und nach ihren Shows zu den Kreuzfahrt-Teilnehmern, schauen sich selbst Shows an und sind offen für einen Plausch. Mitten in der Nacht rauscht der quirlige RAGE-Gitarrist Marcos aus einer der Café-Bars zu mir und berichtet aufgeregt von der anstehenden Orchester-Show am nächsten Tag: „Ein paar unserer Klassikmusiker sind schon älter und wurden tatsächlich gefragt, ob sie sicher sind, dass sie sich auf dem richtigen Boot befinden. Natürlich sind sie das!“

Etwas ruhiger und mystischer geht es bei TIAMAT zu, die in einer umgebauten Eishalle ihre erste Show spielen und dabei ebenso zu überzeugen wissen wie SODOM, die erst kurz nach ein Uhr nachts auf die Bühne gehen. Es ist witzig, das Ruhrpott-Geschoss im mondänen Ambiente des Royal Theater zu sehen, und gleichzeitig sehr bequem, denn so kann man in einem der kuscheligen Sessel sitzend den Auftritt der Thrasher verfolgen. Doch das gemütliche Flair soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass SODOM mit kraftvollem Drive zu später Stunde noch ein echtes Brett abliefern. Frontmann Tom ist übrigens der „Liebling“ der Zimmermädchen und darf sich eine gepfefferte Mahnung abholen, weil er heimlich in seiner Kabine geraucht hat. 250 Dollar Strafgebühr drohen, die er mit einem gemurmelten „Die können mir direkt 500 Dollar abziehen, ich rauche bestimmt noch mal“ kommentiert.


Logbuch: Freitag, 1. Februar, Karibisches Meer

Schon nachts spürt man, wie die Luft wärmer und subtropischer wird. Gelegentlich gesellt sich an diesem Morgen sogar ein Regenschauer dazu. RAVEN haben Glück. Bei ihnen ist der Wettergott noch gnädig, und auch SUBWAY TO SALLY können sich am frühen Nachmittag über einen langsam aufreißenden Himmel freuen. Die Fans haben sowieso Spaß und belegen schon seit Stunden mit Bierchen und Longdrinks in der Hand die Whirlpools mit Blick auf die Bühne. Dabei hat das Schiff neben der Pooldeck-Stage noch drei weitere Venues zu bieten. Wer will, kann von zehn Uhr morgens bis zum Sonnenaufgang Bands gucken.

Mit OBITUARY geht es im eleganten Royal Theater noch einmal musikalisch hart zur Sache, bevor RAGE & THE LINGUA MORTIS ORCHESTRA das absolute Gegenprogramm bieten. Mit 13 Klassikmusikern auf der Bühne lassen Peavy & Co. den Bandmeilenstein aus den Neunzigern noch einmal aufleben. Zwar stehlen ihnen die zeitgleich weltexklusiv ihr neues Album zockenden ELUVEITIE einige Zuschauer, ein großartiger Auftritt ist es aber dennoch, den auch die anschließend spielenden PARADISE LOST nicht ganz toppen können, obwohl sie einen ihrer lebendigsten und besten Gigs hinlegen.


Logbuch: Samstag, 2. Februar, Labadee, Haiti

Die letzten Klänge der großartig performenden NIGHT DEMON, die durch Verzögerungen im Ablauf bis kurz nach sechs Uhr morgens in den Sonnenaufgang spielen, sind kaum verklungen, als wir am Pier der Halbinsel Labadee anlegen, die zu Haiti gehört. Heute steht der Landgang an, und schon kurz nach dem Andocken verlassen die ersten Cruiser das Schiff. Wer will, kann mit Frank und Yorck von SODOM schnorcheln gehen, mit GLORYHAMMER Kajak fahren, an einer der vielen anderen Ausflugsmöglichkeiten teilnehmen oder einfach im Postkartenszenario bei 28 Grad Luft- und Wassertemperatur am Strand abhängen. Dort trifft man die Jungs von BLOODBATH, die ein Plätzchen im Schatten an einer Strandbar gefunden haben, Peavy von RAGE, der im türkisfarbenen Wasser entspannt, und Igor Cavalera, den es ebenfalls ins karibische Nass zieht, wo er mit Beach-Drink in der Hand mit Fans labert.

Gegen 17 Uhr sind alle zurück an Bord, der Kutter legt ab, und es geht mit dem Bühnenprogramm weiter. Da alle Bands zweimal während der Reise in unterschiedlichen Venues spielen, sind SODOM heute wieder dran. Auf dem Pooldeck legen die Ruhrpott-Urgesteine noch eine Schippe im Vergleich zum letzten Gig drauf und kommen beim Publikum gut an. Ebenso RAGE & THE LINGUA MORTIS ORCHESTRA, die sich Angelripper nach dem eigenen Auftritt stilecht in Badelatschen mit Socken anschaut, während seine Bandkollegen Husky und Yorck bei ´Higher Than The Sky´ eine Mini-Polonaise anzetteln. Weiter geht´s zu NAPALM DEATH, deren Frontmann Barney wild über die Theater-Bühne tobt, und zu TIAMAT, die das „Wildhoney“-Album performen. Es sind nicht mehr ganz so viele Leute, die sich den Klassiker der Schweden nach Mitternacht reinziehen – offensichtlich hat der Landgang mit der knallenden Sonne doch so einige Cruiser müde gemacht. Unvergesslich ist es aber dennoch, die großartigen Songs unter karibischem Sternenhimmel in warmer Subtropen-Luft zu genießen.


Logbuch: Sonntag, 3. Februar, Karibisches Meer

Noch im Schlaf hört man, wie auf der Pooldeck-Stage VISIONS OF ATLANTIS um zehn Uhr den Festivaltag eröffnen. Im Laufe des Vormittags findet ein Schwarm Delfine Gefallen daran, unser Schiff zu begleiten. Immer wieder tauchen sie neben der „Independence Of The Seas“ auf, springen und verschwinden dann wieder.

Eines der Highlights des Tages ist die von Alex Krull (ATROCITY) und Charlotte Wessels (DELAIN) moderierte Metal-Klassiker-Allstar-Jam im Theater, bei der die Cavalera-Brüder u.a. mit Mitgliedern von SODOM und ELUVEITIE zocken, Musiker von GOD DETHRONED mit TRISTANIA und PESTILENCE kooperieren und RAVENs John Gallagher ´Run To The Hills´ singt.

Als „Max & Iggor Return To Roots“ kehren die beiden Cavalera-Brüder später am Abend noch einmal mit einer umjubelten Show auf die Pooldeck-Stage zurück, um den SEPULTURA-Klassiker „Roots“ in Gänze aufzuführen. Bei dem Gig rasten nicht nur die südamerikanischen Anhänger aus, im ganzen Bereich vor der Bühne inklusive Whirlpools gehen die Fans ab. Neben „Roots“ gibt es u.a. auch noch den „Chaos A.D.“-Evergreen ´Refuse/Resist´ sowie Cover von Motörheads ´Ace Of Spades´ (inklusive angefeuerten „Lemmy!“-Huldigungs-Chören) und dem Napalm-Death-Mini-Grinder ´You Suffer´ zu hören.

Dann folgt ein Highlight auf das andere. ELUVEITIE sorgen im Theater noch einmal richtig für Stimmung, Ex-In-Flames-Gitarrist Jesper Strömblad zockt in der kleinen Star Lounge mit seiner aktuellen Combo CYHRA, und schließlich beenden ACCEPT das Programm auf der Pooldeck-Stage mit einer Headliner-würdigen Show. Es schallen „Wooohooo!“-Fan-Chöre und ´Balls To The Wall´ durch die Luft, bevor es in den frühen Morgenstunden zurück in den Hafen von Fort Lauderdale geht.

www.70000tons.com

www.facebook.com/70000tons

Bands:
SODOM
ACCEPT
SEPULTURA
TIAMAT
NAPALM DEATH
PARADISE LOST
ELUVEITIE
Autor:
Conny Schiffbauer

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