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REVIEW 6.5 25.10.2017

(Album, RH 366, 2017)

GWAR - The Blood Of Gods

Metal Blade/Sony (55:57) Wie? Was? GWAR gibt es noch? Es ist noch nicht allzu lange her, dass das Bühnenkostüm von Anführer Oderus Urungus bei einer spirituell-fernöstlich wirkenden Szene auf einem See irgendwo in Amerika verbrannt wurde. Im neuzeitlichen Sprachgebrauch ist der Sänger mit dem Riesengemächt im Krieg gegen die Menschheit „gefallen“, Wikipedia spricht hingegen von einer Überdosis Heroin. Wir erinnern uns: GWAR sind Außerirdische, die den Planeten von den parasitären Zweibeinern des Homo Sapiens zu befreien haben und ihre Opfer in ihrer Funktion als Rockstars zu ihren Konzerten locken. Auf geht´s, GWAR, es gibt noch viel zu tun! Ob „The Blood Of Gods“ hierfür ein probates Mittel ist, erscheint einmal mehr zweifelhaft. Der Opener ´War On Gwar´ klingt erst mal ganz hervorragend. Der Gesang des ehemaligen Beefcake-The-Mighty-Darstellers Michael Bishop ist zwar nicht weiter erwähnenswert, aber musikalisch präsentiert sich die Band erstaunlich aufgeräumt. Die zeitweise aufpoppenden Maiden-, Sabbath-, Kiss- und Hardcore-Einflüsse des Albums machen Spaß, es fehlt nur an mitsingbaren Refrains (noch am besten: ´I´ll Be Your Monster´, aber selbst hier geht man hinter Lordi ins Ziel). Das AC/DC-Cover ´If You Want Blood (You Got It)´ reißt das Album dann auch nicht mehr aus seiner Mittelmäßigkeit. Wer nicht weiß, wohin mit seinem Geld, kauft sich für die kommende US-Tournee besser gleich ein VIP-Paket. Das Händeschütteln mit Außerirdischen, ein exklusives Plätzchen im vollgesauten Slave Pit und die Garantie, auf der Bühne von GWAR spektakulär abgemurkst zu werden (was dein Kumpel unbedingt im Video festhalten sollte), stellt - im Gegensatz zum Album - ein unvergessliches Erlebnis für 250 Eier dar. Strikt auf fünf Plätze pro Show limitiert: $(LEhttp://www.gwar.net:www.gwar.net|_blank)$

REVIEW 8.0 25.10.2017

(Album, RH 366, 2017)

MOONSPELL - 1755

Napalm/Universal (47:42) Es spricht für MOONSPELL, dass sie bereit sind, Risiken einzugehen. Ihr letztes Album „Extinct“ war eine muntere Ansammlung von bärenstarken Dark-Metal-Songs. „1755“ ist hingegen eine völlig andere Hausnummer, ein Konzeptalbum wagnerischen Ausmaßes mit Klassik-Chören, Streichern und Gästen. Diese Platte schreit förmlich nach einer Theater-Aufführung, thematisieren MOONSPELL doch ein vernichtendes Erdbeben in ihrer Heimatstadt Lissabon. Und das auch noch in Portugiesisch, was den Longplayer - im Gegensatz zum Vorgänger - zu keiner allzu leicht zu konsumierenden Angelegenheit macht. Allzu schwülstig sollte man sich „1755“ jedoch nicht vorstellen. Den knüppelharten Mix hat der Däne Tue Madsen besorgt, der nicht gerade für sein Feingefühl bekannt ist. Und Sänger Fernando keift überwiegend mit seiner Punk/Death-Metal-Stimme, was das Konzeptwerk auch nicht zugänglicher macht. Aber es wäre nicht MOONSPELL, wenn sich nicht doch ein paar zarte Melodien (wechselweise von Gitarre und Keyboard) wie frisches Grün in einer Trümmerlandschaft emporranken würden. Trotzdem ist „1755“ in erster Linie ein detailverliebtes Kunstwerk für den Kopfhörer, für Nerds, die die Auseinandersetzung mit den fantasievollen Kompositionen und den kniffligen Arrangements der Musiker schätzen. Das musikalische Niveau ist deshalb entsprechend hoch. Dass MOONSPELL für den Track ´In Tremor Dei´ einen lokal bekannten Fado-Sänger engagierten, passt perfekt ins Bild. Endlich mal eine Band, die sich nicht an den internationalen Markt anbiedert, sondern das tut, was ihr gerade in den Sinn kommt. Ein paar „Hits“ hätte man trotzdem verstecken können.

REVIEW 7.0 25.10.2017

(Album, RH 366, 2017)

ROBERT PLANT - Carry Fire

Nonesuch/Warner (48:58) Dass ROBERT PLANT keinen Bock auf Led Zeppelin hat, dürfte Kenner seiner Soloalben schon lange nicht mehr verwundern. Seine letzten beiden Scheiben (mit den Sensational Space Shifters) gehören zum Besten, was die Pop/Rock-Welt im letzten Jahrzehnt hören durfte. Die Latte für „Carry Fire“ lag dementsprechend hoch. Zunächst mal überrascht der verhaltene, wenig innovativ-experimentelle Beginn mit Folk- und Lovesongs, darunter Perlen wie ´The May Queen´ oder das erhabene ´New World´, aber auch einschläfernde Langeweile wie ´Season´s Song´ oder ´Dance With You Tonight´. Das superzarte, aber immerhin dramatisch inszenierte ´A Way With Words´ markiert dann eine Zäsur. Mit dem Titelstück erklingt endlich eine markante Oud und liefert einen Hinweis auf Plants berühmte orientalische Einflüsse, während sich die mit markanten (handgespielten!) Loops und Trance-Keyboards versehenen folgenden Tracks stilistisch ganz gut ans hervorragende Vorgängeralbum anschmiegen. Wer jetzt allerdings hofft, dass doch noch kerniger World-Music-Bluesrock das Album beschließt, muss ein erstaunlich wenig aufregendes Ende hinnehmen. Für meinen Geschmack ist das ein bisschen mager. Gerade die Experimentierfreude der Band, Plants markante Stimme und sein traditionelles Songwriting-Verständnis waren in Verbindung mit den zeitgemäßen Sounds ein umwerfender Hybrid aus Alt und Neu. So würden die Beatles vielleicht heute klingen, wenn es sie noch gäbe. „Carry Fire“ zeigt hingegen ungewohnte Abnutzungserscheinungen.

REVIEW 25.10.2017

(DVD - Musik, RH 366, 2017)

BLUES PILLS - Lady In Gold – Live In Paris

(Nuclear Blast/Warner) Diese auf DVD und Doppel-CD festgehaltene Show aus Paris stammt vom gleichen Tour-Zyklus wie die letztjährige Rock-Hard-Festival-Show. Wir erinnern uns: Es gab Stimmen, die BLUES PILLS seien keine würdigen Headliner und überhaupt „´ne öde Blues-Band, die auf einem Metal-Festival nichts zu suchen hat“. Ja, „kompetente“ Meinungen auf Facebook sind ein Kapitel für sich. Wer vor Ort war, konnte erleben, wie der Fünfer Hardrock-Vollgas gab, und das nicht zu knapp. Frontfrau Elin Larsson schrie sich die Seele aus dem Leib, Drummer André Kvarnström knüppelte mit jugendlicher Frische durch den Set, und mit der Hinzunahme von Keyboarder/Gitarrist Rickard Nygren sind die BLUES PILLS nun wirklich ganz schön laut. Vor allem bewahrheitet sich, dass die Songs von ihrem nicht allzu doll klingenden Zweitwerk (´Little Boy Preacher´, ´Won´t Go Back´, ´Elements And Things´) im Live-Kontext mächtig abgehen. Wie gewohnt klingt alles energetischer und facettenreicher, beim Debüt war es nicht viel anders. Die BLUES PILLS sind eine fantastische Liveband, die noch die Improvisationskunst beherrscht und vielleicht wirklich einmal das Format haben wird, den großen klassischen Bands der Siebziger nachzufolgen. Das Talent ist da, die Songs kommen Album für Album. Einziger Kritikpunkt: Man sollte dem Publikum mal ein bisschen mehr Zeit zum Luftholen lassen. Es ist zwar das gute Recht von Mittzwanzigern, alles in Grund und Boden zu rocken, aber ein paar Pausen hätten dem Set – insbesondere in der ersten Hälfte – gut getan. Schon beginnt man die Zeiten zu vermissen, in denen das Gitarrenwunderkind Dorian Sorriaux schüchtern im Alleingang die Massen verzauberte oder die Stimme von Elin genügte, um gestandene Kerle zu Tränen zu rühren. Erst im Zugabenblock, wenn Elin alleine am Keyboard ´I Felt A Change´ singt, spielt man diese Trümpfe auch mal konsequent aus. Die BLUES PILLS tun gut daran, sich diese Magie nicht von der eigenen Soundwand zertrümmern zu lassen, nur um dem Durchschnittsfan zu gefallen. Ansonsten gibt es an der DVD wenig zu meckern, Sound (weniger) und Bild (mehr) entsprechen heutigen Standards. Ein mitreißendes Dokument einer Band, die zweifelsohne auf dem Weg nach ganz oben ist.

REVIEW 8.5 27.09.2017

(Dynamit, RH 365, 2017)

KADAVAR - Rough Times

Nuclear Blast/Warner (44:57) Deutschlands bärtigste und wohl auch erfolgreichste Band im schwer einzugrenzenden Stoner/Retro-Rock-Universum schlägt wieder zu. Diesmal noch spontaner, roher und radikaler. Die drei Wahlberliner suchen auch auf Album Nummer vier keine technische Perfektion und erliegen nach wie vor kein bisschen dem krankhaften Perfektionswahn der heutigen Zeit. Stattdessen ist man jederzeit in der Lage, eher selten gewordene Album-Komponenten wie euphorisches Zusammenspiel, Spontanität und magische Momente in die Waagschale zu werfen. Allein der von Drummer Tiger in einem Guss komponierte Auftakt-Dreier (´Rough Times´, ´Into The Wormhole´, ´Skeleton Blues´) ist ein Musterbeispiel von brachialer Kraftmeierei, die im richtigen Moment jedoch von überraschenden feinen Wendungen (Keyboards, Breaks, Refrains) verziert wird (und ganz nebenbei ein gutes Rüstzeug, um auf der kommenden Tour nach dem Düster-Duo Mantar zu zeigen, wer Herr im Hause ist). Die leicht ironische Single ´Die Baby Die´ ist so knackig wie locker und rockt im Mittelteil mit pumpenden Bässen und einem Stereo-Wah-Wah-Solo. Die Eigenproduktion des Trios ist nicht ganz makellos, aber sie hat (mal wieder) einen unverwechselbaren Charakter. Dynamik-Ausbrüche wie in ´Vampires´ dürften live bestens funktionieren, erst recht mein persönliches Album-Highlight, die einpeitschende Killing-Joke-meets-Hawkwind-Nummer ´Tribulation Nation´. So erfrischend können nur Musiker klingen, denen es scheißegal ist, was Kritiker oder die Plattenfirma sagen. ´Words Of Evil´ ist ein zackiger Rocker mit ´Paranoid´-Feeling, ehe man mit ´The Lost Child´, ´You Found The Best In Me´ und dem von Spoken Words dominierten ´A L´ombre Du Temps´ einen etwas ruhigeren, jedoch keinesfalls weniger extravaganten Abschluss findet. Einmal mehr überspringen KADAVAR die ausgetretenen Pfade des Retro-Rock durch eigenwillige Song-Kreationen und wilde Live-Power.

REVIEW 9.0 27.09.2017

(Dynamit, RH 365, 2017)

PROPHETS OF RAGE - Prophets Of Rage

Caroline/Universal (39:35) Man mag die Aktivitäten der ehemaligen Rage-Against-The-Machine-Mitglieder mitunter allzu plakativ finden, trotzdem sind Tom Morello & Co. der Versuchung widerstanden, allzu schnell mit einem neuen Album die legendären R.A.T.M. zu beerben. Man hat also aus dem Audioslave-Desaster gelernt und ist mit der HipHop-Fraktion Chuck D (Public Enemy) und B-Real (Cypress Hill), die gleich im Doppelpack Zack de la Rocha ersetzt, erst mal auf Tour gegangen. Nach all den Jahren geht es Tom Morello und seinen Freunden wohl immer noch um die Botschaft, weniger ums schnelle Geld. Das Publikum erwartet hingegen nicht weniger als einen Welthit, und den hat man mit ´Unfuck The World´ (und einem Video von Michael Moore) tatsächlich geliefert. Die nicht zu unterschätzende Rolle, wieder die Stimme der Unterdrückten zu sein und ein bisschen musikalischen Trost zu spenden, nimmt man bereitwillig an und hat dafür ohne Zweifel das richtige Album geschrieben. Der Beginn fällt mit ´Radical Eyes´ fast schon zurückhaltend aus, das Morello-Solo ist allerdings gleich vom Allerfeinsten. Überhaupt spricht einen als Erstes die bärenstarke, sehr natürliche Produktion von Brendan O´Brien an, der das Glück hatte, die beste Groove-Sektion der Szene, Brad Wilk und Tim Commerford, perfekt in Szene zu setzen. Das Anhören der Stereo-Gitarren-Kniffe und gewaltigen Riff-Salven eines Morello unter Kopfhörer fällt allerdings nicht weniger aufregend aus. Eher überraschend ist der feine Seventies-Rocker ´Legalize Me´, dem mit ´Living On The 110´ ein typischer geschmackvoller R.A.T.M.-Groover folgt. Das kurze Zwischenspiel ´Counter Offensive´ leitet ´Hail To The Chief´ ein, bei dem DJ Lord auch mal ein bisschen scratchen darf, ansonsten halten sich die Rap-Stilmittel in starken Grenzen. Die PROPHETS OF RAGE gehen eigentlich als 90-prozentige Rockband mit (sehr gutem) Sprechgesang durch. ´Take Me Higher´ ist eine knackige Funkrock-Nummer mit einem Led-Zep-Riff im Refrain, wie sie die Chili Peppers schon lange nicht mehr schreiben können. Das kraftvolle ´Strength In Numbers´ zeigt den Meister des Gitarren-Effektgeräts erneut in Höchstform. ´Who Owns Who´ präsentiert einen Hit-Refrain wie für einen Action-Thriller. ´Hands Up´ ist ein schöner kleiner Mitmach-Live-Titel, während sich ´Smash It´ fast wie ein politisches Manifest liest. Überhaupt muss man sagen, dass die Botschaften ziemlich clever formuliert sind. Die Band hätte hier in zahlreiche Fettnäpfchen treten können, zieht sich aber bestens aus der Affäre. Ob das hier ein Klassiker wird, kann man in ein paar Jahren endgültig beurteilen. Ein wichtiges, längst überfälliges Album ist es auf jeden Fall.

REVIEW 8.5 27.09.2017

(Dynamit, RH 365, 2017)

LIVING COLOUR - Shade

Megaforce/H´Art (48:32) Wenn man eine ehemalige Top-Band in alternativen Kulturzentren oder Jazz-Clubs erleben wollte, lag man bei LIVING COLOUR stets richtig. Nur auf Album-Aufnahmen hatte man, bis auf die passable, aber letztlich mittelmäßige „The Chair In The Doorway“-Scheibe von 2009, offenbar keine rechte Lust mehr. Auch der aktuelle Longplayer „Shade“ war wohl eine Zangengeburt erster Güte. Fünf Jahre werkelte man in sieben Studios an „Shade“, das Resultat ist, wie durch ein Wunder, allerdings ein ganz anderes. Mit vereinten Kräften, Songwritern, Produzenten, Gästen und Freunden hat man wieder ein Album erschaffen, das an die Glanztaten der Frühphase anknüpft. Jeder der 13 Songs hat diesmal seine Berechtigung, Jam-Sessions oder Demotracks, deren Genialität sich nur den Musikern erschließen, landeten im Papierkorb. Ein bisschen verworren ist „Shade“ natürlich immer noch, aber die irren Jazz-Läufe von Vernon Reid und die stellenweise wuselige Verknüpfung mit elektronischen Effekten und Samples waren immer schon Teil der Colour-DNA. Musik für Entdecker auf höchstem Niveau. Die will man als Fan hören und natürlich auch die bissigen Kommentare zu den sozialen Missständen in den USA, die im Trump-Amerika bekanntlich nicht kleiner geworden sind. Sänger Corey Glover präsentiert sich in Höchstform und sorgt mit starken Slogans und Refrains (´Come On´, ´Program´, ´Who Shot ´Ya´) für Eingängigkeit, während Reid den New Yorker Untergrund-Spirit der späten Achtziger reanimiert (´Freedom Of Expression´, ´Pattern In Time´, ´Glass Teeth´). „Shade“ klingt trotzdem nie altbacken und altersmilde sowieso nicht. Das größte Kompliment, das man dem Quartett machen kann, ist die Tatsache, dass die Punk- und Thrash-Wurzeln der Mittfünfziger neben den Blues- und Black-Music-Referenzen immer noch sehr präsent sind. Qualitativ unterscheidet sich „Shade“ vom verheißungsvollen Debüt der Prophets Of Rage nur durchs Produktionsbudget. In puncto Refrains und Einfallsreichtum agieren die New Yorker Urgesteine auf Augenhöhe.

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